Entscheidungsjahr 1938?

von arminnolzen

In vielen Darstellungen zum NS-Regime gilt 1938 als entscheidendes Durchgangsjahr auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg und damit auch zum Genozid an den europäischen Juden. Dies wird allein schon aus den Überschriften deutlich, die den jeweiligen Kapiteln voranstehen, zum Beispiel „Radikalisierung (1938-1945)“ (Frei 2001: 148-206), „Expansionistische Dynamik“ und „Wegmarken des Völkermords“ (Kershaw 2000: 105-182 u. 183-214) oder auch „Der Weg in den Krieg 1938/39“ (Bauer 2008: 312-350). Nun ist es ein Gemeinplatz, dass in der aktuellen Situation des Jahres 1938 weder der Zweite Weltkrieg noch die NS-Vernichtungspolitik bereits begonnen hatten, sondern dass es sich bei solchen Überschriften um Rückprojektionen des Historikers handelt. Diese Rückprojektionen gehen einher mit einer Setzung von Zäsuren, die vom retrospektiven Wissen um spätere Ereignisse geprägt ist. Derartige Teleologien sind kaum zu vermeiden, sondern das alltägliche Brot des Historikers, denn dessen Erzählung ist (dies gilt für Erzählungen generell, seien sie nun fiktional oder nicht-fiktional) auf ein Ziel hin orientiert.

Der Historiker kann aber versuchen, die narrativ erzeugte Teleologie kritisch zu brechen, und zwar durch die Einbeziehung des Faktors „Kontingenz“ (Hoffmann 2005). „Kontingenz“ heißt hier mit Niklas Luhmann zunächst einmal nur: negierte Notwendigkeit, also die Möglichkeit eines Gegenstandes (oder Ereignisses), entweder anders zu sein oder nicht zu sein (Luhmann 2013: 26-46, hier: 32 f.). Letztlich geht es darum, ein historisches Ereignis zu analysieren, indem man dessen Unmöglichkeit ausschließt (denn es hat sich ja wirklich ereignet), zugleich aber dessen Notwendigkeit verneint. Es gibt mehrere Möglichkeiten, Kontingenzfaktoren in die historische Analyse einzuführen. Eine davon besteht in der Rekonstruktion zeitgenössischer Erwartungen und ihrer Relationierung mit tatsächlichen Erfahrungen (klassisch dazu Koselleck 1989: 349-375). Wie stellte sich den Zeitgenossen das NS-Herrschaftssystem zu Beginn des Jahres 1938 dar? Welche Erfahrungen machten sie dann tatsächlich im Verlauf dieses Jahres, und wie lassen sich Erwartungen und Erfahrungen in der historischen Analyse korrelieren?

Ich möchte zu diesem Zweck einen Eintrag aus dem Tagebuch von Willy Cohn, eines ehemaligen Sozialdemokraten, Mediävisten und dem Zionismus nahe stehenden orthodoxen Juden, zitieren, der im Frühjahr 1933 aufgrund von § 4 des „Berufsbeamtengesetzes“ seine Stellung an einem Breslauer Gymnasium verloren hatte. Cohn schrieb am 31. Dezember 1937: „Das bürgerliche Jahr geht nun zu Ende; man könnte eine lange Rückschau halten über das, was es gebracht hat. Für viele Menschen sehr viel Schweres, für viele Juden in Deutschland den Verlust ihrer Stellungen, Trennung von ihren Lieben, für viele Menschen in China und Spanien das Ende. In Spanien ist jetzt bei Teruel eine große Schlacht in Gange. Wir hier im engeren Kreis können glücklich und froh sein, daß unsere vier Kinder sich […] gut entwickelt haben, und daß wir die zwei Großen wieder sehen konnten. Das größte Glück wäre, wenn man seine Familie in Eretz Israel vereinigen könnte“ (Willy Cohn 2006: 503).

Cohn verband die Betrachtungen seiner persönlichen Situation mit einem weltgeschichtlichen Exkurs über den chinesisch-japanischen Krieg beziehungsweise den Bürgerkrieg in Spanien. Beides hatte die Funktion, sein eigenes Leid und seine Erfahrungen der Diskriminierung in den Hintergrund zu stellen, um seine persönliche Situation im NS-Staat irgendwie erträglich zu gestalten. Diese Situation war gekennzeichnet durch Cohns berufliche Diskriminierung und die Emigration zweier Kinder. Cohn erhoffte sich von 1938 die Vereinigung der Familie in Eretz Israel. Vom NS-Regime erwartete er im Grunde genommen dasselbe wie die Jahre zuvor: eine Fortsetzung der administrativen Diskriminierung der Juden. In früheren Tagebucheinträgen hatte er nur selten dem Gefühl Ausdruck gegeben, die NS-„Judenpolitik“ radikalisiere sich. Lediglich in der Zeit bis April 1933 und im Sommer 1935, als der Pogromantisemitismus wütete (Wildt 2007: 101-137 u. 219-266), scheint dies der Fall gewesen zu sein.

Wie verhielten sich Cohns Erwartungen zu den tatsächlichen Ereignissen des Jahres 1938, die gemeinhin als Beleg für dieses „Entscheidungsjahr“ angeführt werden? Das erste Ereignis, das hier interessiert, war die „Blomberg-Fritsch-Krise“ vom Januar 1938, die durch die Heirat von Reichskriegsminister Werner von Blomberg mit einer ehemaligen Prostituierten ausgelöst wurde, bei der Hitler und Hermann Göring Trauzeugen gewesen waren. Als die Vergangenheit von Blombergs Gattin ruchbar wurde, entschied sich Hitler dafür, den Skandal am 4. Februar 1938 mit einem Revirement in der Wehrmachtführung zu tarnen. Abgelöst wurden Blomberg, der angeblich homosexuelle Oberbefehlshaber des Heeres Werner Freiherr von Fritsch sowie vierzehn weitere Generäle, und Hitler übernahm den Oberbefehl über die Wehrmacht selbst (Schäfer 2006: 173-199). In der historischen Forschung gilt der 4. Februar 1938 als Schlusspunkt aller Versuche der preußisch-deutschen Militärelite, Einfluss auf die NS-Politik zu nehmen. Außerdem gilt er als Beginn jener Verschleierung der Mitverantwortung der Wehrmacht an der NS-Politik, durch die sich die Militärgeschichtsschreibung nach dem Zweiten Weltkrieg auszeichnete (Janßen/Tobias 1994: 8). Es war vor allen Dingen der Fall Fritsch, der hier eine Alibifunktion erfüllte, weil sich die Anschuldigungen gegen den General im Nachhinein als haltlos herausgestellt hatten und viele Historiker die Armee daraufhin lange Zeit als bloßes Opfer eines machiavellistischen Machtwillens des Nationalsozialismus sahen.

Das zweite Ereignis, das im Zusammenhang unserer Fragestellung von Relevanz ist, war der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938, der auf eine militärische Invasion gründete (Schausberger 1978). Den unmittelbaren Auslöser bildete die Ankündigung des österreichischen Bundeskanzlers Kurt von Schuschnigg am 9. März 1938, vier Tage später eine Volksbefragung über die zukünftige Selbständigkeit Österreichs abzuhalten. Durch das „Berchtesgadener Abkommen“ wenige Wochen zuvor war Österreich bereits eine Wirtschafts- und Währungsunion mit dem Deutschen Reich aufgezwungen worden. Hitler erwartete den faktischen „Anschluss“ eigentlich erst nach der „Zerschlagung der Tschechoslowakei“, also perspektivisch etwa im Sommer 1939. Nach Schuschniggs Ankündigung brach jedoch eine Aufstandsbewegung der österreichischen NSDAP los, die vor allen Dingen in Wien und Graz eine unkontrollierbare Eigendynamik entfachte. Hitler und Göring als Chef des Vierjahresplans nutzten die Gunst der Stunde und optierten für den militärischen Einmarsch. Binnen weniger Stunden wurde Österreich im Morgengrauen des 12. März 1938 überrollt, und der faktische „Anschluss“ wurde einen Tag später vollzogen.

Das dritte Ereignis, das ich hier nenne, war die Annexion des Sudetenlandes im Oktober 1938 (Zimmermann 1999: 35-117). Am 28. März 1938 trafen sich Hitler und Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen. Der „Führer“ und Reichskanzler gab dabei seiner Überzeugung Ausdruck, Henlein solle immer so viele Forderungen stellen, wie für die Tschechoslowakei nicht annehmbar seien. Hitlers Rede auf dem Reichsparteitag der NSDAP am 12. September 1938 löste eine Art „Parteirevolution von unten“ (Broszat 2000: 246-252) in den sudetendeutschen Gebieten aus, bei der mehr als 30 Juden ermordet wurden. Nachdem die tschechische Regierung mit polizeilichen Maßnahmen reagiert hatte, brachte Hitler die militärische Option des „Falles Grün“ in Gang, die der gesamten Tschechoslowakei galt. Diese ordnete dann die Generalmobilmachung an, wonach es zu jener amerikanisch-italienischen Initiative vom 27. / 28. September 1938 kam, die die Erhaltung des Friedens zum Ziel hatte und schließlich zum „Münchener Abkommen“ vom 30. September 1938 führte. Diese Abtretung der sudetendeutschen Gebiete ans Deutsche Reich per Großmachtentscheid war für Hitler von Anfang an das Papier nicht wert, auf dem sie stand. Er empfand das Abkommen als Schmach und erwähnte im Vorfeld des „Polenfeldzuges“ Ende August 1939, dass ihm dieses Mal nichts mehr dazwischen kommen werde. Die Annexion des Sudetenlandes zum 1. Oktober 1938 löste sofort antijüdische Pogrome aus. Viele Juden flohen vor der Wehrmacht, die das Gebiet in Besitz nahm, in die tschechoslowakische Restrepublik.

Ein viertes Ereignis des „Entscheidungsjahres 1938“ war die so genannte Reichskristallnacht vom 9. und 10. November 1938 (Steinweis 2011). Am Morgen des 7. November 1938 hatte Herschel Grynszpan in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath verübt. Am gleichen Abend verwüstete ein Trupp von 30 Männern in Zivil die Kasseler Synagoge. Gleichzeitig fand im „Hessischen Hof“ in Bebra eine Parteiversammlung statt, bei der der dortige Kreisleiter der NSDAP zur Vergeltung für das Pariser Attentat aufrief (Kropat 1997: 56-59). Von Hessen aus breiteten sich die Ausschreitungen gegen jüdische Einrichtungen in der Nacht zum 8. November 1938 weiter aus. Schließlich wurde durch Joseph Goebbels’ Rede bei der Reichs- und Gauleitertagung am 9. November 1938 in München der Pogrom, der punktuell bereits lief, im gesamten Reich in Gang gesetzt. Insgesamt ermordeten die NS-Täter und ihre Helfershelfer im Deutschen Reich im Verlauf dieser vier Tage mehr als 400 Juden und verschleppten 30.000 in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Dort kamen noch einmal mehr als 400 vor allem männliche Juden ums Leben. Hunderte begingen in den kommenden Wochen Selbstmord. Alles in allem dürfte die Zahl der aufgrund des Novemberpogroms 1938 ermordeten oder verstorbenen Juden bei fast 1.500 gelegen haben. Insgesamt 1.406 Synagogen oder Betstuben wurden niedergebrannt oder vollständig zerstört.

Worin besteht der Zusammenhang der vier genannten Ereignissequenzen? Sie hatten einen mehr oder minder zufälligen Anlass, der weder von den Akteuren an der Spitze des NS-Regimes noch von den anderen Zeitgenossen vorauszusehen gewesen war. Bei der „Blomberg-Fritsch-Krise“ bestand der Zufall in der Identifizierung von Blombergs Gattin als ehemaliger Prostituierter, beim „Anschluss“ in Schuschniggs überraschendem Plan einer „Volksabstimmung“, im Fall der Adjukation des Sudetenlandes in der amerikanisch-italienischen Intervention zur Erhaltung des Friedens (die dazu führte, dass nur Teile des tschechischen Staates der Expansion zum Opfer fielen und die Juden noch eine Fluchtmöglichkeit besaßen), und bei der „Reichskristallnacht“ im Attentat auf vom Rath. Diese zufälligen Ereignisse bildeten den Anlass für Umsteuerungen in der NS-Politik, die wiederum Fakten für die weitere Entwicklung schufen. Diese Umsteuerungen waren nicht planbar oder koordiniert, sondern vollzogen sich im permanenten Wechselspiel zwischen zentralen und lokalen Initiativen. Das Jahr 1938 war also gekennzeichnet durch eine Entwicklung, bei der es dem NS-Regime gelang, Kontingenzen, hier verstanden als unerwartete Ereignisse, in Strukturen zu überführen.

Wie sahen die Zeitgenossen im Deutschen Reich das Jahr 1938 in der Retrospektive? Dazu noch einmal ein Zitat aus dem Tagebuch des Breslauer Mediävisten Willy Cohn: „Heute steht man wieder einmal am Ende eines bürgerlichen Jahres und da man täglich nach diesem Kalender lebt, so gehen die Gedanken unwillkürlich rückwärts. Es war wohl das schlimmste Jahr in der Geschichte der Juden in Deutschland seit dem Mittelalter, ob unverdient? Das letztere ist die große Frage! Es liegt doch viel Kollektivschuld, sei es auf wirtschaftlichem Gebiete. Aber das wollen unsere Menschen meist nicht hören! So werden wir weiter büßen müssen! Der Welt ist äußerlich durch das Münchener Abkommen der Frieden erhalten geblieben, aber die Katastrophe, der Zusammenstoß zwischen den beiden Welten wird 1939 erfolgen, falls sich der Faschismus, was ich nicht für ausgeschlossen halte, nicht vorher die Welt erobert hat! Es kann auch die Peripetie sein, da ist eine Prognose schwer möglich“ (Willy Cohn 2006: 576 ff., hier: 577).

Drei Dinge sind an diesem Zitat hervorzuheben. Erstens sah Cohn 1938 als Höhepunkt der antijüdischen Diskriminierung seit dem Mittelalter, zweitens schrieb er den deutschen Juden eine Mitschuld an den antijüdischen Maßnahmen des NS-Regimes zu (ohne dies zu konkretisieren), und drittens hoffte er untergründig auf eine Peripetie, das heißt auf einen Wendepunkt im Drama der Juden, der zum Besseren führen werde. Diese Hoffnung wird durch die Perspektive, dass die deutschen Juden weiter „büßen“ müssen, stark eingeschränkt. Im Großen und Ganzen ist zwischen diesem Zitat und dem eingangs genannten vom 31. Dezember 1937 eine gewisse Diskrepanz zu erkennen, die zeigt, dass Cohn die Radikalisierung der antijüdischen Politik, die das Jahr 1938 mit sich brachte, so nicht erwartet hat. Aus seinen Ausführungen von Ende 1938 ist jedoch auch eine offene Perspektive zu erkennen. Cohn registrierte zwar alle antijüdischen Diskriminierungsmaßnahmen, gibt sich aber (würde der Historiker sagen) der „Illusion“ hin, es könne auch besser werden. Er täuschte sich: er selbst, seine Frau und zwei Kinder wurden Ende November 1941 aus Breslau ins Ghetto Riga deportiert und dort ermordet. Dasselbe Schicksal ereilte viele deutsche Juden, die noch 1938/39 auf eine Wende zum Positiven gehofft hatten. Deshalb spricht die NS-Forschung auch vom „Schicksalsjahr 1938“ (Barkai 1988: 122-165).

Welchen Sinn hat es, die Erwartungshaltungen Willy Cohns Ende 1937 und dessen Rückschau Ende 1938 mit den genannten vier Ereignissen zu verbinden und in die historische Analyse einzubeziehen? Mir ging es im Wesentlichen darum zu zeigen, dass die Perspektive, wonach das Jahr 1938 eine weit reichende Transformation des NS-Regimes mit sich gebracht habe, eine von den Zeitgenossen nicht vorhergesehene, in der Rückschau aber durchaus erkannte Tatsache war. Diese Einsicht ist keineswegs so banal, wie sie scheinen mag, sondern impliziert für eine für die narratio des Historikers konstitutive Eigenschaft: sein Diskurs, der Diskurs der Geschichte, verleiht einer im Prinzip offenen Entwicklung nachträglich einen Sinn. In unserem Falle liegt dieser Sinn im Wesentlichen darin, dass „1938“ als eine wesentliche Vorstufe des Genozids an den europäischen Juden betrachtet wird. Im Prozess der empirischen Forschung ist dies nicht problematisch, denn diese Hypothese kann, unter Diskussion der jeweiligen Gründe und unter Einbeziehung der weiteren Entwicklung, entweder abgelehnt oder angenommen werden. Problematisch wird diese Sinnkonstruktion des Historikers aber, wenn sie die Erwartungen der Zeitgenossen im Lichte der späteren Entwicklung beurteilt beziehungsweise diese daran misst. Cohns Selbsttäuschung von Ende 1938 war eben nur im Nachhinein eine solche. In der Situation des Jahres 1938 war sie eine bloße Erwartung.

Das Jahr 1938 war aus der nachträglichen Perspektive möglicher Weise ein „point of no return“, aber dieser Sachverhalt kann aus der Sicht der jeweils Handelnden und Erlebenden mit Fug und Recht bestritten werden (und zwar sowohl aus der Sicht der jüdischen Opfer wie Willy Cohn als auch aus der der Täter wie Hitler, Göring oder Goebbels, die den Genozid zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor Augen hatten). Daraus ist zu lernen, dass es der Historiker ist, der Zäsuren setzt. Sie sind ein Effekt seiner Erzählung und seines nachträglichen Wissens über die Ereignisse. Und um diese Teleologie darstellerisch zu brechen, bedarf es einer systematischen Einbeziehung der Perspektive der Kontingenz, hier in Gestalt der Erwartungen der Handelnden oder Erlebenden. Und diese Erwartungen dürfen nicht mit pejorativen Vokabeln wie „Illusion“, „Selbsttäuschung“ etc. belegt werden, sondern sie müssen als Erwartungen beschrieben werden, die entweder erfüllt oder enttäuscht wurden.

In einem weitergehenden Sinn schließlich eröffnen die beiden Kategorien „Erwartung“ und „Erfahrung“ auch einen Zugang zu historischen Sachverhalten, der sich nicht, wie im Konzept Reinhart Kosellecks vorgedacht, auf eine Thematisierung geschichtlicher Zeiten und sozialen Wandels beschränken (Koselleck 1989: 349-375, hier: 354-359). Nicht die Makroperspektive eines Auseinandertretens von Erwartungsraum und Erfahrungshorizont wie bei Koselleck steht dabei im Vordergrund, sondern die Kontingenz von Ereignissen und Ereignissequenzen und die (gelungene oder nicht gelungene) Transformation dieser Kontingenz in Strukturen, die nicht an die Makro-, Meso- oder Mikroebene gebunden ist. Diese Strukturen können neue Gesetze, neue Organisationsformen oder neue Praktiken sein, sie können aber auch in der Herausbildung neuer individueller Erwartungshorizonte bestehen. Gesellschaftlicher Strukturwandel und der Wandel von Individualitäten oder von Mechanismen der Subjektivierung (Föllmer 2013) könnten so auf gleichberechtigte Art und Weise analysiert werden.

 

Referenzen

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Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, Böhlau: Wien/Köln/Weimar 2008

Broszat, Martin: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, 15. Aufl., dtv: München 2000 [ursprgl. erschienen: 1969]

Föllmer, Moritz: Individuality and Modernity in Berlin. Self and Society from Weimar to the Wall, Cambridge University Press: Cambridge 2013

Frei, Norbert: Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945, 6., erw. u. aktual. Neuaufl., dtv: München 2001 [ursprgl. erschienen: 1987]

Hoffmann, Arnd: Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie. Mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte, Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main 2005

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Kershaw, Ian: Hitler 1936-1945, DVA: Stuttgart 2000

Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1989 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1979]

Kropat, Wolf-Arno: „Reichskristallnacht“. Der Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938. Urheber, Täter, Hintergründe. Mit ausgewählten Dokumenten, Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen: Wiesbaden 1997

Luhmann, Niklas: Kontingenz und Recht. Rechtstheorie im interdisziplinären Zusammenhang, hg. v. Johannes F.K. Schmidt, Suhrkamp: Berlin 2013

Schäfer, Kirstin A.: Werner von Blomberg – Hitlers erster Feldmarschall. Eine Biographie, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2006

Schausberger, Norbert: Der Griff nach Österreich. Der Anschluß, Verlag Jugend und Volk: Wien/München 1978

Steinweis, Alan: Kristallnacht 1938. Ein deutscher Pogrom, Reclam: Stuttgart 2011

Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburger Edition: Hamburg 2007

Willy Cohn: Kein Recht, nirgends. Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums 1933-1941, hg. v. Norbert Conrads, 2 Bde., Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2006

Zimmermann, Volker: Die Sudetendeutschen im NS-Staat. Politik und Stimmung der Bevölkerung im Reichsgau Sudetenland (1938-1945), Klartext: Essen 1999