Die Reisen des Historikers V

von arminnolzen

Potsdam/Berlin, 4. bis 6. Dezember 2014

Manchmal ereignen sich im akademischen Leben auch noch Überraschungen. Ende Juni 2014 erreichte mich auf dem Postweg ein Brief von Bettina Greiner, der Koordinatorin der „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“, einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe des Hamburger Instituts für Sozialforschung und des Einstein Forums in Potsdam (www.berlinercolloquien.de). Sie lud mich zur mittlerweile 17. Auflage dieser Colloquien ein, die von Jan Philipp Reemtsma und Michael Wildt ausgerichtet werden und den Titel „Die ersten 100 Tage. Gewalt als soziale Gestaltung“ tragen würde. Die „Berliner Colloquien für Zeitgeschichte“ finden vier Mal jährlich statt. Auf deren Homepage ist die folgende Selbstbeschreibung zu lesen:

„Zeithistoriker – so die Prämisse dieser Tagungen – sollten ihr Engagement nicht allein der Geschichtswissenschaft widmen, sondern auch zahlreiche andere Gebiete im Blick behalten und für soziologische, philosophische, psychologische und nicht zuletzt moralische Fragen offen sein. Dass Schriftsteller, Literatur- oder Biowissenschaftler ebenso willkommen sind, dass der intellektuelle Austausch vor allem über nationale Grenzen hinaus geführt wird, unterstreicht die Absicht, dem Unerwarteten Raum zu geben – in überschaubarer Größe und informeller Struktur. Im Grunde sind diese Zusammenkünfte als Laboratorien gedacht, als Forum für neue, provokante Ansätze und Ort des Ausprobierens verschiedener Wege. Unabhängig von den Zwängen des traditionellen akademischen Betriebes geben sie mithin Raum für Gedankenexperimente – für eine oft geforderte, aber selten geförderte Art des Dialogs. Weder unverbindlich noch rigide, orientieren sich die Tagungen an drei miteinander verzahnten Leitsätzen: Das Ziel der Empirie ist die Theorie; die Theorie erprobt sich in empirischen Forschungen; der Stachel der Aktualität muss spürbar sein. Erst dann erfüllt Zeitgeschichte nämlich ihren eigentlichen Zweck: als Wissenschaft im Streit mit ihrer Zeit“.

Transdisziplinarität, Internationalität, Informalität, theoriebasierte empirische Forschung und das Anknüpfen an tagespolitische Aktualitäten sind also Sinn und Zweck dieser Gespräche, die in der Europäischen Akademie in der Nähe des Berliner Grunewalds abgehalten werden. In den letzten Jahren wurden dabei so unterschiedliche Themen wie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Gedenkstättenarbeit, „1983“ als Schlüsseljahr des Kalten Krieges, die „Entstalinisierung“ der Sowjetunion und Ostmitteleuropas, die Ursachen des Ersten Weltkriegs und die gesellschaftliche Funktion von Memorialkulturen im internationalen Vergleich diskutiert. Mit dem Thema „Die ersten 100 Tage. Gewalt als soziale Gestaltung“ verband sich folgende Agenda:

„Gewalt zerstört und muss eingehegt werden – so lautet die gängige Lesart in rechtsstaatlichen Gesellschaften. Dagegen steht die Erfahrung, dass Gewalt ein, wenn nicht sogar das entscheidende Mittel für revolutionäre Regime ist, nicht allein um die Macht zu behaupten, sondern vor allem um die Gesellschaft in ihrem Sinn umzugestalten. Gewalt als soziale Gestaltung ist das Thema dieses Berliner Colloquiums zur Zeitgeschichte, in dem die erste Phase (konter)revolutionärer Regime – anhand ausgewählter Beispiele: Jakobinerherrschaft in Frankreich, Oktoberrevolution 1917, nationalsozialistische Machteroberung 1933 und Putsch in Chile 1973 – in den Blick genommen, verglichen und diskutiert werden soll. Im Mittelpunkt der Diskussion sollen spezifische Leitfragen nach Akteuren, Institutionen, ideologischen Legitimationen und Praktiken stehen, um sowohl Gemeinsamkeiten als auch Differenzen der verschiedenen Gewaltregime herauszuarbeiten:
– Welche Maßnahmen hat die neue Regierung zuerst ergriffen, weil sie besonders dringlich und wichtig waren?
– Welche (staatlichen) Institutionen wurden sogleich zerstört, welche unmittelbar aufgebaut? Wurde Recht ausgelöscht oder neu geschaffen?
– Wer waren die Gewaltakteure? Gab es spezifische Gewaltpraktiken?
– Gegen welche gesellschaftlichen Gruppen richtete sich die Gewalt, welche blieben ausgenommen oder wurden umworben?
– Wie wurde die Gewalt legitimiert und Vertrauen in die neue Ordnung hergestellt, welche ideologischen Ressourcen, symbolischen Repräsentationen genutzt? Wie lautete die soziale Verheißung des neuen Regimes?“

Die Veranstalter hatten einen illustren Kreis namhafter Experten der Gewaltforschung gewonnen, in erster Linie aus den Fächern Soziologie, Politik- und Geschichtswissenschaft. Es nahmen teil Birgit Aschmann (Berlin), Jörg Baberowski (Berlin), Mischa Gabowitsch (Potsdam), Alexander Gallus (Chemnitz), Hugh Gough (Dublin), Jochen Hellbeck (New Brunswick), Wolfgang Knöbl (Göttingen), Jonas Kreienbaum (Rostock), Birthe Kundrus (Hamburg), Elissa Mailänder (Paris), Gabriele Metzler (Berlin), Armin Nolzen (Warburg), Jan Philipp Reemtsma (Hamburg), Sven Reichardt (Konstanz), Stefan Rinke (Berlin), Martin Schaad (Potsdam), Felix Schnell (Berlin), Sybille Steinbacher (Wien), Hans-Ulrich Thamer (Münster), Michael Wildt (Berlin), Johannes Willms (München) sowie weitere Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Für den „Mittelweg 36“, die Zeitschrift des Instituts, waren Martin Bauer, Stefan Mörchen und Christina Müller anwesend; Henry Marx von der Humboldt Universität in Berlin schrieb das Protokoll, das demnächst auf der Homepage der „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ zugänglich gemacht wird. Zur Einstimmung auf die Diskussionen wurde Mitte November 2014 ein Reader verschickt, in dem sich in thematischer Reihenfolge die folgenden Texte befanden:

Nr. 1) Gough, Hugh: The Terror in the French Revolution. The First Hundred Days (Paper)
Nr. 2) Lyons, Martyn: The 9 Thermidor: motives and effects, in: Jones, Peter (ed.): The French Revolution in Social and Political Perspective, Arnold: London 1996, S. 394-413
Nr. 3) Baberowski, Jörg: Machtergreifung und Machsicherung in der russischen Revolution. Februar 1917 bis März 1918 (Paper)
Nr. 4) Figes, Orlando: Die Tragödie eines Volks. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, Berlin Verlag: Berlin 1998, S. 512-567
Nr. 5) Wildt, Michael: „Erst Macht, dann Politik“. Die nationalsozialistische Revolution (Paper)
Nr. 6) Löwenthal, Richard: Einleitungsvortrag. Die nationalsozialistische »Machtergreifung« – eine Revolution? Ihr Platz unter den totalitären Revolutionen unseres Jahrhunderts, in: Broszat, Martin/Dübber, Ulrich u.a. (Hg.): Deutschlands Weg in die Diktatur. Internationale Konferenz zur nationalsozialistischen Machtübernahme, Siedler: München 1983, S. 42-74
Nr. 7) Rinke, Stefan: Der 11. September 1973 und die ersten hundert Tage der chilenischen Junta (Paper)
Nr. 8) Remmer, Karen L.: Neopatrimonialism: The Politics of Military Rule in Chile, 1973-1987, in: Comparative Politics 21 (1989), S. 149-170

Die Idee der „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ ist ebenso einfach wie vielversprechend. Es gibt keine regulären Vorträge, sondern lediglich Impulsreferate, die sich allesamt im Reader befinden. Anhand dieser Texte soll eine thematisch fokussierte Diskussion initiiert werden, bei der für jedes Einzelthema dann etwa zwei Stunden zur Verfügung stehen. Zur Einstimmung auf die Veranstaltung war ein Abendvortrag von Jan Phillip Reemtsma vorgesehen, der im Einstein Forum Potsdam stattfinden sollte. Das Programm im Überblick:

Donnerstag, den 4. Dezember 2014
Veranstaltungsort: Einstein Forum, Potsdam
Abendvortrag
Jan Philipp Reemtsma (Hamburg)
Machtergreifung als konkrete Utopie
Gesprächsleitung: Michael Wildt (Berlin)
18.00 Transfer von der Europäischen Akademie Berlin nach Potsdam
(Anmeldung erbeten)
19.00 Beginn des Vortrags
Eine Veranstaltung des Einstein Forum, Potsdam

Freitag, den 5. Dezember 2014
Tagungsort: Europäische Akademie Berlin
9.30 Kaffee
10.00 Begrüßung und erste Sektion
12.30 Mittagessen
14.00 Zweite Sektion
15.45 Kaffeepause
16.15 Dritte Sektion
18.00 Ende der dritten Sektion

Sonnabend, den 6. Dezember 2014
Tagungsort: Europäische Akademie Berlin
9.30 Vierte Sektion
11.30 Pause
11.45 Resümee
12.30 Ende des Colloquiums

Ich hatte auf die Einladung noch am selben Tag reagiert und unmittelbar zugesagt, weil mich die Gewaltforschung schon sehr lange interessiert, ohne dass ich bislang einen genuinen Beitrag dazu geleistet hätte (gerade deshalb kam die Einladung für mich auch überraschend!). Natürlich ist man als Historiker, der sich mit der Geschichte des NS-Regimes befasst, immer wieder mit dem Thema „Gewalt“ konfrontiert. In den Geschichtswissenschaften ist Gewalt jedoch, zieht man die einschlägigen Lexika heran („Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte“, „Lexikon des Mittelalters“, „Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe“) offenbar kein zentraler Begriff. In allen diesen Nachschlagewerken, die teilweise zu den größten Leistungen der Zunft zählen, ist überhaupt kein Eintrag zu „Gewalt“ vorhanden. Und auch in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ (Faber/Ilting/Meier 1982) kommt „Gewalt“ nur im Zusammenhang mit „Macht“ vor und wird in ihrem semantischen Gehalt nicht präzise genug bestimmt. Fündig hingegen wird man im Grimmschen-Wörterbuch, wo der einschlägige Eintrag 296 volle Seiten umfasst. Dieser Umfang deutet darauf hin, dass es sich bei „Gewalt“ um einen catch-all-Begriff handelt, dessen Bedeutungsgehalt eine ähnliche Spannbreite erreicht wie die des Begriffs „Kultur“.

Ich gab also mein ursprüngliches Vorhaben auf, mich zunächst einmal begriffsgeschichtlich zu orientieren, sondern versuchte es mit einer theoretischen Einkreisung des Phänomens „Gewalt“. Dazu las ich einige Monografien ganz (Baberowski/Metzler 2012; Beck/Schlichte 2014; Christ 2011; Joas/Knöbl 2008; Kühl 2014), einige teilweise (Jäger 1982; Collins 2011, 2012; Plaggenborg 2012), und sah meine Exzerpte (Agamben 2002, 2004 u. 2010; Arendt 2009 u. 2011; Baecker 2003, 2007a-c u. 2013; Bourdieu 1973, 1976, 2001, 2005 u. 2014; Canetti 2001; Eisenstadt 1998; Foucault 2005; Herbst 1996 u. 1999; Luhmann 1974, 1981, 1983, 1997, 2000, 2003, 2010, 2012 u. 2013; Reemstma 2008; Wachsmann 2006) und Notizen (Reinhard 2001; Gerlach 2011; Mann, 4 vols. 2012; Preston 2012; Girard 2008 u. 2012; Weil 2011) systematisch durch. Als sich dabei gewisse Redundanzeffekte einstellten, wechselte ich zur Lektüre der in den Reader aufgenommenen Texte, die das Thema „Gewalt“ anhand der vier eingangs genannten Gesellschaften in den Blick nahmen. Die Impulsreferate (Nr. 1, 3, 5, u. 7) versuchten, sich an den im Einladungsschreiben formulierten Leitfragen abzuarbeiten, waren empirisch gesättigt und nahmen insbesondere die Periodisierung der 100 Tage ernst. Die bereits publizierten Texte (Nr. 2, 4, 6, 8) diskutierten demgegenüber eher allgemeine Fragen des Regimewechsels, und zwar aus einer politikgeschichtlichen Perspektive von oben. Sie fungierten lediglich als unterstützende Beilage, um sich auf einer allgemeinen Ebene in die jeweiligen Themen einzuarbeiten, und spielten in den Debatten kaum eine Rolle.

Die 17. „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ begannen mit einem anregenden Vortrag Jan Philipp Reemtsmas im Einstein Forum in Potsdam, in dem er über Leo Trotzkis „Die russische Revolution“ sprach, die 1931/33 in zwei Bänden im Verlag S. Fischer in Berlin in deutscher Übersetzung erschienen war (Trotzki 1931 u. 1933). Reemtsmas Ausführungen stimmten die Zuhörer exzellent auf die Sektionen der nächsten beiden Tage ein. Er sah Trotzkis Text, den er in hermeneutisch-immanenter Lektüre analysierte, als performatives Beispiel für die von ihm selbst konstatierte „Redeseligkeit der Revolution“, als Diskurs über die Technik der bolschewistischen Machteroberung, die von Februar bis Oktober 1917 zwischen fragmentierter und cäsarischer Macht oszilliert sei. Reemtsma widmete insbesondere Trotzkis taktischer Abgrenzung von der Barrikadenstrategie Louis-Auguste Blanquis einige Aufmerksamkeit. In seiner Lesart erschien Trotzki ein auf eschatologische Erlösung hoffender Praktiker der Gewalt, der in einem Moment der Unsicherheit die Russische Revolution im Oktober 1917 gemeinsam mit Wladimir Iljitsch Lenin erst aufs Gleis gesetzt und dann gegen interne Widerstände selbst in der bolschewistischen Partei aufrechterhalten hatte. Reemtsma interpretierte die bolschewistische „Machtergreifung“ als eine soziale Ordnung eigener Art, als eine in einer spezifischen Situation mögliche, dann jedoch durchaus kontingente Form sozialer Gestaltung.

Damit war auch schon die Spannbreite jener beiden Diskussionstage über „Gewalt als soziale Gestaltung“ in der Europäischen Akademie in Berlin gekennzeichnet, die anhand der genannten vier Beispielfälle alle nur erdenklichen, mit den Mechanismen revolutionärer Gewalteskalation zusammenhängenden Themen durchspielten: die Wechselwirkungen zwischen Zentrale und (kolonialer) Peripherie (erste Sektion), die Rolle von Verschwörungstheorien (erste und zweite Sektion), das Verhältnis zwischen Kontingenz und zielgerichteter Intention, zwischen in sich geschlossener Ideologie und eher instinktiven Handeln (zweite und dritte Sektion), die Rolle von Emotionen wie Angst und Hass (alle Sektionen), die Bedeutung von Interventionen aus dem Ausland und das Verhältnis zwischen militärischem und ökonomischem Sektor (vierte Sektion). Kontrovers diskutiert, wenngleich in seiner heuristischen Fruchtbarkeit anerkannt, wurde das Konzept der „ersten 100 Tage“, unter das sich die Beispielfälle teilweise nur schwer rubrizieren ließen. Ein Problem bildete das unterschiedliche Verständnis von Macht und Gewalt, so dass die Teilnehmer mit den beiden Begriffen relativ freihändig jonglierten. In den meisten Diskussionen dominierte ein an Heinrich Popitz (1992: 43-78) angelehntes Verständnis von Gewalt als direkte körperliche Verletzung, wie sie in der Französischen und der Russischen Revolution ja auch im Zentrum stand. Auffällig war die Fokussierung auf Männer als Gewalthandelnde, obwohl einige Teilnehmer mehrmals eine geschlechtergeschichtliche Perspektive einforderten.

Generell blieb der Begriff „Revolution“ wenig konturiert. Soweit ich sehe, wurde weder das einschlägige Werk Hannah Arendts (2011) herangezogen noch ihr Name überhaupt erwähnt. In der dritten Sektion wurde mir zu oft von „nationalsozialistischer Revolution“ schwadroniert, ohne diesen Sprachgebrauch einmal zu problematisieren. Der Soziologe M. Rainer Lepsius hat vor mittlerweile mehr als zwei Dekaden das Notwendige dazu gesagt, als er jene beiden schweren Staatskrisen am Beginn und am Ende der Weimarer Republik 1918/1933 analysierte, die das politische System des Deutschen Reiches grundlegend veränderten: „Der Wirkung nach handelte es sich in beiden Fällen um Revolutionen: die Ablösung einer halbdemokratisierten Monarchie durch eine parlamentarische Republik und die Zerstörung der Demokratie durch einen fragmentierten Führerstaat mit plebiszitär-diktatorischer Leitungsspitze. Doch der Form nach war weder der eine noch der andere ,Umbruch‘ ein gewaltsamer Putsch, ein siegreicher Aufstand, ein unerwarteter Staatstreich. In beiden Fällen handelte es sich vielmehr um einen sich gegenseitig verschränkenden Prozeß der Machtübergabe und Machtübernahme“ (Lepsius 1993: 80).

Was war aus den 17. „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ zu lernen? Zunächst ist die offene, ja nachgerade egalitäre Debattenkultur hervorzuheben, bei der akademische Distinktionsriten, übersteigerte Redebedürfnisse und Selbstdarstellungen kaum einmal eine Rolle spielten. In jeder der Sektionen wurde mindestens eineinhalb Stunden lang über den jeweiligen Fall diskutiert, und zwar unter ständiger Einbeziehung des Impulsgebers, ohne dass es zu einem einseitigen Frage- und Antwortspiel gekommen wäre. Auffällig war ein intensives Bedürfnis nach Vergleichen und Analogiebildungen als Möglichkeit von historischer und soziologischer Erklärung. In der Regel wurde sorgsam zwischen Personen und Strukturen unterschieden. Einige Kollegen legten mehr Wert auf Personen (ohne dabei die Strukturen zu vernachlässigen), einige mehr Wert auf Strukturen, genauer: die Strukturierung von Situationen, ohne die dafür jeweils verantwortlichen Persönlichkeiten aus den Augen zu verlieren. Auffällig war jedoch, dass man sich kaum über die Möglichkeiten unterhielt, wie man Gewaltgeschichte überhaupt schreiben kann/soll. Dies bezieht sich nicht nur auf das Problem der Quellen, sondern auch auf die Verwendung von Theorien. Mit dem in der Gewaltforschung mittlerweile üblichen Echtzeitfetischismus, wie ihn Randall Collins‘ (2011) Mikrosoziologie der Gewalt vertritt, kann ein Historiker nur wenig anfangen, weil seine Dokumente immer nur nachträgliche sind.

Die größte Leerstelle blieb aber bei der Frage, inwiefern und unter welchen Bedingungen Gewalt zur sozialen Gestaltung beiträgt. Dies verweist auf das zentrale Problem der Sozialtheorien seit Thomas Hobbes: wie ist soziale Ordnung überhaupt möglich (Joas/Knöbl 2004: 13-38)? Dazu müsste geklärt werden, wie man von individuellen oder kollektiven, an spezifische Zeitpunkte und Orte (in der Regel das Regierungsviertel der jeweiligen Hauptstadt) gebundenen Gewaltakten auf die Ebene der Gesellschaft gelangt. Ohne eine Medientheorie, mittels der man Nachahmungs- und Übertragungseffekte von Gewalt analysieren könnte, scheint mir das nicht möglich zu sein. Zur Analyse der Referenzebene „Gesellschaft“ ist entweder ein Konzept von struktureller (Johan Galtung) beziehungsweise symbolischer Gewalt (Pierre Bourdieu) oder ein systematischer Blick auf Macht/Gewalt unter dem Aspekt der kommunikativen Drohung vonnöten (Niklas Luhmann). Auch die von Michel Foucault (2005) vorgeschlagene „Analytik der Macht“, eine synoptische Zusammenschau von Mikromächten, zu denen er die wissenschaftlichen Disziplinen zählt, blieb in diesem Zusammenhang unerwähnt. Und schließlich muss man Gewalt systematisch zu anderen Mitteln sozialer Gestaltung in Beziehung setzen, etwa zu Recht, Geld, Information, Moral oder Hilfe, um Prozesse der sozialen Ordnungsbildung genauer analysieren zu können.

Last but not least, das ein abschließender persönlicher Eindruck, kristallisierte sich im Verlauf der Diskussionen der 17. „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ eine Art heimliches Thema heraus: eine vergleichende Geschichte kollektiver Gewalt in der Moderne. Es liegt auf der Hand, dass ein solch herkulisches Projekt nur von einem Forscherverbund zu bewältigen sein dürfte, in dem Historiker, Soziologen, Politikwissenschaftler, Psychologen, Ethnologen und Vertreter von anderen wissenschaftlichen Disziplinen Hand in Hand arbeiten müssten. Die Frage ist nur, ob das überhaupt wünschenswert wäre. Vielleicht ist unsere heutige Wissenschaftlergeneration auch nur deshalb so vom Thema „Gewalt“ fasziniert, weil es die tagtägliche Logik der Massenmedien ist, Bilder zu produzieren, in denen die Folgen von Gewalttaten unmittelbar zu besichtigen sind. Dass Gewalt heute nahezu ubiquitär sichtbar gemacht wird, ist noch kein Beleg für ihre herausragende Bedeutung als historisches Phänomen. Warum gibt es eine solche Gesprächsrunde, wie sie im Rahmen der 17. „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ stattfand, nicht zum Thema „Liebe“? Liegt es daran, dass der Diskurs der Liebe von extremer Einsamkeit geprägt ist, obwohl heute jedes Subjekt über Liebe redet? Und warum wird dieser Diskurs von niemandem gegen „Gewalt“ verteidigt, schon gar nicht von der Wissenschaft?

Intertexte

Agamben, Giorgio: Homo sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2002

ders.: Ausnahmezustand, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2004

ders.: Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung, Suhrkamp: Berlin 2010

Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. Mit einem Interview von Adelbert Reif, 19. Aufl., Piper: München/Zürich 2009 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1970]

dies.: Über die Revolution, Piper: München/Zürich 2011 (Taschenbuchausgabe) [im englischen Original erschienen Harcourt Brace: New York 1963]

Baberowski, Jörg/Metzler, Gabriele (Hg.): Gewalträume. Soziale Ordnungen im Ausnahmezustand, Campus: Frankfurt am Main/New York 2012

Baecker, Dirk: Kultur und Gewalt, in: ders.: Wozu Kultur?, 2. Aufl., Merve: Berlin 2003 [ursprgl. erschienen: 2001]

ders.: Form und Formen der Kommunikation, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2007 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 2005]

ders.: Gewalt im System, in: ders.: Wozu Gesellschaft?, Kadmos: Berlin 2007, S. 29-52

ders.. Die Gewalt des Terrorismus, in: ders.: Wozu Gesellschaft?, Kadmos: Berlin 2007, S. 53-63

ders.: The Hitler-Swarm, in: Thesis Eleven 117 (2013), Heft 1, S. 68-88

Beck, Teresa Koloma/Schlichte, Klaus: Theorien der Gewalt zur Einführung, Junius: Hamburg 2014

Bongaerts, Gregor: Verdrängungen des Ökonomischen. Bourdieus Theorie der Moderne, transkript: Bielefeld 2008.

Bourdieu, Pierre/Passeron, Jean-Claude: Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1973

Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1976 (Taschenbuchausgabe)

ders.: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2001

ders.: Die männliche Herrschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

ders.: Über den Staat. Vorlesungen am Collège de France 1989-1992, Suhrkamp: Berlin 2014

Canetti, Elias: Masse und Macht, 27. Aufl., Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2001 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: Classen: Hamburg 1960]

Christ, Michaela: Die Dynamik des Tötens: Die Ermordung der Juden von Berditschew. Ukraine 1941-1944, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2011

Collins, Randall: Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, Hamburger Edition: Hamburg 2011

ders.: Ausgewählte Schriften, hg. v. Jörg Rössel, Springer VS: Wiesbaden 2012

Eisenstadt, Shmuel Noah: Die Antinomien der Moderne. Die jakobinischen Grundzüge der Moderne und des Fundamentalismus. Heterodoxien, Utopismus und Jakobinismus in der Konstitution fundamentalistischer Bewegungen, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1998

Faber, Karl-Georg/Ilting, Karl-Heinz/Meier, Christian: Macht, Gewalt, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhart Koselleck, Bd. 3, Klett Cotta: Stuttgart 1982, S. 817-936

Foucault, Michel: Analytik der Macht. Auswahl und Nachwort v. Thomas Lemke, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

Gerlach, Christian: Extrem Gewalttätige Gesellschaften. Massengewalt im 20. Jahrhundert, DVA: Stuttgart 2011

Girard, René: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag: Frankfurt am Main/Leipzig 2008 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen Hanser: München 2002]

ders.: Das Heilige und die Gewalt, 2. Aufl., Patmos: Ostfildern 2012 [ursprgl. erschienen 2006; im französischen Original Grasset&Fasquelle: Paris 1972]

Herbst, Ludolf: Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Die Entfesselung der Gewalt: Rassismus und Krieg, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1996

ders.: Entkoppelte Gewalt – Zur chaostheoretischen Interpretation des NS-Herrschaftssystems, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 28 (1999), S. 117-158

Jäger, Herbert: Verbrechen unter totalitärer Herrschaft. Studien zur nationalsozialistischen Gewaltkriminalität. Mit einem Nachwort zur Neuauflage von Adalbert Rückerl, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1982 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen Walter Verlag: Olten/Freiburg im Breisgau 1967]

Joas, Hans/Knöbl, Wolfgang: Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2004

dies. (Hg.): Kriegsverdrängung. Ein Problem in der Geschichte der Sozialtheorie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008

Kühl, Stefan: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Suhrkamp: Berlin 2014

Lepsius, M. Rainer: Machtübernahme und Machtübergabe. Zur Strategie des Regimewechsels 1918/19 und 1932/33, in: ders.: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 1993, S. 80-95

Luhmann, Niklas: Symbiotische Mechanismen, in: Gewaltverhältnisse und die Ohnmacht der Kritik, hg. v. Otthein Rammstedt, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1974, S. 107-131

ders.: Ausdifferenzierung des Rechts. Beiträge zur Rechtstheorie und Rechtssoziologie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1981

ders.: Rechtssoziologie, 2., erw. Aufl., Westdeutscher Verlag: Opladen 1983 [ursprgl. erschienen in 2 Bde. bei Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1972]

ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

ders.: Die Politik der Gesellschaft, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2000

ders.: Macht, 3. Aufl., Lucius&Lucius: Stuttgart 2003 [ursprgl. erschienen: 1975]

ders.: Politische Soziologie, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Berlin 2010

ders.: Macht im System, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Berlin 2012

ders.: Kontingenz und Recht. Rechtstheorie im interdisziplinären Zusammenhang, hg. v. Johannes F. K. Schmidt, Suhrkamp: Berlin 2013

Mann, Michael: The Sources of Social Power, 4 vols., Cambridge University Press: Cambridge 2012 [paperback edition; ursprgl. erschienen: Cambridge 1994-2012].

Plaggenborg, Stefan: Ordnung und Gewalt. Kemalismus – Faschismus – Sozialismus, Oldenbourg: München 2012

Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, 2., stark erw. Aufl., Mohr: Tübingen 1992 [urspgrl. erschienen: 1986]

Preston, Paul: The Spanish Holocaust: Inquisition and Extermination in Twentieth Century Spain, Harperpress: London 2012

Reinhard, Wolfgang: Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, 3., durchges. Aufl., C.H. Beck: München 2002 [ursprgl. erschienen: 1999]

Reemtsma, Jan Philipp: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburger Edition: Hamburg 2008

Trotzki, Leo: Februarrevolution. Geschichte der Russischen Revolution, Bd. 1, übers. v. Alexandra Ramm, Berlin: S. Fischer 1931

ders.: Oktoberrevolution. Geschichte der Russischen Revolution, Bd. 2, übers. v. Alexandra Ramm, Berlin: S. Fischer 1933

Wachsmann, Nikolaus: Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat, Siedler: München 2006

Weil, Simone: Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen, diaphanes: Zürich 2011