scripturire

von arminnolzen

„Animus scripturire desineret“, der Geist begehrt zu schreiben, diese Redewendung findet sich in einem Brief, den Sidonius Apollinaris (431/432-ca. 480/490), der Bischof von Clermont-Ferrand, an „seinen lieben Freund Constantius“ adressierte. Fast 1500 Jahre später stellte der französische Semiologe und Literaturkritiker Roland Barthes dieses Motto an das Ende einer Vorlesung, die er am 2. Dezember 1978 im ehrwürdigen Collège de France in Paris hielt. Sie bildete den Auftakt zu einem zweisemestrigen Zyklus, den Barthes „Die Vorbereitung des Romans“ nannte und der so etwas wie sein intellektuelles Vermächtnis darstellte (Barthes starb am 26. März 1980 an den Folgen eines Unfalls, den er beim Überqueren einer Straße erlitten hatte).

 

In der ersten Sitzung dieses Zyklus legte Barthes den Zuhörern seine „Phantasie des Schreibens“ dar, sein Bild vom literarischen Subjekt, zu dem er sich nach langen Jahren einer produktiven (und äußerst erfolgreichen) wissenschaftlichen und essayistischen Tätigkeit aufschwingen wollte. Denn Barthes spielte mit dem Gedanken, einen Roman zu schreiben. Zur Begründung bemühte er das scripturire des Sidonius Apollinaris, und zwar als „Schreibenwollen“, als Haltung, Trieb oder Begehren zu schreiben (zum Folgenden Barthes 2008: 39 f.). Und Barthes ging einen Schritt weiter: „nur literarische Werke – und nicht wissenschaftliche Diskurse – sind also Belege des SCHREIBENWOLLENS“. Es folgte eine „topische Definition des Schreibens (der Literatur)“, wie sie sich von der Wissenschaft unterscheide: Literatur sei, so Barthes, die „Ordnung eines Wissens, in der das Produkt von der Produktion nicht unterschieden ist […]“, und Schreiben, „sei nur in vollem Sinne Schreiben, wenn es sich jeder Metasprache verweigert“.

 

Es liegt auf der Hand, dass in Barthes‘ Ausführungen eine Trennung zwischen Wissenschaft und Literatur zum Ausdruck kommt, die in seinem Fall werkbiografisch bereits seit Mitte der 1960er Jahre relevant gewesen war. Beide, Wissenschaft wie Literatur, so Barthes an anderer Stelle, seien Diskurse, die sich aber „auf je andere Weise“ zur Sprache stellten. Für die Wissenschaft sei „die Sprache leidglich ein Instrument, das es so transparent, so neutral wie möglich […]“ zu gestalten gelte, wogegen für die Literatur die Sprache ihr Wesen, „ihre eigentliche Welt“ sei (Barthes 2006: 10; Ette 1998: 286-326). Nur: auf welche Wissenschaft, auf welche Disziplin bezieht sich diese Trennung? Auf die exakte Naturwissenschaft mit ihrem Objektivitätspostulat? Auf die Sozialwissenschaften, die seit ihrer Herausbildung Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach den ehernen Gesetzen der Gesellschaft sind (oder aber in dem versinken, was heute empirische Sozialforschung heißt)? Oder auf die Philologien, jene Auslegungswissenschaften, die sich mit Texten, Bildern und Zeichensystemen befassen?

 

Schließlich: die Geschichtswissenschaft, die im Grunde genommen seit ihren Anfängen mit der Dichtkunst verwoben war. In der „Poetik“ des Aristoteles zählten beide zu den zielgerichteten Hervorbringungen des Menschen, zur „poiesis“ (ποίησις). Allerdings traf Aristoteles dort in Kapitel 9 schon eine folgenreiche Unterscheidung: „Aus dem Gesagten ergibt sich auch, daß es nicht Aufgabe des Dichters ist mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d.h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche. Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse –; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte.“ (Aristoteles 2008: 29).

 

Zwar wertete Aristoteles die Geschichtsschreibung gegenüber der Dichtkunst ab; eine so strikte Trennung beider Bereiche in poetologischer Hinsicht, wie sie uns heute geläufig ist, lässt sich bei ihm aber nicht feststellen. Immerhin bliebe auch ein Herodot in Versmaß noch „Geschichte“. Und auch Barthes selbst hat immer wieder einen Historiker gerade für dessen Schreibkunst gerühmt: Jules Michelet (Barthes 1984: 12). Gleichwohl existierten für ihn beide: der Historiker als Schriftsteller, der sich erlaubt, „im täglichen Mahl mit einer Gottheit Geschichte […] zu kommunizieren“ (ebd.: 50), und der Historiker, der Geschichte „nur“ als Wissenschaft betreibt. Demnach gäbe es Historiker, die schreiben, und solche, die bloß aufschreiben, um damit im Feld der Wissenschaft zu reüssieren. Für erstere ist das Begehren zu schreiben, das Schreibenwollen, maßgeblich, für letztere, so meine Interpretation der Bartheschen Position, das Schreibenmüssen. Aber beides ist Schreiben, die unerlässliche Voraussetzung für den historischen Diskurs.

 

Die langen Debatten, die seit Hayden Whites „Metahistory“ in der Geschichtswissenschaft über die Narration geführt wurden, haben diesen fundamentalen Sachverhalt vernebelt. „Ich betrachte […] das Werk des Historikers als offensichtlich verbale Struktur in der Form einer Erzählung“, hatte White seinerzeit dekretiert (White 2008: 9). Der Historiker erzählt jedoch nicht primär, sondern er schreibt, und das Produkt dieses Schreibens kann eine Erzählung sein (ich muss nicht eigens erwähnen, dass ein Großteil der geschichtswissenschaftlichen Produktion, also Aufsätze, Rezensionen, Forschungsberichte, Vorträge und Repliken keine Erzählungen, sondern Resultate eines spezifisch disziplinären Schreibens sind).

 

In der Geschichtswissenschaft wird das Erzählen hoffnungslos überschätzt. Und gerade deshalb wird in diesem Blog geschrieben, denn „animus scripturire desineret“, oder, für diejenigen Leser, die das Lateinische lieben: „A te principium, tibi desinet. nam petitum misimus opus raptim electis exemplaribus, quae ob hoc in manus pauca venerunt, quia mihi nil de libelli huiusce meditanti hactenus incustodita nequeunt inveniri. sane ista pauca, quae quidem et levia sunt, celeriter absolvi, quamquam incitatus semel animus necdum scripturire desineret, servans hoc sedulo genus temperamenti, ut epistularum produceretur textus, si numerus breviaretur.” (Lütjohann 1887: 127 f.).

 

Die Frage des scripturire: Kann es ein Schreiben der Geschichte geben, das diese zugleich als Wissenschaft in ihr Recht setzt?

 

 

 

Referenzen

 

Aristoteles: Poetik. Griechisch/deutsch, übers. u. hg. v. Manfred Fuhrmann, bibliogr. erg. Ausg., Reclam: Stuttgart 2008 [ursprgl. erschienen: 1994]

 

Barthes, Roland: Michelet, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1984

 

ders.: Das Rauschen der Sprache, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006

 

ders.: Die Vorbereitung des Romans. Vorlesung am Collège de France 1978-1979 und 1979-1980, hg. v. Éric Marty, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008

 

Ette, Ottmar: Roland Barthes, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1998

 

Lütjohann, Christian (Hg.): Auctores antiquissimi 8: Gai Solii Apollinaris Sidonii Epistulae et carmina. Fausti aliorumque epistula ad Ruricium aliosque, Weidmann: Berlin 1887

 

White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Fischer: Frankfurt am Main 2008 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1991]