Arbeit an Begriffen, zum dritten: Contra „Gleichschaltung“

von arminnolzen

Die Vermeidung oder Ersetzung genuin nationalsozialistischer oder vom Nationalsozialismus benutzter Begriffe ist zweifelsohne eines der wichtigsten Vorhaben der künftigen NS-Forschung. Einer dieser Begriffe ist „Gleichschaltung“, ein ursprünglich aus der Elektrotechnik stammender Terminus technicus (Pircher 2013). Er wurde im NS-Staat Ende März/Anfang April 1933 erstmals verwendet, und zwar im Rahmen der Debatte um die Abschaffung der föderalen Strukturen des Deutschen Reiches. Der Reichsminister des Innern Wilhelm Frick erwähnte den Ausdruck zum ersten Male in der Kabinettssitzung vom 24. März 1933, die am Tag nach der Verabschiedung des „Ermächtigungsgesetzes“ stattfand. Dem Protokoll zufolge führte Frick „aus, daß in seinem Geschäftsbereich eine Reihe von gesetzgeberischen Arbeiten vordringlich sei. Er denke vor allem an die Gleichschaltung der Länder mit dem Reich, an die Reform der Beamtengesetzgebung und an ein Gesetz, welches das Verbot der KPD ausspreche“ (Akten 1983: 250; Neliba 2002). Für die bislang stets kolportierte Ansicht, der Begriff stamme von Reichsjustizminister Franz Gürtner (Schmitz-Berning 1998: 277), gibt es keine hinreichenden Belege (die Autorin bezieht sich auf ein eher unzuverlässiges Erinnerungswerk des damaligen Reichsjustizkommissars Hans Frank, das dieser im Rahmen des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46 niederschrieb, bei dem er zum Tode verurteilt wurde).

Wenige Tage nach Fricks einschlägigen Ausführungen waren dann auch schon zwei Gesetze formuliert und verabschiedet, mit denen der Weimarer Föderalismus praktisch beseitigt wurde. Sie zeichneten sich dadurch aus, dass sie den Begriff „Gleichschaltung“ zwar im Titel trugen; im Text selbst kam er jedoch nicht vor. Dabei handelte es sich um das „Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ vom 31. März 1933 (Reichsgesetzblatt 1933: 153) und das „Zweite Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ vom 7. April 1933 (Reichsgesetzblatt 1933: 173). Beim Gebrauch des Wortes „Gleichschaltung“ in der NS-Zeit lag der Schwerpunkt auf den Jahren 1933/34; in den späteren Jahren tauchte er vor allen Dingen in staatsrechtlichen Veröffentlichungen häufiger auf. Überraschenderweise wurde der Begriff „Gleichschaltung“ im Rahmen der NS-Annexions- und Okkupationspolitik, die sich seit dem März 1938 mit dem „Anschluss“ Österreichs entwickelte, kaum mehr benutzt (vgl. dagegen Schmitz-Berning 1998: 278), obwohl sich dabei vergleichbare Prozesse wie 1933/34 vollzogen. Die NS-Machthaber bevorzugten hierfür jedoch Begriffe wie „Überleitung“, „Eingliederung“ oder „Rechtsangleichung“ (allgemein Madajczyk 1983-1984).

Der öffentliche Gebrauch des Wortes „Gleichschaltung“ nach 1945 zeichnete sich durch eine doppelte Tendenz aus. Es wurde zum einen „als belastete Geschichtsvokabel im Diskurs über die NS-Vergangenheit seit 1945 verwendet“, zum anderen aber auch „in den vielfältigsten Kontexten zwar pejorativ, aber ohne NS-Konnotation gebraucht“ (Eitz/Stötzel 2007: 270-276, hier: 276). Die gängige Ansicht, der Begriff habe bereits bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen im Mittelpunkt gestanden, lässt sich durch eine Volltextrecherche in der CD-ROM der Bände der Verhandlungsprotokolle entkräften. Lediglich 53 Fundstellen (eine davon in der Anklageschrift), deren Verwendung bezeichnenderweise auf die „Gleichschaltung“ der Staatsorgane durch die NSDAP beschränkt blieb (Prozeß 1999), zeugen von einer eher nachrangigen Bedeutung. In den letzten Jahren wird das Wort „Gleichschaltung“ im Rahmen der Medienkritik wieder verstärkt benutzt, in der Regel bezogen auf die Qualitätspresse und das öffentlich-rechtliche Fernsehen. So beklagte Literaturnobelpreisträger Günter Grass angesichts der Debatte um sein Israel-kritisches Gedicht „Was gesagt sein muss“ 2012 eine „gewisse Gleichschaltung der Meinung“. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass das Medium „Internet“ und dessen Kommentarmöglichkeiten zu einer inflationären Ausweitung des Begriffsgebrauchs führen. Auf jeden Fall ist mittlerweile eine stärkere Tendenz zur Instrumentalisierung des Begriffs „Gleichschaltung“ in der Öffentlichkeit zu verzeichnen, bei der bewusst mit dessen NS-Konnotation gespielt wird.

In der NS-Forschung hingegen ist der Begriff „Gleichschaltung“ schon Anfang der 1960er Jahre nachgerade kanonisiert worden. Es war ein einzelnes, bis heute Bahn brechendes Werk, das zu dieser Entwicklung beitrug: die 1960 erstmals erschienene, mehr als 1000 eng bedruckte Seiten umfassende Monografie „Die nationalsozialistische Machtergreifung“, die Karl Dietrich Bracher, Wolfgang Sauer und Gerhard Schulz verfassten und die bis heute das Standardwerk zum Thema geblieben ist (Bracher/Sauer/Schulz 1962). Bereits auf der ersten Seite der Einleitung wurde der Begriff „Gleichschaltung“ wie folgt auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet: „Nun gehört zu den geschichtlichen Erfahrungen und politischen Lehren, die eine recht verstandene Betrachtung unserer jüngsten Vergangenheit vermittelt, in der Tat die Einsicht, daß die Errichtung einer Diktatur moderner Prägung sich nicht einfach mittels eines gewaltsamen Staatsstreichs, auf dem gleichsam klassischen Wege einer putschistischen Verschwörung vollzieht. Charakteristischer, zugleich wirkungsvoller und in seiner Schwerdurchschaubarkeit viel gefährlicher ist jener Prozeß einer stufenweisen Zersetzung, Durchdringung und betont legalen Gleichschaltung aller politisch relevanten Lebensbereiche, der in unserem Zeitalter den traditionellen Begriff des Staatsstreichs weitgehend verdrängt hat“. Es waren insgesamt fünf Interpretationsmuster, die die drei Autoren dann im weiteren Verlauf ihrer Analyse entwickelten (Nolzen 2007). Erstens betonten sie die Illegalität der NS-Machtübernahme, zweitens hoben sie den primär ideologisch motivierten, die gesamte deutsche Gesellschaft erfassenden Zugriff der NSDAP und ihrer Apparate hervor, drittens konzentrierten sie sich auf Handlungen Hitlers und seiner Gefolgschaft, viertens unterstellten sie diesen eine bewusste Machteroberungsstrategie, die zwischen terroristischer Repression und Manipulation der Bevölkerung abwechselte und darin sehr erfolgreich gewesen sei, und fünftens prangerten sie die konservativen Eliten an, deren Versuche, den Nationalsozialismus zu zähmen, sich als Wunschdenken erwiesen hätten und mit ihrer Verdrängung aus dem Zentrum der politischen Macht im Sommer 1934 gescheitert seien.

Der Begriff „Gleichschaltung“ (bei Bracher, Sauer und Schulz stets ohne Anführungszeichen!) fungierte als Scharnier, das diese fünf Deutungsmuster verband. Er betont den aktivistischen Umgestaltungswillen einer Handvoll Personen an der Spitze des NS-Regimes, letztlich sogar die weitgehende Realisierung ihrer entsprechenden Pläne. Wenigen Handelnden, so ließe sich schlussfolgern, gelang es mittels manipulativer Strategien, binnen zweier Jahre die deutsche Gesellschaft im Sinne des Nationalsozialismus zu transformieren. Seither wird „Gleichschaltung“ als Begriff behandelt, der auf der Referenzebene „Gesellschaft“ angesiedelt ist, um an dieser Stelle auf das Konzept der Formen des Sozialen zurückzukommen, das Niklas Luhmann in seiner Systemtheorie entworfen hat. Wie wirkmächtig diese Kanonisierung ist, lässt sich zum Beispiel im Register der Akten der Reichskanzlei (Akten 1984: 1480) nachlesen, wo unter dem Eintrag „Länder: Gleichschaltung mit dem Reich“ auch die ersten Erwägungen angezeigt werden, die das Reichskabinett und einzelne Ministerpräsidenten im Februar und März 1933 über die mögliche Einsetzung von Reichskommissaren in den Ländern anstellten. Mit anderen Worten: es werden Planspiele, die vor den beiden Gesetzen mit der entsprechenden Titulatur lagen, nachträglich mit dem Begriff „Gleichschaltung“ belegt.

In der neuesten Gesamtdarstellung zum „Dritten Reich“ von Michael Grüttner (2014: 62-69) wird der Begriff „Gleichschaltung“ als „Reorganisation von Politik, Gesellschaft und Kultur nach den Ordnungsvorstellungen der neuen Machthaber“ gefasst. Thematisch behandelt Grüttner dabei die Gewalt der Sturmabteilung (SA), die „Gleichschaltung“ der Länder, die „Gleichschaltung“ der organisierten Arbeiterbewegung bis zur Gründung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) im Mai 1933, die „Gleichschaltung“ der Landwirtschaftsverbände durch den Agrarpolitischen Apparat der NSDAP, die „Gleichschaltung“ der Standesorganisationen der Lehrer, der Anwälte, Richter und Notare und – als Einzelbeispiel – die „Gleichschaltung“ des Verbandes der Sittichliebhaber. Grüttners Ursprungsdefinition von „Gleichschaltung“ unterscheidet nicht zwischen Luhmanns vier Referenzebenen Interaktion, Protest, Organisation und Gesellschaft. Aus seinen Beispielen ist jedoch zumindest eines zu entnehmen: die „Gleichschaltung“ des Jahres 1933 spielte sich im Wesentlichen auf der Referenzebene „Organisation“ ab. Sie bestand in der Verankerung von „Führerprinzip“ und „Arierparagraph“ in den entsprechenden Organisationen. Ein Mittel war Gewalt, verstanden als Ausübung körperlicher Verletzung in einer Anwesenheitssituation; ein anderes Macht, verstanden als Androhung von Gewalt, entweder durch körperliche Präsenz von Nationalsozialisten oder die kommunikativ-mediale Etablierung einer Drohkulisse. Für diesen machtbasierten Aspekt der „Gleichschaltung“ hat sich in der NS-Forschung, auch bei Grüttner, der Begriff „Anpassungsdruck“ eingebürgert. Demzufolge reichte das bloße Drohszenario aus, damit sich die bestehenden Vereine, Organisationen und Verbände selbst an die Imperative der NS-Machthaber anpassten.

Der Begriff „Gleichschaltung“ hebt in erster Linie auf Angleichungsprozesse in Organisationen und Interaktionen ab; er will die institutionelle Homogenisierung und die Etablierung konformen Verhaltens erklären. Die belgische Historikerin Ine Van linthout verweist in ihrer Studie über den Stellenwert des Buches für die NS-Propaganda auf ähnliche Aspekte. Sie schlägt jedoch vor, ein drittes Moment hinzuzunehmen, denn das NS-Regime habe sich seit 1933 auch an die funktional differenzierte, individualisierte Gesellschaft anpassen müssen. „Damit sich das Regime in der modernen Gesellschaft die Loyalität einer möglichst großen Mehrheit der Deutschen sichern und die eigenen Zielsetzungen realisieren konnte, war – neben der Tilgung der Differenzen und der Förderung des Kollektivs – auch die Rücksichtnahme auf solche Modernisierungsleistungen notwendig, die sich nicht rückgängig machen ließen. Unter diesem Gesichtspunkt zwang die Modernität die nationalsozialistischen Machthaber dazu, bestimmte Differenzen (zwischen Lebensbereichen, Adressatenkreisen, Interessen, Absichten, Darstellungsformen) zu berücksichtigen, zuzulassen und in ihre Politik und Propaganda zu integrieren. Dieser Zwang zur Differenzierung resultierte in komplizieren Verhandlungsprozessen zwischen Ideologie und Realität, auf die noch mehrmals hingewiesen wird“ (Van linthout 2012: 16-36, hier: 19).

Van linthouts weitere Ausführungen sind eine fruchtbare Anwendung dessen, was sie „Das Prinzip der totalitären Differenzierung als Verfahren der Gleichschaltung“ nennt (ihre wenigen Rezensenten haben die Bedeutung dieses Konzepts für die NS-Forschung nicht erkannt!). Sie bringen die Referenzebene „Gesellschaft“ in Spiel, und zwar in Gestalt des Mediums „Schrift“ in der Form des Buches. Van linthout bindet dieses, um in der systemtheoretischen Interpretation zu bleiben (Luhmann 1997; Luhmann-Handbuch 2012), an das Funktionssystem „Politik“, denn ihr geht um die Erzeugung von Massenloyalität. Genauso gut wäre auch an die Funktionssysteme „Wirtschaft“ (in der Form eines käuflichen Produkts) oder „Kunst“ (in der Form von Literatur) zu denken, um die Bedeutung des Buches für das Prinzip der „totalitären Differenzierung“ zu veranschaulichen. Das Problem besteht lediglich darin, dass Van linthout diese Differenzierung nicht etwa als Resultat ungeplanter Evolution versteht, sondern als bewusst gesteuerten Prozess. Im Grunde genommen reproduziert sie damit jenen Sprachgebrauch von „Gleichschaltung“, wie er seit Bracher, Sauer und Schulz in der NS-Forschung üblich ist.

Was heißt das für den Begriff „Gleichschaltung“? Sollte er weiter verwendet werden, und wenn ja, in welcher Form? Oder benötigen wir einen Ersatz? Für jene Prozesse, die ursprünglich (und fast ausschließlich) von den Nationalsozialisten gemeint waren, nämlich die Beseitigung des Föderalismus, kann man auf den Begriff verzichten. Für die anderen Entwicklungstendenzen, in erster Linie die Anpassung von Interaktionen, Organisationen und Funktionssystemen, ist der Begriff zu unterkomplex (auf die Form „Protest“ wäre noch separat zurückzukommen). Insofern sollten zuerst einmal jene Prozesse beschrieben werden, die seit 1933/34 zu einer Anpassung an das NS-Regime führten, bevor sie vorschnell unter neue Begriffe subsummiert werden. Inwiefern dann „Differenzierung“ einer dieser neuen Begriffe sein könnte, bliebe noch auszuloten. „Contra Gleichschaltung“ heißt also (so unbefriedigend das auch immer ist): Vermeidung eines Begriffs, den die Nationalsozialisten nur im Titel zweier Gesetze benutzten, und „dichte Beschreibung“ (Clifford Geertz) jener Transformation der deutschen Gesellschaft in den Jahren 1933/34.

Referenzen

Akten der Reichskanzlei. Die Regierung Hitler, Teil I: 1933/34, 2 Bde., bearb. v. Karl-Heinz Minuth, Harald Boldt Verlag: Boppard am Rhein 1983-1984

Bracher, Karl Dietrich/Sauer, Wolfgang/Schulz, Gerhard: Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/1934, 2., durchges. Aufl., Westdeutscher Verlag: Köln/Opladen 1962

Eitz, Thorsten/Stötzel, Georg: Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung“. Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch, Georg Olms Verlag: Hildesheim 2007

Grüttner, Michael: Das Dritte Reich 1933-1939, Klett-Cotta: Stuttgart 2014

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

Luhmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Oliver Jahraus, Armin Nassehi, Mario Grizelj, Irmhild Saake, Christian Kirchmeier u. Julian Müller, Metzler: Stuttgart/Weimar 2012

Madajczyk, Czesław: Faszyzm i Okupacje 1938-1945. Wykonywanie okupacji przez pánstwa Osi w Europie, Tom I: Ukszaltowanie sie zarzqdów okupacyjnych, Tom II: Mechanizmy realizowania okupacji, Wydawnictwo Poznanskie: Poznań 1983-1984

Neliba, Günther: Wilhelm Frick. Der Legalist des Unrechtsstaates. Eine politische Biographie, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 1992

Nolzen, Armin: Von der Demokratie zur totalen Diktatur. Ein Standardwerk zur Machtübernahme durch den Nationalsozialismus, in Fünfzig Klassiker der Zeitgeschichte, hg. v. Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch u. Martin Sabrow, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 2007, S. 57-60

Pircher, Wolfgang: Gleichschaltungen: Im Takt des Einen, in: Kulturtechniken der Synchronisation, hg. v. Christian Kassung u. Thomas Macho, Wilhelm Fink Verlag: Paderborn/München 2013, S. 189-210

Der Nürnberger Prozeß. Das Protokoll des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof 14. November 1945 – 1. Oktober 1946. Mit einer Einführung von Christian Zentner, Directmedia Publishing GmbH: Berlin 1999

Reichsgesetzblatt. Teil I, hg. v. Reichsministerium des Innern, Reichsdruckerei: Berlin 1933

Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus, Walter de Gruyter: Berlin/Boston 1998

Van linthout, Ine: Das Buch in der nationalsozialistischen Propagandapolitik, Walter de Gruyter: Berlin/Boston 2012