Bruchstücke der Kritik, vierte summula

von arminnolzen

„Whatever happened to ‚fascism‘?“. Diese rhetorische Frage stellte der britische Historiker Timothy W. Mason im April 1988, knapp zwei Jahre vor seinem tragischen Tod (Mason 1995). Anlässlich einer Konferenz an der Universität von Pennsylvania, die den Titel „Reevaluating the Third Reich“ trug, war Mason die Aufgabe gestellt worden, die Reichweite der in den 1960er und 1970er Jahren prominenten Faschismustheorien kritisch zu analysieren. Hierbei kam er zu dem Ergebnis, dass alle bisherigen Versuche, den Faschismusbegriff auf politische Regime anzuwenden, gescheitert seien. Zugleich beklagte Mason, dass man das Konzept „Faschismus“ nicht durch ein neues Paradigma ersetzt, sondern sich stillschweigend darauf verständigt habe, das „Dritte Reich“ als politisches Gebilde anzusehen, das keiner vergleichenden Betrachtung zugänglich sei. Von einer solchen Position grenzte sich Mason ab. Stattdessen plädierte er dafür, den Vergleich zwischen dem faschistischen Italien und dem „Dritten Reich“ zu intensivieren, ohne den Faschismusbegriff zu verwenden. Wenn die NS-Forschung die Möglichkeit dieses Regimevergleichs verneine, so schlussfolgerte Mason, begebe sie sich in den Provinzialismus.

Die vergleichende Faschismusforschung hat seit den späten 1990er Jahren, nicht zuletzt durch die Initiativen englischsprachiger Autoren, einen beispiellosen Aufschwung genommen und damit Masons eher pessimistische Sicht Lügen gestraft (Bauerkämper 2006; Kallis 2009; Costa Pinto 2012). Dies gilt auch und gerade für die empirischen Studien zu faschistischen Bewegungen in Italien, Deutschland, Ungarn, Rumänien, Kroatien, Spanien, Portugal und vielen anderen europäischen Ländern, die mittlerweile kaum mehr überschaubar sind. Eine Vielzahl an wissenschaftlichen Konferenzen und sogar eine Zeitschriftengründung (Fascism. A Journal of Comparative Fascist Studies) sind das Resultat dieses Forschungsbooms. Zeit, eine Bestandsaufnahme vorzulegen. In der Publikationsreihe „Zeitgeschichte im Gespräch“ des Münchener Instituts für Zeitgeschichte ist ein schmaler Band erschienen, dessen Beiträge auf eine Konferenz mit dem etwas sperrigen Titel „Die faschistische Herausforderung. Netzwerke, Zukunftsverheißungen und Kulturen der Gewalt in Europa 1922 bis 1945“ zurückgehen (Schlemmer/Woller 2014). „Die Ergebnisse der Tagung“, so die Herausgeber einleitend, „werden in zwei Bänden publiziert. Der erste, jetzt präsentierte, vereint die theoretisch-methodischen Vorträge. Im zweiten, umfangreicheren, werden die empirischen Erträge vorgestellt“ (S. 14). Welche Fragen werfen diese „theoretisch-methodischen Vorträge“ auf, welche weiterführenden Forschungen inspirieren sie? Zu Beginn nur einige Leseeindrücke zu den einzelnen Beiträgen:

Thomas Schlemmer/Hans Woller: Politischer Deutungskampf und wissenschaftliche Deutungsmacht. Konjunkturen der Faschismusforschung (S. 7-15): konstatieren drei Etappen der Faschismusforschung = 1919-1945, 1945-1980, 1980 bis heute (S. 7 f.); werten die zweite Etappe deutlich auf; betonen Kontinuität der neueren Faschismusforschung zu dieser Etappe; sehen die wesentliche Neuheit in der Verfeinerung der empirischen Forschung und im Ende der Ablehnung eines generischen Faschismusbegriffs (S. 12); „[…] die alten Schlachten sind geschlagen und entschieden“ (S. 14).

Roger Griffin: Palingenetischer Ultranationalismus. Die Geburtswehen einer neuen Faschismusdeutung (S. 17-33): Rückblick auf die Wirkungsgeschichte seines Buches „The Nature of Fascism“ (1991) und die darin vorgetragene (idealtypische) Definition, „Faschismus ist eine politische Ideologie, deren mythischer Kern in seinen diversen Permutationen eine palingenetische Form von populistischem Ultra-Nationalismus ist“ (S. 17); sei als heuristisches Instrument konzipiert gewesen und habe viele vergleichende Studien stimuliert (S. 23); im Mittelpunkt der Definition steht die Rhetorik der Palingenese, also der Wiedergeburt (S. 25); Abriss der neueren deutschen Debatte über „Faschismus“ (S. 27-30); sieht „neuen Konsens“ in der Forschung, für den Transdisziplinarität und Vergleich von zentraler Bedeutung seien (S. 31).

Robert O. Paxton: Kultur und Zivilgesellschaft im Faschismus (S. 35-43): beginnt mit der Feststellung, die Kulturgeschichte in ihrer jetzigen Form trage wenig dazu bei, die Forschung zum Faschismus weiter voranzubringen (S. 36); kulturalistische Forschung zu diesem Phänomen sei hingegen vielversprechend, wenn sie mit dem Faktor „Macht“ in Verbindung gebracht werde (S. 38); wechselt dann zum zweiten großen Strang der neueren Faschismusforschung, nämlich dem Interesse für die intermediären Organisationen zwischen Individuum und Staat, die er unter dem Begriff „Zivilgesellschaft“ subsummiert (S. 38); es folgt eine kurze Nachzeichnung der Thesen der diesen Ansatz vertretenden Forscher (Bernt Hagtvet, Rudy Koshar, Sheri Berman und Dylan Riley), die sich allerdings auf die Bewegungsphase beschränken; danach wechselt der Autor unvermittelt zur Systemphase und kehrt die Analyseperspektive willkürlich um, d.h. er erörtert Durchdringungs- und Penetrationsgrad der jeweiligen (faschistischen?) Gesellschaften (S. 41 ff.), ohne dabei jedoch auf die Referenzebene „Organisation“ Bezug zu nehmen, von der diese Entwicklung ausging; keine Schlussbetrachtung, keine weiterführenden Thesen.

Fernando Esposito: Faschismus und Moderne (S. 45-57): Zusammenfassung der Ausführungen aus der 2011 erschienenen Dissertation des Autors mit teils gleichlautenden Formulierungen und Fußnoten; fordert Differenzierung zwischen Modernisierung und Moderne, die aber weder hinreichend erläutert, geschweige denn konzeptualisiert wird (S. 46-49); man wüsste gerne, aus welcher der vielen Krisen der Moderne der Faschismus nun hervorgegangen ist (S. 51); kreiert den Begriff „mythische Moderne“ (S. 51), bei dem nicht deutlich wird, was gemeint ist; auch ein Nachlesen der einschlägigen Ausführungen in der Doktorarbeit bringt keine Klarheit („Mythos ist also ein Narrativ, welches Gemeinschaft durch Chaos überwindende Ordnungsstiftung in einem Heiligen oder Überhistorischen konstituiert“ oder: „Aus dieser Perspektive erweist sich der Prozess der Mythisierung als Marginalisierung gewisser Deutungskategorien und der Etablierung und Potenzierung anderer. Der Mythos stellt eine diskursive Hegemonie dar. Und das heißt, er kann als Ergebnis der Reduktion der sinnvoll erscheinenden Aussagen betrachtet werden, die allesamt auf ein Verabsolutiertes, das kein Anderes neben sich duldet, zurückgeführt werden können“; siehe Esposito 2011: 56 u. 423 f.); es folgt ein deplatziertes, weil entkontextualisiertes Zitat Siegfried Kracauers (S. 55); was soll die Forschung mit einem Satz wie „Der Faschismus ging also aus der Dialektik von Freiheit und Ordnung hervor“ anfangen (S. 55)?

Martin Baumeister: Faschismus und „politische Religion“ (S. 59-72): beginnt mit Karriere des Konzepts „politische Religionen“ seit Mitte der 1990er Jahre, die in der Gründung der Zeitschrift Totalitarian Movements and Political Religions, einer gleichnamigen Schriftenreihe und in Michael Burleighs (2000) einschlägiger Gesamtdarstellung kulminierte, die den Begriff allerdings nicht geklärt habe (S. 59 ff.); es folgt eine kritische Würdigung der Schriften von Emilio Gentile, der sich um eine Operationalisierung des Begriffs „politische Religion“ für Italien verdient gemacht hat (S. 62 ff.); ganz deutlich arbeitet der Autor die Verankerung des Begriffs in den Deutungskämpfen der Zwischenkriegszeit heraus und benennt die Gefahr, die zeitgenössischen Selbstbeschreibungsformeln als Grundlage der historischen Analyse zu nehmen (S. 65 u. 67); das Paradigma der politischen Religion sei für die Faschismusforschung eher von begrenztem Nutzen (S. 70), wenngleich sein heuristisches Potenzial bislang nicht ausgenutzt sei (S. 71); die wichtigste Möglichkeit sieht Baumeister in der Analyse der Beziehungen zwischen Christentum und Faschismus (S. 72); er beklagt zurecht einen Mangel an vergleichenden Studien.

Sven Reichardt: Faschistische Tatgemeinschaften. Anmerkungen zu einer praxeologischen Analyse (S. 73-88): dieser Beitrag hat für die vergleichende Faschismusforschung das höchste Innovationspotenzial, weil er eine neue Perspektive postuliert, die Reichardt als „praxeologischen Ansatz“ bezeichnet und von ihm seit mittlerweile mehr als einer Dekade unablässig zu etablieren versucht wird (Reichardt 2002, 2004 u. 2007); Aufsatz beginnt mit knapper Charakterisierung dieses Ansatzes; „Faschismus ist nicht ohne die konkrete Situation zu verstehen, auf die sich die Einstellungen und Aktionen der Faschisten beziehen“ (S. 75) und: „Forschungsgegenstand ist daher die Genese von Vorstellungen und Sinnstrukturen in ihren situativen Kontexten […]. In der Praxeologie wird der historische Akteur als interpretierendes Subjekt verstanden, das je nach Handlungskontext Bedeutungsinstabilitäten erzeugen und Transformationen ermöglichen kann“ (S. 76); es folgt Kritik der bloß ideengeschichtlichen Ableitung des Faschismus und Betonung von dessen Integrationskraft durch Verhaltensroutinen, kollektive Sinnmuster und Symbole (S. 78 f.); danach Wechsel zur Systemphase und Auflistung einiger Faktoren, die „faschistische Regime“ genozidal werden ließen, d.h. Eugenik, „Reinigungs- und Einheitlichkeitsobsessionen“ (S. 82), „nahezu postmoderne Organisationsformen“ (S. 84), weil netzwerkartige Strukturen, und „Kult von Beschleunigung und Jugendlichkeit“ (S. 85); Gewaltpraktiken „als eine polyvalente Erscheinung faschistischer Bewegungen“ (S. 86) mit folgendem Fazit: „Der Faschismus als eine gewaltsame Tatgemeinschaft erzeugte neue Erfahrungen, die von den Faschisten als Könnensreserven entdeckt und entsprechend interpretiert wurden“ (S. 88).

Emilio Gentile: Der „neue Mensch“ des Faschismus. Reflexionen über ein totalitäres Experiment (S. 89-106): Aufsatz beginnt mit der These, dass Benito Mussolini und die Faschisten in Italien eine „anthropologische Revolution“ ins Werk setzten wollten (S. 89); zu diesem Zwecke hätten sie den Mythos des „neuen Italieners“ oder auch „neuen Menschen“ propagiert; in einem ersten Schritt analysiert Gentile die geistigen Wurzeln dieses Mythos, der sich auf das antike Rom berufen und in dessen Mittelpunkt die Vorstellung einer nationalen Wiedergeburt gestanden habe (Beispiele sind die künstlerische Avantgarde der Jahrhundertwende, die Futuristen, die revolutionären Syndikalisten und die Veteranenbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg, S. 90-95); es folgt eine knappe Skizze von Mussolinis Gedankengut (S. 96 ff.), bevor der Autor dann zu „Der neue Mensch – ein totalitäres Gesellschaftsprojekt im Praxistest“ kommt (S. 98-104); hier geht es um eine Realisierung der „anthropologischen Revolution“ durch Rassismus, Eugenik, Homophobie und Erziehung, letztere verdeutlicht anhand der Aufgabenfelder der faschistischen (korporatistischen) Massenorganisationen; als entscheidenden Markstein sieht Gentile die „Institutionalisierung des Rassismus“ (S. 102), ohne diesen Punkt weiter auszuführen; sein Urteil, die „anthropologische Revolution“ sei letztlich gescheitert (S. 105 f.) schreibt nur die bekannten historiografischen Einschätzungen fort, ohne dass es eine methodische Handreichung gäbe, wie Erfolg oder Misserfolg überhaupt zu bemessen sind; es bedarf einer Sozialisationsgeschichte der vom italienischen Faschismus geprägten Generationskohorten, um dies genauer auszuloten.

Maurizio Bach: Mussolini und Hitler als charismatische Führer. Was kann Max Webers Modell der charismatischen Herrschaft zur Erklärung der Dynamik faschistischer Bewegungen beitragen? (S. 107-121): Anwendung von Max Webers Begriff der „charismatischen Herrschaft“ auf die beiden Diktatoren Benito Mussolini und Adolf Hitler in der Frühphase ihrer innerparteilichen Machtbildung; schließt an die bekannte, mit Stefan Breuer im Jahre 2010 vorgelegte Studie an (Bach/Breuer 2010), bietet aber etwas dort nicht Behandeltes, Neues; auf die knappe Skizze der „idealtypischen Methode“ Webers (S. 107 f.) und des Erklärungsmodells (sic!) „charismatische Herrschaft“ (S. 108-111) folgt ein Kapitel über Charisma als Ressource faschistischer Machtbildung am Beispiel Mussolinis (S. 112-116); darin hebt Bach insbesondere auf Charisma als „Anerkennung des Anspruchs durch die Beherrschten“ ab (S. 113), ohne dem Leser Beispiele aus Mussolinis Gefolgschaft vorzuführen, geschweige denn: zu problematisieren, wie man solche Anerkennungsprozesse historiografisch einholen kann; Ähnliches gilt für „Adolf Hitlers Aufstieg als charismatischer Führer“ (S. 116-121), der sich auf die Idolisierung der Person (Hitler-Mythos) vor 1933 und dessen Praxis eines divide et impera nach 1933 beschränkt; wie es dazu kam, dass Hitlers Gefolgschaft ihn anerkannte, das bleibt Bachs Geheimnis; Ansatz generell blind gegenüber der Kritik an einer idealtypisch verfahrenden Soziologie (Bühl 2003: 146); keine Rezeption der Kritik Pierre Bourdieus (2011: 7 ff.) und Niklas Luhmanns (1997: 239 f.) an der Unergiebigkeit des „Charisma“-Begriffs bzw. an der Problematik des Begriffs „Herrschaft“; letztlich wird der Anspruch auf kausale Erklärung an keiner Stelle eingelöst.

Thomas Schlemmer/Hans Woller: Essenz oder Konsequenz? Zur Bedeutung von Rassismus und Antisemitismus für den Faschismus (S. 123-144): der längste Artikel des vorliegenden Bandes argumentiert durchgehend, dass der immense Stellenwert, den Rassismus und Antisemitismus für die europäischen faschistischen Bewegungen besaßen, von der einschlägigen Forschung lange unterschätzt worden ist, und wendet sich somit gegen den Versuch von Gegnern des generischen Faschismusbegriffs, sie als Spezifika des deutschen Nationalsozialismus zu begreifen; ein erstes Kapitel untersucht „Rassismus als Motor des internationalen Faschismus“ (S. 125-134), und zwar anhand neuer Studien zur kroatischen Ustaša, der rumänischen Legion „Erzengel Michael“, der ungarischen Pfeilkreuzler und des italienischen Faschismus; Besonderheit, dass der radikale Rassismus in „den faschistischen Bewegungen und Parteien West- und Nordeuropas […] keine zentrale Rolle“ spielte, wird konstatiert, aber nicht hinreichend erklärt (S. 129); Kapitel „Judenfeindschaft und Antisemitismus“ (S. 134-140) mit einem besonderen Augenmerk auf dem italienischen Fall; es folgen knappe Ausführungen über den Krieg als Katalysator rassistischer und antisemitischer Positionen (S. 140 ff.); abschließend fassen die Autoren ihre Ergebnisse wie folgt zusammen: „Der Faschismus setzte Liberalismus und Kommunismus eine Alternative entgegen, die sich mit dem Begriff der Neuen Ordnung fassen lässt. Diese dunkle Vision von Lebensraum, rassischer Suprematie und Homogenisierung durch Vertreibung oder Vernichtung zielte letztlich […] auf eine Überwindung nationaler Schranken, ja auf eine Überwindung des Nationalismus im Zeichen von Rassismus, Rassenlehre und Rassereinheit“ (S. 143 f.); es drängt sich der Verdacht auf, dass der italienische und der deutsche Fall hier zum Pars pro Toto für alle andere Bewegungen/Regime gemacht werden; die unterschiedliche Radikalität von „Rassismus“ und „Antisemitismus“ droht verlorenzugehen (oder unterscheiden sich Genozid und Massenmord nicht mehr von gesellschaftlicher Stigmatisierung?).

Im vorliegenden Band zeigen sich sieben Probleme der vergleichenden Faschismusforschung: 1. ein substantialistisch-essentialistisches Verständnis von Faschismus, das sich zum einen in einer Definitionssucht (Idealtypen, faschistisches Minimum, „palingenetischer Ultranationalismus“), zum anderen in der inflationären Rede von einem „neuen Paradigma“, einem „neuen Konsens“, einem „Sieg“ über die Kritiker oder einer „höheren Praxistauglichkeit“ widerspiegelt, 2. ein Spannungsverhältnis zwischen Faschismus als Begriff (womit sich ein Anspruch auf kausale geschichtswissenschaftliche Erklärung verbindet) und als Heuristik (womit lediglich auf das Finden neuer Fragestellungen und Problemlösungen abgehoben wird, wofür jedoch weder ein Begriff noch eine Definition nötig ist), 3. die ständige Vertauschung der Referenzebenen, bei der die Selbstbeschreibungsformel einer Protestbewegung (des italienischen Faschismus) wenig kontrolliert auf andere Protestbewegungen, auf Parteien (als Organisationen) in demokratischen Mehrparteiensystemen sowie auf ganze politische Systeme (NS-Staat) übertragen wird, 4. eine Hypertrophie der theoretischen Konzepte und Referenzautoren, bei der zeitgenössische und historiografische Einschätzungen bis zur Unkenntlichkeit vermengt werden, 5. eine regelrechte Kausalitätssucht, bei der aus lokalen Praktiken, Diskursen und Selbstbeschreibungen einfach auf (gesellschaftsweite) Sinnstiftungen, Intentionen und integrative Wirkungen zurückgeschlossen wird, 6. ein handlungstheoretisch-interaktionistisches Verständnis, das transfergeschichtliche Analysen der verschiedenen faschistischen Bewegungen erschwert, und 7. eine überbordende Transzendentalisierung des Faschismus, also dessen Parallelisierung mit religiösen Phänomenen („politische Religionen“, Mythos), ohne dabei dessen Verhältnis zum Christentum zu analysieren und seine radikale Immanenz (im Gegensatz zur religiösen Transzendenz) zu reflektieren.

Zurück zu Masons eingangs erwähntem Plädoyer für einen Vergleich zwischen dem italienischen Faschismus und NS-Deutschland, bei dem er empfahl, den Faschismusbegriff gar nicht erst zu benutzen. In der Tat ist ein Begriff, der der einen Seite (Italien) zur Selbstbeschreibung diente, für die andere Seite (NS-Deutschland) wenig brauchbar, es sei denn, man fände ein geeignetes Tertium Comparationis. Auffällig ist ohnedies, dass viele der Forschungen zum Faschismus, die in den letzten Jahren erschienen sind, den Begriff entweder nur auf ein einziges Land anwenden oder aber marginale Phänomene (Aviatik!) miteinander vergleichen. Den Notwendigkeiten einer vergleichenden Faschismusforschung als Gesellschaftsgeschichte, die doch ursprünglich eine Forderung der Verfechter des Begriffs gewesen war, wird dabei kaum noch Rechnung getragen. Den Schlussfolgerungen, die sich im Hinblick auf den Begriff „Faschismus“ ergeben, wird an anderer Stelle nachzugehen sein; die Besprechung des hier kritisierten Bandes erscheint in der November- oder in der Dezember-Ausgabe von http://www.sehepunkte.de.

Referenzen

Bach, Maurizio/Breuer, Stefan: Faschismus als Bewegung und Regime. Italien und Deutschland im Vergleich, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2010

Bauerkämper, Arnd: Der Faschismus in Europa 1918-1945, Reclam: Stuttgart 2006

Bourdieu, Pierre: Religion. Schriften zur Kultursoziologie 5, hg. v. Franz Schultheis u. Stephan Egger, Suhrkamp: Berlin 2011

Bühl, Walter: Historische Soziologie. Theoreme und Methoden, LIT Verlag: Münster/Hamburg/London 2003

Burleigh, Michael: Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Gesamtdarstellung, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2000

Costa Pinto, António: The Nature of Fascism Revisited, Columbia University Press: New York 2012

Esposito, Fernando: Mythische Moderne. Aviatik, Faschismus und die Sehnsucht nach Ordnung in Deutschland und Italien, Oldenbourg: München 2011

Kallis, Aristotle: Genocide and Fascism. The Eliminationst Drive in Fascist Europe, Routledge: New York 2009

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

Mason, Timothy W.: Whatever happened to ‚fascism‘?, in: ders.: Nazism, fascism and the Working Class, ed. by Jane Caplan, University Press: Cambridge 1995, S. 323-331

Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2002

ders.: Praxeologie und Faschismus. Gewalt und Gemeinschaft als Elemente eines praxeologischen Faschismusbegriffs, in: Doing Culture. Neue Positionen zum Verhältnis von Kultur und sozialer Praxis, hg. v. Karl H. Höring u. Julia Reuter, transcript: Bielefeld 2004, S. 130-153

ders.: Praxeologische Geschichtswissenschaft. Eine Diskussionsanregung, in: Sozial.Geschichte 22 (2007), Heft 3, S. 43-65

Schlemmer, Thomas/Woller, Hans (Hg.): Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung, Oldenbourg: München 2014