Die Reisen des Historikers I

von arminnolzen

„Villa Vigoni“, Loveno di Menaggio (Italien), 26. bis 30. März 2014

Der Historiker, so formulierte es der Architekt, Filmkritiker, Essayist, Philosoph, Soziologe, Feuilletonist und Schriftsteller Siegfried Kracauer einmal, ist ein Reisender, der sich in der Lage gewöhnlicher Touristen befinde (zum Folgenden Kracauer 2009: 92 f.; Baumann 2014: 103 ff.). Touristen wollten die Sehenswürdigkeiten „wahrnehmen, um deretwillen sie gekommen seien“. Dies sei nicht leicht zu bewerkstelligen, weil „viele Leute ins Ausland“ reisten, „ohne irgend etwas zu sehen. Kaum haben sie sich davon überzeugt, daß sich etwa der Parthenon an der im Reiseführer angegebenen Stelle befindet, machen sie unverzüglich Aufnahmen von ihren Lieben vor einer antiken Säule. Zu Hause dient ihnen die Säule als Alibi“. Ihr „Erlegen ungesehener Objekte“ führe dazu, dass Touristen „diese unwiederbringlich aus den Augen“ verlören.

Gleiches, so Kracauer weiter, könne auch Historikern widerfahren. Um dies zu verhindern, dürfe der Historiker eben nicht in der Gegenwart verharren, wenn er die Vergangenheit aufsuche. Die „Aufgabe des Besichtigens“ der Vergangenheit, so Kracauer, erfordere „ein bewegliches Ich“. Und nur im „Zustand der Selbstauslöschung oder Heimatlosigkeit kann der Historiker mit dem Material, das ihm am Herzen liegt, vertraulich verkehren“ (Kracauer 2009: 96). Deshalb kehre ein guter Historiker immer verändert von einer solchen Reise in die Vergangenheit zurück und vollziehe einen regelrechten Identitätswandel. „Die Wirkung der Reise auf die geistige Gestalt des Historikers entkräftet außerdem den Gemeinplatz, dieser sei das Kind seiner Zeit“ (ebd.: 105). Er sei vielmehr das Kind von zwei Zeiten: seiner eigenen Zeit (Gegenwart) und der Zeit, die er erforscht (Vergangenheit).

Eine zweite Perspektive auf die Reisen des Historikers, die in Kracauers Kulturtheorie ebenfalls enthalten ist, liefert Karl Schlögel in seiner Monografie „Im Raume lesen wir die Zeit“ unter dem Stichwort „Augenarbeit“ (zum Folgenden Schlögel 2009: 269-276, hier 270). „Bilder aushalten, den Bildern ins Auge zu sehen – das ist eine mutige erkenntnistheoretische Haltung […]“, so Schlögel. Und mit „Bildern“ meint er beileibe nicht nur Fotografien, Ikonografien, Stadtpläne, Grundrisse, Adressbücher und andere Dokumente, denen er seine Analyse widmet. Sondern Schlögel meint auch die persönliche Inaugenscheinnahme historischer Schauplätze durch den Historiker selbst. Dieser reist in Städte wie New York, Moskau, Paris, Los Angeles, und er sieht, indem er den urbanen Raum betrachtet, die darin enthaltene Geschichte; er liest sie in der Matrix präsenter räumlicher Konfigurationen. Reise in die Gegenwart zur visuell vermittelten Erkenntnis der Vergangenheit, so könnte man dieses Verfahren der „Augenarbeit“ nennen.

Eine dritte Perspektive auf den Historiker als Reisenden ist epistemologisch, soweit ich sehe, bislang unterbelichtet: es handelt sich um Reisen, die der Historiker antritt, um bereits Fertiges, bereits Erkanntes einem Fach- oder Laienpublikum zu vermitteln, also um seine Teilnahme an wissenschaftlichen Konferenzen, um Vorträge. Diese Reisen zeichnen sich durch dreierlei aus: erstens hat der Historiker einen bereits geschriebenen Text in seinem Gepäck, den es anderen zu vermitteln gilt; zweitens findet diese Vermittlung außerhalb seines gewohnten Lebensumfeldes statt; drittens generieren diese Reisen spezifische Fremdheitserfahrungen. Ändern diese Reisen des Historikers eigentlich etwas an seiner Sicht der Vergangenheit? Welche Rolle spielt der Ort, an den man reist? Diesen Fragen wird hier in loser Folge nachgegangen, und zwar anlassbezogen und in eher tagebuchartiger Form.

Ende Oktober 2013 erreichte mich eine Einladung zu einer deutsch-italienischen Konferenz, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Massenparteien des 20. Jahrhunderts miteinander zu vergleichen. Tagungsort war die „Villa Vigoni“ in Loveno di Menaggio, das am Westufer des Comer Sees in Norditalien unweit der schweizerischen Grenzstadt Lugano gelegen ist. Im Förderungsantrag zu dieser Konferenz, der den Referenten übermittelt worden war, konnte man lesen, worum es den Veranstaltern ging. Ihnen zufolge entstand in verschiedenen europäischen Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine neue Form von Parteien, die allesamt eine klassenübergreifende Mobilisierung auf ihre Fahnen geschrieben hatten und beanspruchten, sich als „Volksparteien“ zu konstituieren, denen keinerlei Partikularinteressen, sondern das „Wohl der gesamten Nation“ am Herzen liege. Es gelte, die Entstehungsgeschichte des Modells „Volkspartei“ vergleichend zu historisieren, d.h. danach zu fragen, inwieweit es in Deutschland und Italien einen spezifischen Entwicklungspfad gab, der zur Entstehung von „Volksparteien“ führte.

Einen möglichen Entwicklungspfad nahmen die Veranstalter hypothetisch gleich schon vorweg. Sie behaupteten, dass sich moderne „Volksparteien“ seit dem späten 19. Jahrhundert in einer Art Dreischritt entwickelt hätten: Honoratiorenpartei, Klassen- und Massenpartei, Volkspartei (diese Typologie ist in der Politikwissenschaft wohl bekannt, man denke nur an einschlägige Studien von Otto Kirchheimer, Maurice Duverger, Sigmund Neumann, Richard S. Katz/Peter Mair und anderen). Und die Übergänge zwischen diesen Stadien sollten anhand einiger Fallbeispiele aus Italien und Deutschland untersucht werden. Inhaltlich war gedacht an Organisationsstrukturen, Mitgliederverwaltung, Formen der internen Kommunikation, Funktionärsbezahlung und die innerparteilichen Konfliktregelungsverfahren; Programmatik und Ideologie der Parteien sollten hingegen ausdrücklich ausgespart bleiben.

Den Veranstaltern ging es, so jedenfalls war es im Förderungsantrag zu lesen, um eine Typologie der modernen Massenpartei, die am italienischen und deutschen Fall entwickelt werden sollte. Denn in diesen beiden Ländern habe es, so der Antragstext, ein besonders breites Spektrum an solchen Parteien gegeben, zum Beispiel den Partito Popolare Italiano (PPI), den Partito Socialista Italiano (PSI), den Partito Nazionale Fascista (PNF), die SPD, das Zentrum, die Vaterlandspartei und die NSDAP; nach 1945 schließlich Democrazia Cristiana (DC), Partito Comunista Italiano (PCI), CDU und SPD. Wenn man so will, zielte die Konferenz also auf einen Vergleich zwischen sozialdemokratischen, kommunistischen, faschistischen und katholisch-ständischen (autoritären) Parteien in Italien und Deutschland ab, ohne die Unterschiede in der jeweiligen Programmatik zu berücksichtigen (die teils frappierend waren). Methodologisch wolle man eine Mischung neuerer kulturgeschichtlicher sowie politik- und sozialgeschichtlicher Ansätze praktizieren (im Klartext: Methodenpluralismus ohne feste Orientierung), um einen intensiveren Austausch zwischen den beiden so unterschiedlichen italienischen und deutschen Wissenschaftskulturen zu ermöglichen. Auf jeden Fall eine herkulische Aufgabe, die zu bewältigen sein würde.

Ich überlegte lange, welchen Beitrag ich zu dieser Konferenz leisten könnte, und entschloss mich dazu, die Mechanismen der Mitgliederintegration in der NSDAP zu untersuchen. Diese Frage ist bislang unterbelichtet geblieben, weil die Forschung dazu tendiert, die immer gleiche Antwort zu geben: Hitler. Im Januar 2014 begann ich mit der Niederschrift eines vollständigen Manuskripts, das insgesamt 15 Seiten umfasste. Außerdem stellte ich eine Vortragsfassung von acht Seiten her, die den Simultanübersetzern (die Konferenz war durchgängig zweisprachig) vorab zur Kenntnis gegeben wurde. Die Idee meines Textes war einfach: Ich ging von der Voraussetzung aus, dass die Integration von Mitgliedern in modernen Organisationen, zu denen ja auch Parteien gehören, nicht in erster Linie über außeralltägliche Ereignisse wie persönliche Begegnungen mit führenden Persönlichkeiten erfolgt, sondern überwiegend durch organisationale Routinen. Diese Routinen, die ich auch „operative Praktiken“ nenne, besitzen eine interne und eine externe Komponente; sie richten sich zugleich auf den Binnenraum der Organisation wie auf deren Umwelt. Für die Frage nach der Mitgliederintegration in der NSDAP ist diese Einsicht nachgerade zentral. Daraus folgt nämlich, dass „Integration“ (die Problematik dieses sozialwissenschaftlichen Konzepts war mir sehr wohl bewusst) nicht nur durch operative Praktiken der Mitgliederverwaltung und -lenkung erzeugt wird. Sie entsteht vielmehr auch durch individuelle wie kollektive Praktiken nach außen.

Mit meinen zwei Texten im Gepäck und mit einigen weiteren Büchern ausgerüstet (Jean-Paul Sartre, „Die letzte Chance“; Thomas Bernhard, „Watten“; Brunello Mantelli, „Kurze Geschichte des italienischen Faschismus“; Loreto Di Nucci, „Lo Stato-partito del fascismo“, sowie Gerhard Paul, „Deutsche Mutter heim zu dir“), trat ich dann die zehnstündige Zugfahrt nach Lugano an, wo mich ein Fahrer der „Villa Vigoni“ am Bahnhof erwartete und ins etwa 40 Minuten entfernte Menaggio chauffierte. Die Organisation der Konferenz war fast perfekt, großbürgerlich-adliges Ambiente, liebevoll eingerichtete Räume mit teils außerordentlich wertvollen Kunstgegenständen und Bildern, überaus freundliches Personal, gutes Essen. Jedoch bestanden kaum Möglichkeiten, die landschaftlich reizvolle Gegend zu erkunden, denn die „Villa Vigoni“ liegt auf einem Hügel, und zum Comer See bergab dauerte der Fußweg 45 Minuten. Aber die 35 Anwesenden (darunter zehn Doktoranden) hatten die Anreise ja nicht zu ihrem Vergnügen auf sich genommen, sondern es ging ihnen um wissenschaftliche Erkenntnis. Die Konferenz startete am

Donnerstag/giovedì 27. März 2014

mit

Sektion 1:
Wege und Modelle der Volkspartei (1890-1930)/Percorsi e modelli del partito di massa (1890-1930). Moderation: Christian Jansen

h. 9.00 Begrüßung durch Christian Jansen
h. 9.10 Thomas Welskopp (Universität Bielefeld): Die deutschen Sozialdemokraten – von der sozialen Bewegung zur Massenpartei/I socialdemocratici tedeschi – da movimento sociale a Partito di massa
h. 9.30 Diskussion/discussione
h. 10.10. Antonio Scornajenghi (Università Roma Tre): Origini e organizzazione del Partito popolare italiano in prospettiva comparata/Ursprünge und Organisation des Partito Popolare in vergleichender Perspektive
h. 10.30 Diskussion/discussione
h. 11.10 Coffee Break
h. 11.30 Verlesung und Diskussion des Papiers/lettura e discussione della relazione die Maurizio Punzo (Universitá di Milano; non presente): Organizzare per fare politica. Il partito socialista italiano dalle origini alla guerra/Organisation im Dienste der Politik. Der Partito Socalista bis zum Ersten Weltkrieg
h. 12.00 Aldo Agosti (Università di Torino): Partito di quadri, partito clandestino, partito di massa. Il PCI dagli anni ’20 agli anni ’50/Kaderpartei – Untergrundpartei – Massenpartei. Der PCI von den Zwanziger bis zu den Fünfziger Jahren
h 12.20 Diskussion/discussione

Thomas Welskopp begann mit einem fulminanten und sehr überzeugenden Plädoyer, die soziale Bewegungsforschung mit der Parteiengeschichtsschreibung zu verzahnen, weil die SPD in ihren Anfängen (er legte die Kriterien der Forschung zu den Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er Jahre zugrunde) in vielerlei Hinsicht bewegungsähnliche Züge getragen habe (Fluktuation der Mitglieder, face-to-face-Interaktionen und Assoziationismus anstelle von Organisation). Er gab zu bedenken, dass womöglich auch der PNF und die NSDAP anfangs durch einen vergleichbaren Bewegungscharakter ausgezeichnet gewesen seien. Die Vorträge zu PPI (Antonio Scornajenghi), PSI (Maurizio Punzo) und PCI (Aldo Agosti) waren allgemeine Überblicke zur Geschichte der drei Parteien. Für deren Entwicklung waren sowohl der Vatikan als auch Moskau als Zentrum des Weltkommunismus von einiger Bedeutung. Die Geschichtsschreibung zu katholischen sowie kommunistischen Parteien muss insofern immer transnational angelegt sein.

Sektion 2:
Partito Nazionale Fascista und NSDAP als Volksparteien? (1920-1945)/Partito Nazionale Fascista e NSDAP come partiti popolari di massa? (1920-1945). Moderation: Thomas Großbölting

h. 14.30 Armin Nolzen (Warburg): Mechanismen der Mitgliederintegration in der NSDAP, 1925-1945/Meccanismi di integrazione dei membri nella NSDAP, 1925-1945
h. 14.50 Diskussion/discussione
h. 15.30 Susanne Meinl (Dietramszell): Die Alimentation der Macht. Finanzverwaltung und Finanzierung der NSDAP durch das Amt des Reichsschatzmeisters/L’alimentazione del potere. Amministrazione finanziaria e finanziamento della NSDAP da parte del Reichsschatzmeister
h. 15.50 Diskussion/discussione
h. 16.30 Coffee Break
h. 17.00 René Moehrle (Trier): Organisationsstrukturen im PNF/Strutture organizzative del PNF
h. 17.20 Diskussion/discussione
h. 18.00 Thomas Schlemmer (IfZ München): Der PNF als Volkspartei/Il PNF come partito popolare di massa
h. 18.20 Diskussion/discussione

Nach einem längeren Spaziergang, den ich nach dem Mittagessen unternommen hatte, musste ich um 15.00 Uhr (wir hatten schon jetzt eine halbe Stunde Verspätung) mein Papier verteidigen (Vortrag Villa Vigoni). Dem Vortrag folgte eine rege Diskussion, an der sich sowohl Italiener wie Deutsche beteiligten. Thematisch im Mittelpunkt standen die Funktion von Hitlers Charisma und des Hitler-Mythos als mögliche Integrationsfaktoren und die Frage, inwiefern die NSDAP Konsens in der Bevölkerung produziert habe. Die individuelle Verantwortlichkeit, die mit der Organisationsmitgliedschaft zusammenhing, kam ebenfalls zur Sprache. Leider nicht diskutiert wurden der operative Ansatz und dessen Eignung als Vergleichsheuristik. Es folgte Susanne Meinl mit einem Vortrag zum Amt des Reichsschatzmeisters der NSDAP, der Aufgaben und Funktionsweise dieser wichtigen Behörde vorstellte. Daraus wurde deutlich, dass Fragen der Finanzierung der Massenparteien, die in der NS-Forschung nicht gerade en vogue sind, für deren Verständnis dennoch unverzichtbar sind. Die „Wirtschaftsfremdheit“, die viele Historikerkollegen an den Tag legen, indem sie solche Themen sträflich vernachlässigen, müsste dringend aufgebrochen werden.

Es folgten zwei Vorträge zum PNF, die das Projekt eines Handbuches (René Moehrle) vorstellten und in die internationale Forschung über diese Partei einführten (Thomas Schlemmer). Beiden Vorträgen war eine Fülle bedenkenswerter Anregungen zu entnehmen. Eine richtige Diskussion kam angesichts der fortgeschrittenen Zeit aber nicht auf; die Italiener, die sich zu Wort meldeten, bevorzugten die Form des „intervento“ (Korreferats) und wiederholten eigentlich nur das bisher Gesagte. Ich hatte den Eindruck, dass einige von ihnen schon mit den Hufen scharrten, um dann am nächsten Tag zuzuschlagen.

Freitag/Venerdì 28. März 2014

h. 9.00 Loreto di Nucci (Università di Perugia): Tra Stato e partito: organizzazione e funzionamento del PNF/Zwischen Staat und Partei: Organisation und innere Struktur des PNF
h. 9.20 Diskussion/discussione
h. 10.00 Stefano Cavazza (Università di Bologna): Il PNF in provincia/Der PNF vor Ort
h. 10.20 Diskussion/discussione
h. 11.00 Coffee break
h. 11.30 Chiara Giorgi (Università di Genova): Le politiche sociali attraverso il partito/Die Sozialpolitik des PNF
h. 11.50 Diskussion/discussione

Hier also die große PNF-Sektion, die, um es gleich vorweg zu sagen, nicht viel Neues brachte. Loreto di Nucci blieb in allgemeinen Ausführungen über die diversen Statuten des PNF stehen und ließ jedwede Problemorientierung vermissen, Stefano Cavazza machte noch einmal die Differenz zwischen Zentrale und Peripherie als Analyseheuristik für den PNF stark, und Chiara Giorgi widmete sich dessen sozialen Wohltaten, die in der Regel nur bei Wohlverhalten gewährt wurden. Immerhin war die Diskussion sehr rege. Widerspruch entzündete sich vor allen Dingen an der Verwendung des Begriffs „Wohlfahrt“ für den PNF. Ohnehin fiel hier wieder einmal die sehr deskriptive und wenig problemorientierte Herangehensweise der italienischen Kollegen auf. Noch schlimmer wurde es aber nach

h. 12.30 Mittagessen/pranzo

Sektion 3:
Volksparteien nach 1945: Durchsetzung und Krise eines Erfolgsmodells? (1945-1995)/Partiti popolari di massa dopo il 1945: affermazione e crisi di un modello di successo (1945-1995). Moderation: Stefano Cavazza

h. 14.30 Paolo Pombeni (FBK Trento): Caratteri del partito di massa in Europa dopo il 1945/Idealtypen der Volkspartei in Europa nach 1945
h. 14.50 Diskussion/discussione
h. 15.30 Andrea Ciampani (Lumsa): Il tardo risorgimento politico dei cattolici: leader e consenso sociale della Democrazia cristiana/Das verspätete Risorgimento der Katholiken: Parteichefs und Massenbasis der DC
h. 15.50 Diskussion/discussione

Die beiden Vorträge von Paolo Pombeni und Andrea Ciampani unendlich geschwätzig, beide jeweils 45 Minuten (25 waren vorgesehen) ohne irgendeinen Ertrag, keine Fragestellung, kein Resümee, nichts, zwei angeblich bedeutende Wissenschaftler betrieben eine autistische Form der Selbstversicherung über ihr eigenes Prestige durch Redezeitüberschreitung. Niemals habe ich die Kaffepause so herbeigesehnt.

h. 16.30 Coffee break

h. 17.00 Paolo Mattera (Università Roma Tre): Struttura e finanziamento del partito socialista italiano nel dopoguerra/Struktur und Finanzierung des PSI in der ersten Republik
h. 17.20 Diskussion/discussione
h. 18.00 Maria Casalini (Università di Firenze): La militanza femminile nel partito nuovo di Togliatti/Die weibliche Basis in Togliattis „partito nuovo”
h. 18.20 Diskussion/discussione

Endlich ein überragender Vortrag. Paolo Mattera interessant, pointiert, auf den Punkt gebracht, ein fulminantes Plädoyer für eine Zusammenschau von Finanz- und Organisationsentwicklung in modernen politischen Parteien, empirisch gesättigt, bisweilen gar witzig und ironisch. Dann aber Maria Casalini: wie ein Referat auf dem XXVI. Parteitag der KPdSU, ein Rechenschaftsbericht über das, was sie selbst geschrieben hat, und danach noch eine 25 Minuten lange Antwort auf eine Frage. Ich kann mich an keine einzige These mehr erinnern, die ich hier referieren könnte. Gender fiel zwar einmal als Stichwort; eine geschlechtergeschichtliche Analyse, die der Titel hätte erwarten lassen, suchte ich jedoch vergeblich. Und nun zum letzten Konferenztag, an dem mich eine heftige Grippe handicapte (ausgelöst höchstwahrscheinlich durch die im Konferenzsaal auf Hochtouren laufende Klimaanlage).

Samstag/Sabato 29. März 2014

h. 9.00 Silvio Pons (Università Roma Tor Vergata): La crisi dell’organizzazione internazionale comunista nel dopoguerra/Die Krise der Kommunistischen Internationale nach 1945
h. 9.20 Diskussion/discussione

Sektion 4:
Ausblick/Prospettive. Moderation: Francesco Traniello

h. 10.00 Thomas Großbölting/Rüdiger Schmidt (Universität Münster): Das Ende der Parteien? Fragen und Hypothesen zur Transformation der Volksparteien seit den 1970er Jahren/Fine dei partiti? Interrogativi e ipotesi sulla trasformazione die partiti popolari di massa dagli anni Settanta
h. 10.20 Diskussion/discussione
h. 11.00 Coffee Break
h. 11.30 Massimiliano Livi (Universität Münster): Neue politische Organisationsformen: Der partito azienda als Antwort auf die Krise der Volksparteien?/Le nuove forme delle organizzazioni politiche: movimenti, partiti azienda e tribù politiche
h. 11.50 Diskussion/discussione

Silvio Pons gab eine konventionelle, aber durchaus hörenswerte Darstellung der Transnationalität des italienischen Kommunismus nach 1945. Danach lieferten Thomas Großbölting und Rüdiger Schmid einen guten typologisierenden Vortrag, den wir schon zu Beginn der Tagung gebraucht hätten. Massimiliano Livi brachte in seinem Kurzabriss neuer politischer Organisationsformen der italienischen Parteien den interessanten Begriff des Tribalismus auf, den es weiter auszuloten gilt. Nach dem Mittagessen folgte dann um

h. 14.30 Schlussdiskussion/Discussione finale. Moderation: Christian Jansen
Statements der Doktoranden als Einstieg

Wie immer bei solchen Konferenzen, war den Anwesenden jetzt schon eine gewisse intellektuelle Erschöpfung anzumerken; auch hatten schon etwa zehn Vortragende die Konferenz verlassen. Umso interessanter dann die Statements der Doktoranden, die den Finger in die Wunden dieser Veranstaltung legten. Sie beklagten insbesondere, dass der Vergleich und die dazu notwendige Methodik im Grunde genommen völlig unterbelichtet geblieben seien; auch die Terminologie „Massenpartei“ und „Volkspartei“ habe sich nicht gerade als überzeugend erwiesen. Christian Jansen resümierte dann noch den Ertrag der Tagung und gab dabei den Begriff „Volkspartei“ auf, der alles in allem wenig geeignet sei, die heterogenen Parteienlandschaften in Deutschland und Italien miteinander zu vergleichen (auch ist er nicht ins Italienische übersetzbar). Er plädierte stattdessen dafür, den Begriff der „Milieupartei“ stärker zu machen.

In der Schlussdiskussion wurde dann die Frage der Vergleichbarkeit aufgeworfen. Ich selbst habe in meinem Abschlussstatement betont, dass wir eine Heuristik benötigen, damit das Vergleichen nicht in ein wildes Nebeneinanderstellen der einzelnen Fälle und in wilde Verallgemeinerungen ausartet. Wir sollten die drei Fragen beantworten: warum überhaupt vergleichen, was miteinander vergleichen (tertium comparationis), und was steht am Ende (Begriffe und Relationserkenntnis)? Ich werde demnächst eine Vergleichsheuristik zu entwickeln versuchen, die sich intensiver mit diesem Problem auseinandersetzt. Ansonsten kamen viele in den Tagen zuvor diskutierte Ansätze (Einbeziehung der sozialen Bewegungsforschung, Frage nach der Transnationalität moderner Parteien und die Problematik der Parteienfinanzierung) nicht mehr zur Sprache; ein Zeichen für das Kurzzeitgedächtnis des Interaktionssystems „Konferenz“.

Zurück zum Beginn meiner Ausführungen über „Die Reisen des Historikers“ und zu der Frage, was ich von der Konferenz gelernt habe. Ich habe leider wieder einmal sehen müssen, wie viel Selbstgefälligkeit innerhalb meiner Zunft herrscht. Zum einen haben sich viele der Referenten (vor allen Dingen die Italiener) in ihren Vorträgen überhaupt nicht um ihre Zuhörer gekümmert, sozusagen wenig höreraffin ellenlange vorfabrizierte Texte heruntergerasselt. Zum anderen sind auch kaum einmal Anregungen aufgenommen und weiter diskutiert worden. Es herrschte ein völliger Mangel an Responsivität (und dies lässt sich nicht nur anhand der offiziellen Konferenz belegen, sondern auch anhand der vielen inoffiziellen Gespräche, die ich in den vier Tagen geführt habe). Dieser Mangel kommt auch darin zum Ausdruck, dass die meisten Referate die Forschungsfragen der Veranstalter, die aus dem Forschungsantrag bekannt waren, geflissentlich ignorierten. Im Grunde genommen ließen sich viele Referenten gar nicht auf ein ergebnisoffenes Gespräch ein; und dasselbe galt für die Fragerunden, die oftmals durch langatmige Interventionen Einzelner gekennzeichnet waren. Der Zeitplan musste daher mühevoll immer wieder neu justiert werden, in der Regel durch Verkürzung der Pausen.

Schließlich ist mir aufgefallen, dass die heutigen Doktoranden auf ihrem Weg in die Geschichtswissenschaft im Grunde genommen allein gelassen werden. Sie können zwar durchaus unhierarchisch an Konferenzen mit den Großen ihrer Zunft teilnehmen; diese aber (das trifft fast ausschließlich für die italienischen Kollegen zu) tendieren dazu, sie mit ihren Ausführungen intellektuell entweder vollends zu überfordern oder sie so einzuschüchtern, dass sie gar keine Fragen mehr stellen. Erst am letzten Tag meldete sich überhaupt der erste Doktorand zu Wort. Alles in allem war die Konferenz jedoch eine schöne Abwechslung, ich habe einige nette Leute kennengelernt, mit denen man einen Wein oder einen Grappa trinken kann und mit denen ich den Kontakt in der einen oder anderen Form halten werde. Was will man heute mehr?

Referenzen:

Baumann, Stefanie: Im Vorraum der Geschichte. Siegfried Kracauers »History. – The Last things before the Last«, konstanz university press: Konstanz 2014

Kracauer, Siegfried: Geschichte – Vor den letzten Dingen, in: ders., Werke, hg. v. Inka Mülder-Bach u. Ingrid Belke, 9 Bde., Suhrkamp: Frankfurt am Main/Berlin 2004-2012, Bd. 4 (2009), S. 5-261

Schlögel, Karl: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, 3. Aufl., Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2009 [ursprgl. erschienen: Carl Hanser Verlag: München/Wien 2003]