Josef Wirmer

von arminnolzen

Vor wenigen Tagen jährte sich zum siebzigsten Mal der 20. Juli 1944, also das gescheiterte Attentat des Obersten im Generalsrang Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler (Hoffmann 1979). In der öffentlichen Wahrnehmung der Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944 dominiert auch heute noch die Ansicht, es habe sich dabei in erster Linie um eine militärische Verschwörung gegen das NS-Regime gehandelt. Dies manifestiert sich vor allen Dingen in den zwei zentralen Gedenkveranstaltungen, die alle Jahre wieder an diesem Datum stattfinden. Zum einen der offiziellen, im Beisein der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland erfolgenden Kranzniederlegung im Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, bei der dieses Mal Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck die Gedenkrede hielt. Zum anderen dem Feierlichen Gelöbnis der neuen Rekruten der Bundeswehr, das sich wenige Stunden später auf dem Paradeplatz des Bendlerblocks vollzieht und bei dem heuer Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, der 1934 geborene älteste Sohn Claus Schenk Graf von Stauffenbergs, das Wort ergriff. In beiden Reden stand der militärische Umsturzversuch im Zentrum, waren Offiziere und Soldaten die maßgeblichen Protagonisten des Widerstands gegen das NS-Regime.

Die Akzeptanz der Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944 musste in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in einer langwierigen öffentlichen Debatte erst nach und nach erstritten werden; es dauerte bis in die 1960er Jahre hinein, bis die beteiligten Offiziere nicht mehr als „Hochverräter“ galten (Steinbach 2001). Ähnliches widerfuhr auch anderen Teilen des Widerstands gegen das NS-Regime, vor allen Dingen der zivilen Opposition, etwa kommunistischen, anarchistischen, syndikalistischen und monarchistischen, rechtsliberalen, rechtskonservativen Gruppen und Personen. Mittlerweile, 70 Jahre nach den Ereignissen, ist in historischer Wissenschaft und politischer Bildung die Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Widerstands gegen das NS-Regime anerkannt (Lexikon 2008). Jedes Jahr zum 20. Juli kommt es zu einer regelrechten Flut an Neuerscheinungen, die eher resümierenden Charakter haben, als dass sie empirisches Neuland beträten. Über einzelne Gruppen und Personen des Widerstands wissen wir (scheinbar) alles, und jenes Wissen wird bei dieser Gelegenheit gebetsmühlenartig repetiert, einschließlich unzähliger Mythen, deren Analyse einmal eine eigene Monografie Wert wäre. Über viele andere Gruppen und Personen, auch über solche, die sich geradezu im Zentrum des zivilen Widerstands gegen das NS-Regime befanden, wissen wir nach wie vor wenig.

Einer jener Protagonisten, die heute weithin in Vergessenheit geraten sind, ist Josef Wirmer, der am 19. März 1901 in Paderborn geboren wurde (Josef Wirmer 1993). Wirmers Biografie, seine Berufslaufbahn und sein politisches Handeln unterscheiden sich in signifikanter Weise von vielen Weggefährten im Widerstand. Kindheit und Jugend verbrachte er im westfälischen Warburg, wo sein Vater als Gymnasialdirektor tätig war. Wirmer wurde im katholischen Milieu sozialisiert und blieb Zeit seines Lebens gläubiger Katholik. Nachdem ein Bruder im Ersten Weltkrieg gefallen war, gab Wirmer seinen ursprünglichen Wunsch, Offizier zu werden, auf. Noch vor seinem Abitur, das er 1920 am Gymnasium Marianum in Warburg ablegte, stellte er sich auf den Boden der Weimarer Republik. Wirmer war ein Vernunftrepublikaner der ersten Stunde, der in Freiburg und Berlin Jura studierte, einer katholischen Studentenverbindung beitrat, 1924 das Referendar- und 1927 das Assessorexamen ablegte und sich 1928 als Rechtsanwalt in der Reichshauptstadt niederließ. Dort engagierte er sich auf dem linken Flügel der katholischen Zentrumspartei und unterstützte die Politik von Reichskanzler Heinrich Brüning, mit dem 1930/31 die Phase der Präsidialkabinette begonnen hatte.

Über Wirmers Wirken für die Jahre 1933 bis 1936 ist wenig bekannt; wahrscheinlich beschränkte er sich ganz auf die Anwaltstätigkeit, in deren Verlauf er offenbar auch Gegner des NS-Regimes und viele Katholiken verteidigte, die in die Mühlen des NS-Verfolgungsapparates geraten waren (allgemein Königseder 2001). Ob er auch jüdische Mandanten vertrat, wie in der historischen Literatur immer wieder kolportiert wird, ist noch nicht hinreichend belegt. Gesichert hingegen ist, dass sich Wirmer 1936 dem Kreis der oppositionellen Gewerkschafter um Jakob Kaiser (ehemals Zentrum) und Wilhelm Leuschner (ehemals SPD) anschloss. In seinem Widerstand gegen das NS-Regime war er seither kompromisslos. Das unterschied Wirmer auch von den meisten anderen bürgerlichen Gegnern des NS-Regimes. Viele dieser Oppositionellen, etwa der Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, stießen erst zum Widerstand, nachdem sie im „Dritten Reich“ hohe Ämter bekleidet hatten. Demgegenüber hat Wirmer dem NS-Regime niemals in irgendeiner Funktion gedient.

Wirmers Aktivitäten ließen ihn mit verschiedenen Widerstandszirkeln in Verbindung treten. Er kannte die meisten führenden Köpfe der katholischen, gewerkschaftlichen und militärischen Opposition und stand in teils regem Kontakt zu ihnen. Dies prädestinierte ihn auch dazu, zur Integrationsfigur des bürgerlichen Widerstands gegen das NS-Regime zu werden. Seit 1941/42 brachte Wirmer so unterschiedliche Personen wie Goerdeler, Leuschner, Julius Leber, Kaiser und Stauffenberg an einen Tisch. Sein Ziel war es, die heterogene bürgerliche Opposition gegen das NS-Regime zu einem koordinierten Vorgehen zu bewegen. Dies zeigte sich bei der Diskussion über eine zukünftige Verfassung, die Wirmer seit 1942/43 an die Seite Goerdelers rücken ließ. Er überarbeitete dessen Verfassungspläne und leistete die notwendige Überzeugungsarbeit, damit sie von den übrigen Gruppen des bürgerlichen Widerstands akzeptiert wurden.

Grundelement der politischen Neuordnung, die Goerdeler und Wirmer nach dem präsumtiven Sturz des NS-Regimes vorschwebte, war ein „Honoratiorenliberalismus“ (Mommsen 1991, 2000). Die parlamentarischen Körperschaften sollten auf allen Ebenen nur beratende, nicht jedoch legislative Funktionen haben. Ihre Mitglieder sollten durch indirekte Wahl bestimmt werden. Dabei wurden Familienvätern mehrere Stimmen zugebilligt und das passive Wahlrecht auf Männer beschränkt. Politische Parteien waren nicht vorgesehen (Mommsen/Gillmann 2003). Diese eigentümlichen Vorstellungen speisten sich aus einer Ablehnung parlamentarischer Verfassungsmodelle. Das 1949 verabschiedete Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ging bekanntlich einen anderen Weg. Es basiert zu etwa gleichen Teilen auf dem repräsentativen Parlamentarismus Großbritanniens und der plebiszitär-demokratischen Verfassungsideologie Frankreichs.

Man wird die Vertreter des bürgerlichen Widerstands gegen das NS-Regime also nicht ohne Weiteres in eine Linie mit den verfassungsrechtlichen Prinzipien des Bonner Grundgesetzes stellen dürfen. Ihre Bedeutung lag auf einer anderen Ebene. Sie formulierten einen politischen Gestaltungsauftrag, der dem „Dritten Reich“ diametral entgegengesetzt war. Der bürgerliche Widerstand kämpfte für die Würde des Menschen, für Gerechtigkeit, Freiheit der Person und die Gleichheit aller vor dem Gesetz. Auch Wirmer ging es um eine solche Wiederherstellung der Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Für seine Überzeugung, wonach allem menschlichen Leben derselbe Anstand und Respekt gebührt, zahlte er einen hohen Preis.

Am 4. August 1944 wurde Wirmer für seine Beteiligung am Attentat auf Hitler verhaftet und am 7. September in einem Schauprozess vor dem „Volksgerichtshof“ durch Roland Freisler zum Tode verurteilt. Am Tag darauf wurde er im Gefängnis Plötzensee gehenkt. Wirmers Bedeutung für den Widerstand gegen Hitler ist bislang kaum einmal untersucht worden. Auch existiert keine zuverlässige politische Biografie. Aufgrund der wenigen überlieferten Quellen ist es schwierig, Wirmers Tätigkeiten innerhalb der verschiedenen Gruppierungen des bürgerlichen Widerstands systematisch zu rekonstruieren. Kein Grund, nicht doch einmal einen solchen Versuch zu wagen. Es lohnte sich. Wirmers Vermächtnis, sein Eintreten für die Unverletzlichkeit der Persönlichkeit und für den Rechtsstaat, der diese Unverletzlichkeit garantiert, ist nämlich auch heute noch von brennender Aktualität. Die Würde des Menschen muss unantastbar sein.

Intertexte

Hoffmann, Peter: Widerstand – Staatsstreich – Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, 3., neu überarb. u. erw. Ausg., Piper: München 1979 [ursprgl. erschienen: 1969]

Josef Wirmer – ein Gegner Hitlers. Aufsätze und Dokumente, hg. v. Museumsverein und Kulturforum Warburg in Verbindung mit dem Verein der Ehemaligen des Gymnasium Marianum Warburg, 2. Aufl., Hermann Hermes Verlag: Warburg 1993

Königseder, Angelika: Recht und nationalsozialistische Herrschaft. Berliner Anwälte 1933-1945, Deutscher Anwaltverlag: Bonn 2001

Lexikon des deutschen Widerstandes, hg. v. Wolfgang Benz und Walter H. Pehle, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2008 [ursprgl. erschienen: 1994]

Mommsen, Hans: Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze. Zum 60. Geburtstag hg. v. Lutz Niethammer und Bernd Weisbrod, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1991

ders.: Alternative zu Hitler. Studien zur Geschichte des deutschen Widerstandes, C.H. Beck: München 2000

ders./Gillmann, Sabine (Hg.): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers, 2 Bde., K. G. Saur: München 2003

Steinbach, Peter: Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen, 2., wesentl. erw. Aufl., Schöningh: Paderborn 2001