Arbeit an Begriffen, zum fünften: Mobilisierung

von arminnolzen

Inwiefern war Mobilisierung ein Charakteristikum des NS-Systems? Diese Frage stellt der Jenenser Historiker Jürgen John in einem Aufsatz, der in einem qualitativ eher mittelmäßigen Sammelband über „Mobilisierung im Nationalsozialismus“ erschienen ist (John 2013). John analysiert begriffliche (was bedeutet das Wort „Mobilisierung“?) und vergleichende Zugänge (Mobilisierung in Diktaturen und Demokratien), Mobilisierung als eine Leitidee des NS-Staates („Unbestreitbar kam Mobilisierungsvorgängen im NS-System großes Gewicht zu“; ebd.: 37), Mobilisierung für den Krieg („Regime und Gesellschaft des nationalsozialistischen Deutschland nahmen zunehmend bellizistischen Charakter an. Das beschleunigte die Mobilisierungsdynamik, und das war gewollt“; ebd.: 42), ›Wehrwirtschaft‹ (Militärhaushalt und Vierjahresplan), Lehren aus dem Ersten Weltkrieg (wirtschaftliche Erfahrungen aus den Jahren 1914/18), Rüstungs- und ernährungswirtschaftliche Mobilisierungsstrategien („Konsumverzicht und eingeschränkte Lebenshaltung“; ebd.: 49), Ordnung und Neuordnung (anhand der NS-Raumordnungspläne), „Neustaatlichkeit“ (war das „Dritte Reich“ überhaupt ein Staat?), Konflikte bei der Mobilisierung (wer gewinnt? wer verliert?), Mobilisierungsebenen: Reich und Gaue (Zentrale versus Peripherie) und, last but not least, Mobilisierungsschübe („›Mobilisierung‹ kann nach dem Dargelegten durchaus als ein Grundzug des NS-Systems angesehen werden“; ebd.: 55).

Aus dieser heterogenen Auflistung von Themen ist schon zu ersehen, wohin die argumentative Reise geht: Mobilisierung war nach 1933 wichtig, sie erfasste alle Gesellschaftsbereiche, und das NS-Regime radikalisierte sich im Krieg. Den Begriff „Mobilisierung“ nimmt John als Aufhänger, um die Ergebnisse dieser Veränderungsdynamiken zu beschreiben. Er fungiert als eine Heuristik, an die unterschiedliche Fragestellungen angekoppelt werden können, so das Verhältnis zwischen Zentrale und Peripherie, die territorialen und kriegswirtschaftlichen Neuordnungsvorstellungen des NS-Regimes und die tatsächlich realisierten Planungen. Der Begriff „Mobilisierung“ ist, das zeigt John nachdrücklich, nur sinnvoll zu verwenden, wenn er in ein Netzwerk anderer Begriffe eingebettet wird, zum Beispiel „System und Wandel“, „Struktur und Dynamik“, „Ordnung und Neuordnung“. Nur würfelt John alle diese Begriffe zusammen, ohne dass sich ein Gesamtbild, geschweige denn eine historische Erklärung ergäbe. Ein methodischer Zusammenhang seiner Begriffe ist ebenso wenig zu erkennen wie deren Funktion, Erkenntnis zu generieren. Stattdessen fungieren sie bloß als Abbilder des empirischen Materials, das einer Sekundäranalyse entstammt. Sie sind, um mit Ernst Cassirer zu sprechen, Substanz-, keine Funktionsbegriffe (Cassirer 2000). John differenziert nicht zwischen Niklas Luhmanns vier Formen des Sozialen, also Interaktion, Organisation, Protest und Gesellschaft (Luhmann 1997); tendenziell ist „Mobilisierung“ bei ihm aber auf der Referenzebene „Gesellschaft“ angesiedelt.

Was ist mit diesem Ansatz für die Interpretation des NS-Regimes gewonnen? Zweifellos ist der Begriff „Mobilisierung“ aus der NS-Forschung kaum wegzudenken. John jedoch beschreibt nur die Ergebnisse der Mobilisierung, niemals die Tätigkeiten selbst. Welche Prozesse aber vollzogen sich, wenn das NS-Regime mobilisierte? Wer waren die Subjekte der Mobilisierung, was deren Objekte? Gab es im „Dritten Reich“ eine Art Ruhezustand abseits der Mobilisierung? Und was meinen wir eigentlich genau, wenn wir von „Mobilisierung“ sprechen? Dabei handelt sich es ja um einen Begriff, der sich kaum in einschlägigen sozial- oder politikwissenschaftlichen Lexika findet, obwohl er zum Kernbestand beider Disziplinen zählt. „Mobilisierung“ ist seit den 1960er Jahren in der vergleichenden Regimelehre (Karl W. Deutsch, John P. Nettl und Amitai Etzioni) und in der Bewegungsforschung (Neil Smelser, Charles Tilly und Joachim Raschke) prominent geworden. Der am 4. Januar 1929 geborene US-amerikanische Soziologe Etzioni, der 1936 mit seinen Eltern aus dem Geburtsort Köln vor den Nationalsozialisten nach Palästina geflohen war, hat in seinem wichtigen Werk „Die aktive Gesellschaft“ eine Definition ausgearbeitet, die als heuristischer Ausgangspunkt dienen kann: „Wir bezeichnen den Prozess, durch den eine Einheit beträchtliche Zugewinne in der Kontrolle von Ressourcen erzielt, die sie vorher nicht kontrolliert hat, als Mobilisierung“ (Etzioni 2009: 407; siehe Reese-Schäfer 2001). Mobilisierung ist demnach erstens ein Prozess, bei dem es zweitens um Ressourcen geht, die drittens von spezifischen sozialen Einheiten entweder kontrolliert oder nicht kontrolliert werden. Schließlich unterscheidet Etzioni insgesamt siebzehn Aspekte von „Mobilisierung“:

►Prozesscharakter: Mobilisierung ist ein Prozess, nicht das Ergebnis desselben
►Ressourcenvariabilität: ökonomisch (utilitaristisch), militärisch (koerziv), politisch (normativ) und gesellschaftlich (utilitaristisch, koerziv und normativ)
►Hierarchie: Mobilisierung ist stets abwärts gerichtet
►Gradualisierung: Richtung, Reichweite und Intensität der Mobilisierung
►Diskontinuität: zeitliche Begrenzung
►Intentionalität: Mobilisierung als gewollter Akt
►kollektive Akteure: Präferenz für emergente Eigenschaften von Kollektivitäten (Akteur ist in der Regel eine Großgruppe bzw. Organisation)
►Systemrelativität: Mobilisierung bezieht sich stets auf bestimmte Einheiten
►Summenkonstanz: es gibt eine finite Menge an Ressourcen
►Unterscheidung von Mobilisierung und Mobilisierungspotenzial.
►Umweltabhängigkeit: Umweltbedingungen wirken auf Mobilisierungspotenziale zurück
►Input und Output: Mobilisierung als Energie, die etwas kostet
►Zirkularität: Feedbackschleifen und Kettenreaktionen
►Selbst- und Fremdmobilisierung: Unterscheidung zwischen interner (vertikaler) und externer (horizontal-vertikaler) Mobilisierung
►Gegenmobilisierung: interne Mobilisierung durch die Einheit eines Systems löst interne Mobilisierung durch eine andere Einheit desselben Systems aus
►Transformation: Strukturen der mobilisierten Einheit verändern sich
►Entropie: Gesellschaften tendieren zur Erschöpfung, wenn sie sich nicht kontinuierlich bemühen, die erreichte Stufe der Integration sicherzustellen

Es scheint auf den ersten Blick nicht möglich, ein derartig differenziertes Konzept im Rahmen einer geschichtswissenschaftlichen Untersuchung adäquat zu operationalisieren. Dies lässt sich auch am eingangs genannten Aufsatz ablesen, in dem die entsprechende Passage von Etzioni zwar ebenfalls zitiert wird (John 2013: 34, Fußnote 26), ohne dass der Autor darauf im Verlauf seiner Analyse zurückkäme. Etzionis Begriff „Mobilisierung“ bezieht sich auf die Referenzebene „Gesellschaft“, was eine gesellschaftsgeschichtliche Analyse impliziert. In empirischen Studien wird „Mobilisierung“ jedoch immer für punktuelle Phänomene wie soziale Bewegungen, Parteien oder institutionelle Strategien von Einzelbehörden eingesetzt. Um Etzionis Ansatz im Rahmen der NS-Forschung benutzen zu können, empfiehlt sich folgende Einschränkung beziehungsweise Präzisierung. Etzioni (2009: 449-510) zufolge ist in modernen Gesellschaften ein großer Teil der Beziehungen zwischen Personen nicht direkt, sondern organisatorisch vermittelt. Mobilisierung, so könnte man schlussfolgern, spielen sich nicht zwischen Personen und Individuen ab, sondern zwischen korporativen Akteuren. Als mobilisierende Einheiten fungieren also Organisationen.

Um Mobilisierungsprozesse analysieren zu können, müssen wir die Rolle von Organisationen in den Blick nehmen, genauer: Beziehungen zwischen Organisationen. Die Frage, wer mobilisiert, kann man beantworten, indem man „Organisationen“ als Akteure einsetzt. Organisationen sind diejenigen sozialen Systeme, die sich mittels permanenter Entscheidungen selbst reproduzieren (Luhmann 1976 u. 2000; Baecker 1999 u. 2003). Was jedoch können Organisationen überhaupt mobilisieren? Zunächst einmal ihr Personal, also Personen, die als Stelleninhaber (Funktionäre), Mitglieder (Beitragszahler) und Nichtmitglieder (Publikum) fungieren. Hinzu kommen, ergänzt man dieses systemtheoretische Organisationskonzept um Einsichten der Kultursoziologie Pierre Bourdieus (1992, 2012: 193-221 u. 2014: 187-223), ökonomische, kognitive und symbolische Ressourcen. Jede Organisation benötigt Geld, Wissen und außermonetäre Anreize, um Mitglieder zu motivieren und Nichtmitglieder entweder zu künftigen Mitgliedern oder Empfängern ihrer Leistungen zu machen. Organisationen können also personelle, ökonomische, kognitive und symbolische Ressourcen mobilisieren (es ist nicht ausgeschlossen, dass es andere Ressourcen gibt, die sich aber alle unter die genannten vier Kategorien subsummieren lassen).

Wie könnten Etzionis siebzehn Aspekte der Mobilisierung mit einer Analyse von Organisationen im NS-Staat und mit deren Verfügbarkeit oder Nichtverfügbarkeit über personelle, ökonomische, kognitive und symbolische Ressourcen zusammengebacht werden? Im Folgenden interpretiere ich einen längeren Aufsatz zur Geschichte der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), den ich in einem Sammelwerk verfasst habe, im Hinblick auf diese Fragen einmal neu (Nolzen 2004). Diejenigen Gebilde, die sich unter dem Begriff „NSDAP“ konstituierten, wurden nach 1933 schnell zu einer wichtigen (wenn nicht der wichtigsten) Gruppe von Organisationen im NS-Staat. Die Entwicklung der NSDAP nach 1933 zeichnete sich in erster Linie dadurch aus, dass sie sich zu einem riesenhaften Apparat ausdifferenzierte, der aus der Partei, den Gliederungen sowie ihren angeschlossenen beziehungsweise betreuten Verbänden bestand. Bis zum September 1935 bezog sich die Mobilisierung von Ressourcen durch die NSDAP fast ausschließlich auf Personal. Organisationen wie die Deutsche Arbeitsfront (DAF) rekrutierten es über verschiedene Mechanismen, so dass sie am 1. September 1929 über mehr als 22 Millionen Mitglieder verfügten. Ähnliches gelang auch den anderen Organisationen, die zum Netzwerk der NSDAP gehörten. Zu Kriegsbeginn waren etwa zwei Drittel aller Bewohner des „Großdeutschen Reiches“ Mitglied in mindestens einer der zu ihr zählenden Organisationen.

Zwischen September 1935 und 1941/42 gewann die NSDAP viele ökonomische, kognitive und symbolische Ressourcen hinzu. Die DAF entwickelte sich beispielsweise zu einem regelrechten Wirtschaftskonzern, dessen finanzielle und materielle Mittel (also Geld und Eigentum) ins schier Unermessliche wuchsen (Hachtmann 2012). Die Organisationen der NSDAP erwarben darüber hinaus vielfältiges Verwaltungswissen, also kognitive Ressourcen, und praktizierten viele neue Techniken der Mitgliederlenkung Auch steigerten sie ihre symbolischen Ressourcen in der Form von Einfluss, Autorität und Vertrauen. Sie kooperierten mit innerer Verwaltung, Wehrmacht und Wirtschaft und wurden außerdem zu unverzichtbaren Beschwerdeinstanzen für die Bevölkerung. Die Mobilisierung personeller, ökonomischer, kognitiver und symbolischer Ressourcen erfolgte im Wesentlichen durch den Aktivismus ihrer Funktionäre. Diese setzten sich unermüdlich für die Belange der NSDAP ein und opferten einen Großteil ihrer Freizeit für die „nationalsozialistische Idee“. Mehr 90 Prozent aller Funktionäre (die ein Millionenheer waren) agierten ehrenamtlich!

Die dritte Welle der Mobilisierung von Ressourcen durch die NSDAP vom Winter 1941 bis zum 8. Mai 1945 war gekennzeichnet durch die Mobilisierung personeller und kognitiver Ressourcen bei gleichzeitigem Rückgang ökonomischer und symbolischer Ressourcen. In diesem Zeitraum gelang der NSDAP zum ersten Male eine Mobilisierung personeller Ressourcen außerhalb ihrer eigenen Apparate. Zum einen wurden ihr Hilfsmaßnahmen für militärische Behörden übertragen (Heimatflak, Luftwaffenhelfer, außerberuflicher Kriegseinsatz, Stellungsbau und Volkssturm), zum anderen beteiligte sie sich am „Menscheneinsatz“ in der Kriegswirtschaft (Arbeitseinsatz, „Fremdarbeiter“, „Stilllegungen“ und „Auskämmungen“). Sie dehnte ihre kognitiven Ressourcen ins Uferlose aus, etwa durch die Mitwirkung an vor- und nachträglicher Schadensbekämpfung im Luftkrieg und an anderen Hilfsmaßnahmen. Während des Krieges verlor die NSDAP aber auch viele eigene personelle Ressourcen an die Wehrmacht, und ihre materiellen Ressourcen wurden durch die Luftangriffe zerstört. Das Prestige der NSDAP in der Bevölkerung sank kontinuierlich. Zudem musste sie auf verschiedene Versuche der Gegenmobilisierung reagieren, die aus dem Rüstungsproduktion kamen (zentral war Albert Speers Rolle als Reichsminister für Bewaffnung und Munition) und sich auch im SS- und Polizeiapparat (Ausdifferenzierung der Allgemeinen SS aus der NSDAP) und der inneren Verwaltung Bahn brachen (Tendenzen zur Dezentralisierung).

Aus dem bisher Gesagten wird deutlich, dass die NSDAP und ihre Organisationen nur eine von vielen mobilisierenden Einheiten waren. Für eine Gesellschaftsgeschichte des NS-Staates müssen natürlich alle mobilisierenden Instanzen in den Blick genommen werden. Wichtig ist dabei auch, das gegenläufige Phänomen der Verknappung personeller Ressourcen auf der einen Seite und der Neuschöpfung ökonomischer, kognitiver und symbolischer Ressourcen auf der anderen Seite zu berücksichtigen. Offenbar gab es im NS-Staat, und das widerspricht Etzionis Annahmen, keine Ressourcenkonstanz. Der dynamische soziale Wandel im NS-Staat ist insofern zu einem guten Teil als Mobilisierung von neuen, vorher brachliegenden und durch keine Einheit kontrollierten Ressourcen zu analysieren. Die NSDAP war ein wichtiger Bedingungsfaktor jener Emergenz von Ressourcen im NS-Staat. Sie mobilisierte horizontal und vertikal, und zwar neue, eigene und die Ressourcen anderer NS-Herrschaftsträger. Die Neuschaffung von Ressourcen war begleitet von vielgestaltigen Kontrollwechseln im Hinblick auf alte Ressourcen. Wichtig für den Prozess der Mobilisierung war, dass sich in der NSDAP eine Hierarchie von Organisationen entwickelte, die einige Instanzen zu mobilisierenden, andere eher zu mobilisierten Einheiten werden ließ.

Zurück zu Jürgen Johns eingangs erwähntem Aufsatz, aus dem zwei wichtige Schussfolgerungen zu ziehen sind. Erstens wurde „Mobilisierung“ im NS-Staat zum funktionalen Äquivalent jener Prozesse, die in Demokratien gemeinhin „Reform“ heißen (John 2013: 38). Zweitens diskutiert er den Begriff „Mobilisierungsdiktatur“ (ebd.: 30, Fußnote 5, sowie 35), den der britische Historiker Adam Tooze vor einigen Jahren äußerst öffentlichkeitswirksam ins Gespräch gebracht hat, ohne ihn aber in seinem Standardwerk über die NS-Wirtschaftpolitik zu erwähnen (Tooze 2007). Der DDR-Historiker Jürgen Kuczynski verwendete die Bezeichnung „Mobilisierungsdiktatur“ schon ein halbes Jahrhundert früher, um Joseph Goebbels’ Aktivitäten als Reichsbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz nach dem 25. Juli 1944 zu analysieren (Kuczynski 1953: 276). Seither ist der Begriff unter anderem zur Analyse der stalinistischen Sowjetunion in Gebrauch gewesen. In der Konzeption des spanisch-amerikanischen Politikwissenschaftlers Juan J. Linz ist der Grad der personellen Mobilisierung ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen autoritären und totalitären Regimen (Linz 2003).

Es ist nun allerdings die Frage, ob wir nicht erst mit Etzionis Ansatz beschreiben sollten, welche Facetten die Mobilisierung nach 1933 besaß, bevor wir dem NS-Regime schon wieder ein neues Label anhängen, mit dem man öffentlichkeitswirksam agieren kann (denn ein solches scheint mir das Label „Mobilisierungsdiktatur“ zu sein). Die Frage nach der Mobilisierung wendet sich auch gegen die immer noch die NS-Forschung bestimmende Dichotomie, wonach die NSDAP als eine „totalitäre Bewegungskraft“ der Ministerialbürokratie als einer „konservativen Beharrungskraft“ gegenübergestanden habe. Diese Dichotomie durchzieht beispielsweise die Habilitationsschrift von Dieter Rebentisch (1989) und wurde lange Zeit als Motor der dynamischen Entwicklung des NS-Staates gesehen. Im Hinblick auf „Mobilisierung“ erweist sie sich jedoch als gegenstandslos. Nach 1933 kristallisierte sich nämlich ein Pluralismus mobilisierender Instanzen heraus, die sich institutionell nicht trennscharf dem Staats- oder dem Parteibereich zuordnen lassen. Daher sollten wir die Tätigkeiten der mobilisierenden Instanzen und ihre Interdependenzen möglichst dicht zu beschreiben versuchen. Letztlich geht es dabei auch um eine adäquate Analyse der Komplexität des NS-Regimes. So verstanden, könnte der Begriff „Mobilisierung“ sogar einen neuen Zugang zu einer komplexitätstheoretisch basierten Herangehensweise an die NS-Geschichte ermöglichen.

Referenzen

Baecker, Dirk: Organisation als System. Aufsätze, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1999

ders.: Organisation und Management. Aufsätze, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2003

Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital, in: ders.: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur 1, hg. v. Margareta Steinrücke, VSA Verlag: Hamburg 1992, S. 49-79

ders.: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 22. Aufl., Suhrkamp: Frankfurt am Main 2012 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1987]

ders.: Kunst und Kultur. Zur Ökonomie symbolischer Güter. Schriften zur Kultursoziologie 4, hg. v. Franz Schultheis u. Stephan Egger, Suhrkamp: Berlin 2014 (Taschenbuchausgabe)

Cassirer, Ernst: Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Untersuchung über die Grundfragen der Erkenntniskritik, hg. v. Birgit Recki, Meiner: Hamburg 2000 [ursprgl. erschienen im Verlag von Bruno Cassirer: Berlin 1910]

Etzioni, Amitai: Die aktive Gesellschaft. Eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse, 2., unveränd. Aufl., Verlag für Sozialwissenschaft: Wiesbaden 2009 [ursprgl. erschienen: Opladen 1975; im amerikanischen Original Collar-MacMillan: New York/London 1968]

Hachtmann, Rüdiger: Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945, Wallstein: Göttingen 2012

John, Jürgen: Mobilisierung als Charakteristikum des NS-Systems?, in: Werner, Oliver (Hg.): Mobilisierung im Nationalsozialismus. Institutionen und Regionen in der Kriegswirtschaft und Verwaltung des ›Dritten Reiches‹ 1936 bis 1945, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2013, S. 29-57

Kuczynski, Jürgen: Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland, Bd. II/1, Dietz-Verlag: Ost-Berlin 1953

Linz, Juan J.: Totalitäre und autoritäre Regime, 2. überarb. u. erg. Aufl., Berliner Debatte Wissenschaftsverlag: Berlin 2003 [ursprgl. erschienen: 2000]

Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, 3. Aufl., Duncker&Humblot: Berlin 1976 [ursprgl. erschienen: 1964]

ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

ders.: Organisation und Entscheidung, Westdeutscher Verlag: Opladen/Wiesbaden 2000

Nolzen, Armin: Die NSDAP, der Krieg und die deutsche Gesellschaft, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9: Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945, Teilbd. 1: Politisierung – Vernichtung – Überleben, im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hg. v. Jörg Echternkamp, Oldenbourg: München 2004, S. 99-193

Rebentisch, Dieter Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Verfassungsentwicklung und Verwaltungspolitik 1939-1945, Steiner: Stuttgart 1989

Reese-Schäfer, Walter: Amitai Etzioni zur Einführung, Junius: Hamburg 2001

Tooze, Adam: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Siedler: München 2007