Die Ideosphären, dritter Versuch

von arminnolzen

In vier wichtigen Aufsätzen hat der Trierer Historiker Lutz Raphael, eigentlich ein Spezialist für die Geschichte des französischen und italienischen Kommunismus, der Geschichtswissenschaft und der Bundesrepublik Deutschland seit den frühen 1970er Jahren, eine „wissenssoziologische Neudeutung der NS-Ideologie“ versucht (Raphael 2001: 9; 2003b; 2006; 2014). Dazu nimmt er in erster Linie das Denken humanwissenschaftlicher Experten nach 1933 in den Blick, in dessen Zentrum der Begriff „Ordnung“ stand, und setzt damit einen Kontrapunkt zu anderen Studien zur NS-Ideologie, die in der Regel lediglich die Äußerungen führender NS-Funktionäre analysieren. In der „Weltanschauung“ der von ihm exemplarisch herangezogenen Wissenschaftler erblickt Raphael „ein politisch kontrolliertes, aber intellektuell offenes Meinungsfeld […], das bloß auf einige Begriffshülsen verbindlich festgelegt war, in dem aber die unterschiedlichen Elemente rassistischer Bewertungsschemata einen zentralen Platz einnahmen“ (Raphael 2001: 28). Letztlich habe sich nach 1933 ein neues nationalsozialistisches Weltanschauungsfeld etabliert, „das selbst von seinen offiziellen Wächtern als zukunftsoffen und wandelbar definiert wurde“ (ebd.: 31). Mit anderen Worten: Raphael konstatiert eine Wandelbarkeit der NS-Ideologie, die sich zwar um einen spezifischen Kern, also um Antisemitismus, Rassismus und „konkretes Ordnungsdenken“ herum gruppiert habe, an den Rändern aber immer weiter ausgefranst sei.

Hat sich Raphael vorher auf Planungsdiskurse und das Spannungsverhältnis zwischen utopischen und antiutopischen Elementen in den Bestrebungen um eine Sozialreform konzentriert (Raphael 2003: 336 f.), so ist er im letzten der vier Aufsätze dazu übergegangen, die These einer Pluralität der NS-Weltanschauung und Etablierung eines „Weltanschauungsfeldes“ nach 1933 auch auf die eher parteinahen Kader zu übertragen (Raphael 2014: 81-85). Zwar hat er dabei den Prozessen der Ideologiediffusion einige Aufmerksamkeit gewidmet; eine Erklärung für den Sachverhalt der Pluralität, genauer: für die Art und Weise ihrer Produktion, ergibt sich daraus jedoch nicht. Dies resultiert auch aus einer halbherzigen Verwendung von Pierre Bourdieus Soziologie, die ihm als unausgesprochene Hintergrundannahme dient (vgl. etwa Raphael 1989, 1991; Raphael/Bourdieu 1996; Raphael 2003a: 25-43). Der Begriff „Feld“ ist bei Raphael nur eine Metapher, und nicht die Bezeichnung für eine autonome Einheit der Produktion und Zirkulation symbolischer Güter, hier von ideologischen Wahrnehmungskategorien, das auf objektiven Konkurrenzbeziehungen basiert, wie bei Bourdieu (Bourdieu 2014: 15-96; Bongaerts 2008). „Ideologie“ ist bei Raphael immer schon vorhanden und wird nicht erst in einem eigens ausdifferenzierten Feld hergestellt. Schließlich lässt Raphael noch den relationalen Begriff „Habitus“, ohne den eine Verwendung von Bourdieus Feldtheorie sinnlos ist, unberücksichtigt (er präferiert den Begriff „Denkstil“, den der polnische Wissenschaftshistoriker Ludwik Fleck in den 1930er Jahren geprägt hat; siehe Fleck 2011; Egloff 2005).

Ganz anders ging Roland Barthes vor, der französische Semiologe, Essayist und Literaturkritiker, als er seinen Zuhörern während einer Vorlesung am Collège de France vom 25. März 1978 den Begriff „Ideosphäre“ erläuterte. Barthes interessierte sich im Wesentlichen für die sprachlichen und semiotischen Aspekte von Ideologien und für deren Produktionsmodi. „Starke sprachliche Systeme (Ideosphären) haben Systemfiguren“, das heißt „argumentative Wendungen, die es erlauben, einem Einwand oder Vorbehalt dadurch zu begegnen, daß er in das System eingebaut wird, daß er in den Begriffen des Systems codiert wird“, so Barthes (2005: 156). Der Opponent, der gegen dieses sprachliche System Einwand erhebe, befinde sich immer schon in einer Falle, denn es klebe wie Kaugummi an ihm, er könne es nie loswerden. Barthes schlussfolgerte: „Die Ideosphäre vereinnahmt Sie, ob Sie wollen oder nicht, weil sie sich als vollständiger Raum der Sprache konstituiert und Ihnen einen Platz innerhalb dieses Ganzen anweist. Anders gesagt: jede Ideosphäre ist ein System von (sprachlichen Kräften) ohne eigenen archimedischen Punkt, an dem man den Hebel ansetzen könnte, um sich von diesem System zu lösen“ (ebd.: 157).

Was bedeutet dies für die Etablierung einer genuin nationalsozialistischen Ideosphäre, wie sie sich seit den 1920er Jahren im Deutschen Reich vollzog? Mittels welcher Mechanismen wurde diese produziert? Drei Aspekte sind wichtig: erstens jene „Systemfiguren“, die es erlaubten, alle Einwände gegen die NS-Ideosphäre in deren System einzubauen, zweitens die Vollständigkeit ihres sprachlichen Raumes und drittens ihre Funktion, jedem Individuum einen gesellschaftlichen Platz anzuweisen. Es bedarf also einer linguistischen Analyse (Systemfiguren), einer historischen Semantik (sprachlicher Raum) und einer Gesellschaftsgeschichte (Funktion des Platzanweisers) des NS-Regimes. Unter jenen Systemfiguren, die es dem Nationalsozialismus ermöglichten, sich konträre ideologische Konzepte anzuverwandeln, lassen sich in einem ersten Schritt Simplexe, Paralexeme und Syntagmen unterscheiden (Bußmann 1990; Glück 2005). Im Falle der Simplexe (Lexeme) sind besonders drei zu nennen, nämlich „Volk“, „Reich“ und „Führer“, mit denen die Gegenbegriffe „Individuum“, „Nation“ und „Masse“ einhergingen. Die Einverleibung konträrer ideologischer Positionen erfolgte auf dreierlei Weise: durch die Abwertung dieser Gegenbegriffe, die Bildung von Paralexemen („Volksgemeinschaft“, „Reichsdeutsche“ und „Führerprinzip“) und die Verwendung von Syntagmen (zum Beispiel „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“; siehe Albrich 1988). Die NS-Ideosphäre scheint also produziert worden zu sein, indem spezifische Simplexe miteinander kombiniert und ihre Gegenbegriffe pejorativ konnotiert wurden.

Die Vollständigkeit des sprachlichen Raumes der NS-Ideosphäre, und damit der zweite, von Barthes genannte Aspekt, resultierte aus einer Paradoxie. Sie ergab sich zum einen aus dieser Kombinierbarkeit, die zugleich eine Einschränkung von Sprache war (denn diese konzentrierte sich auf wenige Simplexe), zum anderen aus einer permanenten Wiederholung der verknappten Simplexe, Paralexeme und Syntagmen (und damit aus einer Ausdehnung des Sprechens). Die NS-Ideosphäre beruhte also auf einer „Verarmung“ der Sprache, wie es Viktor Klemperer (2007: 31-37) genannt hat, und einer beispiellosen Erweiterung der Sprechakte. Letzteres wird in der NS-Forschung meist als „Einhämmerung“ von Propagandaslogans bezeichnet (Bussemer 2000; Medien 2010). Damit ist jedoch nur die Seite des Senders berücksichtigt (paradigmatisch Braun 2007). In der Aneignung dieser Slogans durch ihre Empfänger ist aber ebenfalls ein konstitutives Element der Ideologieproduktion zu sehen (Zimmermann 2007). Die traditionelle Sprachkritik am NS-Regime (Dodd 2008) und die klassische historische Semantik, wie sie Reinhart Koselleck entwickelte, haben die politische Hochsprache oder die Sprache der Herrschenden privilegiert. Es bedarf zusätzlich einer historischen Semantik der Alltagssprache, oder, um an dieser Stelle noch einen Begriff von Barthes (2006: 109-123) einzuführen, einer Analyse der diversen Soziolekte, um der Herausbildung der NS-Ideosphäre auf die Spur zu kommen.

Bleibt noch der dritte Aspekt zu erwähnen, die Platzanweiserfunktion: In seiner bahnbrechenden Studie „Linguistic Violence“ hat der amerikanische Historiker Thomas Pegelow Kaplan (2009) gezeigt, wie die sprachliche Abwertung von Juden zu deren gesellschaftlicher Stigmatisierung und letztlich zum Genozid führte. Aber auch auf der Seite der Mitläufer des NS-Regimes griff diese Platzanweiserfunktion von Sprache. Am deutlichsten wird dies bei der „Germanisierung“ der besetzten Gebiete, vor allem bei der Behandlung der so genannten Volksdeutschen. Zentrales Kriterium für deren Inklusion in die Funktionssysteme und die Organisationen des NS-Regimes war deren Bekenntnis zum Deutschen Reich. Und dieses Bekenntnis war eines, das sich in einer spezifischen Sprache manifestierte, in emphatisch bejahenden, zustimmenden Äußerungen. Bei der Aufnahme von „Volksdeutschen“ in die NS-Organisationen interessierte dann auch weniger deren „rassische Qualität“, sondern einzig und allein deren Bekenntnis (Wolf 2012; vgl. dagegen Heinemann 2003). Der Staus der Zugehörigkeit der „Volksdeutschen“ zu den NS-Organisationen wiederum strukturierte und konditionierte ihre sozialen Auf- und Abstiegsmöglichkeiten.

Zurück zur Pluralität der NS-Ideologie, wie sie der Trierer Historiker Lutz Raphael in seinen vier Aufsätzen konzediert hat. „Pluralität“ ist sicher eine irreführende Bezeichnung. Vielmehr sollte von prinzipieller Offenheit oder Flexibilität der NS-Ideologie gesprochen werden, eben: von der Bildung einer nationalsozialistischen Ideosphäre. Diese wiederum scheint eine Folge spezifischer Mechanismen von Produktion und Diffusion gewesen zu sein, zu deren wesentlichen Mitteln die Konnotation spezifischer Simplexe und deren Kombinierbarkeit zu Paralexemen und Syntagmen, die Verknappung der Lexik durch die Sender und deren Aneignung durch die Empfängergruppen und die gesellschaftsstrukturelle Positionsbestimmung von Individuen und Gruppen qua Sprache zählten. Um diese drei Aspekte in den Griff zu bekommen, bedarf es, um mit Pierre Bourdieu zu sprechen, einer Analyse des Feldes der Ideologieproduktion. Bourdieus relationale Konzepte von Feld, Habitus und symbolischem Kapital könnten als Ausgangspunkt dazu dienen.

Referenzen

Albrich, Thomas: „Gebt dem Führer euer Ja!“ Die NS-Propaganda in Tirol für die Volksabstimmung am 10. April 1938, in: Tirol und der „Anschluß“. Voraussetzungen, Entwicklungen, Rahmenbedingungen 1918-1938, hg. v. dems., Klaus Eisterer u. Rolf Steininger, Haymon Verlag: Innsbruck 1988, S. 504-537

Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, hg. v. Éric Marty, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

ders.: Das Rauschen der Sprache, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006

Bongaerts, Gregor: Verdrängungen des Ökonomischen. Bourdieus Theorie der Moderne, transcript: Bielefeld 2008

Bourdieu, Pierre: Kunst und Kultur. Zur Ökonomie symbolischer Güter. Schriften zur Kultursoziologie 4, hg. v. Franz Schultheis u. Stephan Egger, Suhrkamp: Berlin 2014 (Taschenbuchausgabe)

Braun, Christian A.: Nationalsozialistischer Sprachstil. Theoretischer Zugang und praktische Analysen auf der Grundlage einer pragmatisch-textlinguistisch orientierten Stilistik, Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2007

Bussemer, Thymian: Propaganda und Populärkultur. Konstruierte Erlebniswelten im Nationalsozialismus, Deutscher Universitäts-Verlag: Wiesbaden 2000

Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft, Kroener: Stuttgart 1990

Dodd, William J.: Jedes Wort wandelt die Welt. Dolf Sternbergers politische Sprachkritik, Wallstein: Göttingen 2008

Egloff, Rainer (Hg.): Tatsache – Denkstil – Kontroverse: Auseinandersetzungen mit Ludwik Fleck, Collegium Helveticum: Zürich 2005

Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, hg. v. Sylwia Werner u. Claus Zittel, Suhrkamp: Berlin 2011

Glück, Helmut (Hg.): Metzler Lexikon Sprache, 3., neu bearb. Aufl., J. B. Metzler: Stuttgart/Weimar 2005 [ursprgl. erschienen: 2000]

Heinemann, Isabel: „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Wallstein: Göttingen 2003

Klemperer, Viktor: LTI. Notizbuch eines Philologen, 22. Aufl., Philipp Reclam jun.: Stuttgart 2007 [ursprgl. erschienen: 1947; der Text folgt der 3. Aufl., Niemeyer: Halle an der Saale 1957]

Medien im Nationalsozialismus, hg. v. Bernd Heidenreich u. Sönke Neitzel, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2010

Pegelow Kaplan, Thomas: The Language of Nazi Genocide. Linguistic Violence and the Struggle of Germans of Jewish Ancestry, Cambridge University Press: Cambridge 2009

Raphael, Lutz: Klassenkämpfe und politisches Feld. Plädoyer für eine Weiterführung Bourdieuscher Fragestellungen in der Politischen Soziologie, in: Eder, Klaus (Hg.): Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis. Theoretische und empirische Beiträge zur Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Klassentheorie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1989, S. 71-110

ders.: Forschungskonzepte für eine „reflexive Soziologie“ – Anmerkungen zum Denk- und Arbeitsstil Pierre Bourdieus, in: Müller-Doohm, Stefan (Hg.): Jenseits der Utopie. Theoriekritik der Gegenwart, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1991, S. 236-266

ders./Bourdieu, Pierre: Über die Beziehungen zwischen Geschichte und Soziologie in Frankreich und Deutschland. Pierre Bourdieu im Gespräch mit Lutz Raphael, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 62-89

ders.: Radikales Ordnungsdenken und die Organisation totalitärer Herrschaft: Weltanschauungseliten und Humanwissenschaftler im NS-Regime, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 5-40

ders.: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, C.H. Beck: München 2003

ders.: Sozialexperten in Deutschland zwischen konservativem Ordnungsdenken und rassistischer Utopie (1918-1945), in: Hardtwig, Wolfgang (Hg.): Utopie und politische Herrschaft im Europa der Zwischenkriegszeit, Oldenbourg: München 2003, S. 328-346

ders.: Die nationalsozialistische Weltanschauung. Profil, Verbreitungsformen und Nachleben, in: Gehl, Günter (Hg.): Kriegsende 1945. Befreiung oder Niederlage für die Deutschen? Gedanken über die Hintergründe des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bertuch Verlag: Weimar 2006, S. 27-42

ders.: Pluralities of National Socialist Ideology: New Perspectives on the Production and Diffusion of National Socialist Weltanschauung, in: Steber, Martina/Gotto, Bernhard (eds.): Visions of Community in Nazi Germany. Social Engineering and Private Lives, Oxford University Press: Oxford 2014, S. 73-86

Wolf, Gerhard: Ideologie und Herrschaftsrationalität. Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen, Hamburger Edition: Hamburg 2012

Zimmermann, Clemens: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland, Italien und Spanien in den 1930er und 1940er Jahren, Böhlau UTB: Köln/Weimar/Wien 2007 (Taschenbuchausgabe)