Gewalt im System, viertes Kapitel

von arminnolzen

Gäbe es einen Klassiker der Gewaltforschung zum NS-Staat, wie sie sich in den letzten beiden Dekaden entwickelte, dann wäre wohl am ehesten an Michael Wildts Studie „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung“ von 2007 zu denken, Wildt, damals Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung und mittlerweile Professor für „Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus“ an der Berliner Humboldt-Universität, war, ähnlich wie Harald Welzer (2005), mit der damaligen Täterforschung unzufrieden. Deren „Verlangen, immer neue Täter und Tätergruppen zu entdecken“, führe „letztlich zur totalisierenden Konsequenz, in der deutschen Gesellschaft zwischen 1933 und 1945 ausnahmslos eine »Tätergesellschaft« zu erkennen – eine Qualifizierung, die zwar kollektive Verurteilungen und moralische Distanzierung ermöglicht, analytisch jedoch nichts mehr erklärt“ (Wildt 2007: 11). Ihm gehe es demgegenüber darum, die Transformation der NS-Gesellschaft nach 1933 in den Blick zu nehmen, die auf die Herstellung einer „Volksgemeinschaft“ abzielte. Im Zentrum dieses Prozesses verortet er die nationalsozialistische Gewalt, genauer: die Gewalt gegen Juden, wie sie sich zunächst in der Weimarer Republik seit 1919 und dann verstärkt nach der NS-Machtübernahme im Deutschen Reich Bahn gebrochen hatte.

Wildt beginnt seine Analyse, indem er die Genese des „Volksgemeinschaftsdiskurses“ skizziert, den er mit den „Ideen von 1914“ und dem „Fronterlebnis“ des Ersten Weltkrieges beginnen sieht. Nach der Kriegsniederlage 1918/19 und der Gründung der ungeliebten Weimarer Republik wurde „Volksgemeinschaft“ dann zu einem Sammelbegriff, der für fast alle gesellschaftlichen Gruppen anschlussfähig war. Protestantische und „völkische“ Kreise beispielsweise sahen im integralen Nationalismus, der das „Großdeutsche Reich“ entlang der „Volkstumsgrenze“ definierte, ihre Erfüllung. Sozialdemokraten und Kommunisten erstrebten eine Solidargemeinschaft aller unterdrückten Klassen, und Katholiken bot das Modell der bedrohten Glaubensgemeinschaft seit dem „Kulturkampf“ einen willkommenen Anknüpfungspunkt. Alle drei Gruppen operierten mit dem Begriff „Volksgemeinschaft“, unter dem sie aber durchaus Unterschiedliches verstanden.

Eine gemeinsame Stoßrichtung ergab sich nun jedoch aus der Logik des Begriffes, denn diese erforderte zwangsläufig eine Festlegung, wer zur „Volksgemeinschaft“ gehören sollte und wer nicht. Dabei ging es nicht zuletzt darum, Kriterien von Inklusion und Exklusion zu entwickeln. Wildt zeichnet nach, wie sich insbesondere die „Völkischen“ und die Nationalsozialisten während der Weimarer Zeit darin hervortaten, die Grenzen dieser Gemeinschaft zu ziehen, indem sie Juden überfielen, deren Eigentum zerstörten und antisemitische Ausschreitungen inszenierten. Aber auch konservative Kräfte stießen in dasselbe Horn. So forderte ein Führer der katholischen Bayerischen Volkspartei (BVP) 1920 bei einer öffentlichen Versammlung, „80.000 verlauste Ostjuden“ aus dem Deutschen Reich hinauszuwerfen, was die Zuhörer mit dem Zuruf „Schlagt sie tot!“ quittierten. Dennoch betont Wildt, dass sich die demokratischen Kräfte in der Weimarer Republik der Sogwirkung der antijüdischen Gewalt noch entziehen konnten. Dies habe sich nach dem 30. Januar 1933 jedoch grundlegend geändert, weil die Nationalsozialisten als verlängerter Arm der Reichregierung fungierten und ihre Gewalt gegen Juden ins Uferlose ausdehnten.

Anhand vieler Einzelbeispiele schildert Wildt chronologisch jene antijüdischen Gewaltexzesse, die mit dem reichsweiten „Judenboykott“ am 1. April 1933 begannen, sich über den Pogrom des Sommers 1935 fortsetzten und in der „Reichskristallnacht“ vom 9. und 10. November 1938 kulminierten. Dabei stützt sich der Autor auf die im Moskauer Sonderarchiv überlieferten Akten des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die von Otto Dov Kulka und Eberhard Jäckel (2004) edierten Stimmungsberichte von NS-Behörden zur „Judenfrage“ und die umfangreiche Lokalforschung zur Judenverfolgung in der NS-Zeit. Wildt liefert eine „dichte Beschreibung“ der antijüdischen Gewaltexzesse, die im Fall der so genannten Prangerumzüge vom Sommer 1935 besonders eindringlich ausfällt. Dabei wurden nichtjüdische Frauen, denen man sexuelle Beziehungen zu Juden unterstellte, und jüdische Männer, die mit „arischen“ Frauen zusammenlebten, durch den Ort getrieben und der „Rassenschande“ bezichtigt. Dieses Vorgehen schloss an die bereits seit dem 12. Jahrhundert bei der Gründonnerstagsliturgie gängige Praxis öffentlicher Buße an, mit der Verletzungen von Sexualnormen sanktioniert worden waren. Seit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches 1848/49 waren diese Strafpraktiken verboten.

Die Herstellung der NS-„Volksgemeinschaft“, daran lässt Wildt keinen Zweifel, korrespondierte seit dem Ersten Weltkrieg immer mit unterschiedlichen Praktiken von Exklusion und Inklusion. In der antijüdischen Gewaltausübung kamen beide Aspekte zusammen. Die Exklusion jüdischer Opfer ging mit einer Inklusion der unmittelbaren Tatbeteiligten und der Zuschauer einher. Für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und ihre paramilitärischen Formationen brachte die Gewaltpraxis den erwünschten Nebeneffekt mit sich, ihre Kader zu mobilisieren. Das bloße Zuschauen wiederum, das ein Massenphänomen war, machte viele Deutsche zu Komplizen der Gewalt. Bei der Beurteilung des Verhaltens der Bevölkerung gegenüber der NS-Judenpolitik kann insofern, so schlussfolgert Wildt, die gängige Trennung zwischen Beteiligung, Indifferenz und Komplizenschaft nicht mehr aufrechterhalten werden. Seine Studie vermittelt außerdem zwei weitere wichtige Einsichten. Zum einen blieb die „Volksgemeinschaft“, die durch die Gewalt gegen Juden geschaffen wurde, in erster Linie auf ländliche Gebiete beschränkt. Zum anderen erwies sie sich als temporäres Phänomen, das sich im Grunde genommen im Gewaltakt selbst erschöpfte und immer wieder neu ausgehandelt werden musste. Die „Volksgemeinschaft“ als Folge antijüdischer Gewalttaten war an Raum und Zeit gebunden. Nur auf diesem Hintergrund wird auch die einleitende Erklärung des Autors verständlich, wonach er keine Gesamtdeutung der NS-Gesellschaft, sondern lediglich eine exemplarische Analyse beabsichtigt habe.

Die vorliegende Studie markiert einen Paradigmenwechsel in der so genannten Täterforschung zum NS-Staat. Wildt fragt nicht mehr nach den Akteuren und ihren Motiven, sondern nach den Praktiken, durch die die „Volksgemeinschaft“ nach 1933 konstruiert wurde. Diese wird nicht mehr essentialistisch zu definieren versucht, sondern als ein zeitlich und räumlich begrenztes Resultat spezifischer Praktiken verstanden. Der Autor knüpft insofern an kulturgeschichtliche Herangehensweisen an, ohne die Akteure zu verabsolutieren. Sein Vorgehen erinnert an Benedict Andersons (2005) Diktum von der Nation als gedachter Ordnung, die auf der Erfindung eines kollektiv verbindlichen Ursprungsmythos basiere. Wildt lässt keinen Zweifel daran, dass die Gewalt gegen Juden nur ein Politikfeld war, das für die Etablierung der „Volksgemeinschaft“ von Bedeutung war. Weitere Praktiken, so die polizeiliche Disziplinierung, die totale Organisation der Bevölkerung in der NSDAP oder die biopolitischen Klassifikationen der Humanwissenschaften, hielten die Dynamik von Exklusion und Inklusion im NS-Staat in Gang. Die Frage, inwieweit die „Volksgemeinschaft“ nach 1933 tatsächlich Realität wurde, erweist sich in diesem Zusammenhang als weniger bedeutsam. Wichtiger wird es sein, die „volksgemeinschaftlichen“ Praktiken in ihren Wechselwirkungen herauszuarbeiten und deren unterschiedliche Ausprägungen in der Zeit- und in der Raumdimension zu berücksichtigen.

Und daraus ergibt sich für das Thema „Gewalt im System“ gleich auch das wesentliche Problem. Wildt konzentriert sich, um mit Niklas Luhmann (1997) zu sprechen, auf die Referenzebene „Interaktion“; Gewaltausübung ist ihm eine interaktive Praxis. Der Begriff „Volksgemeinschaft“ allerdings ist, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe (Nolzen 2013 u. 2014), am besten auf der Referenzebene „Gesellschaft“ anzusiedeln. Um beide Bereiche miteinander zu verzahnen, ist es notwendig, die Zeit-Raum-Distanz zu überwinden. Im Zentrum der Analyse jenes Zusammenhangs zwischen Gewalt und der Herstellung von „Volksgemeinschaft“ müsste also die Frage stehen, wie sich diese Praktiken über Zeit und Raum hinaus reproduzieren und stabilisierten. Anders herum ausgedrückt: wie soll man eine Interaktion, die zeitlich und räumlich begrenzt ist, auf die Ebene von „Gesellschaft“ bringen? Wildt oszilliert zwischen beiden Referenzebenen, und daraus entsteht das Problem der Repräsentativität oder Relevanz von körperlicher Gewaltausübung im Vergleich zu anderen „volksgemeinschaftlichen“ Praktiken. Wenn Gewalt nur temporär und räumlich beschränkt war, in welchem Verhältnis steht sie dann zu anderen Praktiken, etwa zu kollektiv bindenden Entscheidungen durch Gesetzgebung?

Dieses Dilemma kommt auch in Wildts Schlussbetrachtung zum Ausdruck, wenn er formuliert: „Die Verfolgung der deutschen Juden als »Volksfeinde«, als »rassische Gegner des deutschen Volkes«, war das wesentliche politische Instrument zur Zerstörung des Staatsvolkes und zur Herstellung der Volksgemeinschaft“ (Wildt 2007: 361). Dies ist in seiner Allgemeinheit sicher zutreffend, aber die Verfolgung der deutschen Juden in toto und die Ausübung von körperlich verletzender Gewalt in Interaktionen sind doch zwei völlig verschiedene Dinge. Letztere ist zwar in ersterer enthalten, aber eine induktive Schlussfolgerung verbietet sich. Meines Erachtens bedarf es dreierlei, um die beiden Referenzebenen „Gesellschaft“ und „Interaktion“ zu verbinden: einer Medientheorie, in deren Rahmen die Kommunikationsströme zwischen den Akteuren in einzelnen Regionen unter die Lupe genommen werden, der Berücksichtigung der Mesoebene „Organisation“ (insbesondere der Kommunikationswege innerhalb einer solchen Organisation, etwa der NSDAP) und drittens der Aufstellung einer Raum-Zeit-Tabelle, wie es Randall Collins gefordert hat, um mikro- und makrosoziologische Ereignisse zu korrelieren (Collins 2012: 61-97, hier 62-68; ebenfalls wichtig Collins 2011). Die Rede von der „Gewalt im System“ impliziert ja immer die Frage: auf welcher Referenzebene findet welches Ereignis statt oder: welcher Beobachter rechnet welche Ereignisse auf welche Referenzebene zu?

Referenzen

Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Campus: Frankfurt am Main/New York 2005 [im englischen Original: 1983]

Collins, Randall: Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, Hamburger Edition: Hamburg 2011

ders.: Ausgewählte Schriften, hg. v. Jörg Rössel, Springer VS: Wiesbaden 2012

Kulka, Otto Dov/Jäckel, Eberhard (Hg.): Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945, Droste: Düsseldorf 2004 (mit CD-ROM)

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

Nolzen, Armin: Nationalsozialismus und ›Volksgemeinschaft‹. Plädoyer für eine operative Semantik, in: von Reeken, Dietmar/Thießen, Malte (Hg.): ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis. Neue Forschungen zur NS-Gesellschaft vor Ort, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2013, S. 51-63

ders.: The Nazi Party’s Operational Codes after 1933, in: Gotto, Bernhard/Steber, Martina (eds.): Visions of Community in Nazi Germany: Social Engineering and Private Lives, Oxford University Press: Oxford 2014, pp. 87-100

Welzer, Harald: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Unter Mitarbeit v. Michaela Christ, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2005

Wildt, Michael Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburger Edition: Hamburg 2007