Praxeologie, zweiter blinder Fleck

von arminnolzen

Die Etablierung der Praxeologie in den Geschichtswissenschaften geht in erster Linie auf die Arbeiten von Thomas Welskopp und Sven Reichardt zurück, die beide als Schüler von Jürgen Kocka gelten können, dem neben Hans-Ulrich Wehler maßgeblichem Vertreter der so genannten Bielefelder Schule (Hitzer/Welskopp 2010). Welskopp und Reichardt teilen einige wichtige Grundannahmen, die es an dieser Stelle zu erwähnen gilt, weil sie die maßgeblichen Errungenschaften der Historischen Sozialwissenschaft Bielefelder Provenienz in ihr Recht gesetzt beziehungsweise weiterentwickelt haben: 1. die Theoriebedürftigkeit von Geschichte, d.h. die Einsicht, dass Theorieverwendung unabdingbar ist, um historische Quellen zum Sprechen zu bringen, 2. einen instrumentellen, nicht dogmatischen Gebrauch von Theorie, bei dem Konzepte mehrerer Referenzautoren in der Art einer Theorie „mittlerer Reichweite“ (Merton 1995: 3-8) kombiniert werden können, um den Notwendigkeiten der geschichtswissenschaftlichen Analyse Rechnung zu tragen, 3. die Soziologie als zentraler Theorielieferant, 4. die Notwendigkeit, den Dualismus zwischen Struktur und Handlung überwinden zu müssen, 5. die Verschmelzung von „Gesellschaft“ und „Kultur“ als Gegenstandsbereichen der neueren Geschichtswissenschaft in eine theoretisch anspruchsvolle Gesellschaftsgeschichte und 6. der explizite Anspruch, mittels quellenbasierter historischer Analysen selbst zur Theoriebildung beizutragen, indem man die benutzten Ausgangstheorien verifiziert, falsifiziert oder modifiziert (Mergel/Welskopp 1997).

Der Ausgangspunkt der Ansätze von Welskopp und Reichardt ist zugleich auch der ersten blinde Fleck der Praxeologie: die Fokussierung auf Handlung. Um einem zweiten blinden Fleck auf die Spur zu kommen, empfiehlt sich eine ausführliche Paraphrase eines wichtigen Artikels von Sven Reichardt (2007): neuere Theorie sozialer Praktiken stellt Handlung, Körper, praktisches Wissen und Akteur ins Zentrum (ebd.: 44); untersucht körperlich tätige Akteure im Handlungsvollzug; Verbindung von körperlichen Verhaltensroutinen, kollektiven Sinnmustern und subjektiven Sinnzuschreibungen der Akteure mit Identitäten und Symbolen; Synthese von Mikro- und Makrogeschichte und Verknüpfung der sozialhistorischen Analyse sozialer Milieus, Institutionen und Netzwerke mit kulturhistorischer Untersuchung von Denkstilen, Verhaltensmustern und Diskursen (S. 45); Pierre Bourdieus Soziologie überwindet Dichotomie Individuum/Gesellschaft und denkt in Relationen und Beziehungen anstatt in Substanzen und Essenzen; Ursprünge eines praxeologischen Kulturbegriffs bis zum Pragmatismus von Charles S. Peirce und John Dewey, zur Phänomenologie Edmund Husserls, zur Existenzphilosophie Maurice Merleau-Pontys, zur Sozialtheorie Alfred Schütz’ zurückzuverfolgen (S. 46); konstruktivistische Wissenssoziologie von Peter Berger und Thomas Luckmann hat Theoriebewegung Ende der 1960er Jahre gebündelt; im Folgenden Spannung aus Kreativität und Repetivität des Handelns im Zentrum (S. 47).

Praxeologie ist zunächst einmal Kulturwissenschaft, die Kultur weder uniform, kohärent noch statisch begreift und statt dessen mit Dewey, Bourdieu, Erving Goffman und Anthony Giddens darunter körperbezogene Handlungen versteht, die Machtbeziehungen, praktisches Wissen und historischen Wandel zum Ausdruck bringen; Handeln und Kommunizieren der Menschen im Zentrum ihres Interesses, wobei strukturierender Kraft von Handlungsroutinen und repetitiven Mechanismen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird; Bourdieus Begriff des „Habitus“ dafür geradezu klassisch (S. 48); Praxistheorie betont Körperlichkeit der Praktiken und Bedeutung der Materialität von Dingen und Artefakten; Beispiel Bruno Latour und Begriff „Aktant“ (S. 48 f.); Praxistheorie interessiert sich für Hervorbringung des Denkens im Handeln (Karl H. Hörning), weniger für kognitives Vorwissen (S. 50); Zwecksetzung des Handelns wird als Resultat einer Situation begriffen, auf die sich Handelnder reflexiv bezieht (S. 51); Genese von Vorstellungen und Sinnstrukturen in situativen Kontexten; Akteur kein Souverän der situativen Aushandlung von Bedeutung; Bemühen der Praxistheorie, „structure“ und „agency“ zu verbinden (S. 53); Interesse an Performanz (S. 54); Michel Foucault als Praxeologe (S. 56).

Versuch, „Eigensinnigkeit“ des Subjekts in seiner Genese zu erklären; Kreativität erklärt sich aus der Praxis selbst; Subjekte konstituieren sich innerhalb des Vollzugs sozialer Praktiken und sind treffender als historische Akteure bezeichnet (S. 58); Routinisierung von Handlungen, die soziale Praxis strukturiert (S. 59); Strukturen existieren nur, insoweit sie im Handeln der Beteiligten manifest werden (S. 60); Praxeologie überwindet Trennung von materieller äußerer Welt und der geistigen Innenwelt; als akteursorientierte Institutionenanalyse betont sie Handlungssituationen und mikrohistorische Kontexte (S. 61); Logik einer Praktik kann jedoch nicht aus Mikrokosmos heraus verstanden werden, sondern es bedarf gesellschaftlicher Kontextualisierung; anstatt also in kausalem Erklärungsmodus die Kultur aus der Materialität des Sozialen abzuleiten, geht es in der Praxeologie um Verwobenheit von Materialität und Deutung in Handlungen historischer Akteure (S. 63); sie ist theoretische Suchbewegung jenseits strukturalistischer Vorstellungen; Kultur im praxeologischen Ansatz mit Macht verklammert; „Kampf um Bedeutungen“, d.h. der Konflikt um Sinn und Wert von kulturellen Traditionen, Erfahrungen und Praktiken steht im Zentrum des praxeologischen Interesses; kultureller Konsens und diskursive Einprägungen gesellschaftlich nur schwer herzustellen, sie sind die historische Ausnahme, nicht aber die Regel des sozialen Lebens; Ziel der praxeologisch orientierten Geschichtswissenschaft ist es, ihren Ansatz in Verbindung mit der empirischen Forschung weiterzuentwickeln (S. 64).

Fasst man diese Ausführungen in einem bündigen Satz zusammen, dann geht es der Praxeologie immer um Akteure in Situationen, genauer: um kollektive Akteure in Situationen gegenseitiger Anwesenheit. Und diese Situationen sollen selbst wieder situiert werden, d.h. in den Rahmen derjenigen Gesellschaft eingeordnet werden, in denen sie sich ereignen. Niklas Luhmann hat dies als Referenzebene „Interaktion“ bezeichnet (Luhmann 1975), und sein Schüler André Kieserling hat diesen systemtheoretischen Ansatz weiterentwickelt, indem er Interaktionen auf die beiden anderen Referenzebenen „Gesellschaft“ und „Organisation“ bezieht (Kieserling 1999: 213-387). Wie jedoch werden Interaktionen in praxeologischen Studien in den Geschichtswissenschaften modelliert? Zu Beginn ist auf ein doppeltes Problem zu verweisen, von dem historische Studien besonders betroffen sind: die Unvollständigkeit und Nachträglichkeit der Quellen. Im Rahmen historischer Analysen ist es kaum möglich, eine Interaktion im Hinblick auf alle ihre Facetten zu rekonstruieren, weil nur einzelne, durch subjektive Perspektiven gefärbte Quellen vorliegen, die nur unvollständige Annäherungen erlauben. Zudem sind die Dokumente, mit denen Historiker arbeiten, immer in einem gewissen zeitlichen Abstand zum Geschehen verfasst und unterliegen verschiedenen Verzerrungen. Subjekte und ihre Handlungen können also nie in actu beschrieben werden, sondern immer nur durch nachträglich entstandene Quellen.

Das Problem besteht im Wesentlichen darin, dass die Praxeologie als heuristisches Konzept eine Art Analyse in Echtzeit postuliert. Zwischen der Ebene dessen, was die Theorie fordert, und der empirischen Einlösbarkeit in den Geschichtswissenschaften besteht insofern eine Kluft. In der letzten Fußnote des genannten Aufsatzes von Sven Reichardt (2007: 69) werden fünf historische Studien genannt, die sich dem praxeologischen Ansatz zuordnen (Biernacki 1995; Welskopp 2000; Reichardt 2002; Mergel 2002; Füssel 2006). Schlägt man diese wichtigen Monografien auf, dann ist sofort eines auffällig: es geht darin gar nicht um Interaktionen zwischen Individuen, auch nicht um Situationen, sondern um teils langfristig angelegte Strukturanalysen historischer Phänomene, bei denen die Akteure nur in ihrer Kollektivität interessieren, sei als quantitatives Aggregat in Form von Sozialstatistiken, sei es als integrale Bestandteile relationaler Figurationen wie Kameradschaft, Hierarchie und Geselligkeit. Die Autoren schildern nicht etwa die (von der Theorie eigentlich geforderte) Körperlichkeit, die Internalisierung von Werten und Normen oder die Verbindung zwischen Denken und Handeln. Es geht ihnen nicht in erster Linie um „agency“, sondern um „structure“. Die Mikroperspektive verschwindet, die Makroperspektive dominiert (die Ausnahme ist Mergel 2002, der dafür aber den Preis zahlt, diejenigen Interaktionen, die direkt mit dem politischen Entscheidungsprozess zu tun haben, nicht analysieren zu können).

Die von Reichardt genannten Monografien sind zweifellos bedeutende Erweiterungen der älteren Strukturgeschichte, die sich nunmehr in eine Richtung bewegt, die man als kulturell informierte Gesellschaftsgeschichte bezeichnen kann. Sie sind aber nicht mit einer Theorie kompatibel, die sich selbst als „Praxeologie“ versteht und sich auf Interaktionen und Situationen konzentriert. So ergibt sich die paradoxe Lage, dass wir es bei der Praxeologie mit einem Ansatz zu tun haben, der auf Interaktionen fixiert bleibt und Organisationen tendenziell ausblendet (zweiter blinder Fleck). In der sich selbst als „praxeologisch“ bezeichnenden Geschichtswissenschaft werden die Referenzebenen „Organisation“ und „Gesellschaft“ zwar berücksichtigt. Dies geschieht aber um den Preis einer Abkehr von der zeitlichen Logik der Praxis. Dieses Vorgehen ist im eigentlichen Sinne des Wortes keine Praxeologie mehr, weil sie der Praxis, um es mit Bourdieu auszudrücken, „die zeitlose Zeit der Wissenschaft überstülpt“ (Bourdieu 1993: 148).

Referenzen

Biernacki, Richard: The Fabrication of Labor. Germany and Beritain, 1640-1914, University of California Press: Berkeley/Los Angeles/London 1995

Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1993 (Taschenbuchausgabe)

Füssel, Marian: Gelehrtenkultur als symbolische Praxis. Rang, Ritual und Konflikt an der Universität der Frühen Neuzeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2006

Hitzer, Bettina/Welskopp, Thomas (Hg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen, transcript: Bielefeld 2010

Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1999

Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft, in: ders.: Soziologische Aufklärung 2: Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft, Westdeutscher Verlag: Opladen 1975, S. 9-21

Mergel, Thomas/Welskopp, Thomas (Hg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte, C.H. Beck: München 1997

Mergel, Thomas: Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag, Droste: Düsseldorf 2002

Merton, Robert K.: Soziologische Theorie und soziale Struktur, hg. u. eingel. v. Volker Meja u. Nico Stehr, Walter de Gruyter: Berlin/New York 1995

Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2002

ders.: Praxeologische Geschichtswissenschaft. Eine Diskussionsanregung, in: Sozial.Geschichte 22 (2007), Heft 3, S. 43-65

Welskopp, Thomas: Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz zum Sozialistengesetz, J.H.W. Dietz Nachf.: Bonn 2000