Literatur.Geschichte.Jonathan.Littell

von arminnolzen

I. Vorbemerkung zu Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“

„Der Eingriff eines Textes in die Gesellschaft (der sich nicht unbedingt in der Zeit seines Erscheinens vollzieht) mißt sich weder an seiner Publikumswirkung noch an der Treue der sozio-ökonomischen Widerspiegelung, die sich in ihm abzeichnet oder die er für einige wißbegierige Soziologen hat, sondern vielmehr an der Gewalt, mit der er die Gesetze, die eine Gesellschaft, eine Ideologie, eine Philosophie sich geben, um sich in einer schönen Bewegung historischer Einsicht aufeinander abzustimmen, überschreitet. Diese Überschreitung heißt: Schreiben“ (Barthes 1971: 15). Die Wirkung eines literarischen Textes kann demzufolge nicht an der Popularität gemessen werden, die er unter seiner Leserschaft genießt. Ebenso wenig kann die realitätsgetreue Abbildung der gesellschaftlichen Situation ein Kriterium für dessen Bedeutung sein. Barthes lässt nur ein Kriterium für die Bedeutung von Literatur gelten: die Gewalt, mit der die Gesetze des in einer Gesellschaft hegemonialen Diskurses überschritten werden.

In Jonathan Littells Erstlingsroman „Die Wohlgesinnten“ (Littell 2008) ist diese Gewalt einer Überschreitung in jeder Zeile zu spüren (Barthes hätte dieses Buch geliebt). Weder ist das Buch populär im reinen Sinn des Wortes (niemand, den ich kenne, hat es gerne gelesen). Noch hält es sich an die ästhetischen Kriterien, die man von einem Roman gewohnt ist und erwarten darf. In den meisten Ländern, in denen „Die Wohlgesinnten“ seit 2007 erschienen sind, stieß das Buch auf mehr oder weniger einhellige Ablehnung. Dies gilt auch für Deutschland, wo der Roman Ende Februar 2008 publiziert wurde. Ich werde im Folgenden die beiden Etappen der Rezeption, die es dort gegeben hat, nachzeichnen. In einem ersten Schritt stelle ich jene Reaktionen vor, die nach der französischen Erstveröffentlichung und der Verleihung des „Prix Goncourt“ an Littell im Herbst 2006 in einigen deutschen Zeitungen erfolgten. Im zweiten Schritt analysiere ich die regelrechte Pressekampagne, die nach der Übersetzung des Romans ins Deutsche im Frühjahr 2008 begann. Den Abschluss bilden einige kritische Bemerkungen zur Art und Weise, in der „Die Wohlgesinnten“ in Deutschland aufgenommen wurden.

II. Die erste Rezeptionswelle im Herbst 2006

Die erste Welle der Rezeption von „Die Wohlgesinnten“ begann in Deutschland im Herbst 2006. Jürg Altwegg, der langjährige Genfer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) machte den Anfang. Am 11. September 2006 schrieb er im Feuilleton unter dem Titel: „Leute, jeder ist ein Deutscher“ über Littells Roman [1]. Im Mittelpunkt stand die Persönlichkeit des fiktiven Ich-Erzählers Max Aue, den Altwegg als „homosexuell und hoch kultiviert“ bezeichnete. Offensiv und selbstherrlich erzähle Aue von seiner Beteiligung an den NS-Verbrechen, vor allem am Massenmord an den sowjetischen Juden. Im Großen und Ganzen habe Littell, so Altwegg, eine angemessene fiktionale Form gefunden, die Shoah darzustellen. Unter dem Einfluss von Maurice Blanchot, Jean Genet und dem Marquis de Sade sei es ihm gelungen, „dem Umgang mit der Barbarei eine neue ästhetische Dimension“ zu eröffnen. Dieser fast uneingeschränkt positiven Rezension folgte wenige Tage später ein Artikel der Wochenzeitung „DIE ZEIT“, in dem Littells „Ästhetisierung des Grauens“ ebenfalls gelobt wurde, obgleich der Autor zugleich die Tendenz zum Kitsch kritisierte [2]. Immerhin konstatierte er, der Roman sei „ein Skandal und lesenswert“.

Diesem Urteil wollte sich der Historiker Peter Schöttler nicht anschließen. Schöttler, Professor für Geschichte am Centre National de la Recherche Scientifique Paris und am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, äußerte sich am 29. Oktober 2006 im Berliner „Tagesspiegel“ [3]. Er unterstellte Littell, dieser wolle „Berühmtheit erlangen“, indem er sein Publikum schockiere. Zu diesem Zweck zwinge er den Leser, sich in die Persönlichkeit Aues, und damit eines NS-Täters, hineinzuversetzen. Schöttler bemängelte, dass Aue eine „Kunstfigur“ sei, dessen deutsch-französische Sozialisation wenig glaubhaft daherkomme. Auch spreche Littell selbst kein Deutsch, was in der französischen Ausgabe zu vielen sprachlichen Fehlern bei den deutschen Begriffen geführt habe. Hauptsächlich stieß sich Schöttler an den pornografischen Schilderungen Littells, die er mit eigenen Übersetzungen aus dem Französischen genüsslich zum Besten gab. Alles in allem haben wir es, so Schöttler resümierend, mit einem Buch zu tun, „das für das historische Verständnis des Holocaust […] kaum etwas beiträgt. Es kann weder die Lektüre der erschütternden Zeitzeugenberichte […] noch die Beiträge der Historiker ersetzen“.

Schöttlers Kritik wurde wenige Wochen später im Wochenmagazin „DER SPIEGEL“ aufgenommen. Dessen Autor bemängelte, Littells Buch sei überflüssig, weil es nichts enthalte, was die historische Forschung nicht schon früher herausgefunden hätte [4]. Ein seltsames Urteil. Man stelle sich vor, Thomas Manns „Josephs-Trilogie“ würde mit dem Hinweis abgetan, es entspreche nicht dem seinerzeitigen Stand der historischen Bibelwissenschaft. Oder Jean-Paul Sartres vierbändige „Wege der Freiheit“ würden als Verfälschung der historischen Realität von Widerstand und Kollaboration in Frankreich im Zweiten Weltkrieg lächerlich gemacht. Mit solchen Urteilen (die mehr über die Urteilenden als über das zu beurteilende literarische Werk aussagen) endete die erste Welle der Rezeption von „Die Wohlgesinnten“ in Deutschland. In deren Mittelpunkt standen zwei Aspekte: die Frage nach dem Grad der historischen Realität und die Frage nach der angemessenen sprachlichen Repräsentation des Massenmordes an den europäischen Juden.

III. Die zweite Rezeptionswelle im Frühjahr 2008

In der zweiten Rezeptionswelle des Romans wurden diese beiden Fragen wieder aufgenommen. Sie begann etwa eineinhalb Jahre später am Samstag, dem 2. Februar 2008. In einem ganzseitigen Artikel auf der ersten Seite des Feuilletons der FAZ kündigte Frank Schirrmacher, seines Zeichens Mitherausgeber dieser Tageszeitung und einer der wichtigsten Meinungsmacher in Deutschland, den Vorabdruck der ersten 120 Seiten des Romans an [5]. Dabei dekretierte er Folgendes: „Dieses Werk stiftet Streit. Ihn wollen wir führen“. Zu diesem Zweck tat die traditionell eher konservative FAZ etwas bis dahin Einzigartiges, ja für sie Unerhörtes: Sie rief im Internet den „F.A.Z. Reading Room“ ins Leben, der mittlerweile abgeschaltet ist (Log-Files scheinen ebenfalls nicht mehr zu existieren). Darin beantworteten Experten, darunter Literaturwissenschaftler, Romanisten, Historiker und Sozialpsychologen, jeden Tag eine andere Frage zu Littells Roman. Zudem war der Vorabdruck auch als Audiodatei und Videostream verfügbar, gelesen vom Schauspieler Christian Berkel [6].

Die Fragen im „Reading Room“ waren von den FAZ-Redakteuren formuliert worden und in bewusst einfacher Diktion gehalten. Einer der wichtigsten deutschen Historiker, der Freiburger Ordinarius Ulrich Herbert, meldete sich am 6. Februar 2008 auf die Frage zu Wort, wie der „ungeheure Erfolg des Romans in Frankreich zu erklären“ sei. Persönlich, so gestand Herbert, finde er „Die Wohlgesinnten“ langweilig und die Geschichte konstruiert [7]. Insbesondere stelle sich Littell den „analytischen Herausforderungen“ nicht, welche durch die Debatten in der historischen Forschung über NS-Täter in den letzten Jahren angestoßen worden seien. Völlig unklar blieben die Sozialisation der Täter und deren Motive. Der Erfolg des Buches in Frankreich, so Herbert, deute darauf hin, dass dort „die historischen Zusammenhänge von Holocaust und Krieg in der Sowjetunion […] einer breiteren Öffentlichkeit nur wenig bekannt“ seien. Mit anderen Worten: er führte Littells Erfolg auf das angebliche Unwissen des französischen Publikums über den Holocaust zurück [8].

Die Debatte in der FAZ lief, wohlgemerkt, vor der deutschen Erstveröffentlichung des Romans, die am 23. Februar 2008 erfolgte. Im Ergebnis legte sie die Sichtweise späterer Rezensenten zu guten Teilen fest. Die meisten Beiträger im „Reading Room“ knüpften nämlich an die beiden Hauptaspekte der ersten Rezeptionswelle von „Die Wohlgesinnten“ an. Sie konzentrierten sich fast ausschließlich auf dessen Realitätsgehalt und dessen sprachliche Gestaltung. Von der FAZ angestoßen, blieben auch die anderen deutschen Tageszeitungen nicht untätig. Nacheinander veröffentlichten die wichtigsten Blätter Rezensionen des Romans. Es ist an dieser Stelle unmöglich, auf die insgesamt mehr als 50 Besprechungen einzugehen. Der Tenor der meisten Rezensenten war ablehnend, wenngleich einige etwas wohlwollender argumentierten. Die schrillsten Töne ließen sich in der sich ansonst so seriös gebenden „DIE ZEIT“ vernehmen, einer Hamburger Wochenzeitung, die der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt mit herausgibt. Die Literaturkritikerin Iris Radisch, der deutschen Öffentlichkeit seinerzeit auch aus dem Zweiten Deutschen Fernsehen („Das literarische Quartett“) wohl bekannt, nannte Littells Buch „literarisch mittelmäßig bis dürftig“; es sei nicht mehr als eine „strategische Provokation“, in der sich Autor und Figur fast „zwillingshaft zu vereinen scheinen“ [9].

Radischs Hauptvorwurf ging aber weiter: Littell fühle sich in die NS-Täter ein und verteidige deren Ideologie. Im vorletzten Satz fragte sie: „Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rassenideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten […] lesen?“. Offenbar meinte sie damit niemand anderen als Littell. Etwas differenzierter, obgleich in der Sache ebenfalls ablehnend, argumentierte der Sozialpsychologe Harald Welzer in derselben Ausgabe von „DIE ZEIT“. Bereits im Titel seines Artikels warf er Littell vor, Fakten und Fiktion zu vermischen, indem er historische Begebenheiten aneinanderreihe [10]. Gleichzeitig bemängelte Welzer aber auch, dass Littell seine dichterischen Freiheiten kaum benutzt habe und sich „unheimlich an jenes Bild anschmiegt, das die Täter von sich selbst gezeichnet haben“. Dies lief auf denselben Vorwurf einer Apologie hinaus, den Iris Radisch vorgebracht hatte.

Radischs und Welzers Verrisse zeichnen sich überdies durch eine weitere Gemeinsamkeit aus: sie beruhten auf Geschmacksurteilen und persönlichen Wertungen wie dem Vorwurf, der Roman sei pornografisch. Beide konstruierten eine angebliche Intention des Autors, die sie anschließend kritisierten, und nahmen den Roman lediglich als „Provokation“ wahr. Dasselbe Muster lässt sich in vielen anderen Besprechungen finden [11]. Die Ausnahme bildeten zwei Rezensionen in „DIE WELT“ und in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), die sich fast ausschließlich auf den literarischen Gehalt des Romans beschränkten [12].

Der überwiegend ablehnenden Haltung der Kritik stand nur eine einzige Stimme entgegen. Sie gehörte Klaus Theweleit, einem Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Philosophen, der in seiner Doktorarbeit „Männerphantasien“ von 1977-1978 ein Dutzend Autobiografien früherer Freikorps-Angehöriger analysiert hatte [13]. Diese „soldatischen Männer“ hatten nach dem Ersten Weltkrieg führende Funktionäre der Arbeiterbewegung wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet [14]. Ihr Habitus, vor allem ihre radikale Gewalt und ihr Frauenbild, ist mit den Charakterzügen Max Aues vergleichbar. Theweleit meldete sich am 24. Februar 2008 in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) zu Wort und nahm die bisherige Rezeption des Romans „Die Wohlgesinnten“ aufs Korn [15]. Er warf dessen Kritikern „journalistischen Rassismus“ vor, weil sie voller Ressentiments gegenüber Littell steckten, einem auf Französisch schreibenden Amerikaner. Auch die Kritik an der sprachlichen Gestaltung teile er nicht. Littells Diktion sei für den Massenmord an den Juden, den er beschreibe, die einzig angemessene. Den Vorwurf, Littell habe eine Kunstfigur geschaffen, hielt Theweleit für völlig absurd, da es sich bei „Die Wohlgesinnten“ um Literatur, also eine Form von Kunst handele [16]. Alles in allem habe die deutsche Literaturkritik bei der Behandlung des Romans vollständig versagt.

IV. Resümee

Die Rezeption des Buches „Die Wohlgesinnten“ in Deutschland war durch drei Gesichtspunkte gekennzeichnet: Erstens ging es um die Frage, inwieweit der Roman „realistisch“, also historisch zutreffend sei. Zweitens wurde der Vorwurf erhoben, dass Littell das Thema „Holocaust“ weder sprachlich noch ästhetisch angemessen behandelt habe, wobei sich die Kritik auf den Vorwurf der „Pornografie“ konzentrierte [17]. Drittens legte ein Teil der Kritiker nahe, Littell wolle die NS-Täter entschuldigen und habe keine Empathie mit den Opfern entwickelt. Alle drei Aspekte müssen nun wiederum auf den Hintergrund der besonderen Rezeptionsbedingungen gesehen werden, die in der Bundesrepublik Deutschland in Sachen Shoah-Literatur bestehen (Reichel/Schmid/Steinbach 2009). Die Massenmedien entwickelten gerade deshalb ein besonderes Interesse an Littells Roman, weil die NS-Vergangenheit seit 1948/49 das zentrale Thema kollektiver Identitätsbildungsprozesse in der Bundesrepublik Deutschland ist. Im Falle von „Die Wohlgesinnten“ führte dieses Interesse dazu, die Rezeption festzulegen, bevor überhaupt der erste Leser die deutsche Übersetzung in Händen hielt.

Aus den besonderen Rezeptionsbedingungen und den inhaltlichen Kritikpunkten an dem Roman „Die Wohlgesinnten“ ergab sich eine eigentümliche Konsequenz. Durchgängig wurden Literatur und Geschichtsschreibung verwechselt [18]. Die Literaturkritik bewertete den Roman nach Kriterien, die gemeinhin nur für geschichtswissenschaftliche Darstellungen gelten. Das ergab sich zum einen aus der Beteiligung von Historikern an der Debatte, die ihr Erkenntnisinteresse und ihr jeweiliges Wissenschaftsethos an den Roman herantrugen. Zum anderen manifestierte sich diese mangelnde Differenzierung zwischen Literatur und Geschichtswissenschaft im Beharren der Kritiker darauf, das Thema „Holocaust“ sei bei Historikern besser aufgehoben als bei Schriftstellern (womit sie en passant auch Überlebenden-Berichte und Memoiren, die ja immer auch literarisch stilisiert sind, diskreditierten). Dabei kann „der Wille, Zeuge zu werden […] für den Deportierten im Lager ein Grund zum Überleben sein“ (Agamben 2003: 13). Das Archiv des Überlebenden ist also immer Teil des Überlebens (der Geschichte) selbst.

Der Pulverdampf der Debatte scheint sich jetzt, bis auf einige Nachhutgefechte [19], verzogen zu haben. Seither obliegt die Analyse von „Die Wohlgesinnten“ den Literaturwissenschaftlern und Romanisten (Golsan/Watts 2012; Koppenfels 2012). Die Historiker hingegen haben mit der Erforschung der Prozesse, die zur Ingangsetzung des Holocaust führten, noch genug zu tun. Forschern meiner Generation, die sich mit der Geschichte des „Dritten Reiches“ beschäftigen, ist immer noch unbegreiflich, wie der NS-Massenmord an den europäischen Juden zwischen 1939 und 1945 in Gang gebracht werden konnte und wie er sich vollzog [20]. Jede neue Monografie, die zu diesem Thema erscheint, vermehrt zwar unser Wissen. Gleichzeitig wird die Interpretation des Massenmordes dadurch jedoch immer schwieriger. Je mehr historisches Wissen, umso komplizierter wird die Interpretation. Die literarische Verarbeitung des Holocaust ist ein anderes Genre, oder, um es mit einem modischen Begriff zu sagen, eine andere „Repräsentation“ [21]: sie ist Literatur und zählt zur Kunst.

Es gibt jedoch eine Gemeinsamkeit von Geschichtswissenschaft und Literatur. Beide bestehen aus dem Schreiben von Texten, die im Ergebnis Narrationen sind [22]. Der Unterschied zwischen beiden Gattungen besteht allerdings darin, dass es sich bei einem Roman um fiktionale, bei einer geschichtswissenschaftlichen Studie um reale Realität handelt [23]. Im Großen und Ganzen aber haben es Literatur und Geschichtswissenschaft, um an dieser Stelle noch einmal auf den eingangs zitierten Barthes zurückzukommen, mit derselben Überschreitung zu tun: mit Schreiben. Was das Schreiben angeht, kann meine Generation von Historikern von Schriftstellern wie Jonathan Littell noch Einiges lernen. Und dies ist eigentlich das größte Kompliment, das man dem Autor von „Die Wohlgesinnten“ abstatten kann: geschrieben zu haben.

 

Fußnoten

[1] Jürg Altwegg: „Leute, jeder ist ein Deutscher. Ein SS-Offizier erzählt in Jonathan Littells erstem Buch von Nazi-Terror und erregt ganz Frankreich“, in: FAZ Nr. 211 v. 11.9.2006, S. 40. Der Schweizer Altwegg ist seit 1986 für die FAZ in Genf tätig und hat einige Monografien über die französischen Intellektuellen veröffentlicht, darunter das Standardwerk „Die Republik des Geistes“.

[2] Michael Mönninger: „Die Banalisierung des Bösen“, in: DIE ZEIT Nr. 39 v. 21.9.2006. Der Autor war von 2003-2007 Frankreichkorrespondent von „DIE ZEIT“ und ist mittlerweile Professor für Kunstwissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschichte der Theorie der Raum- und Baukunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.

[3] Peter Schöttler: „Ripley im Land der Shoah. Vor der Verleihung des Prix Goncourt: Wie Jonathan Littells Skandal-Bestseller ‚Les Bienveillantes’ den Nazi-Terror benutzt“, in: Der Tagesspiegel v. 29.10.2006. Schöttler hat zur Schule der „Annales“ und zur Rolle deutscher Historiker in der NS-Zeit gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm Braudel 2013.

[4] Roman Leick: „Giftige Blumen des Bösen“, in: DER SPIEGEL Nr. 46 v. 13.11.2006, S. 202 ff.

[5] Frank Schirrmacher: „Seid ihr überhaupt sicher, dass der Krieg vorbei ist?“, in: FAZ Nr. 28 v. 2.2.2008, S. 33. Schirrmacher ist von Hause aus Germanist und hat mit einer dekonstruktivistisch inspirierten Arbeit über Franz Kafka und Harald Bloom 1987 in Siegen promoviert.

[6] Auch bei Littells einzigem Leseauftritt in Deutschland las Berkel aus dem Abschnitt „Toccata“, siehe Eckard Fuhr: „Jonathan Littell, der Nazi-Synthesizer“, in: DIE WELT v. 29.2.2008.

[7] Ulrich Herbert: „Nur in Frankreich sensationell. Littell bebildert die Forschung“, in: FAZ-Lesesaal (6.2.2008). Seine wichtigsten Bücher über den NS-Staat sind Herbert 1985, 1996, 1998.

[8] Herberts Einschätzung hebt auf die fast ausschließliche Beschäftigung der französischen Forschung mit der Judenverfolgung im eigenen Land ab, wie sie insbesondere durch Serge Klarsfeld vorangetrieben wurde. Sie ist in Teilen zu hart, man denke nur an die Studien von Jean-Claude Pressac, Annie Lacroix-Riz und Christian Ingrao.

[9] Iris Radisch: „Am Anfang steht ein Missverständnis. Jonathan Littells Buch ’Die Wohlgesinnten’ will uns erklären, warum die Mörder mordeten, aber versinkt in widerwärtigem Kitsch“, in: DIE ZEIT Nr. 8 (14.2.2008). Radisch, die Germanistik, Romanistik und Philosophie studierte, ist seit 1990 als Literaturkritikerin bei „DIE ZEIT“.

[10] Harald Welzer: „Am Ende bleibt die Faszination. Jonathan Littell vermischt in seinem Roman Fakten und Fiktion und wirft die Diskussion um die NS-Täter weit zurück“, in: DIE ZEIT Nr. 8 (14.2.2008). Welzer ist ein ausgewiesener Experte zur Gedächtnisgeschichte, der auch über die Massenerschießungen an der „Ostfront“ 1941/42 gearbeitet hat (Welzer/Møller/Tschugnall 2002; Welzer 2002, 2005, 2011). Mittlerweile engagiert er sich als Leiter der Stiftung „Futur II“ in Berlin und leitet das Norbert Elias Center for Transformation Design and Research an der Universität Flensburg.

[11] Zum Beispiel bei Micha Brumlik: „Mit Eichmann zu Tisch“, in: Frankfurter Rundschau v. 22.2.2008; Jürgen Ritte: „Holocaust als Kolportage“, in: Neue Zürcher Zeitung v. 23.2.2008; Christoph Jahr: „Vergangenheitspolitischer Rückschritt. Jonathan Littell erklärt den Holocaust zur antiken Tragödie“, in: ebd., sowie Wilfried Wiegand: „Max Aue ist ein Monstrum, aber auch ein Montaigne“, in: FAZ Nr. 51 v. 29.2.2008, S. 33.

[12] Tilman Krause: „’Ich bin wie ihr’. Provokation aus Frankreich: Jonathan Littells Roman über den kultivierten SS-Obersturmbannführer Max Aue“, in: DIE WELT Nr. 7 (16.2.2008), S. 1 der Beilage „Die literarische Welt“; Georg Klein: „Die Bosheit der Toten. Für jede Abscheulichkeit gibt es eine Schublade: Mord und Massenmord in Jonathan Littells Roman ‚Die Wohlmeinenden’“, in: SZ Nr. 40 (16./17.2.2008), S. 17.

[13] Theweleit 1986. Dazu Reichardt 2006: 401-421.

[14] Gietinger 2008, 2009.

[15] Siehe „Die jüdischen Zwillinge. Klaus Theweleit greift die Littell-Kritiker an“, in: FAS v. 24.2.2008.

[16] Dies und das Folgende nach Klaus Theweleit: „Wem gehört der SS-Mann?“, in: Die Tageszeitung v. 28.2.2008.

[17] Zu der komplexen Frage, ob ein genuin pornografisches Werk zugleich Literatur sein kann, siehe Meyer 2007: 277 f.

[18] Am deutlichsten wohl bei der Titelstory in: DER SPIEGEL Nr. 11 v. 10.3.2008, die Littells Roman zum Anlass nahm, geschichtswissenschaftliche Fragen der Täterforschung zum NS-Staat zu erörtern. Zu deren Entwicklung Paul 2002: 13-90.

[19] Etwa um Littell 2009, einer Art Vorstudie zu „Die Wohlgesinnten“, in der er die Autobiografie des belgischen Rexistenführers Léon Degrelle analysiert; siehe Harald Welzers Verriss: „Gnadenlose Schwadroneure. Jonathan Littell und Klaus Theweleit ignorieren die moderne Täterforschung“, in: DIE ZEIT Nr. 6 v. 29.1.2009.

[20] Diese Fassungslosigkeit steht auch am Anfang der bislang besten Synthese der NS-Judenverfolgung von Friedländer 1998-2006. Zum Ansatz dieser Studie siehe Friedländer 2007.

[21] Ankersmit 2001: 1-24, hier 11 ff.

[22] Für die Geschichtswissenschaft White 2008; Ricœur 1988-1991; Ankersmit 1990. Dazu Eckel 2007: 201-229.

[23] Zu dieser Unterscheidung Luhmann 2008: 281 u. 381. Zur systemtheoretisch inspirierten Literaturwissenschaft Berg/Prangel 1995, 1997; Dörner/Vogt 2013.

 

Referenzen

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