Praxeologie, erster blinder Fleck

von arminnolzen

Eine neue Mode grassiert in den Sozial-, Kultur- und Geschichtswissenschaften: die Mode der Praxistheorie. Nachwachsende Fachvertreter und verlegerische Konsekrationsinstanzen haben sich zu einer Apotheose dieser Theorie verbündet, wovon viele in kurzer Aufeinanderfolge auf den Buchmarkt geworfene Neuerscheinungen zum Thema beredtes Zeugnis ablegen (Schäfer 2013 u. 2014; Schmidt 2012 u. 2015; Hillebrandt 2014). Der führende Vertreter der Praxistheorie im deutschsprachigen Raum ist zweifelsohne der Soziologe Andreas Reckwitz, Jahrgang 1970, der seit seiner Dissertation (2000) unermüdlich an einer theoretischen Weiterentwicklung seiner These arbeitet, wonach die neueren Kulturtheorien ihre beiden defizitären Ausgangspunkte, also den Strukturalismus à la Claude Lévi-Strauss und die Sozialphänomenologie à la Alfred Schütz, überwunden hätten und in einer Hinwendung zu dem konvergierten, was als „Praxistheorie“ zu bezeichnen ist (Reckwitz 2006, 2008, 2010 u. 2012). Nehmen wir einen mittlerweile fast schon klassischen Artikel zum Ausgangspunkt – Reckwitz‘ „Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken“ (2003) – und paraphrasieren in Stichwörtern, was diese Grundelemente sein sollen.

„Practical Turn“ nicht nur eine innertheoretische Tendenz, sondern Teil materialer Felder der Sozialwissenschaften (ebd.: 282); Frage, ob nicht nur Neuauflage klassischer Handlungstheorien vorliegt; Praxistheorie besteht aus Theoriesträngen mit „Familienähnlichkeit“ (S. 283); ist Forschungsprogramm für materiale Analyse, z.B. neuere Wissenschafts- und Technikforschung; gegen Reduktion von Dingen und gegen totalisierende Technik (S. 285); Anwendungsfelder Organisationsforschung, gender-Forschung, Medienforschung und cultural studies (S. 286); vier Ansätze der Sozialtheorie, d.h. Strukturtheorie, ökonomische Theorie sowie normativistische und kulturtheoretische Ansätze; Praxistheorie sieht soziale Ordnung nicht als Problem der Handlungskoordinierung, sondern darin, was Akteure dazu bringt, die Welt als geordnet anzunehmen (S. 287); Praxistheorie steht Mentalismus und Textualismus entgegen, die Intellektualisierung des sozialen Lebens nach sich ziehen (S. 289); sieht Kultur als praktisches Wissen/Können an; Ort des Sozialen sind Know-How abhängige Praktiken, deren Wissen den Akteuren inkorporiert ist, die aber auch Form routinisierter Beziehungen zwischen Subjekten annehmen; soziale Welt setzt sich aus einzelnen nebeneinander stehenden Praktiken zusammen; Problem der Praxistheorie ist Frage, wie Raum und Zeit gebunden werden, d.h. wie Repetitivität von Handlungen möglich ist; Soziales wird in Kollektivität von Verhaltensweisen gesucht, die durch ein spezifisches praktisches Können zusammengehalten werden.

Zwei wichtigste Positionen der Praxistheorie = a) Materialität des Sozialen und b) implizite und informelle Logik des sozialen Lebens, die Intellektualismen anderer Sozial- und Kulturtheorien entgegengestellt werden (S. 290); kleinste Einheit des Sozialen ist die Praktik, d.h. routinisierter Nexus von „doings“ and „sayings“, der durch implizites Verstehen zusammengehalten wird; materielle Instanzen, die Praktik ermöglichen, sind Körper und Technik; Praxistheorie betont Körperlichkeit der Praktiken; gegen die Dichotomisierung von Geist-Körper (Mentalismus) und Subjekt-Objekt (Textualismus) (S. 291); Intentionalität, Normativität und Schemata des Handelns werden relativiert, wenn Handeln im Rahmen von Praktiken erst als wissensbasierte Tätigkeit begriffen wird (S. 291 f.); diese ist implizit, d.h. praktischer Sinn (S. 292); Frage, welches Wissen in bestimmten sozialen Praktiken zum Einsatz kommt; erst dann kann man auf Personen als Träger zurückschließen; Routinisiertheit und Unberechenbarkeit (S. 294); Zeitlichkeit des Vollzuges einer Praktik (S. 295); Kritik der Praxistheorie an theoretischer Rationalisierung und Intellektualisierung anderer Ansätze (S. 296); dem hält sie Materialisierung, Informalisierung und Routinisierung entgegen; enthält auch normative Elemente; Konservativismus und Anarchismus, Post-Humanismus und neuer Humanismus (S. 297); drei praxeologische Ambivalenzen = 1) Frage nach Repetivität und Innovativität, 2) Artefakte als Gebrauchsgegenstände oder Aktanten und 3) Verhältnis Diskurse-Praktiken; quasi-ethnologischer Blick der Praxistheorie (S. 299).

Fasst man also die Grundelemente der Praxistheorie nach Reckwitz zusammen, so geht es ihr um eine Überwindung der Probleme bisheriger Sozialtheorien und um eine Vermittlung zwischen Strukturen und Akteuren. Vier Aspekte sind wesentlich: Praktiken werden als 1. kollektiv verstanden, sie sind 2. über Verhaltensroutinen inkorporiert und daher repetetiv, sie finden 3. stets situativ statt und sind daher zeitinstabil, d.h. an spezifische Zeiträume gebunden, und 4. sie sind veränderlich. Reckwitz verheimlicht nicht die Probleme, die sich daraus für empirische Forschungsvorhaben ergeben könnten. Sie liegen darin, wie Repetetivtät und Innovativität zustande kommen (betrifft die Punkte 2 und 4). Die Kollektivität und Situativität sieht er als vergleichsweise unproblematisch an. Interessant ist die Frage, inwieweit ihm diese vier Punkte als Heuristik dienen, um sich empirischen Phänomenen zu nähern, oder aber ob sie gleich schon deren Erklärung implizieren. Jedenfalls geht Reckwitz‘ Praxistheorie von vier Voraussetzungen aus, die eine empirische Analyse (vielleicht zu eng) vorstrukturieren. Die Praxistheorie verspricht, Praktiken in den Griff zu bekommen, die sich durch Kollektivität, Repetetivität, Situativität und Innovativität auszeichnen. Die Frage, auf welche Praktiken diese vier Aspekte überhaupt zutreffen (und welche sie ausschließen) bleibt aber immer noch zu beantworten.

Auch in der Geschichtswissenschaft scheinen praxistheoretische Ansätze im Kommen zu sein, insbesondere im Rahmen der vergleichenden Faschismusforschung (Reichardt 2002, 2004, 2007 u. 2014) und der Arbeiterbewegungsgeschichte (Welskopp 2000 u. 2014). Jedenfalls findet die Rede von der „sozialen Praxis“, die der Alltagshistoriker Alf Lüdtke Anfang der 1990er Jahre dort eingeführt hat (Lüdtke 1991: 9-63), mittlerweile eine fast epidemische Verbreitung, sei es auf Konferenzen, sei es in Forschungsanträgen oder Aufsätzen. Schon lange war ich unzufrieden mit den Ansätzen, die in der Geschichtswissenschaft unter „soziale Praxis“ fungieren und für die sich die Bezeichnung „Praxeologie“ durchgesetzt hat. Die bisherige Kritik an diesen Ansätzen (Graf 2008), die im besserwisserischen Gewand eines theorielosen Neopositivismus daher kommt und nicht satisfaktionsfähig ist, verstärkte meine Entschlossenheit, diese Unzufriedenheit selbst in Worte zu gießen. Über die Jahre ist ein beachtliches Konvolut an Exzerpten zur Praxistheorie bei mir angefallen, und dessen werde ich mich im Folgenden bedienen, um einige ihrer Probleme zu umreißen.

Ich gehe von einer zufällige Lesefrucht aus, die im Zuge einer Vorbereitung für eine Konferenz anfiel: „Dass es in der Geschichte um die soziale Praxis handelnder Akteure geht, ist damit [gemeint ist: mit den theoretischen Ansätzen von Max Weber, Anthony Giddens und Pierre Bourdieu – das schreibende Subjekt] sozialtheoretisch schlüssig umgesetzt“ (Welskopp 2002: 75). Dies schreibt Thomas Welskopp in einem überaus lesenswerten Artikel, in dem es um die Zurückweisung einiger Axiome des klassischen Historismus aus dem 19. Jahrhundert und um den Nachweis geht, dass Geschichte, entgegen dessen Rede von der „Individualität“, eben doch theoriefähig ist. Welskopp treibt den Teufel des Historismus allerdings mit dem Beelzebub der Historischen Sozialwissenschaft Bielefelder Provenienz aus. Er lässt sich von einer Reihe von Vorannahmen leiten, um die Grundaxiome des Historismus, die er an anderer Stelle in einem schönen Bild als Fessel „einer allzu voraussetzungsreichen ontologischen ,Geschichtstheorie‘“ bezeichnet (ebd.: 72), zurückweisen zu können. Nur: Welskopp ersetzt die eine ontologische Fessel durch die andere (übrigens engere, straffer sitzende). Und diese heißt Praxeologie.

Der zitierte Satz beginnt mit der voluntaristischen Setzung, dass es in der Geschichtswissenschaft um die „soziale Praxis handelnder Akteure“ gehe. Nehmen wir einmal nur diese vier Wörter, die eine grandiose Tautologie konstituieren. Oder gibt es Akteure, die nicht handeln? Gibt es Handelnde, die nicht zugleich Akteure sind? „Praxis“ im Sinn der antiken griechischen Tradition heißt ja nichts anderes als Tat, Handlung, Verrichtung. „Praxis handelnder Akteure“, dieses eigentümliche Syntagma besteht aus drei Simplexen, die dasselbe bedeuten! Und schließlich: das Adjektiv „sozial“ in Verbindung mit dem Substantiv „Praxis“. Wozu wird das Adjektiv benötigt, welchen Stellenwert besitzt es? Eine alte Kommunikationstechnik für unbeweisbare oder schwer belegbare Behauptungen besagt, man müsse die Behauptung kommunikativ verstärken, damit sie geglaubt werde (Luhmann 2007: 218). In der lateinischen Rhetorik findet man von Tugend zu „wahrer Tugend“, von der Politik verlangt man heute „echte Reformen“ anstatt Reformen und vom Recht „wirkliche Gerechtigkeit“. In einem ähnlichen Sinn kann man das „sozial“ in „soziale Praxis“ verstehen: es verstärkt die Bedeutung von Praxis, zumal „sozial“ im Deutschen positiv konnotiert ist. Wie wenig sinnvoll diese Zusammensetzung ist, lässt sich schon dem Fehlen eines Gegenbegriffs entnehmen. Oder spricht etwa irgendjemand von „unsozialer Praxis“?

Nähme man Welskopps Ansicht, in der Geschichtswissenschaft gehe es um die „soziale Praxis handelnder Akteure“, wörtlich, dann wären folgende Bücher nie geschrieben worden: Theodor Mommsen, Römisches Staatsrecht; Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien; Michael Rostovtzeff, Gesellschaft und Wirtschaft im Römischen Kaiserreich; Johan Huizinga, Der Herbst des Mittelalters; Marc Bloch, Die Feudalgesellschaft; Fernand Braudel, Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipp II.; Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte und Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. In keinem dieser Bücher treten „handelnde Akteure“ auf. Der erste blinde Fleck der Praxeologie ist ihre einseitige Festlegung auf Handlungstheorie, und zwar auf eine Variante, bei der Handlungen immer schon quasi naturgegeben passieren. Damit werden zwei sozialtheoretische Stränge von vorneherein eliminiert: erstens die Tradition der strukturfunktionalistischen Schule um Talcott Parsons, die von der Frage ausging, wie Handlung überhaupt möglich ist (Joas/Knöbl 2004: 39-142), zweitens die Tradition jenes Ansatzes, den man als soziologische Kommunikationstheorie (Schützeichel 2004) fassen kann und dessen prominenteste heute wohl die Systemtheorie ist.

„Jede theoretische Konstruktion hat ihren blinden Fleck“ (Bourdieu 2014: 7), diese Einsicht eines Soziologen, den Praxistheoretiker gemeinhin als wichtigen Gewährsmann anführen, stände ihnen gut zu Gesicht.

Referenzen

Bourdieu, Pierre: Kunst und Kultur. Zur Ökonomie symbolischer Güter. Schriften zur Kultursoziologie 4, hg. v. Franz Schultheis u. Stephan Egger, Suhrkamp: Berlin 2014

Graf, Rüdiger: Was macht die Theorie in der Geschichte? »Praxeologie« als Anwendung des »gesunden Menschenverstandes«, in: Hacke, Jens/Pohlig, Matthias (Hg.): Theorie in der Geschichtswissenschaft. Einblicke in die Praxis des historischen Forschens, Campus: Frankfurt am Main/New York 2008, S. 109-129

Hillebrandt, Frank: Soziologische Praxistheorien. Eine Einführung, Springer: Wiesbaden 2014

Joas, Hans/Knöbl, Wolfgang: Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2004

Lüdtke, Alf (Hg.): Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozialanthropologische Studien, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 1991

Luhmann, Niklas: Aufsätze und Reden, hg. v. Oliver Jahraus, Reclam: Stuttgart 2007

Reckwitz, Andreas: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Velbrück Wissenschaft: Weilerswist 2000

ders.: Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive, in: Zeitschrift für Soziologie 32 (2003), S. 282-301

ders.: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Velbrück Wissenschaft: Weilerswist 2006

ders.: Subjekt, transcript: Bielefeld 2008

ders.: Unscharfe Grenzen. Perspektive der Kultursoziologie, 2., unveränd. Aufl., transcript: Bielefeld 2010 [ursprgl. erschienen: 2008]

ders.: Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Suhrkamp: Berlin 2012

Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2002

ders.: Praxeologie und Faschismus. Gewalt und Gemeinschaft als Elemente eines praxeologischen Faschismusbegriffs, in: Doing Culture. Neue Positionen zum Verhältnis von Kultur und sozialer Praxis, hg. v. Karl H. Höring u. Julia Reuter, transcript: Bielefeld 2004, S. 130-153

ders.: Praxeologische Geschichtswissenschaft. Eine Diskussionsanregung, in: Sozial.Geschichte 22 (2007), Heft 3, S. 43-65

ders.: Faschistische Tatgemeinschaften. Anmerkungen zu einer praxeologischen Analyse, in: Schlemmer, Thomas/Woller, Hans (Hg.): Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung, Oldenbourg: München 2014, S. 73-88

Schmidt, Robert: Soziologie der Praktiken. Konzeptionelle Studien und empirische Analysen, Suhrkamp: Berlin 2012

ders.: Soziologische Praxistheorien, transcript: Bielefeld 2015 (angekündigt)

Schäfer, Hilmar: Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie, Velbrück Wissenschaft: Weilerswist 2013

ders.: Praxistheorien zur Einführung, Junius: Hamburg 2014

Schützeichel, Rainer: Soziologische Kommunikationstheorien, UVK: Konstanz 2004

Welskopp, Thomas: Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz zum Sozialistengesetz, J.H.W. Dietz Nachf.: Bonn 2000

ders.: Die Theoriefähigkeit der Geschichtswissenschaft, in: Mayntz, Renate (Hg.): Akteure – Mechanismen – Modelle. Zur Theoriefähigkeit makro-sozialer Analysen, Campus: Frankfurt am Main/New York 2002, S. 61-90

ders.: Unternehmen Praxisgeschichte. Historische Perspektiven auf Kapitalismus, Arbeit und Klassengesellschaft, Mohr Siebeck: Tübingen 2014