Gewalt im System, erstes Kapitel

von arminnolzen

„Wenn von Gewalt die Rede ist, kann man der Versuchung kaum widerstehen, das Problem binär zu schematisieren, je nachdem, ob die Gewalt im Namen und Sinne des Rechts oder ob sie als reine Gewalt gegen das Recht ausgeübt wird“, so beginnt ein Aufsatz, den der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann in einem Sammelband, den sein Kollege Otthein Rammstedt herausgab, im Jahre 1974 publizierte (Luhmann 1974: 107). „Die Disjunktion von Recht und Unrecht ist […]“, so Luhmann weiter, „in der Gesellschaftsstruktur so hoch und in so hohem Maße kontextfrei abgesichert, daß sich kein Interesse gegen die Disjunktion mehr formieren und verständlich machen läßt […]. Man kann, wenn man sich auf den Schematismus einläßt, der Option nicht mehr ausweichen, sondern sie allenfalls noch ,verkehrt‘ ausüben, indem man die suggerierte Richtung negiert. Die vier Freiheiten, für oder gegen rechtmäßige und für oder gegen unrechtmäßige Gewalt zu sein, reduzieren sich nach den Schematismen des Rechts auf zwei“. Gewalt wird, dies lernen wir aus Luhmanns Ausführungen, in unserer Gesellschaft im Modus eines binären Schematismus beobachtet. Und diesen ordnet er dem Funktionssystem „Recht“ zu, das die Ausübung von Gewalt entweder als rechtmäßig oder unrechtmäßig judiziert.

Die NS-Forschung, wie sie sich in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelte, engt diese binäre Schematisierung noch weiter ein. Als integralen Bestandteil einer Diktatur, die einschließlich des Genozids an den europäischen Juden mehr als 50 Millionen Tote produzierte, rubriziert sie die Gewalt des NS-Regimes per definitionem auf der Seite des Unrechts und der Illegitimität. Dieses Vorgehen erlaubt es, viele Phänomene aus der NS-Zeit wahllos und ohne weitere Erläuterungen als „Gewalt“ zu klassifizieren. Ein Beispiel: In der neuesten Gesamtdarstellung zum NS-Regime von Michael Grüttner gibt es einen § 4, der mit „Gewalt“ überschrieben ist und nacheinander die Sturmabteilung (SA), die Justizbehörden, die Schutzstaffeln (SS), die Sicherheitspolizei und die Konzentrationslager behandelt (Grüttner 2014: 121-167). Auf diesen 45 Seiten liefert Grüttner aber lediglich eine Strukturgeschichte dieser Institutionen, ohne ihre Gewaltpraktiken besonders zu berücksichtigen! Damit nicht genug: § 5 „Die Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft“ (ebd.: 168-200), § 12 „Geschlechterverhältnis und Bevölkerungspolitik“ (ebd.: 400-423), § 15 „Radikalisierung 1937-1939“ (ebd.: 475-519) und viele weitere Stellen seines Buches behandeln solche Praktiken weit ausführlicher! Weshalb dann ein eigenes Kapitel für „Gewalt“?

Die folgende, wie üblich in loser Folge gepostete Serie von Eintragungen verfolgt eine doppelte Stoßrichtung. Sie will erstens zeigen, dass die Gewaltforschung zum NS-Regime unpräzise ist, weil sie den Gewaltbegriff ins Uferlose ausdehnt, und sie will zweitens Alternativen zu dieser aus meiner Sicht unbefriedigenden Situation aufweisen. Dazu werde ich ausgewählte Referenzwerke der NS-Forschung analysieren und ihre Defizite herausarbeiten. Als heuristischen Ausgangspunkt wähle ich einen wegweisenden, 1996 erstmals publizierten Aufsatz des Soziologen Dirk Baecker, der „Gewalt im System“ heißt (Baecker 2007: 29-52). Dieser beginnt mit der Beobachtung, dass die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zugleich so gewaltfrei wie so stark von Gewalt heimgesucht sei wie keine andere zuvor, weil eine „massenmedial betreute und verstärkte Dauerpräsenz der Gewalt in der Gesellschaft“ herrsche (ebd.: 29). Der Soziologie konzediert Baecker, dass sie sich „zwischen einer Verharmlosung der Gewalt und einer Dramatisierung der Gewalt systematisch nicht entscheidet“ (ebd.: 29 f.). Sie sei fruchtbar, wenn einzelne Gewaltphänomene beschrieben werden sollten, zugleich jedoch unbrauchbar, wenn es um das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Gewalt gehe. Anders formuliert: der Soziologie gelinge es nicht, den Stellenwert von Gewalt im sozialen System „Gesellschaft“ zu analysieren.

Wie begründet Baecker diese These und welches soziologische Alternativprogramm schlägt er vor? Zunächst weist er darauf hin, dass die Soziologie gewöhnlich mit zwei unterschiedlichen Begriffen von „Gewalt“ arbeite. Sie beschäftige sich zum einen mit körperlich-physischer, zum anderen mit struktureller Gewalt. Die Suche nach einem dritten Gewaltbegriff sei schwierig, aber durchaus lohnend. Ihm gehe es darum, „einen Begriff der systemischen Gewalt vorzustellen, der mit den Mitteln soziologischer Theorie zeigen kann, an welcher Stelle die Gewalt in das System eingebaut ist“ (ebd.: 31). Bisher existierten vier große Gewalttheorien, die bezeichnender Weise samt und sonders außerhalb der Soziologie entwickelt wurden: die Geschichtstheorie Reinhart Kosellecks (1959), die ein zirkuläres Bedingungsgefüge zwischen Aufklärung und Despotie im 17. und 18. Jahrhundert konstatiere, zweitens die Sozialphilosophie Michel Foucaults (2005) und deren Heuristik einer „Mikrophysik der Macht“, drittens René Girards (2012) anthropologische Opfertheorie der Gewalt und viertens die Philosophie Jacques Derridas, die Gewalt als ein stets mitlaufendes Supplement der Gesellschaft konzeptualisiere (2006: 121-235). Alle vier Ansätze, so Baecker, zeichneten sich durch eine doppelte Gemeinsamkeit aus: sie argumentierten zum einen auf der Referenzebene „Gesellschaft“ und thematisierten zum anderen die Paradoxie der eingeschlossenen ausgeschlossenen Gewalt. So werde Gewalt bei den vier genannten Autoren als ein Problem gesehen, das es zu bewältigen gelte; gleichzeitig evaluierten sie sie aber auch in ihrer Eigenschaft, als Mittel zur Problembewältigung zu dienen (insgesamt Baecker 2007: 31-35). Prägnant formuliert Baecker: „Es gibt keine soziale Ordnung, die nicht die Möglichkeit der Gewalt mit den Mitteln der Gewalt begrenzt, eingrenzt und kontrolliert“ (ebd.: 34).

Einmal zu dieser Paradoxie der eingeschlossenen ausgeschlossenen Gewalt vorgedrungen, fragt sich Baecker, welcher Begriff von Gewalt ihr eigentlich angemessen sei (ebd.: 35). „Physische Gewalt“ jedenfalls sei kein genuin soziologischer Begriff, sondern eine Bezeichnung für etwas, das empirisch vorkommt (ebd.: 36). Diese Bezeichnung gewinne erst soziologische Qualität, wenn es um die Androhung der Möglichkeit physischer Gewalt gehe, und an dieser Stelle raste dann Luhmanns Theorie der Macht ein, die als einzige der Komplexität der eingeschlossenen ausgeschlossenen Gewalt gerecht werde (Luhmann 1997, 2000, 2003, 2010 u. 2012). Hingegen werfe Johan Galtungs (1975) Begriff „strukturelle Gewalt“, der sich in den Sozialwissenschaften einer gewissen Popularität erfreue, erhebliche Probleme auf. Er sei zwar dazu geeignet, die von der Gesellschaft produzierte Gewalt zu erfassen, schieße dabei aber über das Ziel hinaus, indem nichts mehr nicht mit diesem Begriff bezeichnet werden könne (Baecker 2007: 36 f.). Galtungs „strukturelle Gewalt“ tendiere dazu, tautologisch zu werden und mit der Gesellschaft in eins zu fallen (ebd.: 38). Auch ein handlungstheoretischer Begriff von Gewalt, so Baecker, stoße auf eine Reihe von Problemen, denn er sei nicht unabhängig von einer Sinnzuschreibung zu haben, die die Handlung erst zu einer Handlung mache (ebd.: 38 f.). Diese Sinnzuschreibung werde aber sowohl vom Handelnden selbst wie von anderen vorgenommen und erfordere eine soziale Beziehung zwischen beiden (ebd.: 39). Nicht etwa „Handlung“, sondern die Sinnzuschreibung selbst sei dann der Grundbegriff der Analyse. Mit anderen Worten: man könne nicht die Gewalttat als solche beschreiben, sondern bloß die Oszillation zwischen Fremd- und Selbstzuschreibung.

An dieser Stelle bekommt nun Baeckers eigene Option für einen dritten Gewaltbegriff klarere Konturen. Er beginnt mit dem Vorschlag von Talcott Parsons und Edward A. Shils, Handlung als soziales System zu betrachten, dessen Elemente der Handelnde, eine Handlungssituation und die Orientierung des Handelnden an der Situation sind (Parsons/Shils 1951: 53-109). „Handlung“ sei dann das Produkt einer Sinnzuschreibung, die auf die Differenz von Handelndem, Situation und Orientierung zugerechnet werden kann. „Nicht der Handlungsbegriff wäre dann der Aufhänger für einen Gewaltbegriff, sondern der Begriff der Zuschreibung oder Zurechnung“ (Baecker 2007: 39). Diese Einsicht wiederum erfordere eine Hinzuziehung der in den 1950er und 1960er Jahren entwickelten Attributionstheorie, die für die soziologische Untersuchung der Gewalt nachgerade zentral sei (ebd.: 40). Diese sollte nicht an einer Wesensbestimmung von „Gewalt“ ansetzen. Nicht die Gewalt selbst solle man beobachten, sondern den Beobachter, der etwas als Gewalt beschreibt. Das Hauptkennzeichen von Gewalt sei nämlich, dass sie die Zurechnung auf einen Handelnden und dessen Intention unvermeidbar mache, denn „Gewalt ist immer Absicht“. Für Gewalt ist die Zurechnung auf Handlung wesentlich. Und diese Zurechnung werde immer von einem Beobachter vorgenommen, der der Handelnde selber sein kann (ebd.: 41).

Ersetze man auf diese Art und Weise den Handlungs- durch einen Attributionsbegriff, dann müsse sofort nach einem Träger der Prozesse der Attribution gesucht werden. Und dieser Träger, so Baecker, sei das soziale System selbst, das mit Luhmann als Kommunikationssystem zu bestimmen ist. Luhmann zufolge sei Kommunikation nicht direkt beobachtbar, sondern nur indirekt anhand von Handlungen erschließbar. Gewalt, so lautet nun Baeckers eigener Vorschlag, sei nichts anderes als „die Kommunikation der Unvermeidbarkeit einer Attribution auf Handlung […] unter der Bedingung der Strukturierung sowohl des Erlebens wie der Situation durch diesen Versuch der eindeutigen, strikt asymmetrischen und irreversiblen Zurechnung“ (ebd.: 42). Was ist mit dieser komplexen und auf den ersten Blick völlig unklaren Begriffsbestimmung eigentlich gewonnen? Erstens wird „Gewalt“ strikt beobachterrelational und operativ gefasst: es muss einen (oder mehrere) Beobachter geben, die ein Phänomen als Gewalt beschreiben. Zweitens sind diese Beobachter, entweder als Erlebende oder Zurechnende, selbst Bestandteile jener Situation, in der sie etwas als Gewalt zurechnen. Und drittens ist die Attribution auf Handlung keine kontingente, sondern sie ist eine durch die Gewalt, um die es geht, selbst erzwungene!

Die Sprengkraft, aber auch die heuristische Fruchtbarkeit dieses kommunikationstheoretischen Gewaltbegriffs wird erst auf den abschließenden sieben Seiten von Baeckers Aufsatz deutlich. Zentral ist die (eher subkutan vorgebrachte) Einsicht, der der Text auch seinen Titel verdankt, wonach Gewalt immer in sozialen Systemen auftrete. „Der Begriff der Gewalt im System“, so Baecker, lasse „sich in eine ganze Reihe von Anschlussforschungen umsetzen […] und auf unterschiedliche Systemreferenzen beziehen, so dass man nach Unterschieden zwischen der Forcierung der Reduktion von Kommunikation auf Handlung in verschiedenen Typen fragen kann“ (ebd.: 46). Am wahrscheinlichsten sei Gewalt in Interaktionssystemen, wohingegen sie in Organisationen und Funktionssystemen seltener vorkomme (ebd.: 47 ff.). Interessanterweise gebe es zu „Gewalt“ auch keinen Gegenbegriff. Daraus schließt Baecker in vollem Bewusstsein der Paradoxie des eigenen Vorgehens, dass sein Begriff „Gewalt im System“ sachlich unterbestimmt bleibe (ebd.: 50). Deshalb könnten seine Überlegungen diese Paradoxie der eingeschlossenen ausgeschlossenen Gewalt nicht auflösen, sondern nur entfalten. Die Entfaltung geschehe, indem er eine Distinktion operationalisiere: die Unvermeidbarkeit der Attribution von Kommunikation auf Handlung, die sich bei der Beobachtung von Gewaltphänomen unvermeidlich einstelle.

Baecker konstatiert abschließend, dass die Gewalt die Gesellschaft in einen Zirkel verstricke, aus dem es kein Entkommen gebe. Es bleibe lediglich die Identifizierung einer Instanz, die den Zirkel beobachte. Für die NS-Forschung im Allgemeinen und die Forschungen zu Gewaltphänomenen im Nationalsozialismus im Speziellen ergibt sich daraus erst einmal folgende methodologische Konsequenz: Beobachte den Historiker, der die Gewalt beobachtet! Auf wen rechnet er Gewalt zu, wie schätzt er den Stellenwert der Situation ein, in der er und auf die er Gewalt zurechnet und in welcher Weise thematisiert er die eigene Zurechnung? Es geht darum, den Nationalsozialismus zu analysieren, indem man die Funktion der Attribution von Gewalt in verschiedenen sozialen Systemen auslotet. Und da das Schreibende Ich ein Historiker ist, geht es um die gegenwärtige Interpretation der Funktion von Gewalt in Systemen, die der Vergangenheit angehören.

An dieser Stelle ist es noch einmal vonnöten, sich Luhmanns eingangs zitiertes Bonmot ins Gedächtnis zu rufen, wonach Gewalt in der heutigen Gesellschaft stets in binär schematisierter Form (rechtmäßig/unrechtmäßig, legitim/illegitim) beobachtet wird. Welche Konsequenz er daraus zieht, wird aus seinen anschließenden Sätzen deutlich: „Da Gewalt in unserer Gesellschaft faktisch so dichotomisiert ist – und dies nicht zuletzt mit dem Sinn, zur Option zu motivieren und Böcke und Schafe zu sondern –, wird man sich dieser Vorgabe schwer entziehen können, wenn man sich vorschnell auf Gewalt als Einzelthema konzentriert. Georges Sorel und Frantz Fanon gehören zu den prominenteren Opfern solchen Denkens. Wer als Wissenschaftler empfindlich ist gegen gesellschaftliche Vorstrukturierungen seines Denkens, wird sich in eine Situation nicht hineinlotsen lassen, in der ihm nur noch die Möglichkeit bleibt, die Freiheit des Denkens gegen die Freiheit des Negierens zu vertauschen“ (Luhmann 1974: 107). In der NS-Forschung besteht diese Vorstrukturierung des Denkens vor allen Dingen darin, die Gewalt ausschließlich auf der Seite von Unrecht und Illegitimität zu verorten. Es wäre schon viel gewonnen, wenn es gelänge, die Produktivität eines Ansatzes zu zeigen, der sich nicht vorab auf eine solche Position festlegt.

Referenzen

Baecker, Dirk: Gewalt im System, in: ders.: Wozu Gesellschaft?, Kadmos: Berlin 2007, S. 29-52 [ursprgl. erschienen: Soziale Welt 47 (1996), S. 92-109]

Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1972; im französischen Original Seuil: Paris 1972]

Foucault, Michel: Analytik der Macht. Auswahl und Nachwort v. Thomas Lemke, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt: Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1975

Girard, René: Das Heilige und die Gewalt, 2. Aufl., Patmos: Ostfildern 2012 [ursprgl. erschienen: 2006; im französischen Original Grasset&Fasquelle: Paris 1972]

Grüttner, Michael: Das Dritte Reich 1933-1939, Klett-Cotta: Stuttgart 2014

Koselleck, Reinhart: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Karl Alber Verlag: Freiburg im Breisgau 1959

Luhmann, Niklas: Symbiotische Mechanismen, in: Gewaltverhältnisse und die Ohnmacht der Kritik, hg. v. Otthein Rammstedt, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1974, S. 107-131

ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

ders.: Die Politik der Gesellschaft, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2000

ders.: Macht, 3. Aufl., Lucius&Lucius: Stuttgart 2003 [ursprgl. erschienen: 1975]

ders.: Politische Soziologie, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Berlin 2010

ders.: Macht im System, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Berlin 2012

Parsons, Talcott/Shils, Edward A.: Toward a General Theory of Social Action, Harvard University Press: Cambridge Mass. 1951