Bruchstücke der Kritik, erste summula

von arminnolzen

In der 1809 erschienenen Satire „Dr. Katzenbergers Badereise“ lässt Jean Paul den Titelhelden, den verwitweten „ausübende[n] Arzt und anatomische[n] Professor Katzenberger“ (S. 13), der an der „Universität Pira im Fürstentume Zäckingen“ tätig ist, mit seiner Tochter Theoda ins fiktive Bad Maulbronn reisen. Nach einer Badekur steht Katzenberger jedoch nicht der Sinn. Stattdessen will er nach dem dort praktizierenden Brunnenarzt Dr. Strykius suchen, „der seine drei bekannten Meisterwerke […] nicht nur in sieben Zeitungen, sondern auch in sieben Antworten […] auf seine Antikritiken überaus heruntergesetzt hatte“ (S. 16). Katzenberger beabsichtigt, „seinen Rezensenten beträchtlich auszuprügeln“, eine „kritische Rezension, die er von dem Rezensenten selber durch neue Lesarten und Verbesserung der falschen vermittels des Ausprügelns veranstalten wollte“ (der zweite, weit wichtigere Grund von Dr. Katzenbergers Badereise war, einer bevorstehenden Vaterschaft zu entkommen, und der dritte Grund, seine Tochter, die er über alles liebte, „den Nachtwachen am Kindbette“ zu entführen, denn er hatte niemand anderen als deren beste Freundin geschwängert (S. 17).

In Bad Maulbronn angekommen, begibt sich Katzenberger schnurstracks zu seinem Rezensenten, der ihn mit offenen Armen empfängt und seiner Freude darüber Ausdruck verleiht, „den Verfasser einer haematologia und einer epistola de monstris und de rabe canina persönlich zu hören“ (S. 81). Katzenberger, seinem Vorsatz folgend, droht Strykius sogleich mit Prügel, was dieser lachend als einen Scherz abtut und Katzenberger und dessen Tochter zum Essen einlädt (S. 82). Daraufhin tritt Katzenberger den strategischen Rückzug an, bleibt aber entschlossen, Strykius „durch zuvorkommende Unhöflichkeiten […] zu bearbeiten“ (S. 84). Zu diesem Zwecke setzt er „in Strykius Namen einen öffentlichen Widerruf von dessen Rezensionen auf, der er ihn zu unterschreiben und herauszugeben in der Prügelstunde zwingen wollte“.

Kritik, Antikritik, Anti-Antikritik, öffentliche Widerrufe, Gewaltandrohungen: das ist nicht gerade das übliche Vorgehen bei wissenschaftlichen Rezensionen. Dennoch werden selbst aus dieser Satire einige Aspekte deutlich, die für das geschichtswissenschaftliche Feld Gültigkeit beanspruchen dürfen. Rezensionen werden im Allgemeinen als Kritiken des besprochenen Werkes verfasst, und je nach fachlicher und institutioneller Prominenz des kritisierten Autors nutzt dieser seine publizistischen Möglichkeiten zur Gegenrede, so er sich in entweder falsch verstanden oder persönlich verunglimpft fühlt. Kritik wie Antikritik bei Rezensionen zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie einen nachrangigen Sachverhalt (bei Katzenberger seine Bücher über so absurde Themen wie Missgeburten bei Tieren und die Wasserscheu) hypostasieren, ihn zu einer Frage der persönlichen Ehre (heute durch das Wort „Reputation“ zu ersetzen) stilisieren, kurzum: Argumente ad rem zu Argumenten ad hominem umfunktionieren. Kritik allerdings ist immer ein Diskurs über einen Diskurs, eine sekundäre Sprache oder Metasprache (Barthes 2006: 120), und damit ein Text über einen Text. Sie hat mit der Person des Verfassers des Kritisierten zunächst einmal nichts zu tun, denn es geht ihr nicht darum, das Zustandekommen eines Textes biografisch zu erklären, sondern diesen Text auf seine Schlüssigkeit zu prüfen.

Als Praxis des schreibenden Historikers ist die Rezension nachgerade terra incognita. Sie kommt selbst in einschlägigen Werken „Von der Arbeit des Historikers“ nicht vor (Kwaschik/Wimmer 2010). Die Frage, was eigentlich eine Rezension ist, interessiert die Geschichtswissenschaft offenbar überhaupt nicht; sie scheint eine Domäne der Linguistik. Die meisten Analysen, die es in dieser Fachdisziplin zum Thema „Rezension“ gibt, basieren auf Auswertungen einschlägiger Presseorgane, gehorchen mithin den Imperativen des Kulturjournalismus. Gernot Stegert geht davon aus, dass „eine umfassende, präzise und brauchbare Bestimmung einer Textsorte […] die Fülle kommunikationsrelevanter Aspekte berücksichtigen und möglichst breit empirisch fundiert sein müsse“ (Stegert 1997: 89-110, hier 93). Er unterscheidet zwischen konstitutiven, typischen, fakultativen und ausgeschlossenen Elementen, die die Textsorte „Rezension“ charakterisierten. Diese sei zu bestimmen als „Beitrag in einem öffentlichen Medium […], mit dem ein Journalist für möglichst viele Leser ein rezipiertes Kulturereignis […] unter anderem beschreibt, erklärt, einordnet, deutet und/oder bewertet […]. Denn dies sind konstitutive Handlungen des Rezensierens. Auswahl und Anordnung sind weder regelhaft noch prototypisch. Nicht konstitutiv, aber charakteristisch für die Rezension ist, daß sie offen ist für vielfältige sprachliche Handlungen (fakultative Bausteine), auch für solche, die in anderen journalistischen Textsorten unüblich oder sogar ausgeschlossen sind, etwa das Empfehlen oder Abraten“ (ebd.: 103).

Für die Zwecke der Geschichtswissenschaft genügt diese Definition; man muss bloß das Wort „Journalist“ durch Historiker ersetzen oder ergänzen. Im Folgenden soll es nicht darum gehen, konstitutive Bestandteile von geschichtswissenschaftlichen Rezensionen festzulegen und zu einer Art Theorie der Fachrezension zu gelangen. Vielmehr werden unter der Rubrik „Bruchstücke der Kritik“ in loser Folge unzusammenhängende Notizen und Gedanken veröffentlicht, die meinen publizierten Rezensionen zugrunde liegen. Dazu zählen Lektüreeindrücke, Stichpunkte, Verständnisfragen, aber auch Kritik an der sprachlichen Verfasstheit der besprochenen Werke, die man gemeinhin in einer gedruckten Rezension nicht äußert. Ziel ist es, den Blick dafür zu schärfen, wie eine solche Rezension eigentlich zustande kommt, welche Schwerpunkte das schreibende Ich dabei setzt und welche Funktion die Lektüre dabei erfüllt. Denn eines ist klar: ohne das zu besprechende Werk zuvor gelesen zu haben, gibt es keine Rezension. Dem Rezensieren muss das Lesen vorausgegangen sein.

Die „Bruchstücke“ gehen von zweierlei aus: einer Verlustdiagnose, mithin der subjektiven Empfindung, dass Rezensionen, jedenfalls in der Zeitgeschichte, nur noch Pflichtübungen sind, deren hauptsächliche Funktion in einer marktgängigen Anpreisung der Ware „Buch“ besteht (siehe ad personam), und einer Prophezeiung, die damit zusammenhängt: jedes Werk, das ohne Antwort bleibt (das nicht kritisch rezensiert wird) plustert sich zu einer riesigen apodiktischen Behauptung auf (Barthes 2005: 231), mithin: es konstituiert sich selbst als „gültig“. Wenn der Niedergang der Rezension nicht gestoppt wird, dann ergeben sich geschichtswissenschaftliches Wissen, Plausibilität und Geltung nachgerade von selbst. „Wahr“ ist dann alles, was geschrieben wurde, nicht mehr, was das geschichtswissenschaftliche Feld geprüft hat und als „wahr“ erachtet.

Um diese Prüfung aber geht es den „Bruchstücken“. Sie wollen zweierlei: den Prozess des geschichtswissenschaftlichen Rezensierens transparenter gestalten, ja, überhaupt am Leben halten. Und sie heißen „Bruchstücke“, weil sie keinen durchgeschriebenen Text bilden, mithin keine Rezensionen im Sinne des Wortes sind. Aber geht es beim scripturire nicht darum, anders Geschichte zu schreiben, als man bisher geschrieben hat?

Die „Bruchstücke“ beginnen mit einem Buch von Othmar Plöckinger (Plöckinger 2013), das ich in Band 30 der „Beiträgen zur Geschichte des Nationalsozialismus“ bespreche, die im September 2014 beim Wallstein-Verlag in Göttingen erscheinen werden. Es ist zweifelsohne eines der wichtigsten Bücher zur Frühgeschichte des Nationalsozialismus nach dem Ersten Weltkrieg, die immer noch nicht zureichend erforscht ist.

Was will Plöckinger über Hitler wissen?
► „Die Frage nach den Ursprüngen von Hitlers Ideologie hat die Forschung immer wieder beschäftigt. Im Zentrum stehen dabei zum einen der Antisemitismus, zum anderen dessen Verhältnis zum Antibolschewismus“ (S. 11)
► „Mit den neueren Erkenntnissen über Hitlers Zeit in Wien und München einher geht die Debatte um den Einfluss, den die politischen Ereignisse in Bayern, vor allem die Räterepublik und ihre Folgen, auf Hitlers Entwicklung ausgeübt haben. Seit den 1960er Jahren wurde die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Antisemitismus, Antibolschewismus und Nationalsozialismus immer wieder diskutiert. Die Deutungen reichten von einem ,Transfer‘ antisemitischer Weltverschwörungsideen aus der antibolschewistischen russischen Emigration in den frühen Nationalsozialismus bis hin zu der Ansicht, der Antisemitismus der Nationalsozialisten sei vor allem ein Reflex auf den Bolschewismus gewesen“ (S. 12)
► „Für die Herausbildung von Hitlers Ideologie ist dabei keineswegs entscheidend, welche Zeitungen, Flugblätter, Broschüren oder Bücher er im Einzelnen tatsächlich gelesen hat, sondern welchen Strömungen und Vorstellungen er sich gegenüber sah“ (S. 13)
Es geht Plöckinger also um die Etablierung von Hitlers Ideologie, genauer: um den spezifischen Zeitpunkt, zu dem sich einzelne Versatzstücke wie Antibolschewismus und Antisemitismus zu einer kohärenten Ideologie kristallisierten, und um das Verhältnis dieser einzelnen Versatzstücke untereinander.

Was sind Plöckingers Quellen?
► unzählige Archivalien aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Kriegsarchiv, in München
► Aktenbestände des Hauptarchivs der NSDAP (als Mikrofilme im Institut für Zeitgeschichte in München eingesehen)
► knapp 50 Zeitungen und Zeitschriften
► Dutzende Dokumentensammlungen und wissenschaftliche Editionen
► über 100 zeitgenössische Flugschriften, Propagandabroschüren und NS-Schriften
Insbesondere die Zusammenstellung der Quellen ist einzigartig. Bislang basieren die meisten Arbeiten über Hitlers Entwicklung im und nach dem Ersten Weltkrieg entweder auf der einschlägigen Memoirenliteratur und dessen Selbststilisierungen in „Mein Kampf“ (Kershaw 1998-2000) oder auf den militärischen Akten des Regiments List (Weber 2011). Plöckinger aber ist der erste Autor, der ganz verschiedene Quellengattungen auswertet.

Wie geht Plöckinger vor?
► 1. Teil: „Soldaten“ (S. 27-178) behandelt Hitlers Tätigkeiten in der Reichswehr zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und seiner Entlassung am 31. März 1920. Auf der Basis der erhaltenen archivalischen Quellen aus dem Bayerischen Kriegsarchiv verfolgt Plöckinger die Spuren seines Protagonisten, konfrontiert die Ergebnisse mit den bisherigen Ansichten der Sekundärliteratur und korrigiert diese in vielen Punkten. Am wichtigsten scheinen mir dabei die Präzisierungen zu sein, die Plöckinger für die Frühgeschichte der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), der späteren NSDAP, beibringt. Insbesondere Hitlers erster Besuch einer DAP-Versammlung, der am 12. September 1919 in München stattfand (S. 143-153), erscheint so in einem vollkommen neuen Licht
► 2. Teil: „Agitatoren“ (S. 179-341) liefert eine minutiöse Rekonstruktion des „völkisch“-antisemitischen Diskursfeldes in Bayern in der Zeit von 1918 bis 1920. Akribisch wertet der Autor Zeitungen und Zeitschriften des rechtsradikalen, aber auch des demokratischen Spektrums aus. Das geschieht im Wesentlichen im Hinblick auf die Themen „Antisemitismus“ und „Antibolschewismus“, obgleich der Schwerpunkt der Herangehensweise eher quantitativ denn qualitativ ist. Argumentiert Plöckinger im 1. Teil eng an der Person Hitlers entlang, so ist er im 2. Teil eher um die Rekonstruktion der den Weltkriegsgefreiten umgebenden (Münchener) Gesellschaft bemüht. Im Zentrum steht die Kontextualisierung von Hitlers berüchtigtem Brief an Adolf Gemlich vom 16. September 1919, der gemeinhin als erster geschlossener ideologischer Text des späteren Diktators gilt (S. 332)
Plöckingers Methode kann am ehesten als kritische Prüfung der bisherigen Sekundärliteratur durch Heranziehung von archivalischen Überlieferungen (1. Teil) und als Diskursanalyse des „völkisch“-antisemitischen Feldes in Bayern nach dem Ersten Weltkrieg (2. Teil) bezeichnet werden. Die Diskursanalyse ist, ohne sich explizit an Michel Foucault anzulehnen (Foucault 1981; Ziege 2002: 9-22; Landwehr 2004: 103-134), darum bemüht, die Bedingungen des Auftretens des „völkisch“-antisemitischen Diskurses zu klären. Dabei springt Plöckinger zwischen zivilem und militärischem Schrifttum hin und her.

Was sind Plöckingers Ergebnisse?
► „So unbefriedigend es letztlich sein mag, die vorhandenen Quellen lassen keine konkreten Rückschlüsse auf die politischen Einstellungen Hitlers in der Zeit bis März 1919 zu“ (S. 41)
► „Die Verhältnisse in München in den letzten Wochen der Räterepublik lassen es keineswegs zu, aus Hitlers Wahl zum Kasernenrat eine Unterstützung des Räteregimes oder Sympathien für die Sozialdemokratie abzuleiten. Die weiteren Entwicklungen verweisen vielmehr eindeutig auf das Gegenteil“ (S. 65)
► „Und auch Hitlers Rolle als V-Mann beim Besuch der DAP am 12. September 1919 lässt sich nicht verifizieren. Vielmehr haben sich Hitlers politische Bestrebungen, die durch seine bisherigen Tätigkeiten zwar bereits grundgelegt waren, nun aber zusehends nach praktischer Betätigung verlangten, und das Bemühen der Reichswehr um Einfluss auf die politische Szene in München hervorragend ergänzt“ (S. 153)
► „Übrig bleibt das Bild eines in und von militärischen Stellen gut versorgten Aktivisten, der der aufstrebenden DAP als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde“ (S. 177)
► „Aufgrund der zentralen Rolle des Heimatdienstes für die Ausstattung der Bibliotheken und der Propagandisten der Reichswehr ist davon auszugehen, dass Hitler nicht nur mit den Publikationen des Heimatdienstes vertraut war, sondern im Wesentlich[en] auch mit jenen des Generalsekretariats“ (S. 246)
► „Dass Hitler unter diesen Umständen mit den Flugblättern und Handzetteln des Schutz- und Trutzbundes vertraut war, ist anzunehmen“ (S. 256)
► „Damit wird deutlich, dass sich Hitler mit dem Ausscheiden aus dem Heer letztlich einer Umgebung entledigte, die ihm zusehends zur Fessel geworden war. So fundamental sein Antisemitismus war, so wenig konnte er ihn als Angehöriger des alten Heeres […] in den Mittelpunkt seiner Agitation stellen“ (S. 342)
Im Grunde genommen zeichnet Plöckinger das Bild einer Fundamentalpolitisierung Hitlers, die Ende 1919/Anfang 1920 stattfand, als sich für ihn das Ende seiner beruflichen Perspektive im alten Reichsheer abzeichnete. Innerhalb der bayerischen Armee, in der Hitler nach dem Ende des Ersten Weltkrieges immer wieder neue Betätigungsfelder gefunden hat, war er mit dem radikalen Antibolschewismus und Antisemitismus in Verbindung gekommen, die sich wenige Jahre später zu zentralen Agitationsinstrumenten der NSDAP auf ihrem Weg zur Massenbewegung entwickeln sollten. Allerdings weist Plöckinger darauf hin, dass Hitler sich für den Antibolschewismus zu diesem Zeitpunkt kaum interessierte und den Antisemitismus bereits soweit internalisiert hatte, dass von der spezifischen Prägung durch das Militär keine Rede sein kann. Seinen Ausführungen ist auch zu entnehmen, dass man eigentlich nicht davon sprechen kann, dass sich diese oder jene Inhalte von Hitlers „Weltanschauung“ aus diesen oder jenen Gründen zu diesen oder jenen Zeitpunkten zu einer festen Ideologie kristallisiert haben. Die letzte Konsequenz, die Frage nach der Etablierung einer „Weltanschauung“ als unbeantwortbar abzulehnen, zieht er freilich nicht.

Was können wir eigentlich über Hitlers „Weltanschauung“ wissen?
Die Frage nach der Verfestigung ideologischer Dispositionen bei einem historischen Akteur ist meines Erachtens nicht ohne einige robuste theoretische Vorannahmen und ein methodisches Umkreisen des Themas in den Griff zu bekommen. Es bedarf einer Sozialisationsgeschichte, die sich nicht etwa auf einen fixen Zeitpunkt (wie etwa die beiden Jahre 1919/1920) beschränken sollte, sondern seit der frühkindlichen Erfahrung möglichst viele biografische Prägungen berücksichtigen muss. Es gibt viele biografische Methoden, mittels derer eine solche Analyse möglich wäre. Besonders vielversprechend erscheint mir die Theorie des Habitus und der Habitusprägung von Pierre Bourdieu (Bourdieu 1993: 97-179; Bourdieu 2009; Fröhlich/Rehbein 2009). Im Falle Hitlers könnte man untersuchen, wie sich Denk- und Wahrnehmungsschemata innerhalb des Feldes der Macht (Bongaerts 2008: 145-237) in den Jahren 1919-1920 herausbildeten. Oder aber man könnte analysieren, in welchen Feldern sich Hitler seit seiner Kindheit bewegte und wie sein Habitus im Zusammenspiel zwischen Feldposition und gesellschaftlichen Dispositionen geprägt wurde.

Plöckingers Vorgehen ist demgegenüber konventionell. Er geht von zwei Voraussetzungen aus, die er nicht näher ausführt. Die erste ist, dass Hitler die analysierten Texte entweder gelesen oder zumindest zur Kenntnis genommen hat, die zweite, dass er sich Teile daraus aneignete, was sich schließlich zu einer „Weltanschauung“ kristallisierte. Was Bourdieu den „praktischen Sinn“ nennt, wird auf diese Weise ausgespart beziehungsweise intellektualisiert (die Aneignung wird bei Plöckinger, jedenfalls subkutan, als lesende Praxis gedacht, nicht als ein Aufschnappen im Sinne eines „gesunden Menschenverstands“). In gewisser Weise ist die Forschung zu Hitlers „Weltanschauung“, sofern die Frage nicht anders angegangen wird, zu einem Ende gekommen. Die Argumente und das Vorgehen bleiben letztlich tautologisch, d.h. der Autor schränkt seine Analyse auf die Jahre 1919-1920 ein, in deren Rahmen er zwar durchaus zu begründeten Aussagen kommt, die aber immer nur negative sind (eine besondere Aneignung antisemitischer Ideologeme lässt sich in diesem Zeitraum nicht feststellen etc.).

Letztlich scheint die Frage nach der Etablierung einer „Weltanschauung“ jenseits des rein biografischen Interesses an Hitler nicht gerade weiterführend zu sein. Es sei denn, man setzte Hitlers „Weltanschauung“ mit dem Nationalsozialismus gleich (wozu Plöckinger tendiert) und billigte ihr immer schon eine zentrale Rolle für die späteren Praktiken des NS-Regimes, vor allen Dingen für den Massenmord an den europäischen Juden zu. Bourdieu würde das Ganze einen intellektualistischen Fehlschluss genannt und sich gegen die Ansicht gewendet haben, dass sich Ideen/Motive unverändert in spezifische Handlungen transformieren. Das ist die eigentliche Aufgabe der kommenden Geschichtsschreibung zum NS-Staat: die Ideologie zu dezentrieren.

 

Intertexte

Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, hg. v. Éric Marty, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

ders.: Am Nullpunkt der Literatur. Literatur oder Geschichte. Kritik und Wahrheit, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006

Bongaerts, Gregor: Verdrängungen des Ökonomischen. Bourdieus Theorie der Moderne, transcript: Bielefeld 2008

Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, 2. Aufl., Suhrkamp: Frankfurt am Main 2009 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1976]

ders.: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1993

Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1981 (Taschenbuchausgabe)

Fröhlich, Gerhard/Rehbein, Boike (Hg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk- Wirkung, Metzler: Stuttgart/Weimar 2009

Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise. Anm. v. Max Meier. Nachwort v. Otto Mann. Durchges. sowie um Anm. erw. Ausg., Reclam: Stuttgart 1986

Kershaw, Ian: Hitler, 2 Bde., DVA: Stuttgart 1998-2000

Kwaschik, Anne/Wimmer, Mario (Hg.): Von der Arbeit des Historikers. Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, transcript: Bielefeld 2010

Landwehr, Achim: Geschichte des Sagbaren, Einführung in die Historische Diskursanalyse, 2., unveränd. Aufl., edition diskord: Tübingen 2004 [ursprgl. erschienen: 2001]

Plöckinger, Othmar: Unter Soldaten und Agitatoren. Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär 1918-1920, Ferdinand Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2013

Stegert, Gernot: Die Rezension: Zur Beschreibung einer komplexen Textsorte, in: Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung 31 (1997), S. 89-110

Weber, Thomas: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit, Propyläen: Berlin 2011

Ziege, Eva Maria: Mythische Kohärenz. Diskursanalyse des völkischen Antisemitismus, UVK: Konstanz 2002