Arbeit an Begriffen, zum ersten: Ernst Cassirer

von arminnolzen

„Die Begriffe sind, während wir jung sind, klar, wie sie unklar sind, wenn wir alt sind, während es doch immer die gleichen Begriffe sind, geehrter Herr“, so lässt Thomas Bernhard seinen Ich-Erzähler, einen ehemaligen Arzt, dem aufgrund der Denunziation eines Kollegen die Approbation entzogen worden war und der sich in eine Baracke am Rande eines Waldstücks zurückgezogen hatte, wo er sich als Autor wissenschaftlicher Schriften versuchte, in seiner Erzählung „Watten. Ein Nachlaß“ delirieren (Bernhard 1988: 72). Was aber sind „Begriffe“, genauer: was sind Begriffe in der Wissenschaft im Unterschied zum alltagssprachlichen Gebrauch? Gibt es eine Theorie des Begriffs, und wenn ja, zu welcher Wissenschaftsdisziplin zählt diese Theorie? Hat die Geschichtswissenschaft, die „heute ein hoch reflexives Fach“ ist (Großbölting 2010: 81) eine eigene Position in dieser Frage ausgebildet, von der andere Disziplinen noch lernen könnten?

Mustert man die einschlägigen Werke der Historik, also der Theorie der Geschichtswissenschaft, so wird man in Sachen „Begriff“ zumeist weder im Haupttext noch im Sachregister fündig (Lexikon 2002). Die meisten Autoren verhandeln den Sachverhalt unter dem Stichwort „Die Sprache des Historikers“ und begnügen sich mit dem Hinweis, Geschichtswissenschaft lebe in und von der Gemein- oder Umgangssprache, deren Benutzung zugleich zulässig wie notwendig sei (Faber 1978: 14 f., 161-164; Sellin 2005: 125-139, hier 127 f.). Oder aber sie stellen die verschiedenen Auffassungen zur historischen Erklärung nebeneinander, die selbst als „narrativ“ (als Code für: begriffslos) gedacht werden (Lorenz 1997). Nur Jörn Rüsen hat auf die Bedeutung von Begriffen für die historische Erkenntnis hingewiesen und deren kognitive Funktionen betont (Rüsen 2013: 156-161). Wie sie gebildet werden, welchen Stellenwert sie in der historischen Erzählung einnehmen und welchen kognitiven Gehalt sie besitzen, darüber schweigt er sich jedoch aus. Man kann es drehen und wenden wie man will: Begriffe bleiben der „blinde Fleck“ der Geschichtswissenschaften; ein Erbe des Historismus des 19. Jahrhunderts (besonders paradox ist, dass die Begriffsgeschichte im Fach mittlerweile eine eigene Subdisziplin konstituiert!).

Nun existiert eine Theorie der Begriffsbildung und der Begriffe im Grunde genommen seit der Antike, und zwar als konstitutiver Bestandteil von Philosophie wie Theologie (Mittelstraß 1971; Kann 2011). Es gibt daher unzählige Begriffslehren, die zu systematisieren nahezu unmöglich ist: das sokratisch-platonische Denken, das aristotelische Begriffsverständnis, den scholastischen Realismus, den Nominalismus (George Berkeley, David Hume), die Phänomenologie (Edmund Husserl), die mathematische Auffassung vom Begriff als Klasse (Ernst Schroeder, Bertrand Russell) beziehungsweise als Funktion (Gottlob Frege) sowie das analytisch-prädikative Begriffsverständnis, das sich mit den Namen Rudolf Carnap, Ludwig Wittgenstein und Paul Lorenzen verbindet (Kaufmann 2011; Paasch/Siegwart 2011). Der wichtigste Ausgangspunkt der neueren Diskussion über den Begriff waren Freges Aufsätze „Funktion und Bedeutung“ (1891) sowie „Begriff und Gegenstand“ (1892). Darin fasste Frege die Bedeutung von „Begriff“ strikt relational, das heißt als Funktion der Beziehungen zwischen Begriff und Gegenstand (Frege 1962). Dass ein Gegenstand g unter einen Begriff F fällt, zeigt sich daran, dass der Wert der Funktion F für das Argument g wahr ist. Dies lässt sich wie folgt schreiben: F (g) = w.

Begriffe konkretisieren, so wird man schlussfolgern, „die Relation zwischen dem menschlichen Erfassen der Gegenstände der Welt und dem Gebrauch von Wörtern, die zumindest teilweise der Bezugnahme auf diese Gegenstände dienen“ (Kaufmann 2011: 313). Die Diskussion um das Wort „Begriff“ dreht sich demzufolge um den Charakter der zu erfassenden Dinge, die Art und Weise der dazu erforderlichen mentalen Entitäten und die Bedeutung der in der Kommunikation über die Gegenstände benutzten Wörter und der daraus gebildeten Sätze. Die für den Historiker meines Erachtens wichtigste (weil empirisch sowie erkenntnistheoretisch handhabbarste) Theorie der Begriffsbildung stammt vom Philosophen Ernst Cassirer, der am 28. Juli 1874 in Breslau geboren wurde und einer der letzten Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts war (Meyer 2006). Cassirer studierte seit 1892 Rechts- und Literaturwissenschaft, Philosophie, Mathematik, Biologie, Chemie und Physik in Berlin, Leipzig, Heidelberg und München. Zur intellektuellen Heimat wurde ihm die Universität Marburg, wo Hermann Cohen und Paul Natorp tätig waren, die den Kern der Schule des Neukantianismus bildeten. Cassirer promovierte dort 1899 mit der Arbeit „Descartes‘ Kritik der mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis“. Bis zu seinem Tod im amerikanischen Exil in New York am 15. April 1945 (Cassirer war als Jude nach der NS-Machtübernahme am 30. Januar 1933 aus dem Deutschen Reich geflohen) entwickelte er sich zum produktivsten und intellektuell anregendsten deutschen Gelehrten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen Arbeitsgebiet sich auf nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen erstreckte (Graeser 1994; Paetzold 1995; Sandkühler/Pätzold 2003; Recki 2013). Die mittlerweile abgeschlossene Edition seiner Gesamtausgabe (ECW) und die auf insgesamt 18 Bände angelegte Publikation seiner nachgelassenen Schriften (ECN) zeugen davon.

Es gibt kaum einen Philosophen, der sich so intensiv und Zeit seines Lebens mit dem Problem des Begriffs auseinandergesetzt hat wie Cassirer. Beginnend mit seiner Schrift „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“ (1910) über das vierbändige, mehr als 2.700 Seiten umfassende „Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit“ (1906-1957 posthum), seine drei voluminöse Bände umfassende „Philosophie der symbolischen Formen“ (1923-1929), der Studie „Zur Einsteinschen Relativitätstheorie. Erkenntnistheoretische Betrachtungen“ (1923) und über die Arbeit „Determinismus und Indeterminismus in der modernen Physik“ (1937) kreiste Cassirer immer wieder um folgende Frage: Wie ist die Rede vom Begriff angesichts der immer weiter ausdifferenzierteren modernen Wissenschaft überhaupt möglich? Für ihn war klar, dass der seinerzeit vorherrschende aristotelische Begriffsrealismus und die damit einhergehende Subsumtionslogik nicht mehr genügten, um der seit dem 18. und 19. Jahrhundert in Mathematik, Physik, Biologie und anderen Disziplinen aufgeworfenen Probleme Herr zu werden. Deshalb begab sich Cassirer auf die Suche nach einer neuen Lehre vom Begriff, den er in seinem mittleren Werk systematisch mit dem allgemeinen Problem der Bedeutung verknüpfte.

Der rote Faden, der sich durch Cassirers Begriffslehre zieht, ist der Begriff „Funktion“ (Lee 2009). Er folgte dabei den Anregungen Freges und der modernen mathematisch-physikalischen Logik, die er mit der Erkenntnistheorie Immanuel Kants verknüpfte. Cassirers Begriffslehre sei an dieser Stelle in drei Punkten zusammengefasst (Recki 2011).

1. Der wissenschaftliche Begriff gibt die Gegenstände der Erkenntnis nicht realistisch wieder, sondern er ist eine Funktion des Verstandes zu deren Konstruktion. Insofern leistet Wissenschaft als systematisch betriebene Erkenntnis nur eine Konstruktion im Medium der von ihr verwandten Begriffe. Deshalb sind diese keine Substanzbegriffe, wie in der aristotelischen Logik, sondern Funktionsbegriffe. Die Abbildtheorie des Begriffs ist damit hinfällig.

2. Der wissenschaftliche Begriff ist ein Symbol, der Wirklichkeit konstruiert. Darin unterscheidet er sich nicht von anderen symbolischen Formen wie Sprache, Mythos, Religion und Kunst. Deren wechselseitige Bedingtheit fasst Cassirer in den Begriff der „radikalen Metapher“. Begriffe sind demzufolge, so darf man schlussfolgern, eine metaphorische Operation, die eine pars-pro-toto Repräsentation leisten und Erkenntnis generieren.

3. Wissenschaft zielt zudem nicht allein auf einzelne Begriffe, sondern auf ein System derselben. Daher strebt sie einen methodisch geordneten Zusammenhang der Begriffe an. Ohne ein solches Begriffsnetz gibt es gibt keine wissenschaftliche Erkenntnis.

Was heißt das für den Stellenwert von Begriffen in der Geschichtswissenschaft? Zunächst einmal ist auf eine gewisse Unschärfe bei Cassirer zu verweisen. Hat er die Geschichtswissenschaft noch im „Erkenntnisproblem“ und in anderen Schriften als integralen Bestandteil der Wissenschaften behandelt, so tendierte er in seinem Spätwerk „Versuch über den Menschen“ von 1942/44 (Cassirer 2007: 262-314) und in seinen nachgelassenen Schriften (ECN 3: 3-174) dazu, sie als eigene symbolische Form zu konstituieren, die aufgrund der speziellen Struktur ihrer Empirie nicht unbedingt den ansonsten üblichen Regeln wissenschaftlicher Begriffsbildung unterliege (Bast 2000; Dieterich 2009). Dennoch hat die Geschichtswissenschaft bisweilen auf die immense Bedeutung hingewiesen, die Cassirer Begriffslehre auch für sie besitzt (Daniel 2002: 95 ff.). Eine systematische Rezeption dieses Aspekts ist in dieser Disziplin jedoch bislang nicht festzustellen. Cassirer wird in der Regel als Kulturphilosoph interpretiert, dessen Ansatz insbesondere für eine kulturgeschichtliche Analyse von Bedeutung ist.

Im Folgenden geht es um eine „Arbeit an Begriffen“ in Cassirers Sinn, und das bedeutet dreierlei: erstens die Überwindung des aristotelischen Begriffsrealismus und der damit einhergehenden Abbildtheorie, zweitens die Etablierung neuer Begriffe (entweder durch den Bruch mit alten Begriffen oder durch deren Transformation) und drittens die Schaffung eines konstitutiven Zusammenhangs unter den jeweiligen Begriffen. Der Gegenstandsbereich ist die Geschichte des Nationalsozialismus. Das schreibende Ich wird im Laufe der Zeit versuchen, diese drei Aufgaben in Angriff zu nehmen und die NS-Forschung mit neuen Begriffen zu befruchten (es kann aber durchaus sein, dass es in seinem Ansinnen scheitert).

Referenzen

Bast, Rainer A.: Problem, Geschichte, Form. Das Verhältnis von Philosophie und Geschichte bei Ernst Cassirer im historischen Kontext, Duncker&Humblot: Berlin 2000

Bernhard, Thomas: Watten. Ein Nachlaß, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1988 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1969]

Cassirer, Ernst: Gesammelte Werke. Hamburger Ausgabe, hg. v. Birgit Recki, 26 Bde., Felix Meiner Verlag: Hamburg 1998-2009 [zitiert als ECW]

ders.: Nachgelassene Manuskripte und Texte, hg. v. Klaus Christian Köhnke, John Michael Krois u. Oswald Schwemmer, 18 Bde., Felix Meiner Verlag: Hamburg 1995-2014 [bisher erschienen: Bde. 1-11 u. 15-18, zitiert als ECN]

ders.: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur, 2., verb. Aufl., Felix Meiner Verlag: Hamburg 2007 (Taschenbuchausgabe)

Daniel, Ute: Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, 3., verb. Aufl., Suhrkamp: Frankfurt am Main 2002 [ursprgl. erschienen: 2001]

Dieterich, Sebastian: Der Historiker als Geisterbeschwörer. Spuren einer Geschichtstheorie Ernst Cassirers, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie 3 (2009), S. 221-230

Faber, Karl-Georg: Theorie der Geschichtswissenschaft, 4., erw. Aufl., C.H. Beck: München 1978 [ursprgl. erschienen: 1971]

Frege, Gottlob: Funktion, Begriff, Bedeutung, hg. v. Günther Patzig, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 1962

Graeser, Andreas: Ernst Cassirer, C.H. Beck: München 1994

Großbölting, Thomas: Geschichtswissenschaft, in: Heureka – Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch, hg. v. Eva-Maria Engelen, Christian Fleischhack, C. Giovanni Galizia u. Katharina Landfester, Springer: Heidelberg 2010, S. 75-90

Kann, Christoph: Artikel „Begriff II. historisch-systematisch“, in: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Begründet v. Hermann Krings, Hans Michael Baumgartner u. Christoph Wild, neu hg. v. Petra Kolmer u. Armin G. Wildfeuer, Bd. 1 (Absicht-Gemeinwohl), Karl Alber: Freiburg im Breisgau 2011, S. 326-348

Kaufmann, Matthias: Artikel „Begriff I. allgemein“, in: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Begründet v. Hermann Krings, Hans Michael Baumgartner u. Christoph Wild, neu hg. v. Petra Kolmer u. Armin G. Wildfeuer, Bd. 1 (Absicht-Gemeinwohl), Karl Alber: Freiburg im Breisgau 2011, S. 313-325

Lee, Weon-Sook: Funktionsbegriff und Symbolbegriff. Ernst Cassirers erkenntniskritische Theorie des Begriffs, Phil. Diss. Bochum 2009

Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, hg. v. Stefan Jordan, Reclam: Stuttgart 2002

Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 1997

Meyer, Thomas: Ernst Cassirer, Ellert und Richter: Hamburg 2006

Mittelstraß, Jürgen: Artikel „Begriff“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim Ritter, Bd. 1 A-C, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1971, S. 780-788

Paasch, Sebastian/Siegwart, Geo: Artikel „Begriff III. analytisch“, in: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Begründet v. Hermann Krings, Hans Michael Baumgartner u. Christoph Wild, neu hg. v. Petra Kolmer u. Armin G. Wildfeuer, Bd. 1 (Absicht-Gemeinwohl), Karl Alber: Freiburg im Breisgau 2011, S. 349-361

Paetzold, Heinz: Ernst Cassirer – Von Marburg nach New York, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1995

Recki, Birgit: Ernst Cassirers Theorie des Begriffs als Nukleus zu einer Theorie symbolischer Formen, in: Gegenständlichkeit und Objektivität, hg. v. Friederike Rese, David Espinet u. Michael Steinmann, Mohr Siebeck: Sigmaringen 2011, S. 139-159

dies.: Ernst Cassirer, Reclam: Stuttgart 2013

Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2013

Sandkühler, Hans Jörg/Pätzold, Detlev (Hg.): Kultur und Symbol. Ein Handbuch zur Philosophie Ernst Cassirers, Metzler: Stuttgart/Weimar 2003

Sellin, Volker: Einführung in die Geschichtswissenschaft, erw. Neuausg., Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 2005 [ursprgl. erschienen: 1995]