Die Ideosphären, zweiter Versuch

von arminnolzen

Seitdem die Täterforschung Mitte der 1990er Jahre einen Paradigmenwechsel eingeleitet hat (Herbert 1998; Paul 2002), steht der Begriff „Ideologie“ geradezu im Zentrum der Interpretation des NS-Regimes. Jedoch fungiert „Ideologie“ nicht etwa als Untersuchungsobjekt, sondern nimmt die Stelle eines Jokers ein, der überall dort eingesetzt wird, wo es etwas zu erklären gibt oder wo der Historiker mit seinen Erklärungen nicht weiterkommt. Ein beredtes Beispiel ist Daniel Blatmans grundlegende Studie über die Todesmärsche 1944/45, die Anfang 2011 in deutscher Übersetzung erschien. Eindringlich zeichnet er darin die Massaker anlässlich der so genannten Räumung der Konzentrationslager 1944/45 nach. Neben den uniformierten Mördern von SS, Polizei, Soldaten und privaten Wachmannschaften nennt der Autor eine Gruppe von Verantwortlichen, die er als „mobilisierte Zivilisten“ bezeichnet. Dazu zählten Angehörige des „Deutschen Volkssturms“ und Mitglieder von Partei, SA, Hitlerjugend und anderer NS-Verbände, die sich in unterschiedlichem Maße an den Morden beteiligten.

Im „Epilog“ fasst Blatman dann das infernalische Geschehen auf den Todesmärschen 1944/45 pointiert zusammen (Blatman 2011: 673-714). Darin entwickelt er die Hypothese „einer neuen Gemeinschaft von Mördern […], deren Mitglieder sowohl altgediente Mörder waren (die SS-Aufseher), die gemeinsam mit den Häftlingen aus den Lagern im Osten eintrafen, als auch Personen, die sich dem mörderischen Treiben erst anschlossen, als es ihr Lebensumfeld und ihre Familie unmittelbar betraf […]“ (ebd.: 692). Zwei Aspekte hebt Blatman besonders hervor. Zum einen das utilitaristische Kalkül der Mörder, die nicht in einen kollektiven Blutrausch verfielen, sondern im Gegenteil Kosten und Nutzen ihres Tuns genau abwogen. Zum anderen das Moment der freien Entscheidung beziehungsweise des Vorsatzes, das den meisten Morden auf den Todesmärschen zugrundelag.

In gewissem Spannungsverhältnis zu diesen Thesen steht jedoch Blatmans Ansicht, „dass der von den Nationalsozialisten verübte Völkermord in seiner letzten Phase von einer mörderischen Ideologie geleitet wurde, die sich dezidiert von jener unterschied, die in den vorangegangen Jahren ausgebildet worden war“ (ebd.: 688). Diese Betonung der Ideologie ist jedoch von den empirischen Befunden nicht oder nur unzureichend gedeckt. An vielen Stellen zeigt Blatman selbst, dass während der Todesmärsche 1944/45 zuvor eher unauffällige Zivilisten zu Mördern wurden und sich radikale Parteifanatiker den Mordaktionen bisweilen gar entzogen. Überdies ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, aus den von ihm benutzten Quellen, die in der Regel in der Nachkriegszeit entstanden sind, auf das Wirken der „Ideologie“ in actu zurückzuschließen.

Was aber genau soll man sich unter einer „mörderischen Ideologie“ vorstellen, wie sie Blatman insinuiert? Und weshalb unterschied sich diese in der Endphase des Zweiten Weltkriegs plötzlich von jener Ideologie, die vorher im NS-Staat die herrschende war? Und wie eigentlich kam es zur Tat, also zum massenhaften Mord? Um diese Fragen beantworten zu können, besser: um einer Antwort auf diese Fragen näherzukommen, müsste man das Denken der Akteure in zeitlicher Nähe zu ihren Taten rekonstruieren; eine für den Historiker unmögliche Aufgabe. Das einzige, was Geschichtswissenschaft vermag, ist eine Rekonstruktion des situativen Umfeldes, in dem sich dieser Massenmord auf den Todesmärschen entwickelte (und dies gelingt Blatman auch meisterhaft). Und eine Möglichkeit, den Stellenwert von „Ideologie“ innerhalb dieses situativen Umfeldes zu verorten, ist die Analyse jener „Ideosphären“, die in den Jahren 1944/45 im „Großdeutschen Reich“ relevant waren.

Wie entstehen „Ideosphären“? Wie stabilisieren sie sich? In der Vorlesung am Collège de France vom 25. März 1978, aus der der Begriff stammt, verband Roland Barthes seine Ausführungen zu diesen beiden Fragen mit dem „Problem der Logotheten“ (Barthes 2005: 154), das er in seinem 1970 im französischen Original erschienenen Buch „Sade, Fourier, Loyola“ erstmals aufgebracht hat. „Logotheten“, so nannte er darin die „Begründer von Sprachen“. Und: „Die Sprache, die sie begründen, ist selbstverständlich keine linguistische Sprache, keine Kommunikationssprache. Es ist eine neue Sprache, von der natürlichen Sprache durchsetzt (oder diese durchsetzend) […]“ (Barthes 1974: 7). Insgesamt vier Aspekte kennzeichneten Barthes zufolge das Vorgehen von Logotheten: erstens das sich Abschließen, also die Schaffung der neuen Sprache aus einer materiellen Leere, einer räumlichen Abgeschiedenheit, zweitens das Gliedern und bewusste kombinatorische Zusammensetzen, drittens das Ordnen durch eine Art Zeremonienmeister und viertens das Theatralisieren, also das Entgrenzen der Sprache, indem man insistiert (ebd.: 8 ff.).

Gibt es einen nationalsozialistischen Logotheten, einen Sprachbegründer? Wenn überhaupt, so ist hier an Adolf Hitler und dessen Programmschrift „Mein Kampf“ zu denken. Geschrieben in der Landsberger Festungshaft (sich abschließen), im Entstehungsprozess immer wieder umgestellt und überarbeitet (kombinatorische Zusammensetzung; siehe Plöckinger 2006: 29-164); das „Ich“ in „Mein Kampf“ als Zentrum und das Schwanken zwischen Autobiografie und Zukunftsentwurf (Zeremonienmeister) und die unablässige Variation der Themen in den Parteiversammlungen vor und über die modernen Massenmedien nach 1933 (Insistieren). Hitler schuf offenbar eine genuin nationalsozialistische Ideosphäre, die mit den anderen, ebenfalls existenten Ideosphären konkurrierte. Wie genau ging dies vonstatten?

„Ideosphären“, so Barthes in der erwähnten Vorlesung, entstehen in zwei Etappen: In Phase eins werden die Teile „von der Sprache des Logotheten plaziert und zusammengehalten“, in Phase zwei werden diese Teile angedickt und sie verfestigen sich, so dass die Ideosphäre „von allein, aus sich heraus“ funktioniert (Barthes 2005: 155 f.). Einige Bemerkungen zu Phase eins in Bezug auf den Nationalsozialismus. Dessen „Ideosphäre“ entstand nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen konkurrierender Diskurse und Diskursivitätstypen, die teils älteren, teils vollkommen neuen Ursprungs waren und sich in der Kultur der Weimarer Republik bereits etabliert hatten oder sich gerade etablierten (Peukert 1987; Gay 2004). Mindestens zehn dieser Diskurse und daraus resultierenden „Ideosphären“ sind zu unterscheiden: 1. die „völkisch“-pangermanische, 2. die religiös-metaphysische, 3, die marxistisch-utopische, 4. die liberal-demokratische, 5. die naturwissenschaftlich-technizistische, 6. die geisteswissenschaftlich-idealistische, 7. die avantgardistisch-konstruktivistische, 8. die humanwissenschaftlich-sozialtherapeutische, 9. die ökonomisch-rationalistische und 10. die feministisch-emanzipatorische „Ideosphäre“ (Hermand/Trommler 1989; Gumbrecht 2001).

Zu Phase zwei, dem Verdicken der genuin nationalsozialistischen „Ideosphäre“. Dieser Prozess scheint sich nach 1933 beschleunigt zu haben, als das NS-Regime über einen voll ausgebildeten Medienapparat verfügte und die neue „Lingua tertii imperii“ (Klemperer 2007) kontinuierlich in die NS-Gesellschaft diffundierte. (Linguistische) Analysen dieser „Lingua tertii imperii“ gibt es mittlerweile wie Sand am Meer (Sennebogen 2008); der Prozess ihrer Etablierung, Durchsetzung oder Amalgamierung mit den genannten konkurrierenden „Ideosphären“ hingegen ist weniger gut untersucht. Dies könnte auf dreierlei Art und Weise geschehen. Erstens mittels einer historischen Semantik der Schriften und öffentlichen Reden des Logotheten Hitler, die im Hinblick auf die Zusammensetzung der neuen aus den alten „Ideosphären“ untersucht werden müssten. Zweitens mittels einer operativen Semantik (Nolzen 2013) des jeweiligen Sprachgebrauchs in spezifischen Situationen, die das Einsickern der nationalsozialistischen „Ideosphäre“ in die Gesellschaft in den Blick nehmen müsste. Drittens sollten dabei die Sprechsituationen und das Sprechen der Sprache gleichrangig mit dem gedruckten Wort (dem immer noch das Hauptinteresse der NS-Forschung gilt) berücksichtigt werden. In allen drei Bereichen muss der Wandel der zehn oben genannten „Ideosphären“ in Korrelation mit der neuen, genuin nationalsozialitischen untersucht werden. Die künftige Aufgabe der NS-Forschung: die Pluralität der NS-„Weltanschauung“ wiederherstellen.

 

 

Referenzen

Barthes, Roland: Sade Fourier Loyola, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1986 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1974]

ders.: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, hg. v. Éric Marty, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

Blatman, Daniel: Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmordes, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2011

Gay, Peter: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2004 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1982]

Gumbrecht, Hans Ulrich: 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2001

Herbert, Ulrich: Vernichtungspolitik. Neue Antworten und neue Fragen zur Geschichte des „Holocaust“, in: ders. (Hg.): Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1998, S. 9-66 (Taschenbuchausgabe)

Hermand, Jost/Trommler, Frank: Die Kultur der Weimarer Republik, 2. Aufl., Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1989 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1984]

Klemperer, Viktor: LTI. Notizbuch eines Philologen, 22. Aufl., Philipp Reclam jun.: Stuttgart 2007 [ursprgl. erschienen: 1947; der Text folgt der 3. Aufl., Niemeyer: Halle an der Saale 1957]

Nolzen, Armin: Nationalsozialismus und ›Volksgemeinschaft‹. Plädoyer für eine operative Semantik, in: Reeken, Dietmar von/Thießen, Malte (Hg.): ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis. Neue Forschungen zur NS-Gesellschaft vor Ort, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2013, S. 51-63

Paul, Gerhard: Von Psychopathen, Technokraten des Terrors und „ganz gewöhnlichen Deutschen“. Die Täter der Shoah im Spiegel der Forschung, in: ders. (Hg.): Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Göttingen 2002, S. 13-90

Peukert, Detlev J. K.: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1987

Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“ 1922-1945, Oldenbourg: München 2006

Sennebogen, Waltraud: Die Gleichschaltung der Wörter. Sprache im Nationalsozialismus, in: Süß, Dietmar/Süß, Winfried (Hg.): Das „Dritte Reich“. Eine Einführung, Pantheon: München 2008, S. 165-183