Arbeit an Begriffen, zum vierten: Contra „Selbstgleichschaltung“

von arminnolzen

In Anlehnung an den Begriff der „Gleichschaltung“ hat sich in der NS-Forschung in den letzten beiden Dekaden ein Sprachgebrauch für jene Anpassungsleistungen herausgebildet, die in erster Linie auf Initiativen von unten basierten. Ich meine den Begriff „Selbstgleichschaltung“, der seit Mitte der 1980er Jahre in der Wissenschaftshistoriografie in Gebrauch ist (Klingemann 1986; Langewiesche 1997), ohne bisher einmal überzeugend konzeptualisiert worden zu sein. Der Öffentlichkeit wurde der Begriff durch jenes Interview bekannt, das der Marburger Historiker Eckart Conze, damals Koordinator der Unabhängigen Historikerkommission Auswärtiges Amt, Ende Oktober 2010 dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gegeben hatte („Verbrecherische Organisation“ 2010: 42). Conze sprach darin von einer „Selbstgleichschaltung“ der deutschen Diplomaten, um die vorauseilende Kooperation vieler Angehöriger des Diplomatischen Corps mit den NS-Machthabern nach 1933 zu erklären. Die Studie dieser Historikerkommission, die wenige Wochen zuvor unter großem Medienecho der Öffentlichkeit vorgestellt worden war (Conze/Frei/Hayes/Zimmermann 2010), ist nicht zuletzt aufgrund der in diesem Interview verwendeten Bezeichnung des Auswärtigen Amtes als „verbrecherische Organisation“ sehr umstritten geblieben (Koerfer 2013; Sabrow/Mentel 2014). Als gesichert kann jedenfalls gelten, „dass nur wenige Mitarbeiter des Amtes tatsächlich als Widerständler bezeichnet werden können. Die meisten haben das nationalsozialistische Terrorregime durch ihre Arbeit mitgetragen und dessen Ziele nicht nur willig, sondern mit Verve unterstützt“ (Schulte/Wala 2013: 8).

Der Begriff „Selbstgleichschaltung“ fand in den heftigen Auseinandersetzungen, die um dieses Buch geführt wurden, allerdings keine Erwähnung. Entweder akzeptierten ihn die Kontrahenten anstandslos oder sie scheuten sich, das reibungslose Funktionieren der deutschen Diplomatie nach 1933 überhaupt begrifflich zu fassen. Als hinderlich könnte sich der Sachverhalt erwiesen haben, dass „Selbstgleichschaltung“ in der NS-Forschung zwar mittlerweile ein gebräuchliches Schlagwort ist, die Ausarbeitung zu einem historiografischen Konzept aber noch aussteht. Das (soweit ich sehe) erste Buch, das den Begriff im Titel führt, stammt vom Konstanzer Historiker Jürgen Klöckler (2012) und zielt darauf ab, die Rolle der Konstanzer Stadtverwaltung während der NS-Zeit in den Blick zu nehmen. Klöckler will damit einen Beitrag zur Debatte um die Rolle der kommunalen Selbstverwaltung im Nationalsozialismus leisten, die in der letzten Dekade mit Monografien über Groß- und Mittelstädte wie Hannover, Augsburg, Köln, Frankfurt am Main, Münster und andere entstanden ist. Diese haben dazu geführt, die ältere Auffassung, wonach die Kommunalverwaltungen nach 1933 „gleichgeschaltet“ und ihrer bisherigen Handlungsspielräume beraubt worden seien, zu revidieren. Inzwischen stimmt die historische Forschung darin überein, die Kommunen als eigenständige Akteure der NS-Politik zu begreifen. Sie entwickelten nicht nur vielfältige Eigeninitiativen, sondern erwiesen sich gerade bei der Verfolgung politischer Gegner als Vorkämpfer einer radikalen, die geltenden Normen sukzessive suspendierenden Politik.

Klöckler argumentiert in eine ähnliche Richtung: „Die von den Stadtverwaltungen betriebene Kommunalpolitik unterlag nach 1933 einer rasch voranschreitenden Ideologisierung und Radikalisierung im Sinne einer bewußt vollzogenen Selbstgleichschaltung. Das gemeinsame, konsequente Handeln aller an den Schalthebeln der Macht sitzenden Akteure zielte auf eine Transformation der deutschen Gesellschaft ab, und zwar durch Inklusion aller als ,Arier‘ definierten Deutschen in einer auf rassistischen und vormodernen Grundlagen basierende ,Volksgemeinschaft‘ bei gleichzeitiger, konsequent betriebener Exklusion der durch gemeinsame Anstrengung von Partei und Verwaltung zu identifizierenden und ,auszumerzenden Fremdkörpern‘“ (Klöcker 2012: 17 f.). „Selbstgleichschaltung“ ist demzufolge eine bewusste ideologische Anpassung an den Nationalsozialismus, eine intendierte Radikalisierung in der „Gegnerverfolgung“, praktiziert durch eine kollektive Gruppe an den „Schalthebeln der Macht“. Im Mittelpunkt dieser Begriffsverwendung stehen also Personen, die ihre Politik aus nicht auf den ersten Blick ersichtlichen Gründen an den Nationalsozialismus anpassten.

In der neuesten Gesamtdarstellung zum „Dritten Reich“ von Michael Grüttner wird der Begriff „Selbstgleichschaltung“ ebenfalls verwandt. Darin heißt es: „Gleichschaltung war aber keineswegs immer ein von außen erzwungener Vorgang. In vielen Fällen forderten Kräfte innerhalb der bestehenden Organisationen und Institutionen die etablierte Führung heraus und griffen im Namen des Nationalsozialismus nach der Macht. Die alteingesessenen Führungskräfte wiederum versuchten häufig, bestehende Strukturen – und eigene Machtpositionen – zu bewahren, indem sie sich ihrerseits an die neuen Machthaber anpaßten. Der Gleichschaltungsprozeß enthielt daher in vielen Fällen auch ein mehr oder weniger starkes Element der Selbstgleichschaltung“ (Grüttner 2014: 62 f.). Im Unterschied zu Klöckler betont Grüttner mehr die institutionelle Seite der „Selbstgleichschaltung“, indem er auf Personen als Rollenträger in einer Organisation abhebt.

Wozu dient der Begriff „Selbstgleichschaltung“ in der NS-Forschung? Wozu benötigt sie ihn, wenn es hierbei lediglich um Anpassungsleistungen von Organisationen und Personen an die Imperative des Nationalsozialismus geht? Vermeidet man den Begriff „Gleichschaltung“, wofür ich ja bereits im letzten Teil dieser Serie von Eintragungen plädiert habe, so sollte man dasselbe auch mit „Selbstgleichschaltung“ tun. Dieser Begriff insinuiert mit seiner engen Anlehnung an den NS-Sprachgebrauch so etwas wie eine Semantik des Außerordentlichen, durch die sich ohnehin ein Großteil unserer begrifflichen Erfassung des NS-Regimes auszeichnet. Man denke nur an Begriffe wie „Führerstaat“, „Normenstaat“, „Maßnahmenstaat“, „Unrechtsstaat“ oder auch „Radikalisierung“ und „Entgrenzung“. Diese Semantik des Außerordentlichen geht mit einem historiografisch unfruchtbaren Singularitätspostulat einher und unterbindet alle synchronen und diachronen Vergleiche mit ähnlichen Phänomenen. Wie aber soll man eigentlich wissen, dass der NS-Staat außerordentlich, singulär und einzigartig war, wenn man nicht zuvor verglichen hat? Mit anderen Worten: entweder entwickelt man für den Nationalsozialismus ein Begriffsraster, das auch auf andere historische Formationen angewendet werden kann, oder aber man belässt es bei einer (logisch kaum zu rechtfertigenden) Sondersemantik.

Den bisher beachtenswertesten begrifflichen Vorschlag für jene Anpassungsprozesse, die in der NS-Forschung unter „Selbstgleichschaltung“ firmieren, hat der amerikanische Soziologe Iwan Ermakoff in seiner „Theory of Collective Abdications“ (2008) unterbreitet, die in Europa bislang überhaupt noch nicht rezipiert worden ist. In dieser bahnbrechenden Monografie, die am ehesten der Historischen Soziologie zuzurechnen ist, fragt er nach jenen Bedingungen, die eine Gruppe von Akteuren dazu veranlassen können, ihre eigenen Machtpositionen aufzugeben und anderen zu übertragen, selbst wenn dies ihren eigenen Interessen widerspricht (der Begriff abdication ist sehr schwer zu übersetzen; wortwörtlich würde man eigentlich von „Abdankung“ sprechen, aber diese Verwendung ist auf Monarchien beschränkt; siehe Richter/Dirbach 2010: 22-29). Ermakoff analysiert darin zwei Beispiele parlamentarischer Entscheidungsbildung: die Verabschiedung des „Ermächtigungsgesetzes“ im deutschen Reichstag am 23. März 1933 und die Übertragung der verfassungsgebenden Macht in der Französischen Nationalversammlung auf Marschall Philippe Pétain am 10. Juli 1940 (Ermakoff 2001). Auf der Basis einer empirischen Untersuchung beider Fälle, bei der er Elemente der Spieltheorie und der Rational-Choice-Theorie benutzt, gelangt er zu einer Theorie kollektiven Machtverzichts (collective abdication), die ihm zufolge auch auf andere, ähnlich gelagerte Phänomene angewendet werden kann. Zwar ist in der amerikanischen Soziologie über die Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Befunde durchaus gestritten worden (Social Science History 2010). Es kann aber keinerlei Zweifel daran bestehen, dass es Ermakoff gelungen ist, unser Verständnis solcher (historischen) Entscheidungssituationen zu bereichern.

An dieser Stelle interessiert weniger Ermakoffs Vorgehensweise, also seine Kombination von Theorie und historischen Quellen (darauf wird zurückzukommen sein), sondern einzig und allein sein eigener Begriffsvorschlag, In einem ersten Schritt weist er die drei Standardantworten auf die Frage, wie es zu kollektivem Machtverzicht kommt, also Zwang (coercion), Fehlkalkulation (miscalculation) und ideologisches Einverständnis (ideological collusion) als unzureichend zurück (Ermakoff 2008: 59-178). Dann entwickelt er sein eigenes Begriffsraster, das auf vier Konzepten beruht: 1. Anpassung (alignment), 2. Referenzgruppe (reference group), 3. Schwelle (threshold) und 4. Prominenz (prominence). Unter erstens „Anpassung“ versteht Ermakoff einen sequentiellen Prozess, in dessen Verlauf Akteure Entscheidungen erst dann treffen, nachdem sie beobachtet haben, für welche Entscheidungen andere optieren. Dabei ist ihr lokales Wissen (local knowledge) ebenso von Bedeutung wie die stillschweigende Übereinkunft (tacit coordination) mit anderen aus der Gruppe. Anpassungsprozesse finden also zweitens immer im Hinblick auf eine „Referenzgruppe“ statt und sind drittens immer an eine individuelle „Schwelle“ gebunden, also die Neigung Einzelner, sich für einen spezifischen politischen Kurs zu entscheiden. Diese Neigung differiere, so Ermakoff, nach der absoluten oder relativen Zahl derjenigen Personen, die ähnlich optieren (und die dabei beobachtet werden). Und viertens richten sich Entscheider nach der „Prominenz“ anderer Personen aus ihrer Referenzgruppe, die sich öffentlich für diese oder jene politische Präferenz ausgesprochen haben, tendieren insofern dazu, den Vorschlägen oder Absichtsbekundungen von Meinungsführern zu folgen.

Ermakoffs Theorie des kollektiven Machtverzichts entwickelt ihr besonderes Erklärungspotenzial nicht zuletzt aufgrund einer Engführung auf zwei spezifische Ereignisse und deren Dynamik. Sie ist entscheidungstheoretisch fundiert und kontigenztheoretisch elaboriert. Als Historiker wird man vielleicht die strukturellen Kontextbedingungen vermissen, im deutschen Fall die Struktur des Reichstages als einer besonderen Institution oder die bei der Reichstagssitzung anwesenden SA-Männer als Drohkulisse, im französischen Fall die Tatsache, dass die militärische Niederlage und die NS-Besetzung französischer Gebietsteile unmittelbar bevorstanden. Und dennoch: indem sich Ermakoff auf ein einziges Zentralereignis konzentriert (eine parlamentarische Abstimmung), gelingt es ihm, die explanative Kraft der individuellen Entscheidung stark zu machen. Historiker tendieren in solchen Fällen dazu, viele Kontextbedingungen aufzuzählen, sie als intervenierende Variablen zu begreifen und individuelle oder kollektive Entscheidungen als strukturdeterminiert aufzufassen. Ermakoff dagegen sieht jenen kollektiven Machtverzicht, den er in seinen beiden Beispielen präsentiert, als Folge einer spezifischen Akteurskonstellation an. Natürlich ist das ein Ergebnis, das durch seine Verwendung der Rational-Choice-Theorie geradezu präformiert wird. Aber der Charme seines Ansatzes liegt in der Einsicht, dass sowohl am 23. März 1933 als auch am 10. Juli 1940 die Entscheidung jederzeit anders hätte ausfallen können.

Was heißt das für den Begriff der „Selbstgleichschaltung“, der ja in der NS-Forschung sowohl auf Personen wie auch auf Institutionen angewendet wird? Zunächst einmal ist zu betonen, dass Ermakoffs Begriffe „Anpassung“, „Referenzgruppe“, „Schwelle“ und „Prominenz“, die sich auf Akteure beziehen, unschwer auf Organisationen übertragen werden können. Dies jedenfalls legt die neoinstitutionalistische Schule der Organisationsforschung nahe, die sich als theoretische Erweiterung anböte (Scott 2013; Senge 2011). Um Ermakoffs Begriffsraster in Anwendung zu bringen, bedarf es jener breiten empirischen Basis, wie er sie mit unzähligen Tagebüchern, Ego-Dokumenten und Briefwechseln auch vorweisen kann. Im Grunde genommen muss jede individuelle Wahl in Entscheidungssituationen auch durch Quellen von Individuen belegt werden. Für die NS-Forschung bedeutet das zweierlei: sie muss erstens ihre freihändige Verwendung von „Selbstgleichschaltung“ empirisch erden und zweitens vermeiden, vom Entscheidungsverhalten Einzelner auf eine gesamte Gruppe rückzuschließen, wie es etwa Klöckler in der eingangs erwähnten Studie praktiziert. Und dies geht am besten, indem man das Begriffsraster von Ermakoffs Theorie des kollektiven Machtverzichts als heuristischen Ausgangspunkt nimmt, es gegebenenfalls modifiziert und verfeinert. Aber dazu muss man zuallererst zur Kenntnis nehmen, dass es überhaupt existiert.

Referenzen

Conze, Eckart/Frei, Norbert/Hayes, Peter/Zimmermann, Moshe: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, Verlag Karl Blessing: München 2010

Ermakoff, Iwan: Strukturelle Zwänge und zufällige Geschehnisse. Die Selbstauflösung der französischen Republik in Vichy am 10. Juli 1940, in: Hettling, Manfred/Suter, Andreas (Hg.): Geschichte und Ereignis, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 2001, S. 224-256

ders.: Ruling Oneself Out. A Theory of Collective Abdications, Duke University Press: Durham/London 2008

Grüttner, Michael: Das Dritte Reich 1933-1939, Klett-Cotta: Stuttgart 2014

Klingemann, Carsten: Soziologen vor dem Nationalsozialismus. Szenen aus der mißlungenen Selbstgleichschaltung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in: Hülsdünker, Josef/Schellhase, Rolf (Hg.): Soziologiegeschichte. Identität und Krisen einer „engagierten“ Disziplin, Dunker&Humblot: Berlin 1986, S. 59-84

Klöckler, Jürgen: Selbstbehauptung durch Selbstgleichschaltung. Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus, Jan Thorbecke Verlag: Ostfildern 2012

Koerfer, Daniel: Diplomatenjagd. Joschka Fischer, seine Unabhängige Kommission und das AMT, Verlag Jürgen Strauss: Potsdam 2013

Langewiesche, Dieter: Die Universität Tübingen in der Zeit des Nationalsozialismus. Formen der Selbstgleichschaltung und Selbstbehauptung, in: Geschichte und Gesellschaft 23 (1997), S. 618-646

Richter, Susan/Dirbach, Dirk (Hg.): Thronverzicht. Die Abdankung in Monarchien vom Mittelalter bis in die Neuzeit, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2010

Sabrow, Martin/Mentel, Christian (Hg.): Das Auswärtige Amt und seine umstrittene Vergangenheit. Eine deutsche Debatte, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2014

Schulte, Jan Erik/Wala, Michael (Hg.): Widerstand und Auswärtiges Amt. Diplomaten gegen Hitler, Siedler: München 2013

Scott, W. Richard: Institutions and Organizations: Ideas, Interests and Identities, 4th., rev. ed., Sage Publications: Los Angeles/London/New Delhi/Singapore 2013 [ursprgl. erschienen: 1995]

Senge, Konstanze: Das Neue am Neo-Institutionalismus. Der Neo-Institutionalismus im Kontext der Organisationswissenschaft, VS Verlag: Wiesbaden 2011

Social Science History 34 (2010), Heft 1, S. 75-108

„Verbrecherische Organisation“. Der Marburger Historiker Eckart Conze, 47, über den Beitrag des Auswärtigen Amtes zum Holocaust, braune Seilschaften in der Bundesrepublik und den Widerwillen der deutschen Diplomatie, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, in: DER SPIEGEL 43 v. 25.10.2010, S. 40-50