Gewalt im System, zweites Kapitel

von arminnolzen

„Das Wesenselement des NS-Staates war die Gewalt“ (Herbert 2014: 545). Die NS-Forschung ist sich seit langem darin einig, welch immensen Stellenwert „Gewalt“ für den Nationalsozialismus besaß. Dieser Konsens ist vor allem ein Verdienst der so genannten Täterforschung, die sich seit Beginn der 1990er Jahre entwickelte und die – inhaltlich wie auch epistemologisch – die ältere (undifferenzierte) Rede vom NS-Terrorsystem abgelöst hat (Paul 2002). Inhaltlich, weil „Gewalt“ in (meistens impliziter) Anlehnung an den Soziologen Heinrich Popitz (1992: 43-78) als direkte körperliche Verletzung betrachtet wird, wogegen „Terror“ immer eine institutionalisierte Struktur der Repression bezeichnete. Und epistemologisch, weil mit der Hinwendung zur Ausübung von körperlicher Gewalt, um mit Niklas Luhmann zu sprechen, die Referenzebene gewechselt wurde. Die neuere NS-Forschung legt den Schwerpunkt ihrer Analyse von Gewalt auf die Referenzebene „Interaktion“; in der älteren NS-Forschung lag dieser eher, wenn man davon überhaupt sprechen kann, auf der Ebene von „Organisation“. Erinnert sei daran, dass es Luhmann zufolge insgesamt vier Formen des Sozialen gibt: Interaktion, Protest, Organisation und Gesellschaft (Luhmann 1997: 813-865). Ein Beobachter, der sich wissenschaftlich mit Phänomenen der Vergangenheit befasst (ein Historiker), sollte stets im Auge behalten, auf welcher dieser vier Referenzebenen sich seine Analyse bewegt und welche anderen drei sie ausschließt.

Neueren Forschungen zufolge haben zwischen 1939 und 1945 knapp 750.000 deutsche Männer eigenhändig gemordet. Sie gehörten Einheiten der Wehrmacht, den SS-Totenkopfverbänden, den Einsatzgruppen und -kommandos der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD) der SS oder Bataillonen der Ordnungspolizei (Orpo) an und exekutierten seit dem „Polenfeldzug“ vom September 1939 im rückwärtigen Heeresgebiet unzählige Juden, vermeintliche Partisanen und andere so genannte Gegner des NS-Regimes. Das Interesse der NS-Forschung für diese Täter ist mittlerweile zwei Dekaden alt und begann im Jahre 1992 mit Christopher Brownings Arbeit über das Reserve-Polizeibataillon 101, die wenig später in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde; der wohl ersten Studie, die sich systematisch mit der Beteiligung eines Polizei-Regiments am Massenmord an den europäischen Juden befasste (Browning 1993). Die Polizei-Regimenter waren militärähnliche Formationen, die zur Orpo zählten und 1938/39 aufgestellt worden waren, um die zukünftigen Feldzüge der Wehrmacht im Hinterland zu sichern. Die Orpo unterstand, wie auch die anderen Polizeibehörden, dem entsprechenden Hauptamt im Verwaltungsapparat der SS. Zum 1. September 1939 umfasste sie insgesamt 131.000 Mann, und durch erneute Einziehungen von 43.000 Freiwilligen der Jahrgänge 1909-1912 beziehungsweise 1918-1920 sowie von 91.500 Reservisten der Jahrgänge 1901-1909 wurde sie bis zur Jahresmitte 1940 auf fast 245.000 Mann aufgestockt. Die erste Beteiligung von Polizeibataillonen am Holocaust fand seit dem Sommer 1941 in den besetzten sowjetischen Gebieten statt, als sie die Einsatzgruppen der Sipo und des SD bei den Massenmorden an den sowjetischen Juden unterstützten.

Brownings Studie zum Reserve-Polizeibataillon 101 setzt jedoch bereits zum 1. September 1939 ein, als dieses mit dem Heer in Polen einmarschierte. Die Quellenbasis besteht aus Personalakten aus der NS-Zeit und 125 Vernehmungsprotokollen aus Gerichtsprozessen der 1960er Jahre. Auf deren Grundlage schildert Browning zuerst einmal die soziale Zusammensetzung des Bataillons. Es bestand größtenteils aus Familienvätern im mittleren Alter, die aus Hamburg stammten. Sie kamen zu 63 Prozent aus Arbeiterfamilien, darunter, so spekuliert Browning, viele ehemalige Sozialdemokraten, Kommunisten oder Gewerkschaftsmitglieder. Nur wenige waren Facharbeiter, die meisten hatten vorher als Hafenarbeiter und Lastwagenfahrer gearbeitet. Fast 25 Prozent der Bataillonsangehörigen waren Mitglieder der NSDAP; ein Wert, der fünf Prozent über dem Anteil der Parteimitglieder unter den Männern dieser Altersgruppe zu Kriegsbeginn lag (Schätzung nach Kater 1983: 145 u. 269 ff.). Aus diesem Grund bezeichnet Browning seine Untersuchungsgruppe auch als „ganz normale Männer“. Diese beteiligten sich in Polen 1939/40 zunächst noch nicht an der Ermordung von Einheimischen, wie sie der Volksdeutsche Selbstschutz (Jansen/Weckbecker 1992), die Einsatzgruppen (Krausnick/Wilhelm 1981) und die Einheiten der Wehrmacht (Böhler 2006) arbeitsteilig praktizierten. Der Orpo waren andere noch Aufgaben zugewiesen. Zwischen Mai und Oktober 1940 war das Bataillon im Warthegau an „Aussiedlungen“ beteiligt, bei denen mehr als 37.000 Polen von ihren Höfen vertrieben wurden (Heinemann 2003: 187-250; Harvey 2010: 198-261). Es nahm an der Unterdrückung des polnischen Widerstands teil und sorgte dafür, die aus dem „Altreich“ in den Warthegau deportierten Juden in Ghettos zu pferchen. Inwieweit bei diesen Aktionen exzessive Gewalt ausgeübt wurde, analysiert Browning nicht.

Die Initiation zum Töten, also die erste Mordaktion des Polizei-Reservebataillons 101, fand am 13. Juli 1942 in Józefów statt, als knapp 1.500 jüdische Männer, Frauen und Kindern erschossen wurden. Das Massaker ging auf die Anweisung des SS- und Polizeiführers von Lublin, Odilo Globocnik, zurück, die 1.800 Juden des Ortes zu selektieren und alle „Nicht-Arbeitsfähigen“ zu erschießen (Pucher 1997). Der Bataillonskommandant Wilhelm Trapp, der von diesem Befehl augenscheinlich selbst überrascht worden war, stellte seinen Männern, dies ist ein Spezifikum für solche Mordaktionen, die Teilnahme an der Aktion frei. Browning zufolge war er eine „schwache Autoritätsperson“, das heißt, er beteiligte sich weder am Massenmord von Józefów noch hielt er mit seinen Skrupeln hinter dem Berg. Nachdem die so genannten Arbeitsjuden selektiert worden waren, begannen die Erschießungen, die bis in den späten Abend dauerten. Nur ein Dutzend von insgesamt 500 Bataillonsangehörigen hatte von Trapps Angebot Gebrauch gemacht, sich daran nicht zu beteiligen. Sie wurden zum „Wachdienst“ abkommandiert; einige Männer blieben der Aktion eigenmächtig fern.

Ein Problem bei den Massenmorden lag darin, dass den Männern der 2. Kompanie nicht erklärt worden war, wie sie die Erschießungen auszuführen hatten. Viele Opfer wurden nur verletzt und lagen teilweise mehrere Stunden am Waldrand, bevor man sie per Genickschuss endgültig tötete. Die Schützen wurden alle zwei bis drei Stunden abgelöst, denn im Prinzip sollte jeder einzelne Bataillonsangehörige an der Aktion beteiligt sein. Allerdings gab es eine hohe Ausfallrate, denn viele hielten das eigenhändige Morden nur wenige Minuten aus. Im Reserve-Polizeibataillon 101 gab es, trotz der von Trapp eingeräumten Rückzugsmöglichkeit, eine hohe Beteiligungsquote von 75 bis 80 Prozent. Dies lag Browning zufolge daran, dass die Männer vom Tötungsbefehl total überrascht worden waren und kaum Zeit hatten, sich über die Implikationen der Aktion klar zu werden. Browning erklärt die hohe Beteiligungsrate bei diesem Massaker durch den immensen Konformitätsdruck, der unter den Bataillonsangehörigen bestanden habe. Viele seien noch in den Vernehmungen der 1960er Jahre darüber empört gewesen, was man ihnen in Józefów abverlangt hatte. Und aus Solidarität mit den Kameraden hätten sie sich dann trotzdem daran beteiligt.

Die Massenmorde des Polizei-Reservebataillons 101 blieben nicht nur auf Józefów beschränkt. Anfang August 1942 wirkte die 2. Kompanie an der Ermordung von 1.600 Juden in Lomazy mit. Viele der Opfer versuchten zu fliehen, oft jedoch vergeblich. Das Mordgeschehen vollzog sich aus der Sicht der Täter diesmal reibungsloser, denn sie benötigten mit einem Drittel der Schützen nur die Hälfte der Zeit. Viele Erschießungen gingen auf das Konto ukrainischer und polnischer „Hilfswilliger“. Parallel dazu organisierten andere Einheiten des Bataillons die Deportationen der Juden nach Treblinka. Die Reservepolizisten räumten Ghettos, standen beim Beladen der Züge Wache oder schauten zu. Ende September 1942 beteiligte sich das Bataillon an Erschießungen in Serokomla, Talcyn und Radzýn, wobei es keine größeren Probleme gegeben zu haben scheint. Der Tötungsvorgang war noch effizienter geworden. Bis dahin hatte das Reserve-Polizeibataillon 101 rund 4.600 Juden erschossen und weitere 15.000 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert. Bei der „Aktion Erntefest“ im November 1943 kamen noch einmal 30.000 jüdische Opfer hinzu.

Nach dem Krieg kehrten viele Angehörige des Reserve-Polizeibataillons 101 in ihre alten Berufe zurück und wurden oftmals reibungslos wieder in den Polizeidienst übernommen. Jedoch wurden Bataillonskommandeur Trapp, Kompanieführer Buchmann und ein Hauptwachtmeister Kammer festgenommen und im Oktober 1947 an Polen ausgeliefert. Im anschließenden Verfahren gegen diese Männer ging es ausschließlich um die Ermordung von 78 Juden in Talcyn, die seinerzeit als „Vergeltungsaktion“ inszeniert worden war. Trapp wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet, Buchmann erhielt acht Jahre Gefängnis, Kammer drei Jahre. In der Bundesrepublik Deutschland existierte bis in die 1960er Jahre keine systematische Strafverfolgung von ehemaligen NS-Tätern. Nachdem die Ludwigsburger Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen gegründet worden war, setzten allerdings erste Ermittlungen ein. Zwischen Ende 1962 und Anfang 1967 fand ein Strafverfahren gegen das Reserve-Polizeibataillon 101 statt, bei dem insgesamt 210 ehemalige Bataillonsangehörige vernommen wurden. Angeklagt waren vierzehn Angehörige, die im April 1968 zu je acht, sechs und fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Fünf angeklagte Reservisten wurden zwar für schuldig befunden, aber nicht bestraft (in den vielen Berufungsverfahren wurden die Strafmaße teilweise drastisch reduziert). Dabei darf man aber nicht vergessen, dass dies eines der wenigen Verfahren war, das überhaupt gegen ehemalige Angehörige der Orpo geführt wurde!

Warum, so fragt Browning im langen Schlusskapitel, entwickelten sich die meisten Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 zu Mördern? Nacheinander handelt er die in der damaligen Forschung diskutierten Faktoren ab: Brutalisierung in Kriegszeiten, Rassismus, Arbeitsteilung und Routinisierung, Auswahl der Täter, Karrierismus und Autoritätsgläubigkeit, ideologische Indoktrination und Anpassung. Kriegsbedingte Brutalisierung wie ideologische Indoktrination spielten laut Browning beim Reserve-Polizeibataillon 101 keine Rolle. Um auszuloten, welchen Anteil situative Faktoren an der Entscheidung zum Töten hatten, widmet er sich dem Stanforder Gefängnisexperiment des Sozialpsychologen Philip Zimbardo. Er konstatiert, dass die Situation des Reserve-Polizeibataillons dem Setting dieses Experiments ähnele, das heißt, im Vorgang des Tötens habe sich ein Kern von Männern herausgebildet, die das gerne taten, eine größere Gruppe, die sich auf Befehl beteiligte und eine kleine, lediglich ein Fünftel umfassende Gruppe, die sich den Erschießungen zu entziehen verstand. Im Karrierismus sieht Browning ein Motiv, das nur für wenige Bataillonsangehörige wichtig gewesen sei. Das bekannte Milgram-Experiment lasse sich ebenso wenig als Erklärung anführen (Sandkühler/Schmuhl 1998), weil Bataillonskommandeur Trapp eine schwache Autoritätsperson gewesen sei. Für Browning spielt Anpassungsdruck unter den Bataillons-Angehörigen die Schlüsselrolle. Wer sich nicht an den Erschießungen beteiligte, habe riskiert, im Bataillon isoliert zu werden. Die Gruppendynamik, so könnte man Browning pointiert zusammenfassen, habe mithin zum Massenmord geführt.

Was heißt das nun für die „Gewalt im System“? Zunächst einmal ist es wenig überraschend, dass Browning sich auf Interaktionen konzentriert, denn auf dieser Referenzebene wird man noch am ehesten auf Phänomene der Gewalt stoßen. Erklärungsbedürftiger ist, dass er diese Interaktionen nur unzureichend situiert, sondern den Faktor „Krieg“ als starre Überstruktur ohne jede soziale Dynamik behandelt. Dieses Vorgehen ist viel zu undifferenziert, denn zwischen einer Situation direkter Kriegshandlungen, wie sie sich in den ersten Wochen des September 1939 ereigneten, und einer, in der die Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 mehr als zweieinhalb Jahre permanenter Okkupationspolitik hinter sich gebracht hatten, bestehen einige Unterschiede. Und welches soziale System setzte eigentlich die von Browning so nachdrücklich geschilderte Gewalt frei? Letztlich muss man sie, darauf hat der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl (2014) verwiesen, auf das Reserve-Polizeibataillon 101 als soziales System vom Typus „Organisation“ zurechnen. Den Gruppendruck, der für Brownings Argumentation ja so zentral ist, kann man überhaupt nur auf der Referenzebene „Organisation“ analysieren. Denn Interaktionen vollziehen sich, jedenfalls in modernen Gesellschaften, niemals isoliert, sondern immer in der Umwelt von Organisationen. Das Phänomen „Krieg“ schließlich ist ohne eine Berücksichtigung der Organisationen „Militär“ beziehungsweise „Polizei“ gar nicht in den Griff zu bekommen. In Brownings Bahn brechendem Buch herrscht eine Tendenz, die es heute, mehr als zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, nicht mehr zeitgemäß erscheinen lässt: es vernachlässigt das Phänomen „Organisation“.

Referenzen

Böhler, Jochen: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2006

Browning, Christopher R.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1993

Harvey, Elizabeth: „Der Osten braucht Dich!“. Frauen und nationalsozialistische Germanisierungspolitik, Hamburger Edition: Hamburg 2010

Heinemann, Isabel: „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Wallstein: Göttingen 2003

Herbert, Ulrich: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, C.H. Beck: München 2014

Jansen, Christian/Weckbecker, Arno: Der „Volksdeutsche Selbstschutz“ in Polen 1939/40, Oldenbourg: München 1992

Kater, Michael H.: The Nazi Party. A Social Profile of Members and Leaders, 1919-1945, Cambridge University Press: Cambridge Mass. 1983

Krausnick, Helmut/Wilhelm, Hans-Heinrich: Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, DVA: Stuttgart 1981

Kühl, Stefan: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Suhrkamp: Berlin 2014

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

Paul, Gerhard: Von Psychopathen, Technokraten des Terrors und „ganz gewöhnlichen Deutschen“. Die Täter der Shoah im Spiegel der Forschung, in: ders. (Hg.): Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Wallstein: Göttingen 2002, S. 13-90

Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, 2., stark. erw. Aufl., Mohr: Tübingen 1992 [ursprgl. erschienen: 1986]

Pucher, Siegfried J.: „… in der Bewegung führend tätig“. Odilo Globocnik – Kämpfer für den „Anschluß“, Vollstrecker des Holocaust, Celovec Drava Verlag: Klagenfurt 1997

Sandkühler, Thomas/Schmuhl, Hans-Walter: Milgram für Historiker. Reichweite und Grenzen einer Übertragung des Milgram-Experiments auf den Nationalsozialismus, in: Analyse und Kritik 20 (1998), S. 3-26