Die Ideosphären, erster Versuch

von arminnolzen

Die eigentliche Aufgabe der kommenden Geschichtsschreibung zum NS-Staat: die Ideologie zu dezentrieren, so endet mein Eintrag „Bruchstücke der Kritik: erste summula“ vom 22. April 2014. Was soll man sich darunter vorstellen? Ich beginne mit einem bemerkenswerten Aufsatz des amerikanischen Kulturhistorikers Alon Confino, der im Oktober 2009 in „German History“ erschienen ist und der den Gebrauch, den die neuere NS-Forschung dem Begriff „Ideologie“ zu Teil werden lässt, einer grundsätzlichen Kritik unterzogen hat. In deren Zentrum steht die These, diese Kategorie nehme in der Holocaust-Forschung mittlerweile eine hegemoniale Stellung ein (Confino 2009: 539-543). Allenthalben werde „Ideologie“ als Ursache genozidaler Handlungen verstanden, ohne dies zu spezifizieren. Confino fordert, die explanative Kraft von „Ideologie“ zu minimieren und Mentalitäten, Werte, Überzeugungen und Glaubenssätze der Akteure genauer zu analysieren. Er sieht zwar die Gefahr der Totalerklärung alles in der NS-Zeit Geschehenen durch den Begriff „Ideologie“. Allerdings vermag auch seine Alternative nicht wirklich zu überzeugen, weil sie „Ideologie“ nur durch einige Subkategorien ersetzt. So wird der Holismus der Erklärung im Grunde genommen nur auf diese Subkategorien verteilt.

In der älteren NS-Forschung besaß der Begriff „Ideologie“ noch einen völlig anderen Stellenwert. 1960 war zum Beispiel ein schmales Bändchen von Martin Broszat, Mitarbeiter am Münchener Institut für Zeitgeschichte und dessen späterer Direktor, erschienen, das sich im weitesten Sinn mit dem Problem befasste (Broszat 1960). Broszat, geboren am 14. August 1926 in Leipzig, im Alter von zwölf Jahren der Hitler-Jugend (HJ) beigetreten und 1943 als HJ-Mannschaftsführer und Aufsichtsperson in ein Lager der Erweiterten Kinderlandverschickung beordert, wenig später Reserveoffiziersbewerber und zum 20. April 1944 unter der Mitgliedsnummer 9.994.096 noch in die NSDAP eingetreten (Berg 2004: 420, Fußnote 109; insgesamt Frei 2007), bevorzugte darin das Wort „Weltanschauung“, von dem er wusste, dass es eine Selbstbeschreibungsformel der Nationalsozialisten war. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, es zur geschichtswissenschaftlichen Analyse zu benutzen (ein klassisches Verfahren des Historismus), obgleich er in seinem Buch des Öfteren auch die Worte „Ideologie“, „ideologisch“ etc. verwandte.

Broszat konstatierte für den NS-Staat generell einen Gegensatz zwischen programmatischem Anspruch und Wirklichkeit (Berg 2004: 420-424). Die NS-„Weltanschauung“ interpretierte er dabei wie folgt: „Das Vage, Ungefähre und bewußt Unbestimmte gehörte von der Entstehung der NSDAP an zum Charakteristikum ihrer sogenannten Ideen. Man hat mit Recht von der Weltanschauung des Nationalsozialismus als von einem Mischkessel, einem Konglomerat, einem ,Ideenbrei‘ gesprochen“ (Broszat 1960: 21 f.). Einige Seiten weiter: „Es kann kein Zweifel darüber sein, daß sowohl organisationsgeschichtlich wie ideologisch das antisemitisch-völkisch-alldeutsche Sektierertum den Ausgangspunkt des Nationalsozialismus bildete […]. Es bedarf aber gar nicht dieses speziellen Beleges [gemeint ist: des Einflusses der so genannten Theozoologie des Lanz von Liebenfels auf Hitler – das schreibende Ich], um die geistige Wirre, die erschreckende Niveaulosigkeit und moralische Pervertierung aufzuzeigen, welche die nationalsozialistische Weltanschauungsliteratur im engeren Sinne kennzeichnet“ (ebd.: 25).

Deutlich vor Augen stand Broszat, dass „Weltanschauungen und politische Programme, auch wenn sie von ihren Urhebern nur propagandistisch gemeint sind, in dem Maße wirkende Wirklichkeit werden, in dem sie für wahr gehalten, geglaubt und als Prinzip ernst genommen werden“ (ebd.: 47). Wer aber waren diejenigen Personen, auf die das zutraf? Liest man Broszats Text, dann waren dies zunächst nur Hitler, dessen engere Gefolgsleute und „Teile der NSDAP und ihre Anhängerschaft“. Nach deren Machtübernahme 1933 änderte sich diese Situation jedoch grundlegend. Jetzt sei die NSDAP dazu übergegangen, die gesamte deutsche Bevölkerung in ihren Apparaten zu organisieren und die NS-„Weltanschauung“ mittels eines weitverzweigten Propagandaapparates in die Köpfe einzupflanzen. Der entscheidende Passus bei Broszat lautete:

„Das Dritte Reich lieferte den vielfältigen Beweis dafür, daß ein beinahe total organisiertes und d.h. total beherrschtes und total eingesetztes Volk diesen Zustand der Entmündigung als Volksgemeinschaft mißverstehen und begrüßen konnte. Wie die nationalsozialistische Ideologie und Propaganda mit Erfolg dem Publikum einzureden wußte, seine Ressentiments und Antigefühle seien unverdorbenes ,Volksempfinden‘ […], so gelang es im Staate Hitlers auch weitgehend, die rauschhafte Besinnungslosigkeit, den Verzicht auf eigenes Urteil und eigenes Wollen als unerhörte Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit einer Volkgemeinschaft zu stilisieren“ (ebd.: 61).

Vier Punkte sind festzuhalten. Die NS-„Weltanschauung“ war, folgt man Broszats Ausführungen, erstens vage und unbestimmt, sie stammte zweitens aus dem Arsenal der „völkischen Bewegung“ der Zwischenkriegszeit, sie war drittens wirr und moralisch pervertiert und wurde viertens nach 1933 durch den riesigen, in erster Linie durch die NSDAP etablierten Propagandaapparat vielen Menschen regelrecht eingetrichtert. Was sagt Broszat nicht? Welche Seite bleibt unterbelichtet? Auch hier fallen wieder vier Punkte auf, die zu den gerade genannten komplementär sind. Die hervorstechenden Inhalte der NS-„Weltanschauung“ werden erstens, bis auf den Antisemitismus, der jedoch auf Adolf Hitlers Person reduziert wird (ebd.: 35), nicht genannt, die ideologischen Unterschiede zwischen den „Völkischen“ und den Nationalsozialisten zweitens nivelliert, der NS-„Weltanschauung“ wird drittens jede Rationalität und Intentionalität (und damit indirekt: jede Relevanz für individuelle Handlungen) abgesprochen, und viertens werden Prozesse möglicher Selbstaneignung, der freiwilligen, bewussten und begeisterten Übernahme des NS-Gedankenguts, schlichtweg geleugnet.

Als zweites Beispiel für die ältere NS-Forschung soll hier das Buch „Hitlers Weltanschauung“ von Eberhard Jäckel vorgestellt werden, das er 1977 veröffentlichte und das 1981 in einer Neuausgabe erschien. Im Unterschied zu Broszat interessierte sich Jäckel, Jahrgang 1929, sehr wohl für die einzelnen Bestandteile der NS-„Weltanschauung“ und versuchte, diese aus Hitlers 1925 erschienener Programmschrift „Mein Kampf“ herauszudestillieren. Insgesamt nahm Jäckel darin Hitlers Konzept des „Lebensraums“, seinen Antisemitismus, seine Sicht des Staates, sein Geschichtsbild und die Entstehungsgeschichte seiner „Weltanschauung“ in den Blick. Hier ist im Wesentlichen das Schlusskapitel in der Neuausgabe relevant, mit dem Jäckel offenbar einer oft geäußerten Kritik an seinem Buch entgegenkommen wollte, wonach er den Übergang von Hitlers „Weltanschauung“ vom Entwurf zu deren konkreter Realisierung nicht habe erklären können (oder wollen). Dieses Schlusskapitel trug den Titel „Hitler und die Deutschen“ (Jäckel 1981: 137-159) und bestand aus zwei Argumenten. Einerseits habe Hitler die Deutschen über seine „wahren Ziele“ getäuscht, andererseits seien diese einer Art kollektiver Selbsttäuschung erlegen, die darin bestand, die verbrecherische Praxis des NS-Regimes (von der viele wussten) sei nicht auf Hitler selbst zurückzuführen. Im Gegenteil: Hitler genoss, wie es in der Redewendung „Wenn das der Führer wüsste“ zum Ausdruck kam, bis zuletzt das Vertrauen weiter Bevölkerungskreise.

Welchen Stellenwert hat die NS-Ideologie bei Jäckel? Sie ist ein kohärentes Gedankengebäude des „Führers“ und Reichskanzlers, das der deutschen Bevölkerung unbekannt geblieben oder über das sie bewusst getäuscht worden sei. Den flagranten Widerspruch, diese „Weltanschauung“ aus einer Schrift deduziert zu haben, die millionenfach in jedem deutschen Haushalt stand und die schon deshalb nicht unbekannt geblieben ist, war Jäckel Anfang der 1980er Jahre gerade deshalb verborgen, weil die zeitgeschichtliche Forschung lange Zeit davon ausgegangen war, niemand habe „Mein Kampf“ gelesen (zur Widerlegung dieser These Plöckinger 2006: 203-451). Die blinde Gefolgschaft vieler Deutscher erklärt Jäckel mit der gezielten Propaganda, weniger mit dem schieren Terror des NS-Regimes. Seine Beispiele stammen allerdings in der Regel aus der Phase zwischen 1932 und 1934 und bieten insofern auch keine systematische Analyse der Funktion der NS-„Weltanschauung“.

Gemeinhin gelten die von Martin Broszat und Eberhard Jäckel markierten Positionen (jedem der beiden Protagonisten ließe sich unschwer eine Reihe anderer Historiker an die Seite stellen, die jeweils dieselben Ansichten vertraten) als unvereinbar, was in der älteren NS-Forschung zu jener kanonischen Gegenüberstellung von Funktionalisten und Intentionalisten geführt hat (Kershaw 1999: 112-245). Diese Entgegensetzung verdeckt, dass zwischen den beiden Positionen wichtige Gemeinsamkeiten bestehen. Erstens die parallele Rede von der „Weltanschauung“; einem Wort, von dem man spätestens seit Viktor Klemperers „LTI“ von 1947 (Klemperer 2007: 193 f.) hätte wissen können, dass es zur Semantik des NS-Staates zählte, und dessen Verwendung daher, jedenfalls aus erkenntnistheoretischer Perspektive, problematisch ist. Zweitens die Minimierung der Bedeutung dieser Ideologie, einerseits durch Abwertung (Irrationalität, Perversion etc. bei Broszat), andererseits durch Personalisierung (bei Jäckel). Drittens die Vernachlässigung ihrer Verbreitung in der deutschen Gesellschaft durch Hypostasierung von Terror und Propaganda. Viertens schließlich, dies allerdings eher implizit, die Negation der handlungsleitenden Kraft dieser Ideologie im Hinblick auf „ganz normale Deutsche“. Überzeugungstäter gab es für die ältere NS-Forschung nur in der obersten Führungsetage der NSDAP.

Für die neuere NS-Forschung hingegen scheint, folgt man Confinos eingangs erwähnter Kritik, nach 1933 alles „ideologisch“ zu sein. Wie kommen wir zwischen der Syclla der Minimierung und der Charybdis der Maximierung der Bedeutung von „Ideologie“ in der NS-Forschung hindurch? Wie also weiter mit „Ideologie“ in Bezug auf den Nationalsozialismus? Werfen wir einen Blick auf den Anreger des scripturire, auf den Semiologen Roland Barthes. In seiner Vorlesung „Das Neutrum“, die in der ersten Jahreshälfte 1978 am Collège de France in Paris stattfand, trug Barthes einen in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Gedanken vor. Mitten in der Sitzung vom 25. März 1978 begann er seine Ausführungen zu einer „Figur“ (so sein Ausdruck für jene Fragmente, an denen entlang er spätestens seit „S/Z“ und „Das Reich der Zeichen“ aus dem Jahre 1970 seine Texte zu organisieren pflegte; siehe dazu Ette in: Barthes 2010: 98-120; Ette 2013), die er „Die Ideosphären“ nannte (Barthes 2005: 154-165). Was ist unter diesem Neologismus zu verstehen? Für Barthes war jede Ideologie „Sprache und nichts als Sprache“. Dabei handelte es sich um einen „Diskurs, um einen Diskurstyp“, und daher müsste man „die »Ideologien« tatsächlich nach ihrer Sprache bestimmen, die wiederum möglichst struktural nach bestimmten Diskursivitätsmerkmalen zu bestimmen wäre […]. Man würde in einer gegebenen Welt ganz sicher mehrere koexistierende Ideosphären entdecken, die einander erkennen können, aber nicht miteinander kommunizieren“ (ebd.: 154).

Barthes verschiebt den Begriff „Ideologie“ also auf das, was er „Ideospären“ nennt, d.h. auf einen Raum, in dem verschiedene Diskurstypen fluktuieren. Dieser Raum muss nicht unbedingt nur ein politischer sein; er könnte sich auch auf die Wissenschaft, die Kunst etc. beziehen. Auf jeden Fall verweisen die „Ideosphären“ auf gesellschaftliche Räume, in denen jeweils spezifische Sprachen gesprochen werden. Und diese „Ideosphären“ müssen gleichgewichtig untersucht werden. Der Vorschlag, den ich zur Dezentrierung des Begriffs „Ideologie“ in der NS-Forschung unterbreiten will, ist also ein doppelter: zum einen „Ideologie“ (von „Weltanschauung“ sollte gar nicht mehr gesprochen werden) durch „Ideosphären“ substituieren (nicht die Ersetzung des einen Wortes durch das andere ist entscheidend, sondern die Ausweitung von einem Singular auf den Plural), zum anderen die „Ideosphären“ im Nationalsozialismus anhand der darin vorherrschenden Sprachen analysieren, klassifizieren, typologisieren. Und eine Sprache analysieren heißt: deren Grammatik, Syntax, Lexik, deren Bedeutungswandel, aber auch: das Sprechen dieser Sprache zu berücksichtigen. Denn Sprache ist nicht nur Grammatik, sondern wird auch gesprochen. Dieser Vorschlag wird in den folgenden Wochen und Monaten im Rahmen einer Serie von Einträgen über „Die Ideosphären“ durchzudeklinieren sein.

Referenzen

Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, hg. v. Éric Marty, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

ders.: Die Lust am Text. Kommentar von Ottmar Ette, Suhrkamp: Berlin 2010

Berg, Nicolas: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, 3., durchges. Aufl., Wallstein: Göttingen 2004 [ursprgl. erschienen: 2003]

Broszat, Martin: Der Nationalsozialismus. Weltanschauung, Programm und Wirklichkeit, Deutsche Verlags-Anstalt, 2. Aufl., Stuttgart 1960

Confino, Alon: A World Without Jews. Interpreting the Holocaust, in: German History 27 (2009), S. 531-559

Ette, Ottmar: Roland Barthes. Landschaften der Theorie, konstanz university press: Konstanz 2013

Frei, Norbert (Hg.): Martin Broszat, der „Staat Hitlers“ und die Historisierung des Nationalsozialismus, Wallstein: Göttingen 2007

Jäckel, Eberhard: Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, erw. u. überarb. Neuausg., Deutsche Verlags-Anstalt: Stuttgart 1981 [ursprgl. erschienen: 1977]

Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 3. Aufl. der vollst. überarb. und erw. Neuausg., Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2002 [ursprgl. erschienen: 1999; deutsche Erstausgabe: 1988]

Klemperer, Viktor: LTI. Notizbuch eines Philologen, 22. Aufl., Philipp Reclam jun.: Stuttgart 2007 [ursprgl. erschienen: 1947; der Text folgt der 3. Aufl., Niemeyer: Halle an der Saale 1957]

Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“ 1922-1945, Oldenbourg: München 2006