Mitgliedschaft in der NSDAP

von arminnolzen

I. Ein Projekt über die Bremische Bürgerschaft

Vor wenigen Tagen, am 24. April 2014, fand im Haus der Bremischen Bürgerschaft in der Hansestadt Bremen eine Veranstaltung statt, bei der die Projektstudie „Die NS-Vergangenheit früherer Mitglieder der Bremischen Bürgerschaft“ der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Deren Bearbeiter, PD Dr. Karl Ludwig Sommer, skizzierte einleitend die Ergebnisse dieser Auftragsarbeit. Sommer hat in den für das Thema einschlägigen Archiven recherchiert und biografische Angaben zu 425 Abgeordneten, die seit April 1946 der Bremischen Bürgerschaft angehörten, in einer Datenbank zusammengetragen. Dabei ging es ihm um die Rolle, die diese Abgeordneten in der NS-Zeit gespielt hatten. Ihre „NS-Vergangenheit“ wurde anhand folgender Kriterien überprüft: der Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), ihrer Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS), der langjährigen Zugehörigkeit und Führungsposition in einer NS-Jugendorganisation oder einem angeschlossenen Verband der NSDAP, der Ausübung ranghöherer Funktionen im NS-Regime, der hauptamtlichen Tätigkeit in einer der „gleichgeschalteten“ wirtschaftlichen und berufsständischen Organisationen oder für eine NS-Zeitung sowie der vergeblichen Bemühungen um eine Aufnahme in die NSDAP.

Auf der Basis dieser Kriterien ermittelte Sommer insgesamt 96 von 425 Personen (= 22,6%) als „Betroffene“. 86 davon (= 89,6%) hatten vor 1945 der NSDAP angehört. „Mitgliedschaft in der NSDAP“ ist also das wichtigste Kriterium, um einer Person eine „NS-Vergangenheit“ attestieren und sie als „Betroffene“ einstufen zu können. Methodisch folgt das Bremer Projekt im Großen und Ganzen jenen Studien zur NS-Vergangenheit ehemaliger Landtagsabgeordneter, die in den letzten Jahren in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen erarbeitet worden sind, nimmt jedoch eine wichtige Veränderung vor. Sommer betrachtet, wie er in seinem Einführungsvortrag bemerkte, die namentliche Nennung der „Betroffenen“ als „sekundär“. Er wertet seine Datenbank nach quantitativen Gesichtspunkten aus, ohne auf den Einzelfall zu rekurrieren. Dieses Vorgehen ist zu begrüßen, denn es schärft (jenseits der Skandalisierung einzelner Namen, wie sie in solchen Fällen üblich ist) den Blick für sozial- und strukturgeschichtliche Aspekte. Gleichwohl besteht darin auch eine gewisse Gefahr: die Motivation, weitere biografische Forschungen zu generieren, wäre sicherlich höher, wenn sich das öffentliche Interesse auf einzelne Personen konzentrierte.

Die Debatte über die „braunen Flecken“ ehemaliger westdeutscher Landtagsabgeordneter ist, bei allen Unterschieden, die sich in den einzelnen Bundesländern ergeben haben, durch eine wichtige Gemeinsamkeit geprägt. Allenthalben wird betont, dass die bloße Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände zu einer Gesamtbeurteilung des Verhaltens „Betroffener“ wenig beitrage. Auch der Bearbeiter der Bremer Projektstudie scheint diese Ansicht zu teilen. Und in einem Kurzbericht über die Veranstaltung, der in der „TAZ“ Nord/Bremen am darauffolgenden Tage erschienen ist, fasste der Berichterstatter die Ergebnisse in dem Sinne zusammen, dass die reine NSDAP-Mitgliedschaft keine große Aussagekraft habe. Geringe Aussagekraft heißt jedoch auch: es besteht immerhin eine. Nur wurde diese in bisher keinem Projekt zu den westdeutschen Landtagen auch nur ansatzweise zu bestimmen versucht! Das ist durchaus verständlich, denn die jeweils zugrundeliegenden Aufträge beschränkten sich eben auf die bloße Datenerhebung.

Das Interpretieren dieser Daten bleibt also in der Regel jenen Historikern überlassen, die sich, wie das schreibende Ich, um eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der NSDAP bemühen. In diesem Zusammenhang steht auch die Frage, welche Aussagekraft denn nun eine Mitgliedschaft in der NSDAP besitzt. Mit anderen Worten: was bedeutet es eigentlich, wenn jemand nach 1933 in diese Organisation eintrat, und welche Rückschlüsse lassen sich daraus im Hinblick auf das Verhalten des „Betroffenen“ nach 1945 ziehen? Dies ist die eigentliche Arbeit von Historikern: nicht nur die bloßen Daten oder Fakten zu erheben, sondern diese zu erklären zu versuchen (und erklären heißt eben: mit Bedeutung versehen, gewichten).

Im Zentrum der vielfältigen öffentlichen Debatten, die sich in den letzten Jahren um die Frage nach der Mitgliedschaft in der NSDAP rankten (Herwig 2013), steht immer der Anfangsverdacht einer (direkten oder indirekten) Mitwirkung der „Betroffenen“ an den NS-Verbrechen. Deshalb laufen die Debatten bislang immer wie ein Gerichtsverfahren ab, in dem Ankläger, Verteidiger und Richter das Wort ergreifen. Dieser Verantwortungsindividualismus versagt jedoch, weil das NS-Regime eine Kooperationsstruktur mit verbrecherischen Zielen war (Schefczyk 2012: 198). Die NS-Verbrechen kamen ja aufgrund eines kausal kaum zuzurechnenden Zusammenwirkens vieler Akteure zustande, so dass die Suche nach individueller Verantwortung ins Leere läuft. Ich will die Frage, die in der Debatte um die Mitgliedschaft in der NSDAP im Zentrum stehen sollte, deshalb wie folgt umformulieren: Ab wann kann davon die Rede sein, dass sich jemand an der Bildung und Aufrechterhaltung einer Kooperationsstruktur mit verbrecherischen Zielen beteiligt hat? Es geht mir nicht mehr um individuelle Mitwirkung an Verbrechen, sondern um persönliche (durchaus auch strafwürdige) Verantwortung für historisches Unrecht.

Welche Anhaltspunkte für eine Beantwortung dieser Frage sind dem Kriterium „Mitgliedschaft in der NSDAP“ zu entnehmen? Das Thema ist sehr komplex, weil unter dem Begriff „NSDAP“ ein regelrechtes Konglomerat von Organisationen zu verstehen ist, die mittlerweile zwar allesamt gut erforscht sind (dazu Orlow 1969-1973; Pätzold/Weißbecker 2009; Benz 2009). Die Mehrzahl der Studien ist allerdings aus der Perspektive ihrer jeweiligen Organisationsspitzen geschrieben und vernachlässigt die internen Mitgliedschaftsmechanismen, also Eintritt, Tätigkeiten als Mitglied und/oder Funktionär und Austritt. Im Folgenden werde ich ein Beispiel für diese Mechanismen vorführen, und zwar anhand eines Teilbereiches der NSDAP: der Politischen Organisation (P.O.), mithin der „Partei“ im engeren Sinn (II). Abschließend werde ich einige Thesen entwickeln, wie man mit dem durchaus sperrigen Kriterium „Mitgliedschaft in der NSDAP“ im Hinblick auf die westdeutschen Landtagsabgeordneten umgehen könnte (III).

II. Die Übernahme der Rolle „Mitglied in der Partei“ nach 1933

Am 30. Januar 1933 hatte die NSDAP insgesamt 850.000 Mitglieder. Danach differenzierte sie sich allerdings schnell zu einem riesenhaften Apparat aus. Dies resultierte aus den freiwilligen Masseneintritten in die Partei und jenem Prozess der „Gleichschaltung“, also der Einverleibung bestehender Vereine und Verbände durch die Fach- und Berufsorganisationen der NSDAP. Die „Gleichschaltung“ beruhte teilweise auf Zwang, teilweise auf Freiwilligkeit. Zwang lag etwa bei der Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 1. und 2. Mai 1933 vor; Freiwilligkeit etwa bei der vorauseilenden Einführung von „Führerprinzip“ und „Arierparagraph“ in vielen bürgerlichen Organisationen wie den Landwirtschaftsverbänden und den Krieger- und Schützenvereinen. Der Kern der NSDAP war die P.O., der auf Reichsebene im Januar 1935 fast 2,5 Millionen Personen angehörten, davon übrigens nur 136.197 Frauen (= 5,5%). Es folgten die Gliederungen, die keine eigene Rechtspersönlichkeit und kein eigenes Vermögen besaßen und in der anliegenden Tabelle mit der SA beginnen. Schließlich sind die angeschlossenen Verbände zu nennen, deren größter die Deutsche Arbeitsfront (DAF) war und die den unteren Teil dieser Tabelle bilden.

Ich habe die entsprechenden Zahlen des Gaues Weser-Ems (Rademacher 2000, 2005), zu dem die Stadt Bremen in der NS-Zeit gehörte, aus illustrativen Gründen hinzugefügt; wohl wissend, dass die späteren Bürgerschaftsabgeordneten mit „NS-Vergangenheit“ nicht auch vor 1945 dort gelebt haben müssen. Im Folgenden geht es mir um die Mitglieder der P.O., die auch „Parteigenossen“ genannt wurden. Nach dem 30. Januar 1933 gab es eine Million Aufnahmeanträge in die Partei, so dass zum 1. Mai 1933 eine allgemeine Mitgliedersperre verhängt wurde. Die Aufnahme wurde am 1. Mai 1937 wieder freigegeben, woraufhin fast zwei Millionen Neueintritte folgten. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wuchs die Partei durch die Annexionen Österreichs, des Sudeten- und Memellandes auf 5,3 Millionen Mitglieder an. Am 8. Mai 1945 besaß sie schließlich mehr als 8,5 Millionen Mitglieder (Kater 1983: Figure 1; Kupfer 2006).

Der Eintritt in die Partei erfolgte freiwillig aufgrund eigener Entscheidung und der eigenhändigen Unterschrift auf einem Aufnahmeantrag (Buddrus 2003: 21-26). Mit der Unterschrift versicherte der Antragsteller Folgendes: „Ich bin deutscher Abstammung und frei von jüdischem oder farbigem Rasseneinschlag, gehöre keinem Geheimbund, noch einer sonstigen verbotenen Gemeinschaft oder Vereinigung an und werde einer solchen […] nicht beitreten. Ich verspreche, als treuer Gefolgsmann des Führers die Partei mit allen meinen Kräften zu fördern“ (Reichsverwaltungsordnung 1938: 105). Der zuständige Ortsgruppenleiter, bei dem der Antrag gestellt wurde, musste diesen befürworten. Die Partei war also ein Kooptationsorgan, das prüfte, wer ihm angehören sollte, und denjenigen ablehnte, den es als „unwürdig“ ansah.

Beim Eintritt in die Partei nach 1933 handelte es sich also um aktive und bewusste Übernahme einer Rolle, die ich als „Mitglied in der Partei“ bezeichne. Diese Rollenübernahme geschah in vollem Wissen um die Zielsetzungen der Partei, die in ihrem „25-Punkte-Programm“ vom 24. Februar 1920 niedergelegt worden waren. Sie war an die Bedingung der „Würdigkeit“ geknüpft, die in einem Fragebogen nachgeprüft wurde, der zusätzlich zum Antrag ausgefüllt werden musste und Angaben zu Staatsangehörigkeit und „Volkszugehörigkeit“ des Antragstellers, seiner Eltern und seines Ehegatten, zur früheren Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge und zu Vorstrafen enthielt (Reichsverwaltungsordnung 1938: 107 f.). Sowohl die historische Forschung als auch das öffentliche Interesse am Thema konzentrieren sich auf den Vorgang des Eintritts in die Partei bzw. auf die Motive, die dazu führten. Es ist jedoch unmöglich, aus den zur Verfügung stehenden Quellen solche Motive überhaupt zu rekonstruieren. Mich interessieren hingegen Konsequenzen des Parteieintritts, d.h. zum einen die in der Regel mehrjährige Verweildauer, zum anderen die individuelle Ausgestaltung der Mitgliederrolle in der Partei. Ganz allgemein zog die Übernahme der Rolle „Mitglied in der Partei“ eine doppelte Konsequenz nach sich: sie ermöglichte dem neuen Parteimitglied erstens etwas und sie schränkte das neue Parteimitglied zweitens ein und erlegte ihm spezifische Pflichten auf (Giddens 1997: 222-228; Joas/Knöbl 2004: 393-429).

Welche Möglichkeiten eröffneten sich also durch den Parteieintritt und welche Einschränkungen mussten Parteimitglieder in Kauf nehmen? Zu den Möglichkeiten: Ein Parteieintritt nach 1933 ermöglichte eine gewisse soziale Aufwärtsmobilität, die in erster Linie in materiellen Vorteilen begründet lag (Beispiele sind außerlaufbahnmäßige Beförderung von Beamten, Bevorzugung bei Lehrstuhlberufungen, Bereicherung an jüdischem Eigentum und Erweiterung des Kundenstamms im Fall mittelständischer Unternehmen und bei Einzelhändlern). Die wichtigste Möglichkeit, die ein Parteieintritt eröffnete, war ein Funktionärsamt, also die Übernahme der Rolle „Politischer Leiter“. Von den 502.662 Politischen Leitern der Partei am 1. Januar 1935 amtierten mehr als 92 Prozent ehrenamtlich, was auf ein überaus hohes freiwilliges Engagement schließen lässt. Nur die hauptamtlichen Politischen Leiter wurden bezahlt und besaßen Ansprüche auf Versorgung nach Ausscheiden aus dem aktiven Parteidienst sowie auf Fürsorgeleistungen und Zurückstellung von diversen NS-Dienstpflichten. Ehrenamtliche Politische Leiter übten im Alltag eine beträchtliche Macht über die ihnen anvertraute Bevölkerung aus (Schmiechen-Ackermann 2000; Meyer 2002), Sie bekamen Aufwandsentschädigungen, und ihnen wurden vielerlei öffentliche Ehrungen zuteil.

Die Pflichten der „Parteigenossen“ bestanden in der regelmäßigen Zahlung des Mitgliedsbeitrags, im Tragen des Parteiabzeichens in der Öffentlichkeit, einer Teilnahme an Parteiveranstaltungen (Versammlungen, „Schulungen“, paramilitärischen Übungen sowie den jährlichen Feierlichkeiten am 24. Februar und 9. November), der Bereitschaft zur Übernahme von Funktionsämtern auf der Ortsgruppenebene, der Unterstützung der Ziele des Parteiprogramms vom 24. Februar 1920, dem Nachweis der „arischen Abstammung“ und der „Erbgesundheit“ der Familie, einem Unterlassen des „Umgangs mit Juden“ und „Fremdrassigen“, dem Niederlegen ihrer Kirchenämter und dem Verzicht auf ostentative „konfessioneller Betätigung“ (Nolzen 2011: 151-179), dem Bezug der Parteipresse sowie einer Vielzahl weiterer Verhaltensanforderungen. Generell bedurfte es eines permanenten öffentlichen Bekenntnisses zur Partei und zu ihren rassistischen und antisemitischen Zielen und eines aktiven Eintretens dafür. Dieses Verhalten wurde durch die Parteigerichtsbarkeit und durch das Ortsgruppen-, Zellen- und Blocksystem als innerparteiliche Sanktionsapparate kontrolliert (Nolzen 2000: 965-989; Reibel 2002). Lange Zeit hat die historische Forschung in der Partei primär einen Apparat der sozialen Disziplinierung gesehen. Neuere Studien zeigen hingegen, dass die Ermöglichungsfunktionen der Partei überwogen (Müller-Botsch 2009) und die Disziplinierung die Ausnahme darstellte. Die Partei war also eher ein Apparat der Ermöglichung und weniger einer der Disziplinierung.

Dies zeigt sich auch an einem weiteren Sachverhalt, den die historische Forschung bisher kaum thematisiert hat, nämlich den Nichtparteimitgliedern. Bei der Rolle „Nichtmitglied in der Partei“ sind vier Gruppen zu unterscheiden: Personen, die ihr nicht angehören durften (Juden, Freimaurer und „Fremdrassige“), Personen, die ihr ausdrücklich nicht angehören wollten, Personen, die einen Mitgliedsantrag stellten, der abgelehnt wurde, und ehemalige „Parteigenossen“, die entweder aus der Partei ausgeschlossen, entlassen oder ausgestoßen worden waren. Zu den Personen, die ihr nicht angehören durften: Juden, „Fremdrassige“ und Freimaurer wurden nach 1933 bekanntlich aus allen öffentlichen Ämtern entfernt (was ihnen als Parteimitglieder nicht so umstandslos widerfahren wäre), und davon profitierten unzählige „Parteigenossen“, die sofort in die freiwerdenden Posten einrückten. Zu den Personen, die ihr nicht angehörigen wollten: Beamten und öffentlichen Amtsträgern, die nach 1933 aus persönlichen Gründen nicht der Partei beitraten, entstanden unter Umständen berufliche Nachteile. Sie wurden entweder auf niederen Posten beschäftigt oder von einer zukünftigen Beförderung ausgeschlossen (Gotto 2006: 116 u. 118 f.). Es existieren jedoch auch viele Gegenbeispiele wie Johannes Ulrich, der von 1938-1945 und von 1956-1965 Leiter des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes war. Ulrich trat der Partei nicht bei, wurde 1939 aber dennoch Legationsrat und Beamter auf Lebenszeit (Eckert 2004: 135).

Der NSDAP-Ortsgruppenleiter besaß die Möglichkeit, Anträge auf Parteiaufnahme abzulehnen, und davon wurde nach 1933 weidlich Gebrauch gemacht, etwa bei so genannten Reaktionären (Reichswehr- und späteren Wehrmachtoffizieren) und früheren Sozialdemokraten. Diese bilden die dritte Gruppe der Nichtparteimitglieder. Jedoch standen den abgelehnten Antragstellern noch innerparteiliche Rechtsmittel offen, wofür die NSDAP-Parteigerichte eine eigene Verfahrensart besaßen, nämlich die „Ablehnungsverfahren“. Schließlich viertens zu jenen „Parteigenossen“, die irgendwann aus der Partei ausgeschlossen wurden. Der Parteiausschluss war eine Sanktion, die nicht folgenlos blieb und von ökonomischem Abstieg und Arbeitsplatzverlust bis hin zur sozialen Isolation reichte. Dabei ist jedoch festzuhalten, dass sich die Zahl der Ausschlüsse, gemessen an der Gesamtzahl der „Parteigenossen“, im Promillebereich bewegte.

Ich habe diese vier Gruppen von Nichtmitgliedern hier deshalb eingeführt, um zu verdeutlichen, dass Mitgliedschaft in der Partei ein relationales Phänomen war, das immer auch im Hinblick auf die Nichtzugehörigkeit interpretiert werden muss. Die Mitglieder besaßen Möglichkeiten, die die Nichtmitglieder nicht besaßen, und beide Gruppen wussten dies auch. Dies erklärt zum einen das Streben oder zumindest die Bereitschaft vieler Nichtmitglieder, doch noch einen Aufnahmeantrag zu stellen, zum anderen aber auch das Interesse von Mitgliedern, sich für ein Funktionärsamt zur Verfügung zu stellen, das ein noch besseres Fortkommen ermöglichte. Umgekehrt darf aus einer Nichtzugehörigkeit zur Partei auch keinesfalls auf Distanz zum NS-Regime geschlossen werden. Es gibt viele Beispiele besonders radikaler Nationalsozialisten, die nicht der Partei angehörten.

III. Bewertung

Zurück zu meiner eingangs gestellten Frage: ab wann kann davon die Rede sein, dass sich eine oder mehrere Personen an der Bildung und Aufrechterhaltung einer Kooperationsstruktur mit verbrecherischen Zielen beteiligt haben? Welche Anhaltspunkte dafür gibt uns die Mitgliedschaft in der Partei? Um diese Fragen zu beantworten, gehe ich hier von der (bestreitbaren) Annahme aus, dass die NSDAP eine Organisation mit verbrecherischen Zielen, kürzer: eine verbrecherische Organisation war. Diese Annahme geht weit über die Nürnberger Prozesse 1946/47 hinaus, in denen nur die Geheime Staatspolizei, der Sicherheitsdienst der SS und die Parteifunktionäre zu „verbrecherischen Organisationen“ erklärt worden waren (Prozeß 1947: 286-314; Rauschenbach 1954). Aus heutiger Perspektive war diese Beschränkung des Internationalen Militärgerichtshofs sicherlich ein Fehlurteil. Der verbrecherische Charakter der NSDAP als Gesamtorganisation zeigt sich nämlich allein schon in der Beteiligung ihrer Apparate an der Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden.

Laut Nürnberger Gerichtshof sollte eine strafwürdige Verantwortung für die Zugehörigkeit zu einer „verbrecherischen Organisation“ nur diejenigen treffen, die deren „verbrecherische Ziele oder Handlungen“ gekannt und ihr „freiwillig“ angehört hatten (zum Folgenden Schefczyk 2012: 198-203). Für die Zugehörigkeit zur Partei gilt beides, wie bereits dem Aufnahmeverfahren und der eigenhändigen Unterschrift auf dem Aufnahmeantrag zu entnehmen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die Verweildauer in der Partei im Durchschnitt mehr als sechs Jahre betrug, weil die „Parteigenossen“ von der Möglichkeit des Austritts (der denkbar war und für den es couragierte Beispiele gibt) im Regelfall keinen Gebrauch machten. Diese immens hohe Verweildauer in der Partei schließt es aus, von einem „politischen Irrtum“ zu sprechen, wie es nach 1945 üblich war. Dies bedeutet, dass auch Mitglieder, deren Mitwirkung nur im Zahlen der Beiträge, im Besuch obligatorischer Parteiveranstaltungen oder dem Erledigen von Pflichtaufgaben bestand, sich in vollem Wissen an der Aufrechterhaltung einer Kooperationsstruktur mit verbrecherischen Zielen beteiligten. Dies gilt auch für jene „Betroffenen“, denen in der Projektstudie über die Bremische Bürgerschaft eine frühere Zugehörigkeit zur NSDAP nachgewiesen werden konnte (n = 86). Die einzige Ausnahme von dieser Zuordnung zu einer „verbrecherischen Organisation“ bildeten jene Jugendliche der Jahrgänge 1927/28, die während der letzten zwölf Monate des NS-Regimes noch in die Partei eintraten, weil sie zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig gewesen waren. Inwieweit es auch in Bremen solche Fälle gab, wäre noch gesondert zu prüfen.

Vielen werden die Kriterien, die ich hier für die Mitgliedschaft in der NSDAP angelegt habe, im Hinblick auf die Parlamentarier der westdeutschen Landtage unangemessen erscheinen, weil sie moralische sind, die universalistischen Prinzipien folgen und unserer gegenwärtigen Gesellschaft entstammen. Jedoch ist mit Jörn Rüsen daran zu erinnern, dass Geschichte mehr ist als eine bloße Rekonstruktion der Vergangenheit (Rüsen 2001, 2013). Vielmehr stellt Geschichtswissenschaft einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft her, und Moral ist eine wichtige Voraussetzung jedweder Geschichtsschreibung, denn sie stattet diesen Zusammenhang mit Sinn aus. Ohne Moral, so könnte man Rüsens Position auch zuspitzen, gäbe es weder „Sinn“ noch „Bedeutung“, also auch keine wissenschaftliche Geschichte. Wer vom Historiker fordert, auf Moral zu verzichten, verneint also die Geschichtswissenschaft als Wissenschaft. Geschichte könnte dann auch nicht mehr das leisten, was Rüsen zufolge ihre zentrale Funktionsbestimmung ist: die Orientierung zukünftiger Generationen. Diese Aufgabe fiele dann wieder dem Mythos zu.

Das Problem „Moral“ steht zumindest implizit auch im Mittelpunkt der Projektstudie über die Bremische Bürgerschaft. Dabei geht es ja um eine öffentliche Institution und die Frage ihres Umgangs mit der NS-Vergangenheit ihrer ehemaligen Angehörigen. Wie etwa soll man mit Gedenktafeln für einzelne „Betroffene“ umgehen, wie mit dem ganz alltäglichen Gedenken oder Erinnern an diese Personen, wie es in Parlamentsjahrbüchern, Ausstellungen, Fotografien und bei vielen anderen Gelegenheiten stattfindet? Mit einer bloß quantifizierenden Betrachtung ist dieses Problem nicht zu lösen; es bedarf in einem zweiten Schritt einer Hinwendung zu den einzelnen Biografien (so ist die gesamte Projektstudie zu verstehen, und dies schwebt auch dem Bearbeiter Sommer vor). Und sobald man sich auf die biografische Ebene begibt, wird es wieder um ein moralisches Urteil gehen, das entweder in der Ehrung einer Person (= Achtung) oder in deren Entzug (= Missachtung) besteht (Luhmann 2008: 97-122). Die zentrale Frage ist dabei, wie eine demokratische Gesellschaft an ihre ehemaligen Politiker erinnern soll, die nach 1933 (und damit im dritten und vierten Lebensjahrzehnt) auf die eine oder andere Weise zur Aufrechterhaltung einer Kooperationsstruktur mit verbrecherischen Zielen beigetragen hatten.

Die Debatte über den Umgang mit diesen „Betroffenen“ ist also stets moralisch vorstrukturiert, und das bedeutet, dass der Historiker, wenn er um Rat gefragt wird, selbst ein moralisches Urteil fällen muss. Dies sagt noch nichts darüber aus, welche inhaltlichen Kriterien er dabei zugrunde legt, ob er also etwaige Leistungen eines „Betroffenen“ nach 1945 höher gewichtet als dessen Fehlverhalten während der NS-Zeit. Die Notwendigkeit eines moralischen Urteils widerspricht dem offiziellen Selbstbild des Historikers, objektiv zu bleiben. Dieses Selbstbild war allerdings schon immer trügerisch, denn zum einen ist jedes historische Urteil moralisch vorstrukturiert, zum anderen klingt der Imperativ, die Moral aus der Geschichte zu verbannen, angesichts der 50 Millionen Opfer des NS-Regimes wie blanker Hohn. Das schreibende Ich hält es in dieser Frage lieber mit Hannah Arendt. 1953 antwortete sie auf eine Kritik des Politikwissenschaftlers Eric Voegelin an ihrem Buch „The Origins of Totalitarianism“ mit folgenden Sätzen: „Ich habe sehr bewußt mit der Tradition des Sine-ira-et-studio, deren Größe mir voll bewußt war, gebrochen, und das war für mich eine methodologische Notwendigkeit, die mit meinem besonderen Gegenstand in enger Verbindung stand“ (Über den Totalitarismus 1998: 44; Althaus 2000: 231-243). Besser kann man nicht ausdrücken, dass der Grundsatz „ohne Zorn und Eifer“ bei der Erforschung des NS-Regimes über Bord geworfen werden muss.

Referenzen

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