Gewalt im System, drittes Kapitel

von arminnolzen

War Christopher Brownings im Jahre 1993 erstmals auf Deutsch veröffentlichte Studie über das Reserve-Polizeibataillon 101 eine genuin geschichtswissenschaftliche Arbeit, so ist die zweite hier zu analysierende Monografie, die ebenfalls der Gewaltforschung zuzurechnen ist, weniger eindeutig einer einzelnen Fachdisziplin zuzuordnen. Sie stammt von Harald Welzer, der an der Universität Hannover 1988 in Soziologie promoviert und 1993 in Sozialpsychologie sowie 2001 in Soziologie habilitiert hat. Sein Buch heißt paradigmatisch „Täter“, ist 2005 erschienen und handelt davon, wie „ganz normale“ Männer im Zweiten Weltkrieg zu Massenmördern wurden. Im Unterschied zur früheren Täterforschung, die sich in erster Linie für Motive interessierte, geht es Welzer um die Ingangsetzung des Mordgeschehens selbst. Er wendet sich den Situationen zu, in denen „ganz normale Männer“ Mörder wurden. Drei Fragen widmet er seine Aufmerksamkeit: Wie nahmen die Täter die Situationen, in denen sie töteten, wahr, welche Binnenrationalität ließ ihnen ihr Handeln als sinnvoll erscheinen und welche soziale Dynamik ging dem Töten voraus? Welzers Ziel ist eine „Sozialpsychologie des Massenmords“, die er mit einem vergleichenden Kapitel zu den Massakern von My Lai und Srebrenica und zum Genozid an den Tutsi in Ruanda zu untermauern sucht.

Im Mittelpunkt der Studie steht jedoch der Mord an den sowjetischen Juden, den das NS-Regime in den ersten Monaten des „Falles Barbarossa“ entfesselte. Anhand des Reserve-Polizeibataillons 45, das im Herbst 1938 im gerade erst geschaffenen „Reichsgau“ Sudetenland aufgestellt worden war und aus Angehörigen der Schutzpolizei beziehungsweise aus Reservisten bestand, analysiert Welzer deren Beteiligung an vier Massenexekutionen jüdischer Männer, Frauen und Kinder in Schepetowka, Berditschew, Winniza und Babij Jar in der Ukraine. Welzers Quellenbasis bilden die Zeugenaussagen und Vernehmungen ehemaliger Angehöriger des Polizeibataillons Süd, die aus den Mitte der 1960er Jahre gegen die Täter eingeleiteten Ermittlungsverfahren stammen. Ihre Nachkriegsaussagen interpretiert er mittels der sozialpsychologischen Experimente von Stanley Milgram, Philip Zimbardo und Salomon Asch und der Interaktionssoziologie Erving Goffmans (Stroebe/Jonas/Hewstone 2007). Außerdem greift Welzer auf die seinerzeit stark angewachsene Forschungsliteratur zum Thema Judenmord zurück (Pohl 1996; Gerlach 1999).

Im Unterschied zu Browning und anderen zeichnet Welzer das Tötungsgeschehen minutiös nach. Darin ist er von Daniel J. Goldhagens Darstellung (1996) inspiriert, die in der NS-Forschung eine interessante Kontroverse ausgelöst hat und von den meisten daran Beteiligten, übrigens auch von Welzer, harsch kritisiert worden ist (Kershaw 2002: 376-391). Die Details dieser barbarischen Morde sind kaum erträglich. Welzer zitiert beispielsweise aus einem Brief, den Polizeisekretär Walter Mattner am 5. Oktober 1941 an seine Frau schrieb: „Bei den ersten Wagen mit Opfern hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt sich an das. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoß sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. Eingedenk dessen, dass ich auch 2 Säuglinge daheim habe, mit denen es diese Horden genauso, wenn nicht noch ärger machen würden. Der Tod, den wir ihnen gaben, war ein schöner, kurzer Tod, gemessen an den höllischen Qualen von Tausenden und Abertausenden in den Kerkern der GPU. Säuglinge folgen in hohem Bogen durch die Luft, und wir knallten sie schon im Fliegen ab, bevor sie in die Grube und ins Wasser flogen“ (Welzer 2005: 185).

In diesem Brief sind einige Bestandteile des von Welzer als „Tötungsarbeit“ bezeichneten Massenmordes enthalten: die anfängliche Unsicherheit der Täter, wie genau das Töten zu bewerkstelligen sei, der Lerneffekt durch die „Tötungsarbeit“ und das Rechtfertigen des Tötens von Säuglingen mit einer Art Putativnotwehr. Wenn wir nicht die Säuglinge unserer Feinde ermorden, so werden es unsere Feinde mit unseren Säuglingen tun, so der Argumentationsgang. Interessant ist, dass die Aussagen der Täter in den 1960er Jahren voller Mitleid für sich selbst oder für ihre Kameraden waren, die ein solches barbarisches Geschehen mitbekommen hatten. Ein anderes Zitat zum Massenmord an jüdischen Kindern: „Besonders bei der Erschießung von Kindern habe ich die grauenhafte Erinnerung, dass diese Kinder an den Haaren gepackt und dann erschossen wurden. Dabei ist es vorgekommen, dass dem Schützen die Schädeldecke mit den Haaren in der Hand blieb, während das Kind in die Grube fiel“ (ebd.). Selbst in solchen Äußerungen wird kaum Empathie mit den Opfern aufgebracht, sondern nur mit den Tätern, die eine „grauenhafte Arbeit“ hätten verrichten müssen, dabei jedoch, wie es in Heinrich Himmlers berüchtigter Posener Rede im Oktober 1943 hieß, moralisch anständig geblieben seien.

Wie kam es nun zu solchen barbarischen Exzessen? Als wichtigste Ursache für die Eskalation zum Massenmord identifiziert Welzer die graduelle Verschiebung des „Referenzrahmens“ seit dem 30. Januar 1933. Indem man die Juden nach 1933 zu Feinden erklärte und sukzessive aus der deutschen Gesellschaft ausschloss, wurde ein Prozess in Gang gebracht, an dessen Ende der Massenmord stand. So schuf die Stigmatisierung der Juden eine spezifische NS-Moral, die es den Tätern später erleichterte, ihre Morde zu begehen. Sie entwickelten die Hintergrundannahme, dass eine „Lösung des Judenproblems“ wünschenswert sei, und das Verhalten ihres gesellschaftlichen Umfeldes bestätigte sie darin. Beim Mordgeschehen selbst war es dann von entscheidender Bedeutung, dass sich eine arbeitsteilige Routine entwickelte, an deren Anfang eine Initiationshandlung stand, der wiederum spezifische Professionalisierungsschübe folgten, etwa bei der Heranführung der Opfer zur Exekutionsstätte, der Art und Weise ihres Erschießens oder der Beseitigung der Leichen. Am Ende begriffen die Täter die Massenmorde als notwendige Arbeit, was Welzer zufolge einen Prozess der „Normalisierung“ anzeigt. Damit relativiert er die gängige Ansicht, wonach die Täter eine schleichende Brutalisierung durchlaufen hätten, die ihnen das Töten gewissermaßen erleichtert habe. In ihrer Eigenwahrnehmung mutierte der Massenmord zum normalen Geschehen, und nicht zuletzt daraus erklärt sich ihr fehlendes Schuldbewusstsein nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.

Die Verschiebung des „Referenzrahmens“, die Herausbildung einer partikularen NS-Moral und die Dynamik des Tötens vor Ort beziehungsweise die Normalisierung der „Tötungsarbeit“ führten also, folgt man Welzer, zum Genozid an den Juden. Alle künftigen Forschungen, die sich mit diesem Thema befassen, sollten ihrer Analyse diese drei Eskalationsschritte als heuristisches Muster zugrunde legen. Darin liegt auch ein produktiver Ausgangspunkt für die vergleichende Genozidforschung, die Welzer zwar explizit einfordert, in seinen rudimentären Ausführungen zu den Ereignissen in Vietnam, Bosnien und Ruanda jedoch schuldig bleibt. Für die NS-Forschung besteht die Leistung des vorliegenden Buches darin, dass es den längst überfälligen Schritt von der Suche nach Intentionen und Motiven der Täter zu einer Verbindung zwischen den kulturellen Prägungen der Täter durch die NS-Gesellschaft und der sozialen Dynamik der Situation vollzieht. Browning hatte sich fast einzig und allein auf die „Tötungsarbeit“ und die gruppendynamischen Prozesse in den Polizeieinheiten konzentriert. Welzers Erklärungsversuch ist dagegen komplexer: Die Teilnahmebereitschaft an den Massenmorden wird als Resultat der kulturellen Verfasstheit der NS-Gesellschaft, gruppendynamischer Prozesse sowie einer sich an situative Gegebenheiten anpassenden Praxis interpretiert. Dabei lässt er ideologische Faktoren keinesfalls außer Acht, sondern arbeitet sie in seine Begriffe „Referenzrahmen“ und „nationalsozialistische Moral“ ein.

Im Vergleich zur früheren Täterforschung markiert Welzers Buch keinen inhaltlichen, sondern einen methodischen Erkenntnisfortschritt. Er hat die Diskussion um einen interaktionistischen Ansatz bereichert, der mit sozialpsychologischen Interpretamenten gekoppelt wird. Dies war für die NS-Forschung, die methodisch immer noch konservativ ist, seinerzeit neu. Dennoch zeichnen Welzers Ausführungen durch einige grundsätzliche Probleme aus. Zuerst einmal ist zu betonen, dass er die NS-Moral fast ausschließlich aus Quellen deduziert, die von Schreibtischtätern wie Werner Best oder Adolf Eichmann stammen. Inwieweit die an den Erschießungen beteiligten Personen bei der Tat überhaupt eine NS-Moral besaßen, ist fraglich. Anders ausgedrückt: Ist die NS-Moral nicht etwas, das nach dem Krieg in den Täteraussagen erst konstruiert wurde? Muss diese Moral zwangsweise auch schon während des Tötens vorhanden gewesen sein? Lassen sich die sozialpsychologischen Experimente der 1950er bis 1970er Jahre, die zudem in einem anderen kulturellen Kontext stattfanden, eigentlich auch auf Menschen im NS-Staat anwenden? Wenn die NS-Moral wirklich so verbreitet war, warum töteten dann nicht weitaus mehr Personen? Welche Rolle spielte es, dass viele der Täter aus dem Polizeibataillon 45 aus dem erst 1938 annektierten Sudetenland kamen? Inwiefern war die NS-Moral dort auch relevant? Inwieweit war es die Interaktion mit den Opfern selbst, die den Prozess des Tötens dynamisierte oder bremste? Die Rolle der NS-Moral steht dabei gewissermaßen im Zentrum. Aus Welzers Ansatz haben sich daher eine Reihe von Anschlussforschungen zur NS-Moral ergeben, deren Stellenwert aber noch nicht abschließend ausgelotet worden ist (Gross 2010; Bialas 2014).

Für die „Gewalt im System“, deren Beantwortung sich diese Serie von Eintragungen zum Ziel gesetzt hat, ist Welzers Konzept des „Referenzrahmens“ von besonderem Interesse, das er in einer neueren Arbeit mittlerweile konkretisiert hat (Neitzel/Welzer 2011). In „Täter“ wird der „Referenzrahmen“ noch etwas rudimentär wie folgt konzipiert (Welzer 2005: 16): „Ein gesellschaftlicher Prozess, in dem die radikale Ausgrenzung von Anderen als positiv betrachtet wird […], bildet gewissermaßen den ersten Kreis des Tatzusammenhangs. Dieser Kreis schafft eine dynamische gesellschaftliche Deutungsmatrix, die den individuellen normativen Orientierungen und ihren Veränderungen einen Rahmen gibt. Dieser kann fallweise über- und unterschritten oder ignoriert werden; er ist aber für die Analyse von Täterhandeln deswegen von Bedeutung, weil die Entscheidungen für das eigene Handeln nicht rein situativ und individuell getroffen werden, sondern immer auch an diesen größeren Rahmen gebunden sind […]. Dieser Rahmen veränderte sich in den zwölf Jahren zwischen 1933 und 1945 rapide, und er ist wichtig für die Wahrnehmung einer gegebenen Situation durch den Einzelnen […]“.

In diesem Zitat ist der „Referenzrahmen“ auf der Ebene der Gesellschaft angelegt, mit anderen Worten: Welzer geht davon aus, dass in einer Gesellschaft, in der es erlaubt wird, den Anderen zu töten, dies auch geschieht. Etwas kryptisch muteten allerdings seine Ausführungen zur Über- und Unterschreitung beziehungsweise zum möglichen Ignorieren des Referenzrahmens an. Wann und in welcher Situation wird denn welche Option gewählt? Wie hoch ist die strukturbildende Kraft eines „Referenzrahmens“, der sich permanent verändert beziehungsweise verschiebt? In welchem Verhältnis stehen die Makroebene des „Referenzrahmens“ und die Mikroebene des Tötens? Und wo bleibt die Mesoebene „Organisation“? Welzer tendiert in seinem Vergleich des NS-Regimes mit Vietnam, Bosnien und Ruanda unter der Titulatur „Alles ist möglich“ dazu, alle Unterschiede bei modernen Genoziden zu nivellieren und den Massenmord nachgerade zu anthropologisieren. Das Präsens im Untertitel seines Buches ist in dieser Hinsicht bezeichnend. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist, wusste schon Thomas Hobbes. Viel interessanter wäre zu wissen, unter welchen Bedingungen er zum Wolf wird und unter welchen nicht.

Referenzen

Bialas, Wolfgang: Moralische Ordnungen des Nationalsozialismus, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 2014

Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburger Edition: Hamburg 1999

Goldhagen, Daniel J.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Siedler: Berlin 1996

Gross, Raphael: Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2010

Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 3. Aufl. der erw. u. überarb. Neuausgabe, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2002 [urspgrl. erschienen: 1988]

Neitzel, Sönke/Welzer, Harald: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2011

Pohl, Dieter: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Gewaltverbrechens, Oldenbourg: München 1996

Stroebe, Wolfgang/Jonas, Klaus/Hewstone, Miles: Sozialpsychologie. Eine Einführung, 7. Aufl., Springer: Berlin/Heidelberg/New York 2007 [ursprgl. erschienen: 1990]

Welzer, Harald: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Unter Mitarbeit v. Michaela Christ, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2005