Erzeugung von Evidenz in der neueren NS-Forschung

von arminnolzen

Die neuere NS-Forschung, wie sie sich seit 1989/91 auf internationaler Ebene entwickelte, kann als eine beispiellose Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Erstens hat der Zusammenbruch des Ostblocks zu einer Liberalisierung des Archivzugangs jenseits des früheren „Eisernen Vorhangs“ geführt, in deren Verlauf sich ihre empirische Basis außerordentlich erweiterte. Dadurch konnten neue Studien zur NS-Besatzungspolitik und zum Holocaust in Angriff genommen werden, deren Bearbeitung vormals am Quellenmangel gescheitert war. Zweitens ist der quantitative Output der NS-Forschung seither fast ins Unermessliche gestiegen. Verzeichnete die erste, im Jahre 1995 veröffentlichte Auflage von Michael Rucks „Bibliographie zum Nationalsozialismus“ fast 20.000 Einträge, so waren es in der Neuauflage fünf Jahre später mehr als 37.000 (Ruck 2000). Die von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Jahresberichte für Deutsche Geschichte weisen für den Zeitraum von 2000-2010 sogar fast 26.000 deutschsprachige Titel zum Nationalsozialismus aus! Drittens stößt das Thema mittlerweile in den Massenmedien auf überbordende Aufmerksamkeit, befeuert durch ein weitverbreitetes Bedürfnis, auf Ereignisse, Institutionen und Personen der NS-Zeit Bezug zu nehmen, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Im Unterschied zu anderen geschichtswissenschaftlichen Subdisziplinen muss sich die neuere NS-Forschung nicht um ihre gesellschaftliche Relevanz sorgen. Sie ist relevant, weil eine ungebrochene Nachfrage nach ihren Themen besteht, und sie ist relevant, weil sie sich, wie Michael Wildt es einmal treffend formuliert hat (Wildt 2005: 69), immer schon in der Nähe zur bundesrepublikanischen Staatsräson befindet. Und das gilt eigentlich für alle Studien, die sich unter den Begriff „NS-Forschung“ fassen lassen, also alle narrativen Texte, die sich in der einen oder anderen Form mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigen. Um den Begriff nicht ins Uferlose auszuweiten, verstehe ich im Folgenden unter „NS-Forschung“ alle Texte, die innerhalb der Disziplin der Geschichtswissenschaft auf Resonanz gestoßen sind (Luhmann 1990: 271-361). „NS-Forschung“ heißt demnach: narrative Texte über den Nationalsozialismus, deren Wahrheitsgehalt im geschichtswissenschaftlichen Feld geprüft worden ist (zum „Historikerfeld“ allgemein Raphael 2003: 13-43; wichtig auch Blaschke 2010).

Die Entwicklung der NS-Forschung ist nicht vom gesellschaftlichen Umfeld zu trennen, in dem sie stattfindet, ja ihre Konjunkturen sind immer auch den Prioritäten geschuldet, die sich aus den öffentlichen Diskursen über den Nationalsozialismus ergeben. Diese Wechselwirkungen gilt es zu bedenken, wenn es im Folgenden um die Frage geht, wie die NS-Forschung ihren Gegenstand bearbeitet und mittels welcher Mechanismen sie wissenschaftliche Evidenz zu erzeugen versucht. Meine These ist, dass sich diese Mechanismen von den anderen geschichtswissenschaftlichen Subdisziplinen wie Altertumswissenschaften, Mediävistik und Neuerer Geschichte unterscheiden. Ich werde diese These mit drei Beispielen untermauern: der hohen empirischen Sättigung der neueren NS-Forschung, ihrem beschreibungsorientierten Vorgehen bei der Produktion narrativer Texte und ihrem Versuch, Forschungsergebnisse zu vermarkten und public history zu betreiben. Den Abschluss bilden einige Ausführungen über Gefahren, die aus diesen Herangehensweisen der neueren NS-Forschung resultieren, gefolgt von Vorschlägen zu deren Überwindung.

Generell zeichnet sich die neuere NS-Forschung durch eine hohe empirische Sättigung aus, die man auch als Hyperempirismus bezeichnen kann. Ein Historiker, der sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst, sucht immer nach unbekannten, möglichst archivalisch überlieferten Quellen. Dissertationen mit über 50 besuchten Archiven im In- und Ausland bilden mittlerweile keine Ausnahme mehr. Die benutzten Quellen werden im Fuß- oder Endnotenapparat akribisch nachgewiesen, der Status des zitierten Dokuments (Brief, Denkschrift und Aktennotiz), Verfasser und Adressat, das Datum und die Provenienz genannt. Drei Quellentypen gelten der neueren NS-Forschung als besonders aussagekräftig: schriftliche Hinterlassenschaften von NS-Institutionen, Ego-Dokumente aller Art (Tagebücher, Feldpostbriefe, Oral History) und Prozessakten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (Hilberg 2002: 13-56). Die neuere NS-Forschung hat außerdem eine eindeutige Vorliebe für textuelle Quellen und setzt Bilder, Karten, Karikaturen und Plakate lediglich ein, um die aus ihren Schriftdokumenten extrahierten Aussagen visuell zu unterstützen. Eine Historische Bildkunde zum Nationalsozialismus existiert bislang leider nicht. Die kritische Rezeption der Sekundärliteratur tritt in der neueren NS-Forschung tendenziell zurück und weicht bloßen Annotationen in der Art von „siehe dazu auch …“. Die neuere NS-Forschung produziert Evidenz, indem sie ihre Quellen in den Mittelpunkt stellt und dadurch eine Aura der Authentizität erzeugt. Sie setzt ihr Vertrauen voll und ganz in die „Wucht des Materials“, wie es Karl Schlögel für die Geschichtswissenschaft generell gefordert hat (Schlögel 2011: 585-595, hier 595).

Der Hyperempirismus der neueren NS-Forschung ist untrennbar verbunden mit einem zweiten Phänomen der Erzeugung von Evidenz, das ich hier, mangels eines passenderen Ausdrucks, auf den Begriff der „beschreibungsorientierten Analyse“ bringen will. Die neuere NS-Forschung hat eine besondere Art und Weise entwickelt, ihre Texte zu weben und ihre Geschichten zu erzählen. Sie tendiert erstens zur Heranziehung einer immer größeren Anzahl an Dokumenten und sichert jede Aussage mittels mehrerer Quellenarten ab. Sie deutet zweitens ihre Quellen inhaltlich kaum aus, sondern entnimmt ihnen spezifische, auf ihr Erkenntnisinteresse abgestimmte Informationen, die sie drittens in eine chronologische Reihenfolge bringt und viertens in einer kontinuierlichen Narration verknüpft. Diese ist fünftens zu großen Teilen behauptend, wenn nicht gar apodiktisch; erzählt wird nur das, was gewesen ist, nie jedoch, was hätte sein können oder was zweifelhaft ist. Hinzu tritt sechstens eine eigentümliche Teleologie mittels impliziter Kausalketten, die in erster Linie narrativ erzeugt werden, also durch die chronologische Aneinanderreihung der Quellen und den Gebrauch kausaler, konditionaler und konsekutiver Konjunktionen und von Modalpartikeln.

Der Vorteil dieses beschreibungsorientierten Verfahrens liegt auf der Hand: die Interpretationen scheinen empirisch abgesichert und können nicht dadurch ausgehebelt werden, dass man kleinere inhaltliche Fehler nachweist. Sie genügen den zentralen Anforderungen, die man heute an eine historische Darstellung richtet. So besitzen sie eine ungewöhnliche interne und externe Kohärenz, führen einen außerordentlich hohen Wirklichkeitsbezug mit sich, sind sprachlich äußerst präzise, im Hinblick auf die Interessen der Öffentlichkeit hochgradig relevant, für das Publikum ethisch überzeugend und für die Fachwissenschaft aufgrund der extensiven Belegtechnik intersubjektiv überprüfbar (Rusch 1987: 442; Rusch 1997: 45-75, hier 62 f.). Die Beschreibungsorientierung, wie sie der Großteil der NS-Forschung heute praktiziert, ist auf der Höhe dessen, was Geschichte als Wissenschaft überhaupt zu leisten vermag.

Den dritten Aspekt der Erzeugung von Evidenz, der für die neuere NS-Forschung kennzeichnend ist, sehe ich in der zunehmenden Vermarktung von Wissen; eine Folge der seit den 1980er Jahren entstandenen neoliberalen Wissensregime (Mirowski 2011). Seither ist der Nationalsozialismus nachgerade zum Motor einer öffentlichen „Vergangenheitsbewirtschaftung“ (Kühberger/Pudlat 2012) geworden, an der eine unüberschaubare Vielzahl von Akteuren, Institutionen und privaten Unternehmen beteiligt ist. Kaum einmal ein Tag vergeht, an dem der Nationalsozialismus nicht in Zeitungen, im Fernsehen oder im Kino thematisiert wird, kein Tag ohne neue Diskussionsforen, Datenbanken oder Portale im Internet. Diese mediale Dauerpräsenz hat auch die Historiker, die sich professionell mit dem Nationalsozialismus befassen, in ihren Bann gezogen. Sie versuchen, die unstillbare Nachfrage nach Informationen zur NS-Geschichte irgendwie zu befriedigen.

Zusätzlich ist zu beobachten, dass Historiker ihre eigenen Forschungen in den Massenmedien zu verbreiten versuchen. Bücher, Ausstellungseröffnungen und Debatten werden zum Beispiel in der Hauptnachrichtenzeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen präsentiert; neue Monografien bereits am Tag ihres Erscheinens in den Tages- und Wochenzeitungen positiv besprochen. Historiker gehen auf Lesereisen und präsentieren sich auf den großen Buchmessen oder bei Einzelterminen. Pünktlich zur Veröffentlichung ihrer Bücher platzierte Interviews, Titelstorys mitsamt DVDs in „DER SPIEGEL“; allenthalben rühren sie die Werbetrommel in eigener Sache. Wir wissen noch wenig darüber, wie diese Vermarktung, die übrigens ein ausschließlich männliches Phänomen zu sein scheint, die NS-Forschung selbst beeinflusst. Generell ist zu vermuten, dass Historiker, die in den Massenmedien präsent sind, fachintern einen höheren Aufmerksamkeitsgrad genießen. Die NS-Forschung sieht sich fast schon dazu gezwungen, deren Thesen zu diskutieren. Sie orientiert sich also zunehmend an der (positiven oder negativen) Reputation von Kollegen, wie sie sich aus deren Präsenz in den Massenmedien ergibt (Luhmann 1996: 53-81). Evidenz wird insofern auch entlang medialer Reputationskarrieren moduliert. Und um in den Massenmedien Erwähnung zu finden, bedarf es einer speziellen Darstellung der jeweiligen Forschungsergebnisse: sie müssen von ihren Autoren als „neu“ präsentiert werden. Ähnliches gilt generell auch für die universitäre Konstruktion von geschichtswissenschaftlicher Exzellenz (Münch 2011: 407-429).

Die drei hier beschriebenen Mechanismen der Erzeugung von Evidenz haben die NS-Forschung zweifellos auf ein beeindruckendes Niveau gehoben. Gleichwohl ziehen sie eine ganze Reihe von Gefahren nach sich. Die hohe empirische Sättigung leistet einem naiven Realismus und einer unkritischen Quellengläubigkeit Vorschub, und daraus können Texte entstehen, die sprachlich wie analytisch die Binnenperspektive des NS-Regimes reproduzieren. Beschreibungsorientierte Interpretationen wiederum privilegieren die chronologische Narration vor der systematischen Analyse. Diese Art der Spontanhistoriografie lässt eine völlig begriffslose Geschichte entstehen, die nicht mehr auf wissenschaftliche Verfahren wie Quellenkritik, Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur und disziplinäre Verifikationsmechanismen angewiesen ist. Die NS-Forschung führt in der Regel auch keine Methodendiskussion; Selbstreflexion ist ihre Stärke nicht.

Die Vermarktung schließlich privilegiert Neuheit (die in der Regel nur behauptet, nicht geprüft wird) und vollzieht sich im moralischen Register. Diese Gefahren lassen sich auf einen Aspekt zusammenziehen: die Frage nach der Geltung von „Wahrheit“, also nach der Unterscheidung wahrer von unwahren Aussagen. „Wahrheit“ verweist dabei natürlich nicht auf eine „objektive Realität“, sondern fungiert als Medium wissenschaftlicher Kommunikation, das ein Geprüftsein des Wissens symbolisiert. Und das Wissen von der Vergangenheit entsteht durch die Beziehung zwischen Subjekt (Autor) und Objekt (Referent) in Form eines Textes (Goertz 2001: 103-118). Darin liegt der Realitätsbezug oder die Referentialität der Geschichtswissenschaft.

Angesichts der schieren Masse der von der NS-Forschung produzierten Erkenntnisse drohen die Frage nach der Geltung von Wahrheit beziehungsweise die Unterscheidung zwischen wahren und unwahren Aussagen verlorenzugehen. Im Alltag der NS-Forschung wird meines Erachtens viel zu wenig darüber gestritten, ob Wissen nun wahr ist oder nicht. Wenn dies geschieht, vollziehen sich die Debatten in den Massenmedien und folgen nicht den wissenschaftlichen Gepflogenheiten freier Deliberation. Vielmehr kommt es zu persönlichen Beleidigungen, Herr-im-Hause-Gebaren und überzogenen Geltungsansprüchen. Eine Klärung von Streitfragen ist nicht zu erwarten. Und im wissenschaftlichen Normalbetrieb, sei es bei Kongressen, Konferenzen und Vorträgen, sei es in Qualifikationsarbeiten, werden inhaltliche Auseinandersetzungen in der Regel vermieden.

Die NS-Forschung tendiert also dazu, bei ihren Interpretationen nicht mehr zwischen „wahr“ und „unwahr“ zu unterscheiden. Sie behandelt ihre Erkenntnisse samt und sondern als „Wahrheiten“. Eine Wissenschaft, die so verfährt, verliert allerdings schnell die Möglichkeit, ihren Rezipienten Orientierung zu vermitteln (siehe „Mitgliedschaft in der NSDAP“ vom 29. April 2014). Gerade die überbordende mediale Thematisierung des Nationalsozialismus, wie sie in den letzten beiden Dekaden stattfand, erfordert eine solche Orientierung (Rüsen 2013: 41 f. u. 82 f.). Wie soll man sonst im Internet seriöse Wissenschaft von verharmlosendem Rechtsradikalismus unterscheiden? Wie soll man Schülern und Studenten erklären, dass Geschichtsdokumentationen in hohem Grad fiktional sind? Wie soll sich historisches Wissen gegen dessen Verballhornung im Spielfilm und Fernsehen behaupten? Die zentrale Herausforderung, mit der sich die NS-Forschung im digitalen Zeitalter konfrontiert sieht, liegt darin, die Geltung von Wahrheit zu stabilisieren. Das heißt nun gerade nicht, die eigenen Interpretationen auf immer und ewig zum letzten Wort in der Sache zu verklären. Es heißt vielmehr, sich der Fragilität des eigenen Wissens stets bewusst zu sein und es nur so lange als „wahr“ zu behandeln, bis es widerlegt ist. Und über diesen Wahrheitsstatus wird ausschließlich in der geschichtswissenschaftlichen Kommunikation selbst entschieden.

Referenzen

Blaschke, Olaf: Verleger machen Geschichte. Buchhandel und Historiker seit 1945 im deutsch-britischen Vergleich, Wallstein: Göttingen 2010

Goertz, Hans-Jürgen: Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität, Reclam: Stuttgart 2001

Hilberg, Raul: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2002 (Taschenbuchausgabe)

Kühberger, Christoph/Pudlat, Andreas (Hg.): Vergangenheitsbewirtschaftung. Public History zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, StudienVerlag: Innsbruck/Wien/Bozen 2012

Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1990

ders.: Die Realität der Massenmedien, 2. Aufl., Westdeutscher Verlag: Opladen 1996 [ursprgl. erschienen: 1995]

Mirowski, Philip: „Science-Mart“. Privatizing American Science, Harvard University Press: Cambridge 2011

Münch, Richard: Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschulreform, Suhrkamp: Berlin 2011

Raphael, Lutz: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden und Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, C.H. Beck: München 2003

Ruck, Michael: Bibliographie zum Nationalsozialismus, vollst. überarb. u. wesentl. erw. Aufl., 2 Bde. plus CD-ROM, WBG: Darmstadt 2000 [ursprgl. erschienen: 1995]

Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2013

Rusch, Gebhard: Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte. Von einem konstruktivistischen Standpunkt, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1987

ders.: Konstruktivismus und die Traditionen der Historik, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 8 (1997), S. 45-75

Schlögel, Karl: Narrative der Gleichzeitigkeit oder die Grenzen der Erzählbarkeit von Geschichte, in: Merkur 65 (2011), S. 583-595

Wildt, Michael: Alys „Volksstaat“. Hybris und Simplizität einer Wissenschaft, in: Mittelweg 36, H. 3 (2005), S. 69-80