Situation der NS-Forschung im Frühjahr 2014

von arminnolzen

„Wir gehen niemals ohne Brille durch die Welt […]. Wir gehen durch die soziale Welt mit Wahrnehmungskategorien […], die selbst weitgehend Ergebnis der Verinnerlichung sozialer Strukturen sind“ (Bourdieu 2013: 276). Diese Sätze des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, die auf den ersten Blick eine Binsenweisheit zu sein scheinen, müssen sich Historiker stets vergegenwärtigen. Auch Historiker tragen eine Brille, und diese Metapher verdeutlicht, dass sich das, was man sieht, aber auch das, was man nicht sieht, dieser Brille verdankt.

Dies gilt ebenso für die NS-Forschung, unter der ich alle Personen verstehe, die sich mit der wissenschaftlichen Darstellung der Geschichte des Nationalsozialismus befassen. Sie folgt seit ihren Anfängen in den 1950er Jahren ähnlichen Wahrnehmungskriterien wie jene Gesellschaften, in denen sie sich entwickelte. Denn auch Historiker haben soziale Strukturen internalisiert und reproduzieren diese durch ihre wissenschaftlichen Tätigkeiten. Dies wiederum schlägt sich in ihren Fragestellungen, in ihrer Interpretation von Quellen und Sekundärliteratur sowie in der Art ihres Schreibens nieder. Das trifft auf jene erste Generation der NS-Forschung zu, die sich mit den Namen Hans Mommsen, Martin Broszat, Saul Friedländer und Ian Kershaw verbindet. Es kennzeichnet auch jene Zwischengeneration, deren bedeutendste Vertreter Norbert Frei, Ulrich Herbert, Detlev Peukert und Timothy W. Mason sind und waren. Und es trifft schließlich für die momentan tonangebende Generation der NS-Forschung zu, als deren wichtigste Protagonisten Frank Bajohr, Christian Gerlach, Dieter Pohl und Sybille Steinbacher Erwähnung finden sollen. Die erste und zweite Generation der NS-Forschung teilen dabei wesentliche Grundannahmen, so dass es (bei allen Unterschieden) gerechtfertigt ist, beide als „ältere Forschung“ zu titulieren.

Die neuere NS-Forschung ist nicht besser oder schlechter als die ältere, sie hat ihre Vorzüge wie auch Defizite. Beides lässt sich am besten anhand einer tabellarischen Aufstellung erläutern, die natürlich schematisch ist. Die ersten drei Aspekte in dieser Aufstellung sind methodologischer, die mittleren drei eher inhaltlicher und die letzten drei disziplinärer Art. Tabelle 1

Die ältere NS-Forschung konnte, nicht zuletzt aufgrund der alliierten Aktenbeschlagnahmungen nach dem Zweiten Weltkrieg, nur auf eine vergleichsweise schmale Quellenbasis zurückgreifen. Diese bestand in der Regel aus Akten der Nürnberger Prozesse und ihrer Nachfolgeverfahren und einschlägigen NS-Gesetz- und Verordnungsblättern. Aber auch die apologetischen Erzählungen der Täter und Mitläufer des NS-Regimes flossen teils offen, teils subkutan in viele ihrer Studien ein, wie sich beispielsweise an der Rede vom angeblichen „Staatszerfall“ zeigen lässt, die direkt auf die Verteidigungsstrategien der NS-Ministerialbürokratie in der Zeit nach 1945 zurückging. Der Analysestil der älteren NS-Forschung war thesenorientiert, d.h. sie zog aus wenigen Quellen weitgehende Schlüsse, die bis heute als wahr gelten (insgesamt Kershaw 2002).

Den Analysefokus der älteren NS-Forschung bildeten Strukturen und Prozesse. Daraus entstand eine top-down-Perspektive, d.h. man näherte sich dem Gegenstand immer von der Regimespitze aus an. Inhaltlich stand die Frage im Vordergrund, wie die Weimarer Republik zusammenbrach und sich die NS-Diktatur etablierte. Die ältere NS-Forschung hielt lange an der Vorstellung fest, Individuen und Kollektive seien in diktatorische Strukturen eingesperrt und jeder Eigeninitiative beraubt worden. „Terror“ und „Propaganda“ fungierten als regelrechte Über-Strukturen, denen nach 1933 kaum jemand habe entrinnen können. Die ältere NS-Forschung trieb die Etablierung des neues Faches „Zeitgeschichte“ voran, indem sie sich von der Politikwissenschaft abgrenzte, mit der sie in der Frühphase noch koexistiert hatte, und sich institutionalisierte. Sie unternahm den Versuch, sich zu professionalisieren, indem sie ihre vermeintliche Objektivität („heilige Nüchternheit“) gegen die vermeintliche Parteilichkeit englischsprachiger Autoren und jüdischer Opfer des NS-Regimes (Berg 2004), später dann marxistisch-leninistischer Ansätze ins Feld führte. Schließlich proklamierte die ältere NS-Forschung ein ureigenes Programm politischer Bildung und nutzte ihre empirischen Ergebnisse dazu, ein neues „1933“ in der jungen und noch ungefestigten westdeutschen Demokratie verhindern zu helfen.

Demgegenüber findet die neuere NS-Forschung unter fundamental anderen gesellschaftlichen Umständen statt und folgt insofern auch anderen Perspektiven. Nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks 1989/91 kam es zunächst zu einer immensen Ausweitung der empirischen Basis, weil die Archive jenseits des früheren Eisernen Vorhangs zugänglich wurden. Das führte zu einem beispielslosen Aufschwung der Forschung über Holocaust und NS-Besatzungspolitik. Die hohe empirische Sättigung, durch die sich die meisten Studien der neueren NS-Forschung auszeichnen, geht mittlerweile einher mit einer beschreibungsorientierten Analyse, bei der die Quellen paraphrasierend zur Sprache gebracht werden. Thematisch stehen jetzt Individuen und Kollektive im Zentrum, wie der „Täterforschung“ zu entnehmen ist, die seit Mitte der 1990er Jahre entstand (Paul 2002). War der Fluchtpunkt der älteren NS-Forschung noch das Jahr 1933 gewesen, so bildet für die neuere NS-Forschung der Holocaust den Mittelpunkt ihres Interesses. Seither weist sie in allen nur erdenklichen Monografien die breite Beteiligung „ganz normaler Deutscher“ an der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik nach und zeigt die radikalisierenden Wirkungen auf, die von deren eigenmächtigen Handlungen vor Ort ausgingen. Erklärungen, die die handlungsleitende Ideologie der Täter in den Vordergrund rückten, haben wieder Konjunktur.

Eine zweite gesellschaftliche Entwicklung, die für die neuere NS-Forschung wichtig ist, war die mediale Doppelrevolution der 1990er Jahre (Privatfernsehen und Internet). Sie hat das öffentliche Interesse am Thema Nationalsozialismus weiter angefacht. Zuerst gingen die wissenschaftlichen Disziplinen (Germanistik, Musik, Biologie, Politikwissenschaften, Psychiatrie usw.) daran, ihre Vorgeschichte während der NS-Zeit zu durchleuchten. Die neuere NS-Forschung spezialisierte sich, und seit einigen Jahren hat sie sich auch als Gravitationszentrum der public history etabliert (Kühberger/Pudlat 2012). Als Transmissionsriemen zwischen dieser zunehmenden Vermarktung der NS-Geschichte und der neueren NS-Forschung fungiert „Hitler“, eine Art Joker, der in allen nur erdenklichen Zusammenhängen eingesetzt wird. Hitlers auch popkulturelle Omnipräsenz ist ein medial fast beliebig abrufbarer Durchlauferhitzer öffentlicher Erregung, sei es in Gestalt des notorischen Vergleichs in politischen Debatten, sei es in Gestalt der unvermeidlichen Titelbilder in BILD-Zeitung und „Der Spiegel“, sei es in unzähligen Dokumentationen und Spielfilmen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sei es aber auch in seriösen wissenschaftlichen Monografien, die neuerdings den Namen Hitler im Titel tragen müssen, um die Verkaufszahlen anzuheben.

Die neuere NS-Forschung, so könnte man diese Tendenzen pointiert zusammenfassen, sieht auf ihren Gegenstand durch die Brille der Persönlichkeit oder des Subjekts. Sie interessiert sich für Individuen, ihre Biografien und ihre Handlungsfähigkeit. Es ist geradezu tragisch, dass sie damit die Praktiken des NS-Regimes, die auf einer Übersteigerung der Person in ihrer Eigenschaft als „Führer“ basierten, gewissermaßen nachvollzieht. Es führt dazu, das „Dritte Reich“ als Aggregat von Individuen und ihren Handlungen anzusehen und den dynamischen Strukturwandel, der sich nach 1933 vollzog, nicht mehr erklären oder nur noch auf einzelne große und kleine Frauen und Männer zurückführen zu können. „Täterforschung“ scheint das Gebot der Stunde zu sein. Hinzu kommt, quasi als erkenntnistheoretisches Korrelat, eine verstärkte Befassung mit den unzähligen Opfern des Nationalsozialismus. Die neuere NS-Forschung besitzt eine zweifache Stoßrichtung: in Fragen der Täterschaft arbeitet und argumentiert sie im Modus des Gerichtsverfahrens, also juristisch-dogmatisch, beim Thema „Opfer“ arbeitet und argumentiert sie hingegen im Modus des Eingedenkens, also theologisch (Heinrich 2004: 145-223).

Die Tendenzen der neueren NS-Forschung bergen spezielle erkenntnistheoretische Gefahren in sich, derer sich Historiker stets bewusst sein sollten, damit ihre Analyse nicht allzu einseitig wird. Wie man diesen Problemen entgegentreten könnte, zeigt die folgende Aufstellung. Tabelle 2

Im weiteren Verlauf geht es im mir Wesentlichen um drei Bereiche: die aus der ausschließlichen Betrachtung individueller und kollektiver Akteure resultierende Gefahr der Personalisierung, das Problem des Konzepts der „Selbstermächtigung“ sowie die zunehmende Multidisziplinarität der NS-Forschung. Die übrigen sechs Gesichtspunkte werde ich an anderer Stelle wieder aufnehmen.

Jene Personalisierung, die sich aus der Fokussierung auf Individuen und Kollektive ergibt, kann am besten vermieden werden, wenn die historische Analyse ihre Referenzebene wechselt. Der Referenzebene „Interaktion“, auf die sich die Forschung konzentriert, müssen, nimmt man die Systemtheorie Niklas Luhmanns zum Anhaltspunkt (Luhmann 1997), die drei Referenzebenen „Organisation“, „Gesellschaft“ (Funktionssysteme) und „Weltgesellschaft“ zur Seite gestellt werden. Organisationen sind Luhmann zufolge soziale Systeme, die sich durch Entscheidungen reproduzieren (Luhmann 2000). Untersuchte man das NS-Regime beispielsweise als Gesellschaft von Organisationen, so könnte man deren Innen- und Außenbeziehungen in den Blick nehmen. Die Binnenperspektive bezöge sich auf Personen, die jedoch nur im Hinblick auf die jeweilige Form der Beteiligung an der Organisation relevant wären, d.h. entweder als Leistungs- oder als Publikumsrollen (Stichweh 2005: 13-44) oder, anders ausgedrückt, als Stellen und Mitglieder (Ansätze dazu bei Jüngerkes 2010; Herbers 2012). Die Außenbeziehungen von Organisationen im NS-Staat ließen sich wiederum mit dem Begriff „Netzwerk“ konzeptualisieren.

Luhmanns Funktionssysteme, die zweite mögliche hier vorzustellende Referenzebene, sind in der Geschichtswissenschaft bislang kaum als heuristischer Ausgangspunkt einer fruchtbaren Analyse genutzt worden. Bekanntlich geht Luhmann davon aus, dass in der modernen Gesellschaft, die sich seit 1800 entwickelte, ein Primat der funktionalen Differenzierung vorherrscht. Gemeint ist, dass sich die Funktionssysteme Politik, Recht, Religion, Wissenschaft, Wirtschaft, Erziehung und Kunst (und vielleicht noch einige andere: zu denken wäre an Soziale Arbeit, Krankenbehandlung, Tourismus und Sport) ausdifferenzieren, die füreinander wechselseitig Umwelten darstellen und jeweils eigenen Operationslogiken folgen. Keines dieser Systeme kann die anderen beherrschen oder steuern, und deshalb besitzt die moderne Gesellschaft Luhmann zufolge auch kein Zentrum. Für die NS-Forschung insgesamt ist diese These eine Provokation, denn sie geht stets davon aus, dass im NS-Staat die Politik die anderen Funktionssysteme beherrscht. Daraus ergibt sich auch gleich schon eine zentrale Frage: inwieweit und mit welchen Mitteln gelang es dem NS-System nach 1933, die gesellschaftlichen Funktionssysteme auf das System der Politik zu zentrieren? Veränderten sich die internen Funktionslogiken der einzelnen Funktionssysteme, und wenn ja, mittels welcher Begriffe könnte man diese Transformationen beschreiben? In der momentanen Debatte über „Volksgemeinschaft“ (Steuwer 2013) habe ich einige Vorschläge unterbreitet, wie eine systemtheoretisch inspirierte Perspektive auf den NS-Staat aussehen könnte.

Eine dritte Referenzebene einer so verstandenen Gesellschaftsgeschichte des NS-Regimes läge in Luhmanns Konzept „Weltgesellschaft“ (Luhmann 1997: 145-171) vor, also dem zunehmenden Weltbezug innergesellschaftlicher Kommunikation. Es sind nicht nur die Funktionssysteme, die sich seit dem 18. Jahrhundert globalisieren (Weltrecht, Weltkunst, Weltreligion), sondern auch Organisationen (Banken, Unternehmen, Universitäten usw.). Die Systemebene „Organisation“ war lange Zeit der zentrale Mechanismus des Vermittelns weltweiter Kontaktchancen (Stichweh 2000: 17). Die Perspektive „Weltgesellschaft“ generiert ein ganzes Bündel von Forschungsfragen an das NS-Regime: Wie diffundierten nationalsozialistische Ideen, Organisationsstrukturen und Praktiken in andere Länder, etwa nach Italien und in die USA (Schivelbusch 2008)? Von welchen internationalen Entwicklungen ließ sich das NS-Regime selbst beeinflussen? Inwieweit waren bolschewistische Praktiken oder das faschistische Italien Vorbilder? In der neueren Forschung werden solche Fragen in der Regel unter der Perspektive der Transnationalität behandelt (Patel 2004). Diese Forschungsrichtung leidet jedoch noch an einer relativ blauäugigen Fokussierung auf gängige Handlungstheorien. Die Systemtheorie jedoch lehrt vor allem eines: es bedarf einer Umstellung von „Handlung“ auf „Kommunikation“ als operativem Letztbegriff des Sozialen.

Eine weitere Entwicklungstendenz der neueren NS-Forschung ist jene, die ich mit dem Begriff der „Selbstermächtigung“ bezeichnen möchte. Wo die ältere NS-Forschung nur Terror von oben erblickte, betont die neuere Handlungsspielräume von unten, wie es in dem Begriff „dem Führer entgegenarbeiten“ (Kershaw 1998: 663-744) zum Ausdruck kommt. Historiografisch findet diese „Selbstermächtigung“ in der Regel im luftleeren Raum statt. Sie wird als situative Tätigkeit von Individuen und Kollektiven eingeführt, ohne die Situationen selbst zu situieren, also die Frage zu stellen, wie und weshalb solche Handlungen möglich sind. Eine wichtige Voraussetzung für die „Selbstermächtigung“ war zweifellos die gesamtgesellschaftliche Systemtransformation in der Zeit nach 1933, die man aber wieder nur in den Blick bekommt, wenn man die Referenzebene wechselt. Der Situationismus, den die Rede von der „Selbstermächtigung“ induziert, hat einen offensichtlichen „blinden Fleck“. Er erlaubt es nicht, zu erklären, wie es eigentlich dazu kam, dass so viele Individuen nach 1933 zum gleichen Zeitpunkt so ähnlich agierten.

Nehmen wir als Beispiel Michael Wildts Studie „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung“, die die antijüdischen Gewaltaktionen von 1919 bis 1938/39 im Deutschen Reich behandelt und nachgerade zu einem Türöffner für das neue Paradigma der „Selbstermächtigung“ geworden ist (Wildt 2007). Der Autor schildert darin viele antijüdische Gewaltaktionen und weist die damit einhergehende Selbstermächtigung bestimmter sozialer Gruppen („ganz normaler Deutscher“, Parteifunktionäre und Mitglieder der Hitler-Jugend) nach. Anhand der Gesetzgebung und der Rechtsprechung skizziert Wildt zudem die Umgestaltung der Rechtsordnung nach 1933 und die daraus resultierende Straffreiheit (Exemtion) der Gewalttäter. Dadurch mutiert die Veränderung der Rechtsordnung zu einer (kausalen) Voraussetzung der Gewaltaktionen. Dieser Kausalnexus wird allerdings weder empirisch noch unter Zuhilfenahme theoretischer Erwägungen irgendwo belegt, sondern ist im Wesentlichen ein narrativer Effekt. Um ihn beweisen zu können, wäre zu klären, ob die Täter der antijüdischen Gewaltaktionen vorher wussten, dass sie straffrei ausgehen würden, und, wenn ja, woher sie es wussten.

Dennoch ist „Selbstermächtigung“ ein interessanter Begriff, der auch neue Sichtweisen auf die Geschichte des NS-Regimes ermöglicht. Um ihn weiterzuentwickeln, muss man die Gefahr des Situationismus bannen, weil sie eine Entkontextualisierung der Ereignisse durch den Historiker begünstigt. Ein Beispiel dafür, wie dies geschehen könnte, liefert die Akteur-Netzwerk-Theorie des französischen Wissenschaftssoziologen Bruno Latour, in deren Mittelpunkt der Begriff der „Verknüpfung“ oder „Versammlung“ steht. Dabei geht es nicht um neue erkenntnistheoretische Kompromisse zwischen Makro-, Meso- und Mikroebene, indem man etwa nach den jeweiligen Wirksamkeiten dieser Ebenen in einer spezifischen Situation fahndete. Vielmehr geht es Latour zum einen um die gleichzeitige Anwesenheit aller dieser drei Ebenen in einer lokalen Interaktion, zum anderen um die Nachzeichnung der Verbindung zu anderen lokalen Interaktionen. In erster Linie interessieren ihn die so genannten Transportmittel, die diese Interaktionen untereinander zusammenhalten. Latour schlägt drei Schritte vor, um diesen Mitteln auf die Spur zu kommen: das Globale lokalisieren, Lokales neu verteilen und Orte verknüpfen (Latour 2007: 273-451). Bei unserem Beispiel der antijüdischen Gewalt hieße dies, ganz neue Akteure analysieren zu müssen: das Telefon, den Fernschreiber und das Dispositiv „Rundfunk“ als Transportmittel von Wissen über Gewaltaktionen (Latour nennt diese völlig neuen Akteure konsequent „Aktanten“).

Ein weiteres Problem der NS-Forschung (das dritte und letzte, das ich hier behandeln will) ist ihre zunehmende Multidisziplinarität. Damit ist nicht nur gemeint, dass mittlerweile jedes Fach den Nationalsozialismus erforscht (zumindest die eigene Fachgeschichte während der NS-Zeit), sondern dass dies zudem mittels der eigenen Fragestellungen und Methoden geschieht. Zwischen den einzelnen Disziplinen findet keinerlei nennenswerter methodologischer und konzeptioneller Austausch statt, und die Ergebnisse des jeweils anderen Faches werden entweder nur selektiv oder überhaupt nicht wahrgenommen. Es kommt zu einer zunehmenden Inkommensurabilität bei den jeweiligen Herangehensweisen, disziplinären Vorannahmen, Schwerpunktsetzungen (man spreche einmal mit einem Juristen über NS-Geschichte, mit einem Mediziner und einem Musiker, man wird die eminenten Unterschiede, die zwischen ihnen bestehen, gleich feststellen) und beim Selbstverständnis von den Aufgaben und Erfordernissen der Wissenschaft.

Diese Inkommensurabilität ist grundsätzlich nicht behebbar, sondern nur durch die Verwendung von Theorien abzumildern, und zwar durch so genannte Supertheorien, die als Reflexionstheorien des Wissenschaftssystems fungieren können (Luhmann 2008: 57-79). Diese Theorien umgreifen alle Disziplinen, sie beziehen den Standpunkt des Forschers mit ein, sind relationistisch, nicht substanzialistisch, d.h. sie verzichten auf normative Wertungen, und sie nehmen Komplexität und Kontingenz zum Ausgangspunkt. Ohnehin ist es ein Kennzeichen der gesamten NS-Forschung, dass sie es sich mit ihren Erklärungen bisher vergleichsweise leicht gemacht und die Komplexität des NS-Regimes analytisch nicht zureichend in den Griff bekommen hat. Auch das Problem der Kontingenz (Nicht-Notwendigkeit und Nicht-Zufälligkeit von Ereignissen) ist von ihr noch nicht genügend überdacht worden. Am deutlichsten ist dies bei den mittlerweile äußerst differenzierten Forschungen zur Genesis des Holocaust zu sehen, die ja dazu tendieren, in allen verbrecherischen Maßnahmen, die seit 1933 gegen die Juden erfolgten, bereits den Keim des späteren Genozids zu sehen. Darin spiegelt sich gleichwohl das zentrale Dilemma des Historikers wider: das Ende der Geschichte immer schon zu kennen.

Die neun Entwicklungslinien der neueren NS-Forschung sind im Wesentlichen gesellschaftlich induziert. Sie beziehen sich bei weitem nicht nur auf die deutschsprachige, sondern auch auf die internationale (in der Regel englischsprachige) Forschung, die, bei durchaus unterschiedlichen gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen, durch ähnliche Tendenzen gezeichnet ist (auf diese Äquifinalität in der NS-Forschung werde ich zurückkommen). Am augenfälligsten ist dies bei der internationalen Aufmerksamkeitsökonomie für das Thema Nationalsozialismus. Das Interesse der Massenmedien hat zu einer sukzessiven Verschiebung zu jenen thematischen Aspekten geführt, die als „zweite Geschichte des Nationalsozialismus“ bezeichnet werden, also zur Aufarbeitung und Erinnerung der NS-Zeit (Reichel/Schmid/Steinbach 2009). Aus der Mediensoziologie wissen wir, dass die Logik der Massenmedien eine andere ist als die der Wissenschaft. Typischerweise wählen Massenmedien Nachrichten so aus, dass sie Gefühle von Betroffenheit und Entrüstung erzeugen, weshalb sie sich besonders für Aspekte interessieren, denen moralische Wertungen beigemischt werden können (Luhmann 1996: 54-82). Massenmedien moralisieren Geschichte. Für die NS-Forschung entsteht daraus ein veritables Problem, weil sie sich mit Fragen der Moral bisher nur rudimentär befasst hat.

Der Prozess einer zunehmenden Moralisierung der NS-Geschichte ist heute irreversibel, wofür an dieser Stelle zwei Beispiele genannt werden sollen. Das erste stammt aus dem Feld dessen, was als „Auftragsforschung“ zu bezeichnen ist. Hierbei erteilen öffentliche Behörden, Unternehmen oder Privatpersonen einem oder mehreren Historikern den Auftrag, die NS-Vergangenheit ihrer jeweiligen Vorgängerinstitutionen zu analysieren und diese auf etwaige personelle Kontinuitäten nach 1945 abzuklopfen. In den letzten Jahren vergaben das Auswärtige Amt, das Bundesfinanz-, Bundesjustiz- und Bundesarbeitsministerium, das Bundeskriminalamt, der Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst und viele Länderparlamente solche Aufträge. Deren Fragestellung ist immer personalistisch, moralisiert also zwangsläufig. So lautete der Untersuchungsauftrag des Niedersächsischen Landtages von 2009 folgendermaßen: „Die Biographien von Abgeordneten des Niedersächsischen Landtages seit 1947 sowie seiner Vorgängerparlamente seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 sollen daraufhin untersucht werden, ob und inwieweit sie sich als Angehörige der NSDAP sowie der dieser Partei verbundenen Massenorganisationen in den Jahren zwischen 1933 und 1945 zu den Zielen der nationalsozialistischen Weltanschauung bekannt und in deren Sinne gewirkt haben“ (Glienke 2012: 11).

In welcher Hinsicht moralisiert dieser Untersuchungsauftrag? Der Begriff „NSDAP“ hatte sich im öffentlichen Sprachgebrauch der Bundesrepublik seit 1945 zu der Stigmavokabel schlechthin entwickelt (Eitz/Stötzel 2007: 504-522). Im Rahmen einer solchen Auftragsstudie mithin nach Mitgliedschaften in der NSDAP und ihren Organisationen zu fragen, impliziert, jede Person, der eine solche Zugehörigkeit nachgewiesen werden kann, zu stigmatisieren. Denn „Moral“ ist als Zuteilung von Achtung oder Missachtung an Personen zu verstehen (Luhmann 2008: 97-122), so dass es (nicht nur) bei diesem Untersuchungsauftrag von vornherein um moralische Urteile geht. Jeder Historiker, der ein solches Projekt bearbeitet, urteilt also in jedem Fall moralisch, und zwar auch, wenn er eine Nichtmitgliedschaft in der NSDAP feststellt (in diesem Fall teilt er „Achtung“ zu). Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass Forschungen im öffentlichen Auftrag immer unter besonderer Beobachtung der Massenmedien stehen, d.h., dass über ihre Ergebnisse berichtet wird und sich daraus gegebenenfalls Debatten zwischen den Verfassern der jeweiligen Studien, ihren Auftraggebern, Journalisten und Fachkollegen ergeben. Auch dabei stehen immer wieder Fragen der Moral im Vordergrund, und zwar auf aufschlussreiche Weise. Das Kriterium „Moral“ wird sowohl an historische Akteure wie auch an Historiker, die sich zu ihnen geäußert haben, angelegt. Es kommt zu einer Verdoppelung moralischer Bewertungen, die jetzt nicht mehr nur die Akteure, sondern auch deren Interpreten in der Form von Unterstellungen, Beleidigungen etc. treffen. Der wissenschaftliche Erkenntniswert solcher Debatten ist vergleichsweise gering.

Das zweite Beispiel für die wachsende öffentliche Moralisierung von NS-Geschichte entnehme ich der Debatte um die Umbenennung von Straßen, die momentan in deutschen Großstädten tobt. Dabei geht es um Personen, die den wilhelminischen Kolonialismus maßgeblich mittrugen (z.B. Carl Peters, Hedwig Heyl etc.), und um Antisemiten wie den Historiker Heinrich von Treitschke. In den Fokus der kommunalen Umbenennungs-Diskussionen ist aber auch eine neue Gruppe von Protagonisten geraten, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Elite aufgestiegen und nach ihrem Tod in den 1960er und 1970er Jahren vielerorts mit Straßen- oder Gebäudenamen geehrt worden ist. Diese Aufbaugeneration der Bundesrepublik hat Anpassungsleistungen ans NS-Regime erbracht, die öffentliche Ehrungen für ihre unbestreitbaren Verdienste nach 1945 heute fraglich erscheinen lassen. Die Debatte über die Umbenennungen von Straßen beginnt bei diesem Personenkreis zumeist dann, wenn in wissenschaftlichen Studien, sei es einer Biografie, sei es einem heimatgeschichtlichen Aufsatz, festgestellt wird, dass jemand der NSDAP oder ihren Gliederungen beziehungsweise angeschlossenen Verbänden angehört hat. In der öffentlichen Debatte über diese Personen entsteht dann ein Anfangsverdacht, wonach sie ihre Rolle in der NS-Zeit nach 1945 bewusst verharmlost hätten. Dies verweist auf das Problem „Moral“, denn öffentliche Ehrungen sind Fragen nach Achtung oder Missachtung einer Person.

Diese moralische Vorstrukturierung der Debatte um öffentliche Ehrungen bedeutet also, dass der Historiker, wenn er um Rat gefragt wird, selbst ein moralisches Urteil fällen muss, sonst hätte er seinen Auftrag verfehlt. Dies sagt noch nichts darüber aus, welche inhaltlichen Kriterien er dabei zugrunde legt, ob er etwaige Leistungen des zu Ehrenden höher gewichtet als Verfehlungen oder strafwürdiges Verhalten zum Anlass nimmt, eine Unterlassung von Ehrungen zu empfehlen. Die Notwendigkeit eines moralischen Urteils widerspricht dem Selbstbild des Historikers, objektiv zu bleiben. Dieses Selbstbild war aber schon immer trügerisch, denn jedes historische Urteil ist, wie wir seit der Debatte um die Narrativität in den Geschichtswissenschaften seit den 1980er Jahren wissen, zwangsläufig moralisch. Nicht zuletzt Hayden White hat gezeigt, dass „der erzählende Diskurs den Zwecken moralischer Urteile dient“ (White 1990: 35 u. 38), oder kürzer gesagt: dass Narrativität moralisch ist. Wenn der Historiker schreibt und wenn sein Schreiben die Form einer Erzählung annimmt, dann ist Moral immer schon impliziert (dazu insgesamt Rüsen 2013).

Das bisher Gesagte läuft darauf hinaus, dass sich die NS-Forschung stärker selbstreflexiv mit dem Problem „Moral“ befassen muss. Ihr muss es darum gehen, historische Urteile (auch) als moralische Urteile aufzufassen und sowohl theoretisch als auch empirisch besser abzusichern. Dazu bedarf es jedoch einer erkenntnistheoretischen Weiterentwicklung, die Fragen der Moral mit dem Gegenstandsbereich der NS-Forschung verzahnt (Cotkin 2008; Kühberger/Sedmark 2008). Als Ausgangspunkt könnten einige neuere Arbeiten aus der Moralphilosophie dienen, die sich mit Frage der „historischen Gerechtigkeit“ auseinandersetzen (Meyer 2005; Zimmermann 2005). Im Hinblick auf das NS-Regime interessieren sie sich in erster Linie dafür, ab wann davon gesprochen werden kann, dass sich Personen an der Etablierung und Aufrechterhaltung einer Kooperationsstruktur mit verbrecherischen Zielen beteiligten (Schefczyk 2012: 198). Ihnen geht es um die Erarbeitung verbindlicher Kriterien, nach denen sich eine solche Beteiligung feststellen lässt, wenn individuelle verbrecherische Handlungen nicht (mehr) nachweisbar sind. Es geht also um die Frage, inwieweit auch alltägliches Handeln, etwa der Eintritt in die NSDAP, dazu beitrug, das NS-Regime aufrechtzuerhalten. Am wichtigsten für die NS-Forschung jedoch ist es, um noch einmal Pierre Bourdieu (Bourdieu 1993: 57-78) ins Spiel zu bringen, sich selbst zu objektivieren. Sie sollte intensiv darüber nachdenken, was sie tut, und sie sollte die Früchte dieses Nachdenkens auch der Öffentlichkeit mitteilen. Selbstreflexivität war bisher nicht ihre Stärke.

Referenzen

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Cotkin, George: History’s Moral Turn, in: Journal of the History of Ideas 69 (2008), S. 293-315

Eitz, Torsten/Stötzel, Georg: Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung”. Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch, Olms: Hildesheim 2007

Glienke, Stephan A.: Die NS-Vergangenheit späterer niedersächsischer Landtagsabgeordneter. Abschlussbericht zu einem Projekt der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen im Auftrag des Niedersächsischen Landtages hg. v. Präsidenten des Niedersächsischen Landtages, durchges. Nachdruck der ersten Aufl., Verlag Hahnsche Buchhandlung: Hannover 2012

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ders.: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 3. Aufl. der vollständig überarb. und erw. Neuausgabe, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2002 [ursprgl. erschienen: 1999; erste Aufl.: 1988]

Kühberger, Christoph/Sedmak, Clemens: Ethik der Geschichtswissenschaft. Zur Einführung, Turia+Kant: Wien 2008

ders./Pudlat, Andreas (Hg.): Vergangenheitsbewirtschaftung. Public History zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, StudienVerlag: Innsbruck/Wien/Bozen 2012

Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2007

Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien, 2., erw. Aufl., Westdeutscher Verlag: Opladen 1996 [ursprgl. erschienen: 1995]

ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

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Patel, Kiran Klaus: Der Nationalsozialismus in transnationaler Perspektive, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 49 (2004), S. 1123-1134

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Reichel, Peter/Schmid, Harald/Steinbach, Peter (Hg.): Der Nationalsozialismus – die zweite Geschichte. Überwindung, Deutung, Erinnerung, C.H. Beck: München 2009

Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2013

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White, Hayden: Die Bedeutung von Narrativität in der Darstellung der Wirklichkeit, in: ders.: Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1990, S. 11-39

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Zimmermann, Rolf: Philosophie nach Auschwitz. Eine Neubestimmung von Moral in Politik und Gesellschaft, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2005