Arbeit an Begriffen, zum zweiten: Der Stand in der NS-Forschung

von arminnolzen

Die Forderung nach einer Entsubstantialisierung von Begriffen, nach einer Abkehr von der Abbildtheorie des Begriffs, wie sie der Philosoph Ernst Cassirer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder und wieder vorgetragen hat, ist für die Geschichtswissenschaft alles andere als neu. Bereits 1971 hat Reinhart Koselleck sie in einem Aufsatz „Wozu noch Historie?“ vorgebracht: „Eine weitere Forderung wäre“, so schreibt Koselleck, „die Ergebnisse der modernen Linguistik für die Historie nutzbar zu machen. Die semantologische Zerlegung des Geschichtsbegriffs […] ist […] auf alle substantiellen Aussagen auszudehnen, deren wir uns naiverweise bedienen. Staat, Volk, Klasse, Jahrhundert, Rasse, Persönlichkeit sind Größen, die als substantielle Handlungseinheiten nur hypothetisch gebraucht werden sollten. Die gebotene Entsubstantialisierung solcher Begriffe führt aber zwangsläufig zu einer Verzeitlichung ihrer kategorialen Bedeutungen. Damit stoßen wir auf eine spezifisch historische Aufgabe, nämlich statt fixierter Größen die intersubjektiven Zusammenhänge als solche zu thematisieren, und zwar in ihrer zeitlichen Erstreckung“ (Koselleck 2014: 48).

Um diese Aufgabe in Angriff zu nehmen, wählte Koselleck den Weg der Begriffsgeschichte oder auch historischen Semantik, wie er sich in dem von ihm initiierten Mammutwerk „Geschichtliche Grundbegriffe“ (1972-1997) konkretisierte. Indem Koselleck den Bedeutungswandel der Begriffe aufzeigte, wies er deren immanente Geschichtlichkeit nach. Freilich blieb er dabei vor den Toren des Nationalsozialismus stehen, weil der inhaltliche Zuschnitt seiner Begriffsgeschichte eine Schwerpunktsetzung auf die „Sattelzeit“ vom 18. zum 19. Jahrhundert vorsah (Joas/Vogt 2011). Zwar kommen in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ auch viele Begriffe vor, die später im Rahmen der NS-Forschung benutzt wurden („Herrschaft“, „Führung“, „Volk“, „Nation“ etc.), aber deren Gebrauch in der Zeit nach 1945 blieb unterbelichtet. Wie ist der Stand der Dinge in der NS-Forschung (Kershaw 2002)? Welche Begriffe verwendet sie? Welchen Stellenwert haben sie? Was sollen/wollen sie erklären, wozu dienen sie? Ich beginne die Erörterung dieser Fragen mit einer kursorischen Aufstellung der Begriffe, mit denen die NS-Forschung zu arbeiten pflegt, und ihrer vermutlichen Herkunft. Um eine gewisse Übersicht zu wahren, ordne ich diese Begriffe in vier Untergruppen.

a) Begriffe aus dem NS-Sprachgebrauch (mit Vorläufern, die bis in die deutsche Romantik zurückreichen): „Machtergreifung“ „Gleichschaltung“, „Volksgemeinschaft“, „Drittes Reich“ „dem Führer entgegenarbeiten“, „Endlösung“, „Evakuierung“ und viele weitere Worte, die in geschichtswissenschaftlichen Texten in der Regel in Anführungszeichen gesetzt werden.

b) Begriffe, die in erster Linie von Gegnern des NS-Regimes geprägt beziehungsweise ausgearbeitet wurden: Normenstaat/Maßnahmenstaat (Ernst Fraenkel), Massenstaat (Emil Lederer), Totalitarismus/totale/totalitäre Herrschaft (Hannah Arendt, Carl Joachim Friedrich), Faschismus/faschistisches Regime (Selbstbezeichnung der italienischen Bewegung, danach von Gegnern als abwertende Kampfvokabel gebraucht), Kirchenkampf (Bezeichnung religiöser Gruppen zur Kritik an antikirchlichen Übergriffen).

c) Begriffe, die entweder der Alltagssprache entstammen oder in diese übergegangen sind: Antisemitismus, Gewalt, Ideologie, Terror, Kollaboration, Widerstand, Propaganda, Holocaust, Mobilisierung.

d) Begriffe der NS-Forschung, denen auch Anleihen bei Autoren anderer Disziplinen zugrunde liegen: charismatische Herrschaft (Max Weber), Polykratie/totalitärer Pluralismus) (Franz L. Neumann), kumulative Radikalisierung (Hans Mommsen), Resistenz (Martin Broszat), Zustimmungsdiktatur (Götz Aly), Selbstermächtigung (Michael Wildt).

Diese Liste ist zwar nicht vollständig, aber angesichts der immensen Zahl empirischer Arbeiten zur Geschichte des Nationalsozialismus ist die Ausbeute enttäuschend. Dies gilt in quantitativer wie qualitativer Hinsicht. Es stehen Begriffe, die aus der Soziologie stammen, neben solchen, die die Zeitgenossen entweder in apologetischer oder denunziatorischer Absicht selbst benutzten. Die meisten Begriffe zeichnen sich durch ihren holistischen Charakter aus. Sie beanspruchen zum einen, die wesentlichen Funktionsmechanismen der NS-Gesellschaft auf den Punkt zu bringen. Zum anderen sind sie Exklusivbegriffe, die konkurrierende Konzepte ausschließen. Insgesamt fallen an den Begriffen der NS-Forschung gerade jene drei Aspekte ins Auge, die Ernst Cassirers Begriffslehre überwinden wollte. Sie sind erstens Substanzbegriffe, sie geben zweitens vor, die Realität zu spiegeln, und sie stehen drittens in der Regel allein. Darüber hinaus werden in vielen historischen Studien die Semantiken des NS-Staates unkritisch reproduziert, weil deren Autoren den zeitgenössischen Sprachgebrauch einfach übernehmen. Diese „Lingua tertii imperii“ (Victor Klemperer) sollte jedoch so weit wie möglich aus einem wissenschaftlichen Text verschwinden.

Die bisherige Begriffsarbeit der NS-Forschung war sehr unsystematisch. Wenn man überhaupt über das Problem reflektierte, war meist von „Begriffen mittlerer Reichweite“ die Rede (Broszat 1988: 176), womit dann aber lediglich spezifische Strukturmerkmale des NS-Staates beschrieben wurden (im Fall des erwähnten Aufsatzes von Martin Broszat die Prozeßhaftigkeit des „Dritten Reiches“, die wechselnden Bündnisse und der Vorrang personeller Führung vor institutioneller Kompetenz). Als „Begriffe“ wird man diese narrativen Umschreibungen wohl nicht bezeichnen wollen, denn sie eignen sich nur begrenzt zur Konstruktion neuer Forschungsfelder. Unklar ist zudem, was mit „mittlerer Reichweite“ gemeint sein soll. In der Sozialtheorie des amerikanischen Soziologen Robert K. Merton (1995: 83-113), aus der diese Redewendung stammt, bestanden „theories of the middle range“ aus Verknüpfungen relativ einfacher Ideen, die eine begrenzte Anzahl von Tatsachen in verallgemeinernder Absicht kombinieren. Merton schuf dabei aus Einzelfällen Begriffe wie den „Matthäus-Effekt“ oder „sich selbst erfüllende Prophezeiungen“.

Solche induktiven Vorgehensweisen, wie sie Merton und die NS-Forschung lange Zeit favorisiert haben, werden hier durch eine deduktiv-abduktive Methode der Begriffsfindung ergänzt. Wie das im Einzelnen aussieht, wird noch zu erläutern sein (Saupe 2009: 125-150). Jedenfalls muss dabei die Reichweite jedes Begriffes genau angegeben werden. Unter „Reichweite“ verstehe ich dabei die Referenzebene, auf der der Begriff wirksam beziehungsweise auf der er anzusetzen ist. Diese Idee entnehme ich der Ebenendifferenzierung des Sozialen, die der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann im Rahmen seiner Systemtheorie ausgearbeitet hat (Luhmann-Handbuch 2012; Tyrell 2008). Die Systemtheorie zeichnet sich generell durch eine Universalität der Gegenstandserfassung aus. Sie argumentiert von jener Referenzebene aus, die sie als „Gesellschaft“ bezeichnet. Diese wiederum ist kein Substanz- sondern ein Horizontbegriff, der die Summe aller möglichen, d.h. realisierten und nicht realisierten Operationen des Sozialen umfasst. Deren Basiselement ist Kommunikation (nicht Handlung!), also das operative Nacheinander von Information, Mitteilung und Verstehen.

Luhmann zufolge gibt es insgesamt vier Formen des Sozialen: Interaktion, Protest, Organisation und Gesellschaft (Luhmann 1997: 813-865). „Interaktion“ vollzieht sich unter der Bedingung von Anwesenheit oder Abwesenheit. Dabei werden Anwesende als Adressaten der Kommunikation behandelt, abwesende Personen nicht. „Protest“ wiederum basiert auf der Differenz zwischen Protest und Affirmation, d.h. bei dieser Systembildung werden Formen des Protests praktiziert, die sich zugleich im Bereich der Affirmation bewegen. Demgegenüber rekurriert „Organisation“ auf die Differenz zwischen Mitglied und Nichtmitglied und ist dadurch gekennzeichnet, dass man ihr entweder angehört oder nicht. „Gesellschaft“ schließlich bezeichnet die Einheit der genannten drei Formen des Sozialen. In der Moderne, also seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, herrscht in der „Gesellschaft“ der Primat der funktionalen Differenzierung. Dabei haben sich verschiedene Funktionssysteme (Politik, Religion, Wissenschaft, Recht, Wirtschaft, Erziehung und Kunst) ausdifferenziert, die füreinander Umwelten sind und sich nicht wechselseitig steuern können.

Was haben diese vier Formen des Sozialen mit der Suche nach neuen Begrifflichkeiten für den Nationalsozialismus zu tun? Die bisher in der NS-Forschung verwendeten Begriffe zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur von einer dieser vier Referenzebenen aus argumentieren. So bezieht sich ein Begriff wie „Gewalt“ lediglich auf Interaktionen, ein Begriff wie „faschistisch“ lediglich auf Protest, ein Begriff wie „Mobilisierung“ lediglich auf Organisationen und ein Begriffspaar wie „Normenstaat/Maßnahmenstaat“ lediglich auf das politische System. Luhmanns Idee der Referenzebenen leistet zweierlei: eine exakte Auslotung der Reichweite der Begriffe und einen Schutz vor unzulässigen Verallgemeinerungen. Insgesamt verfolgt die „Arbeit am Begriff“, die für die NS-Forschung zu leisten ist, drei Ziele: erstens die Ersetzung der nationalsozialistischen Semantik, aber auch der anti-nationalsozialistischen Kampfbegriffe, durch ein wissenschaftliches Vokabular, zweitens den Versuch, dieses Vokabular hinreichend abstrakt anzusetzen, um drittens damit ein Begriffsnetz zu konstituieren, das neue Forschungen generiert.

Referenzen

Broszat, Martin: Grenzen der Wertneutralität in der Zeitgeschichtsforschung: Der Historiker und der Nationalsozialismus, in: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. Beiträge von Martin Broszat, hg. v. Hermann Graml u. Klaus-Dietmar Henke, dtv: München 1988, S. 162-184 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: Oldenbourg: München 1986]

Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhart Koselleck, 8 Bde., Ernst Klett Verlag: Stuttgart 1972-1997

Joas, Hans/Vogt, Peter (Hg.): Begriffene Geschichte. Beiträge zum Werk Reinhart Kosellecks, Suhrkamp: Berlin 2011

Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 3. Aufl. der vollst. überarb. Neuaufl., Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2002 [ursprgl. erschienen: 1999]

Koselleck, Reinhart: Wozu noch Historie?, in: ders.: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten, hg. u. m. einem Nachw. vers. v. Carsten Dutt, Suhrkamp: Berlin 2014, S. 32-51

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

Luhmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Oliver Jahraus, Armin Nassehi, Mario Grizelj, Irmhild Saake, Christian Kirchmeier u. Julian Müller, Metzler: Stuttgart/Weimar 2012

Merton, Robert K.: Soziologische Theorie und soziale Struktur, hg. u. eingl. v. Volker Meja u. Nico Stehr, Walter de Gruyter: Berlin/New York 1995

Saupe, Achim: Der Historiker als Detektiv. Historik, Kriminalistik und der Nationalsozialismus als Kriminalroman, transcript: Bielefeld 2009

Tyrell, Hartmann: Zweierlei Differenzierung. Funktionale und Ebenendifferenzierung im Frühwerk Niklas Luhmanns, in: ders.: Soziale und gesellschaftliche Differenzierung. Aufsätze zur soziologischen Theorie, hg. v. Bettina Heintz, André Kieserling, Stefan Nacke u. René Unkelbach, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2008, S. 55-72