Bruchstücke der Kritik, zweite summula

von arminnolzen

Die geschichtswissenschaftliche Rezension scheint kein unbekanntes Wesen mehr zu bleiben. In der Mediävistik jedenfalls schickt man sich an, dem Geheimnis dieser Textgattung auf die Spur zu kommen. So findet sich im ersten Heft des Jahrgangs 2013 der Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (MIÖG) ein „Themenschwerpunkt Rezensionswesen: Erkundungen in einer Forschungslücke“, in dem in insgesamt fünf Aufsätzen historische (im doppelten Sinn des Wortes) Rezensionen unter die Lupe genommen werden. In zwei Aufsätzen geht es um protestantische beziehungsweise katholische Rezensionszeitschriften im 18. Jahrhundert, in drei weiteren Aufsätzen werden die in den einschlägigen Heften der MIÖG zwischen 1880 und 1939 publizierten Literaturberichte und Besprechungen wissenschaftlicher Editionen und Monografien behandelt, ergänzt durch verallgemeinernde Überlegungen zur Textsorte „geschichtswissenschaftliche Rezension“. Auf den Seiten 109 bis 133 findet sich ein Fragenkatalog zum Thema „Rezension“, den die MIÖG an Redaktionen allgemein-historischer, mediävistischer und landeskundlicher Fachzeitschriften übersandt haben. Deren leitende Redakteure sahen sich den folgenden Fragen gegenüber:

„(1) Seit wann gibt es in Ihrer Zeitschrift gedruckte Rezensionen? Wie viel Raum nehmen Rezensionen in Ihrer Zeitschrift ein? Hat sich der Stellenwert des Rezensionsteiles in Ihrer Zeitschrift im Laufe der Geschichte verändert? Welchen Umfang nimmt eine Rezension in Ihrer Zeitschrift normalerweise ein – gibt es verschiedene Klassen von Rezensionen (Miszelle, Notiz, Rezension)?
(2) Welche Themengebiete lassen Sie in ihrer Zeitschrift rezensieren und welche Themengebiete, Epochen und/oder Fachdisziplinen schließen Sie aus? Welche Auswahlkriterien haben Sie für zu rezensierende Bücher?
(3) Wie stellen Sie sich eine geglückte Rezension vor und welche Rezension würden Sie nicht zum Abdruck bringen (etwa Invektiven)? Können Sie eine Typologie von Rezensionen (etwa nacherzählende versus ,kritische‘ Rezension) erstellen bzw. erkennen? Können Sie auch Veränderungen in der Form der Rezensionen (etwa Stil, Kritik usw.) erkennen? Wie gehen Sie mit Reaktionen auf Rezensionen um (Frage der Entgegnungen)?
(4) Warum drucken Sie Rezensionen ab? Inwieweit kann man mit der Auswahl, Vergabe, mit dem Druck von Rezensionen etwas bewirken, steuern etc.
(5) Wie stehen Sie zu Rezensionen im Netz und wie verhalten sich ,Netzrezensionen‘ zu gedruckten Rezensionen?“

Was sind die Ergebnisse dieser Umfrage? Die teilnehmenden Fachzeitschriften, darunter sowohl deutsch- wie auch fremdsprachige, legen allesamt hohen Wert auf Rezensionen, und zwar sowohl in quantitativer (gemessen am Gesamtanteil der Zeitschrift) als auch in qualitativer Hinsicht. Sie sehen in Rezensionen ein zentrales Instrument, um die geschichtswissenschaftliche Debatte zu befördern und neue Forschungsergebnisse kritisch zu gewichten. Zudem entwickeln die meisten Respondenten dezidierte Vorstellungen davon, wodurch sich eine gute Rezension auszeichnet: sie soll Fragestellung, Quellen und methodische Herangehensweise des Buches referieren, Inhalt und wichtigste Thesen darstellen, es in den Forschungsstand einordnen und kritisch bewerten sowie persönliche Angriffe unterlassen. Der Rezensionsteil der Zeitschriften ist standardisiert, und sie haben samt und sonders Unter- und Höchstgrenzen für einzelne Besprechungen (3.000 Zeichen Minimum, 12.000 Zeichen Maximum). Viele Zeitschriften stellen ihren Rezensionsteil nach einer Sperrfrist von in der Regel einem Jahr online. Daneben lässt sich den Antworten eine weitere unausgesprochene Gemeinsamkeit entnehmen: Rezensionen werden als argumentative (narrative) Texte gesehen, die spezifischen formalen und inhaltlichen Kohärenzkriterien genügen müssen. Demnach scheint es unvorstellbar, eine Rezension in der Form eines Fragments, einer Aufzählung oder mehrerer aneinandergereihter Mikrotexte zu verfassen. Wie sähe so etwas aus?

Ich exerziere dies am Beispiel eines Buches von Sven Keller durch, in dem es um die letzten Monate des NS-Regimes und die Gewalteskalation an der „Heimatfront“ geht (meine reguläre Besprechung des Buches wird 2015 in der Militärgeschichtlichen Zeitschrift erscheinen). Die Bemerkungen folgen dabei nicht dessen Argumentationsgang, sondern sie sind alphabetisch nach Überschriften geordnet, die die zentralen Aspekte von Kellers Monografie herausgreifen; die Seitenangaben in Klammern verweisen auf die entsprechenden Belegstellen im Buch.

BEGRIFFE
Der Autor spielt eine Reihe von in der NS-Forschung gängigen BEGRIFFEN durch, um das mörderische Geschehen der letzten Kriegsmonate auf den Punkt zu bringen: Totalisierung, Nazifizierung, Partifizierung (Orlow 1973), Mobilisierung, „kumulative Radikalisierung“ (Mommsen 1976). Er konstituiert so ein regelrechtes Begriffsnetz, dessen einzelne Bestandteile aufs engste miteinander zusammenhängen. Diese Begriffe sollen den Einzelfall erklären helfen; sie sind im Sinne Ernst Cassirers Funktionsbegriffe (Cassirer 2006). Welches Verständnis des Einzelfalles ermöglicht ein Begriff wie „Partifizierung“ (die institutionelle Usurpation von innerer Verwaltung, Wehrmacht und Wirtschaft durch die NSDAP)? Weil Keller vollständig zwischen BEGRIFFEN und Empirie trennt, kann diese Frage im Grunde genommen gar nicht entscheiden werden. Seine Empirie bleibt begriffs-, seine BEGRIFFE bleiben inhaltlos.

ERFAHRUNG
„Die Vorbilder für die Radikalisierung sowohl der Methoden als auch der Strukturen fanden sich in der Praxis der Herrschaft und des Massenmords in den besetzten Gebieten, woher entsprechend erfahrenes Personal ins Reich zurückkehrte“ (S. 426). Was sagt dieser Satz aus? 1. es radikalisierten sich Methoden und Strukturen: beides ist unsinnig, denn weder die Methode des Tötens (ermorden ist ermorden) noch irgendwelche Strukturen (diese wandeln sich höchstens) können sich radikalisieren; 2. die Radikalisierung der GEWALT folgte dem Vorbild der besetzten Gebiete (dies impliziert, dass die Mörder oder deren Helfershelfer darüber informiert waren, welche Praktiken in den besetzten Gebieten angewandt worden waren); 3. die Täter hatten in den besetzten Gebieten spezifische Erfahrungen gesammelt, die sie im „Altreich“ anwandten (dies impliziert, dass die Täter dieselben waren). Im Mittelpunkt des Arguments steht also eine spezifische ERFAHRUNG, entweder eine mit dem Töten oder eine mit dem Reden/Wissen über das Töten. Wie aber transformiert sich eine entsprechende ERFAHRUNG in Praxis? Noch radikaler gefragt: wie lassen sich sowohl eine solche ERFAHRUNG wie deren Umsetzung in Massenmord historiografisch nachweisen? Was sich Keller nicht vorstellen kann, ist ein Morden ohne vorherige ERFAHRUNG, ein Morden ohne Voraussetzung, ein Morden um des Mordens willen.

GALOPPIERENDE DEDUKTION
Kellers Vorgehensweise scheint (wie die der meisten Historiker) induktiv: er geht vom Einzelfall aus und versucht dann, diesen einzuordnen. Das gilt allerdings nur für die beschreibenden Teile seiner Arbeit. Bei der Thesenbildung verfährt er deduktiv, wie sich am besten anhand seiner Herleitung der Motive der Täter erhellen lässt. Drei Aspekte hebt er dabei hervor: 1. Gefühle wie Hass und Angst, die „für das individuelle Handeln in der Kriegsendphase eine bedeutende Rolle“ spielten, 2. die Entwicklung einer genuin nationalsozialistischen Tötungsmoral, die die Gewaltanwendung zu einer ethischen Verpflichtung habe werden lassen, und 3. die Rassen- und Volksgemeinschaftsideologie, die die Grundlage dieser NS-spezifischen Moral gebildet habe (S. 9). Diese drei Motive werden anhand der Einzelfälle immer wieder aufs Neue durchgespielt (es handelt sich im Großen und Ganzen um eine Art GALOPPIERENDER DEDUKTION), nur: den QUELLEN, die der Autor benutzt, lassen sie sich so nicht entnehmen. Dazu drei Beispiele:

(ad1) Die Verbrechen der Angehörigen der Hitler-Jugend, die Keller sehr überzeugend analysiert (S. 151-168). Hier bringt er „Ängste, Unzufriedenheit und Zorn“ als Auslöser in Anschlag (S. 165), wenngleich er bisweilen auch die Faszination durch GEWALT und Militärisches erwähnt. Im Mittelpunkt steht die Frage nach Schuld und Verantwortung dieser Jugendlichen, die Keller auf S. 165 auch irrigerweise als „Kindersoldaten“ bezeichnet (ein Begriff, der bereits eine Antwort auf die Frage darstellt in dergestalt, dass Jugendliche durch das NS-Regime lediglich instrumentalisiert worden seien). Die Gefühle, die Keller als handlungsleitend für das Handeln dieser Jugendlichen ansieht, tauchen in den QUELLEN niemals auf; sie werden ab extra eingeführt.

(ad2) Die massenhafte Ermordung von so genannten Plünderern (in der Regel ausländische Zwangsarbeiter) und Häftlingen in den letzten Kriegsmonaten (S. 274-323). Auch hier deduziert Keller ein Zusammenspiel zwischen steigenden Bedrohungsängsten und Massenmord, allerdings in Form eines gesteigerten Sicherheitsbedürfnisses der Täter als eine Art ethischer Verpflichtung, die „Volksgemeinschaft“ zu schützen beziehungsweise den Verlust von Eigentum und eigenen Angehörigen zu kompensieren (S. 290). Letztlich sind diese Motive (wenn man sie denn so nennen will) aber niemals in actu zu fassen, sondern lediglich als kommunikatives Konstrukt einer spezifischen Nachkriegssituation, also des jeweiligen Gerichtsverfahrens, in dem sich die Angeklagten zu ihren Taten äußern (sie rechtfertigen) mussten.

(ad3) In einem Kapitel „Lokale Kräftefelder: Formen, Erfolgsaussichten und Grenzen von Initiativen zur Kriegsbeendigung“ (S. 384-406) schildert Keller die unterschiedlichen Umgangsweisen mit der unmittelbar bevorstehenden alliierten Besetzung deutscher Städte und Dörfer. Radikalen Durchhaltefanatikern, die bis zuletzt kämpften und „Defätisten“ ermordeten, standen hier Pragmatiker gegenüber, die sich in letzter Minute dazu entschlossen, „ihre“ Stadt unzerstört zu übergeben. Bisweilen erwiesen sich aber selbst radikale ideologische Fanatiker, etwa Kreisleiter der NSDAP, als vernünftig. Dies widerspricht jener weitgehenden Internalisierung der Rassen- und Volksgemeinschaftsideologie, die Keller ansonsten postuliert. Jedoch verdeutlicht er auch eines: es gab immer die Möglichkeit, sich zu entscheiden: für oder gegen massenhaftes Morden, für oder gegen eine kampflose Übergabe, selbst für Widerstand.

GESCHLECHT
Der zentrale Widerspruch des vorliegenden Buches liegt in folgendem Sachverhalt: Auf der einen Seite war die „Heimatfront“ 1945 zu einem großen Teil weiblich, auf der anderen Seite kommen in den von Keller geschilderten Verbrechen in der Regel nur Männer vor, und zwar sowohl auf Täter- wie auf Opferseite. Dem Autor ist dieser Sachverhalt bewusst (S. 432 f.), aber er zieht daraus keine analytischen Konsequenzen. Er tendiert dazu, das „Dritte Reich“ am Kriegsende als Gewaltgesellschaft zu beschreiben. Dies resultiert aus seiner weitgehenden Vernachlässigung weiblicher Handlungsräume. Die Kategorie „Geschlecht“ zwingt dazu, Kellers Befunde zu überdenken (zwingt sie nicht generell dazu, unser Bild der NS-Gewalt kritisch zu historisieren?).

GEWALT
Allerorten GEWALT, genauer: Tötungsgewalt. Kellers Konzept von „Gewalt“ ist allerdings, im Gegensatz zum Großteil der NS-Forschung, nicht statisch, sondern vermittelt (oftmals leider unausgesprochen) ein reichhaltiges Bild von der Sozialität der GEWALT: sie ist ihm ein soziales, kein antisoziales (deviantes) Phänomen, sie zerstört (Leben), produziert aber zugleich (soziale Ordnung) oder reproduziert (Identitäten der Täter). Dieses Ernstnehmen der GEWALT lässt Keller einen mikroskopischen Blick für die „Ordnung in der Katastrophe“ entwickeln, durch die sich das NS-Regime 1944/45 auszeichnete. Demzufolge gab es keine selbstläufige Autodestruktion von innen. Das NS-Regime musste auch und gerade deshalb von außen besiegt werden, weil es sich in den letzten Kriegsmonaten noch (durch Massengewalt) selbst zu stabilisieren vermochte.

NULLPUNKT
Die Erwartung des Kriegsendes bildete 1944/45 einen NULLPUNKT, an dem sich alles Handeln der Täter und ihrer Helfershelfer ausgerichtet habe, so argumentiert Keller durchgehend. Ein Resultat dieser Erwartung war die „Angst, es könne nach der zu erwartenden Umkehrung der Machtverhältnisse durch die alliierte Besetzung zu Übergriffen durch die bisher unterdrückten und ausgebeuteten Zwangsarbeiter kommen […]“ (S. 292). Keller führt einen zentralen Aspekt in die historiografische Debatte ein: den Erwartungshorizont, demzufolge im „Medium von bestimmten Erfahrungen und bestimmten Erfahrungen […] sich die konkrete Geschichte“ zeitige (Koselleck 1989: 353). Historische Geschehnisse lassen sich immer nur im Horizont spezifischer (individueller wie kollektiver Erwartungen) interpretieren. Leider bleiben diese Erwartungen bei Keller relativ unspezifisch. Bestanden sie im festen Glauben an den „Endsieg“? Oder bestanden sie in einer Akzeptanz der Niederlage und in spezifischen Hoffnungen oder Befürchtungen für das weitere Vorgehen der Alliierten?

PSYCHOTISCHER DISKURS
Der Status des historischen Diskurses, so hat Roland Barthes einmal gemeint (Barthes 2006: 157), sei „einheitlich behauptend, konstatierend“. Er kenne keine Negation. Dies lasse sich mit einer Veranlagung in Beziehung setzen, die man bei einem anderen Sprechenden antreffe: beim Psychotiker. Dieser sei außerstande, eine Aussage einer verneinenden Transformation zu unterziehen. Der Psychotiker lebt in der Angst vor dem Zusammenbruch, und dem entspricht beim Historiker die Angst vor dem Widerlegtwerden. Kellers Diskurs ist ein Beispiel für diese auf den ersten Blick so ungehörige Parallele. Er reiht Quelle um Quelle, Paraphrase um Paraphrase aneinander und erzählt, wie es „eigentlich gewesen“ (nicht, wie es gewesen sein könnte). Er annotiert die Sekundärliteratur, die bloß hinweisenden Charakter besitzt und deren Thesen nicht evaluiert werden. Tabellen, grafische Illustrationen, Bilder sind Mangelware. Es dominieren Nominalisierungen, zusammengesetzte Substantive, Passivkonstruktionen, Hauptsätze und ein parataktischer Satzbau, ein wahrhaft PSYCHOTISCHER DISKURS. Kann es aber überhaupt eine andere Art des geschichtswissenschaftlichen Schreibens geben?

QUELLEN
Kellers Monografie ist, wie die meisten der neueren NS-Forschung, empirisch gesättigt. Er benutzt Akten der Nachkriegsjustiz in West- und Ostdeutschland, sofern sie Tötungsverbrechen in den letzten Kriegsmonaten zum Gegenstand hatten (insgesamt 334 Verbrechensvorgänge mit 779 Angeklagten, zu denen 728 Einzelurteile aller Instanzen ergingen); Akten der Reichsministerien und der Zentralbehörden der NSDAP im Bundesarchiv Berlin; Akten einzelner Heeresgruppen und Armeen im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg; Aktenbestände der beiden Gaue Westfalen-Nord und Westfalen Süd der NSDAP in den Nordrhein-Westfälischen Staatsarchiven; Akten des Gaues Oberschwaben im Staatsarchiv Augsburg, Nürnberger Prozessakten im Institut für Zeitgeschichte München. Keller trennt allerdings in dem mehr als vierzigseitigen Literaturverzeichnis (S. 443-485) nicht zwischen gedruckten QUELLEN und Literatur, so dass die Grenze zwischen beidem verschwimmt.

ZENTRALE UND PERIPHERIE
Kellers Diskurs oszilliert zwischen ZENTRALE (den „Führerhauptquartieren“, Reichsministerien und Reichsleitungs-Dienststellen der NSDAP) und PERIPHERIE (den Orten des Massenmordes in der Kriegsendphase, den Städten und Dörfern, Gefängnissen, Lagern, Wäldern und Straßen). Er denkt sich die Gewalteskalation als Resultat einer zunehmenden Dezentralisierung, einer Diffusion der von oben vorgegebenen Verhaltensweisen, ungeschriebenen Regeln und Normen bis in das letzte Dorf hinein. Die Impulse zu dem, was er „Radikalisierung“ nennt, gehen immer von oben nach unten. Der kommunikative Kontext, in dem sich dies vollzog, bleibt unklar, denn das Wissen über die jeweilige Befehlslage wird nicht systematisch rekonstruiert, wie sich anhand des „Katastrophenerlasses“ Heinrich Himmlers zeigt, wonach „,im frontnahen Heimatgebiet jeder zum Waffentragen Berechtigte jeden Plünderer zu erschießen habe‘“ (S. 282). Keller beschreibt zwar unzählige Eigeninitiativen des Tötens vor Ort, holt dies analytisch aber nicht ein; Selbstermächtigung als soziale Praxis hat hier keinen interpretatorischen Stellenwert.

ZUFALL
Die Gewaltausübung war nicht zufällig, sondern spezifische Personengruppen (Polizisten, SS-Männer, HJ- und Volkssturmangehörige, Soldaten) waren dazu mehr disponiert als andere. Der ZUFALL, so Keller, kam „erst auf der Mikroebene und den individuellen Einzelfall betreffend ins Spiel“ (S. 427). Für die Täter bestand ein breites Spektrum an Handlungsalternativen. Vielleicht ist es besser, den Begriff „Kontingenz“ zu verwenden: nicht notwendig, aber trotzdem möglich (Luhmann 2013: 32). Es gab Dispositionen in den Strukturen und bei einzelnen Personengruppen des NS-Regimes, die eine Gewaltanwendung wahrscheinlich werden ließen. War die Wahl der Opfer ebenfalls kontingent?

Intertexte

Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006

Cassirer, Ernst: Inhalt und Umfang des Begriffs. Bemerkungen zu Konrad Marc-Wogau: Inhalt und Umfang des Begriffs (1936), in: ders.: Gesammelte Werke. Hamburger Ausgabe, hg. v. Birgit Recki, Bd. 22: Aufsätze und kleinere Schriften 1936-1940, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2006, S. 3-31

Keller, Sven: Volksgemeinschaft am Ende. Gesellschaft und Gewalt 1944/45, Oldenbourg: München 2013

Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1989 (Taschenbuchausgabe)

Luhmann, Niklas: Kontingenz und Recht. Rechtstheorie im interdisziplinären Zusammenhang, hg. v. Johannes F.K. Schmidt, Suhrkamp: Berlin 2013

Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Jahrgang 121, Heft 1, Oldenbourg: Wien 2013

Mommsen, Hans: Der Nationalsozialismus. Kumulative Radikalisierung und Selbstzerstörung des Regimes, in: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 16, Bibliographisches Institut: Mannheim/Wien/Zürich 1976, S. 785-790

Orlow, Dietrich: The History of the Nazi Party, Bd. 2: 1933-1945, David&Charles: Pittsburgh 1973