Die Reisen des Historikers IV

von arminnolzen

München, 13. Oktober 2014

Am 7. Mai 2014 bekam ich eine mail des Chefredakteurs der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Hans Woller, den ich von mehreren gemeinsamen Konferenzteilnahmen und einem Vortrag am Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) im Januar 2012 gut kenne. Woller, ein Spezialist für die Geschichte Italiens, insbesondere des Faschismus (Woller 1996, 1999 u. 2010), der gerade an einer Biografie des „Duce“ Benito Mussolini arbeitet, lud mich bei dieser Gelegenheit zu einem Podiumsgespräch ein, das anlässlich der Publikation seines gemeinsam mit Thomas Schlemmer herausgegebenen Sammelbandes „Der Faschismus in Europa“ (Schlemmer/Woller 2014) in den Hallen des IfZ stattfinden sollte. Er schlug vor, ich könne einen Diskussionsbeitrag zum Thema „Faschismus und Volksgemeinschaft“ liefern, bei dem die Frage im Zentrum steht, inwieweit das „Volksgemeinschafts“-Konzept auch auf den italienischen Faschismus und andere faschistische oder autoritäre Herrschaftsformen anwendbar sei und welcher Erkenntnisgewinn damit vielleicht verbunden sein könnte. Ich sagte sogleich zu, weil mich das Thema sehr interessierte und ich die vergleichende Faschismustheorie spätestens seit dem mit Sven Reichardt herausgegebenen Band der „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“ (Faschismus 2005) intensiv verfolgt habe. Und „Volksgemeinschaft“ war in den letzten Jahren ohnehin eines meiner Hauptarbeitsgebiete gewesen (Zerstrittene »Volksgemeinschaft« 2011; Nolzen 2013 u. 2014).

Bei der Überlegung, wie man Faschismus und „Volksgemeinschaft“ zusammenbringen könnte, ließ ich mich von einer doppelten Annahme leiten. Zum einen bedarf es einer Revitalisierung der vergleichenden Faschismusforschung, die in den letzten Jahren doch stark rückläufig ist, obwohl das Paradigma „Faschismus“ in den letzten beiden Dekaden einen regelrechten Siegeszug in der internationalen Forschung angetreten hat. Zum anderen müssen die hypertrophen Ansätze, die in den letzten Jahren an das „Volksgemeinschafts“-Konzept herangetragen wurden und dieses mit einer immensen Erklärungslast für die Geschichte des „Dritten Reiches“ befrachtet haben, auf ein historiografisch praktizierbares Normalmaß zurechtgestutzt werden. Mit anderen Worten; es ging mir darum zu erörtern, inwieweit das Wort „Volksgemeinschaft“ außerhalb des Deutsche Reiches auch für andere als faschistisch klassifizierte Bewegungen oder Regime von Bedeutung gewesen war. Damit begab ich mich in den Bereich der vergleichenden historischen Semantik, also auf ein Feld, das noch überhaupt nicht bestellt ist, weil die entsprechenden Projekte (zu denken wäre an die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ im deutschen Sprachraum, das „Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich“ oder auch die Cambridge School der „politischen Ideengeschichte“ um John G.A. Pocock und Quentin Skinner) immer stark nationalgeschichtlich ausgerichtet sind (zur Einführung Leonhard 2004; Palonen 2011).

Von Anbeginn stand mir deutlich vor Augen, dass es das Wort „Volksgemeinschaft“ natürlich in keiner der bekannten europäischen Sprachen gab; in englischen Texten ist das Wort in den letzten Jahren wahlweise entweder als „folk community“ oder „national community“ übersetzt oder, wie im Sammelband von Bernhard Gotto und Martina Steber (2014), im Deutschen belassen worden. Das Problem dieses Wortes, das linguistisch gesehen ein Paralexem, also ein aus zwei Simplexen zusammengesetztes ist, liegt vor allen Dingen in dessen erstem Teil „Volk“, einem spätestens seit der Romantik vollkommen sinnüberfrachteten Begriff (Gschnitzer/Koselleck/Werner 1997). Im Nationalsozialismus wurde „Volk“ schließlich, wie Victor Klemperer betont hat, „beim Reden und Schreiben so oft verwandt wie Salz beim Essen, an alles gibt man eine Prise Volk: Volksfest, Volksgenosse, Volksgemeinschaft, volksnah, volksfremd, volksentstammt …“ (Klemperer 2007: 45). Dieses leere Signifikat „Volk“ hat in anderen Sprachen keine Entsprechung, und das erschwert jeden semantischen Vergleich. Schließlich gab es noch ein weiteres Problem: der Faschismusbegriff wird zwar stets als ein vergleichender gesehen, erfordert also eigentlich eine systematische Vergleichsperspektive, in der Praxis der historischen Forschung aber hat es sich eingebürgert, eher Studien zu Einzelphänomenen zu verfassen, die dann unter „Faschismus“ rubriziert werden, Ich hingegen meine, dass der Begriff seine Fruchtbarkeit nur in vergleichenden Studien entfaltet, und dieser Ansicht galt es in meinem Vortrag Rechnung zu tragen.

Vergleichende Semantik, Faschismus und „Volksgemeinschaft“, das waren also die tragenden Säulen meines Vortrages. Und für den Vergleich nahm ich Niklas Luhmanns Systemtheorie und dessen Konzept des Äquivalenzfunktionalismus als Ausgangspunkt, das ich an dieser Stelle ja bereits in „Zum Vergleich moderner Massenparteien“ ausführlicher erläutert habe. Blieb noch die Suche nach funktionalen Äquivalenten für „Volksgemeinschaft“, die sich als nicht sehr schwierig erwies, weil die einschlägige Literatur dazu einiges hergab. Zu erwähnen bleibt allerdings der Fall des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, der mit erst wenige Wochen zuvor durch einen äußerst gelungenen Vortrag bewusst wurde, den meine Kollegin Radka Šustrová im Collegium Carolinum in München gehalten und den sie mir zur Kenntnis gebracht hat. Der Begriff „národní pospolitost“, der im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren in Gebrauch war und eine präzise tschechische Übersetzung von „Volksgemeinschaft“ ist, funktionierte dort als eine Art Scharnier, mittels dessen Inklusion und Exklusion der tschechischen Protektoratsbewohner geregelt wurde. Ich glaube, dass man bei einer intensiveren Suche noch sehr viele andere funktionale Äquivalente in anderen Ländern, seien sie vom NS-Staat okkupiert worden oder unter die Satellitenstaaten zu rechnen, ausfindig machen könnte. Offenbar hat sich die NS-Forschung bisher zu wenig für diese Frage interessiert.

Am 13. Oktober reiste ich morgens nach München, ruhte mich noch ein wenig im eigens vom IfZ gebuchten Hotel aus und schaute mir dann noch die Ausstellung des Architektenwettbewerbs zum Ausbau des Erinnerungsortes Obersalzberg an, die neben dem Vortragsaal des IfZ aufgebaut ist. Nachdem ich einige anwesende Kollegen und die übrigen Teilnehmer des Podiumsgesprächs begrüßt hatte, begann die Veranstaltung.

Begrüßung
PD Dr. Magnus Brechtken
Stellvertretender Direktor des
Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin

Moderation
Dr. Hans Woller
Institut für Zeitgeschichte München/Berlin

Podiumsgespräch

Prof. Dr. Christoph Cornelißen
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Armin Nolzen M.A.
Redakteur der Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus

Prof. Dr. Dieter Pohl
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

PD Dr. Thomas Schlemmer
Institut für Zeitgeschichte München/Berlin

In seiner Begrüßungsansprache erzählte Magnus Brechtken, der Stellvertretende Direktor des IfZ, von seinen persönlichen Studienerfahrungen in den 1980er Jahren, als viele seiner Seminare von Vertretern marxistischer Gruppen heimgesucht wurden, die die Faschismuskeule gegen alles und jeden schwangen und allerorten über den „Faschismus“ der (damals) gegenwärtigen Gesellschaft redeten. Hans Woller erinnerte an die lange Tradition der Faschismusforschung im IfZ, die mit einem Buch von Ladislaus Hory und Martin Broszat (1961) über den kroatischen Ustaša-Staat begann und inzwischen ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Christoph Cornelißen wies in seinem Impulsreferat auf die aktuelle Verwendung des Begriffs „Faschismus“ als Kampfvokabel im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hin und kritisierte in diesem Zusammenhang auch die mittlerweile gebräuchliche Bezeichnung „Islamofaschismus“. Ansonsten referierte er anhand der Beiträge im Sammelband von Schlemmer/Woller (2014) in drei Schritten a) den Stand der Faschismusforschung, b) deren Lücken und c) deren Perspektiven. Danach lieferte ich meinen eigenen Beitrag ab (StellungnahmePodiumsdiskussionMünchen). Es folgte Dieter Pohl, der sich mit faschistischen Bewegungen in Südosteuropa befasste und auf den Faktor „Gewalt“ hinwies, der dort besonders wichtig war. Thomas Schlemmer schließlich resümierte die zentralen Thesen seines im Sammelband gemeinsam mit Hans Woller verfassten Beitrages über den Stellenwert von Rassismus und Antisemitismus für faschistische Bewegungen.

Die Diskussion war äußerst rege und wurde ausschließlich von Männern jenseits der 60 Jahre bestimmt, die Brechtkens ironische Eingangsbemerkungen performativ bestätigten. Was wurden nicht alles für Fragen gestellt beziehungsweise Statements abgesondert! Hitler als Marionette des Großkapitals, das Diktum Max Horkheimers „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ (von allen Anwesenden immer falsch zitiert), der „Faschist“ Franz-Josef Strauß, die ubiquitäre faschistische Gefahr im heutigen Ungarn und in Frankreich. Offenbar ruft das Schlagwort „Faschismus“ noch immer dieselben Reflexe wie vor 30 Jahren hervor. Ich weigerte mich allerdings in der Diskussion so gut es ging, verschwörungstheoretisch inspirierte Parallelen zwischen dem Faschismus der 1920er und 1930er Jahre und der heutigen Situation herzustellen, und argumentierte, dass sich die Mobilisierung damals (Versammlungen, Gewalt) grundsätzlich von der heutigen, im Internetzeitalter praktizierten unterscheide. Zudem unterwerfe sich von den so genannten neofaschistischen Parteien jede einzelne den Spielregeln des Parlamentarismus und unterhalte auch keine paramilitärischen Schlägertrupps, die Mord und Totschlag auf offener Straße praktizierten (was man vom italienischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus nicht behaupten kann). Gleichwohl blieb das Gefühl zurück, dass einige der Anwesenden diese Position als typisch wissenschaftliche Naivität ansahen.

Dass im Grunde genommen an allen Beiträgen vorbeidiskutiert wurde, ist ein Phänomen, das ich schon öfter erlebt habe. Und dass einer meiner Beiträge weder von den anwesenden Fachkollegen noch vom Laienpublikum kommentiert wird, passierte auch nicht das erste Mal. Nur ein einziger Kollege sprach mir hinterher seine Anerkennung für den Versuch aus, den Vergleich einmal zu systematisieren und im Hinblick auf „Volksgemeinschaft“ durchzudeklinieren. Diese mangelnde Responsivität ist ja auch eine regelrechte Seuche der NS-Forschung geworden. Sie besteht aus einem Publizieren um des Publizierens willen bei gleichzeitig maximaler Ignoranz dessen, was die Kollegen veröffentlichen beziehungsweise inhaltlich vertreten. Und wenn es dann einmal zu einem Streit kommt, dann erfolgt dieser nicht um inhaltliche Positionen, sondern wird gleich im moralischen Register geführt. Aber die Dinge, die ich sage und schreibe, sind allesamt ohnehin nur Angebote, und es bleibt jedem selbst überlassen, ob er sie annimmt oder ignoriert, sie zur Kenntnis nimmt oder aber dagegen interveniert. Das Schicksal der Wissenschaft entscheidet sich nicht in der Frage, welche Positionen ein einzelner vertritt. Es entscheidet sich aber sehr wohl daran, ob sie selbst wieder an Wissenschaft anschließt, sich also, wie Luhmann so schön sagt, sich weiterhin im Medium „Wahrheit“ autopoietisch reproduziert. Nicht Publikationen per se sichern diese Selbstreferenz, sondern Publikationen, die auf andere Publikationen reagieren.

Referenzen

Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zu Transfer und Vergleich, hg. v. Sven Reichardt u. Armin Nolzen, Wallstein: Göttingen 2005 (= Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 21)

Gotto, Bernhard/Steber, Martina (eds.): Visions of Community in Nazi Germany: Social Engineering and Private Lives, Oxford University Press: Oxford 2014

Gschnitzer, Fritz/Koselleck, Reinhart/Werner, Karl Ferdinand: Artikel „Volk, Nation, Nationalismus, Masse“, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhart Koselleck, Bd. 7, Klett Cotta: Stuttgart 1997, S. 141-431

Hory, Ladislaus/Broszat, Martin: Der kroatische Ustascha-Staat 1941-1945, dva: Stuttgart 1961

Klemperer, Victor: LTI. Notizbuch eines Philologen, 22. Aufl., Reclam: Stuttgart 2007 [ursprgl. erschienen: 1947]

Leonhard, Jörn: Grundbegriffe und Sattelzeiten – Languages and Discourses: Europäische und anglo-amerikanische Deutungen des Verhältnisses von Sprache und Geschichte, in: Interkultureller Transfer und nationaler Eigensinn. Europäische und anglo-amerikanische Positionen der Kulturwissenschaften, hg. v. Rebekka Habermas u. Rebekka von Mallinckrodt, Wallstein: Göttingen 2004, S. 71-86

Nolzen, Armin: Nationalsozialismus und ›Volksgemeinschaft‹. Plädoyer für eine operative Semantik, in: von Reeken, Dietmar/Thießen, Malte: ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis. Neue Forschungen zur NS-Gesellschaft vor Ort, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2013, S. 51-63

ders.: The Nazi Party’s Operational Codes after 1933, in: Gotto, Bernhard/Steber, Martina (eds.): Visions of Community in Nazi Germany: Social Engineering and Private Lives, Oxford University Press: Oxford 2014, pp. 87-100

Palonen, Kari: Bielefeld versus Cambridge? Zur neueren Literatur über Werke von Reinhart Koselleck und Quentin Skinner, in: Neue Politische Literatur 56 (2011), S. 347-365

Schlemmer, Thomas/Woller, Hans (Hg.): Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung, Oldenbourg: München 2014

Woller, Hans: Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien 1943-1948, Oldenbourg: München 1996

ders.: Rom, 28. Oktober 1922. Die faschistische Herausforderung, dtv: München 1999

ders.: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert, C.H. Beck: München 2010

Zerstrittene »Volksgemeinschaft«. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus, hg. v. Manfred Gailus u. Armin Nolzen, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 2011