Gewalt im System, fünftes Kapitel

von arminnolzen

Dass auch die soziologische Gewaltforschung den Nationalsozialismus mittlerweile als Thema zu entdecken beginnt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Michaela Christ, einer engen Mitarbeiterin Harald Welzers. Im Dezember 2011 hat sie ihre Dissertation über die Ermordung der Juden von Berditschew vom Sommer/Herbst 1941 in der „Schwarzen Reihe“ des Fischer-Verlages, einer sehr renommierten Adresse der NS-Forschung, veröffentlicht (Christ 2011). Parallel publizierte sie einen aufsehenerregenden und umstrittenen Artikel in der Zeitschrift „Soziologie“, der in der These gipfelte, dass Nationalsozialismus und Holocaust in der deutschsprachigen Soziologie seit 1945 ein Schattendasein führten (Christ 2012). Daraus entstand eine kontroverse Debatte, deren vorläufiger Schlusspunkt ein umfänglicher Sammelband bildete, den Christ gemeinsam mit Maja Suderland herausgegeben hat, einer Soziologin, die sich in erster Linie für die Gewaltausübung in den Konzentrationslagern interessiert (Suderland 2007, 2008 u. 2009). Diese Bestandsaufahme der soziologischen Forschung zum Nationalsozialismus leidet allerdings sehr darunter, dass sie englischsprachige Autoren vernachlässigt (Christ/Suderland 2014; dazu meine Besprechung unter http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20186). Perspektiven für die künftige soziologische Forschung bleiben ebenfalls Mangelware.

Dies ist in ihrer Dissertation anders, denn darin zeigt Christ, wie produktiv eine Hinwendung der NS-Forschung zu den drei Aspekten „Gewalt“, „Raum“ und „Körper“ sein kann. Dabei geht sie von dem Befund aus, dass sich der NS-Massenmord an den ukrainischen Juden fundamental von ähnlichen Aktionen in Westeuropa, in Ungarn und im Generalgouvernement unterschied. Die ukrainischen Juden seien nicht in Ghettos gepfercht oder in Vernichtungslager deportiert, sondern sofort nach dem deutschen Einmarsch in der Nähe ihrer Wohnorte ermordet worden. „Ziel dieser Studie ist es zu untersuchen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln all dies geschah. Was passierte konkret in einer Stadt, in der nahezu ein Drittel der Einwohner/innen innerhalb weniger Monate öffentlich ermordet wurde? Welche sozialen Prozesse gingen dem Massenmord voraus, begleiteten ihn, trieben ihn voran, hemmten ihn und welche Folgen zeitigte er? In welchen Beziehungen standen einzelne Akteure und Akteursgruppen zueinander? Wie verschoben sich die Machtbalancen in diesen Verhältnissen? Wer profitierte in welcher Hinsicht und zu welchem Zeitpunkt von Besatzung und Massenmord? Wie veränderten sich die Handlungsperspektiven und Handlungsmöglichkeiten der Bewohner/innen – aller Bewohnerinnen Berditschews – insgesamt im Verlauf der knapp 30-monatigen deutschen Herrschaft?“ (S. 14). Die Fragestellung ist also auf der Referenzebene „Gesellschaft“ angesiedelt. Es geht Christ darum, die sozialen Rückwirkungen von Gewalthandlungen in einer städtischen Gesellschaft auszuloten.

Welche Quellen benutzt die Autorin? Zunächst erstaunt die Einschätzung, dass „kein einziges zeitgenössisches Dokument ausfindig gemacht werden konnte, in dem der Mord an den Berditschewer Juden, in welcher Form auch immer, dokumentiert ist“ (S. 27). Ihre Hauptquelle bilden rund 40 Interviews mit jüdischen Männern und Frauen, die zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion „zwischen fünf und 25 Jahren alt gewesen sind und die die Besatzungszeit in Berditschew oder in der näheren Umgebung verbracht hatten“ (S. 26). Hinzu kommen viele andere Selbstzeugnisse, auch von Tätern, wenige Ermittlungsverfahren und einige archivalisch erhaltene Dokumente aus dem Berliner Bundesarchiv, die „Ereignismeldungen UdSSR“ der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS, die mittlerweile auch gedruckt vorliegen (Mallmann/Angrick/Matthäus/Cüpper 2011). Den Schwerpunkt der Quellen bilden also Ego-Dokumente, und Christ weiß sehr genau um deren Grenzen. „Auf der Grundlage der einzelnen Erzählungen ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, ob sich ein Ereignis in genau der beschriebenen Art und Weise zugetragen hat. Erinnerungserzählungen eignen sich nicht dazu, Daten, Zahlen und Fakten herauszufiltern, dies kann allein in der Zusammenschau mit anderen Materialien geschehen […]. Trotz quellenkritischer Einwände wie dem vorangegangenen sind die Erinnerungsberichte der Männer und Frauen aus Berditschew wertvolle Dokumente. Sie erzählen davon, wie sie die Situation der Besatzung erlebt haben, welche Prozesse für ihre Lebensplanung und ihre Entscheidungen entscheidend waren und in welcher Position und Rolle sie sich selbst und andere Akteure gesehen haben. Dies ist […] dann aufschlussreich, wenn in Verbindung mit anderen Materialien Interdependenzgeflechte untersucht und die Handlungsspielräume und -grenzen der verschiedenen Akteure herausgearbeitet werden sollen“ (Christ 2011: 26 f.).

Im weiteren Verlauf ihrer Analyse wird die Autorin dem eigenen Postulat einer Heranziehung zusätzlicher Materialien aber nicht gerecht: Im Gegenteil: sie stützt ihre Aussagen größtenteils auf die genannten Ego-Dokumente, und daraus ergeben sich drei methodologische Diskrepanzen: erstens die Privilegierung nachträglicher Wahrnehmungen vor der situativen Realität, zweitens die Privilegierung des Erleidens körperlicher Gewalt vor der Ausübung derselben und drittens die Privilegierung der Referenzebene „Interaktion“ vor der Referenzebene „Gesellschaft“. Alle drei Aspekte wären nicht problematisch, legte die Fragestellung der Autorin nicht eine völlig andere Vorgehensweise nahe. Um die Interdependenzen zwischen einzelnen Akteursgruppen analysieren zu können, hätte sie diese gleichrangig behandeln und mittels objektiver Parameter miteinander in Beziehung setzen müssen, etwa durch eine Sozialstrukturanalyse. Um die Dynamik der Gewalt herauszuarbeiten, hätte sie Täter-, Opfer- und Zuschauerperspektive miteinander kombinieren müssen. Und um individuelle oder kollektive Handlungsmöglichkeiten auszuloten, hätte sie den sozialen Raum (Pierre Bourdieu) und dessen Entwicklung in der Zeit berücksichtigen müssen. Fragestellung und empirisches Material passen nicht zueinander; ein für die Soziologie, die doch als besonders methodenbewusst gilt, ungewöhnliches Versäumnis.

Christs Arbeit ist dennoch alles andere als wertlos. Das Zentralkapitel „Die Dynamik des Tötens“ (S. 47-264) beeindruckt in der Reichhaltigkeit und Anschaulichkeit der darin erzählten Details und der einfühlsamen Schilderung des Leidens der Opfer. Nacheinander behandelt die Autorin die Situation während des deutschen „Blitzkrieges“ im Sommer 1941, die Eroberung der Stadt Berditschew durch die Wehrmacht, die Plünderungen, die Bereicherung der „Volksdeutschen“, die soziale Deklassierung der Juden, die kurzzeitige Ghettoisierung (ein Widerspruch zu ihrer Aussage in der Einleitung!), den Beginn des massenhaften Judenmordes und, als Kernstück, die Mordaktion am 15. September 1941, als mehrere Tausend Juden von deutschen Polizeieinheiten erschossen wurden (die anschließenden Morde von 1942/43 schildert Christ nur kursorisch, so dass es nicht um die Ermordung aller Juden von Berditschew geht, wie der Untertitel des Buches suggeriert). Es dominiert die Perspektive der jüdischen Opfer. Dies wäre gerechtfertigt ist, hätte sie in ihrer Einleitung nicht ständig versprochen, Multiperspektivität zu praktizieren.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Christ kombiniert ihre Schilderungen der realen Ereignisse aus den Zeitzeugenberichten mit einer Vielzahl von sozial- und kulturtheoretischen Erwägungen. Ihr Vorgehen ist deduktiv, das heißt, die soziologische Theorie erklärt entweder das historische Geschehen oder füllt die Lücken, die sich aus der Quellenlage ergeben. Aus vielen Beispielen will ich hier nur die Ausführungen über das Abschneiden und Anzünden der Bärte männlicher Juden durch die NS-Besatzer anführen, dem Christ ein eindringliches Unterkapitel widmet (S. 133-140). Sie sieht diese „Bartverstümmelungen“ als notwendige Vorbedingung der späteren Judenvernichtung. „Gemeinsam probten Angehörige der Besatzungsmacht in solchen Szenarien, wie weit sie gehen konnten. Sowohl hinsichtlich dessen, was der Einzelne von ihnen zu tun in der Lage war, als auch mit Blick auf die Duldsamkeit der Bewohner/innen der Stadt. In grausamen Handlungen wie den Bartverstümmelungen wurden die Differenz zu »den Andren« und Rollenverteilungen innerhalb der eigenen Statusgruppe förmlich in der Gruppe eingeübt. Beides war notwendig, um die späteren, weitaus umfangreicheren Vergehen zu ermöglichen“ (S. 137). Christs Verwendung theoretischer Annahmen gehorcht einer doppelten Logik. Zum einen erklärt sie das empirische Faktum der Bartverstümmelungen aus den spezifischen Funktionen für die Tätergruppe, zweitens werden die Täter, zu denen die Autorin an dieser Stelle ja kein empirisches Material besitzt, geradezu erst als homogene Gruppe konstruiert. Daraus entsteht die Frage nach der historischen Referenzialität des Geschilderten (Goertz 2001). Was ist eigentlich die Referenz der Aussagen, zu denen Christ kommt? Die historische Empirie (die Interviews), ihre theoretischen Vorannahmen oder beides zusammen?

Auch im Hinblick auf mein Thema „Gewalt im System“ liefert die vorliegende Studie wichtiges Anschauungsmaterial. Zunächst einmal ist es schwierig, eine genaue Referenzebene festzustellen, von der aus die Autorin argumentiert. Tendenziell verbleibt sie auf der Ebene von „Interaktion“, wenngleich durch die von ihr benutzte Quellengattung eine weitere Einschränkung vorzunehmen ist: es geht um den (zeitlich um mehrere Jahrzehnte versetzten) Diskurs über Interaktionen. Und dieser Diskurs wird nicht nur von der Opferseite, also den bei den Interaktionen anwesenden Überlebenden, sondern auch durch die Autorin selbst geführt beziehungsweise konstruiert. Im Zentrum des bei Christ analysierten Gewaltsystems stehen daher nicht der Handelnde/Erlebende, die Situation, in der gehandelt/erlebt wurde und die Orientierung des Handelnden/Erlebenden an der Situation, sondern gegenwärtige Zurechnungen (Baecker 2007: 42 ff.). Die Gewalt, die Christ beschreibt, ist zeitlich asymmetrisiert. Gegenwärtige Zurechnungen (der Autorin) sind stärker als die zurückliegenden Zurechnungen (der Überlebenden) und vergangene (zeitgenössische) Zurechnungen von Tätern und Opfern. Die Gegenwart wird mit mehreren Vergangenheiten korreliert und zur Deckung gebracht. Darin liegt das eigentliche Problem dieses Buches: dessen narrative Konstruktion täuscht eine einzige Zeitebene vor.

Referenzen

Baecker, Dirk: Gewalt im System, in: ders.: Wozu Gesellschaft?, Kadmos: Berlin 2007, S. 29-52 [ursprgl. erschienen: Soziale Welt 47 (1996), S. 92-109]

Christ, Michaela: Die Dynamik des Tötens. Die Ermordung der Juden von Berditschew Ukraine 1941-1944, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2011

dies./Suderland, Maja (Hg.): Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven, Suhrkamp: Berlin 2014

Goertz, Hans-Jürgen: Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität, Reclam: Stuttgart 2001

Suderland, Maja: Männliche Ehre und menschliche Würde. Über die Bedeutung von Männlichkeitskonstruktionen in der sozialen Welt der nationalsozialistischen Konzentrationslager, in: Bock, Ulla/Döring, Irene/Krais, Beate (Hg.): Prekäre Transformationen. Pierre Bourdieus Soziologie der Praxis und ihre Herausforderungen für die Frauen- und Geschlechterforschung, Wallstein: Göttingen 2007, S. 118-140

dies.: Die schlafende Kraft des Habitus. Über verborgene Herrschaftsstrukturen in der Häftlingsgesellschaft nationalsozialistischer Konzentrationslager, in: Schmidt, Robert/Woltersdorff, Robert (Hg.): Symbolische Gewalt. Herrschaftsanalyse nach Pierre Bourdieu, UVK Verlag: Konstanz 2008, S. 245-268

dies.: Ein Extremfall des Sozialen. Die Häftlingsgesellschaft in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Campus: Frankfurt am Main/New York 2009

Mallmann, Klaus-Michael/Angrick, Andrej/Matthäus, Jürgen/Cüppers, Martin (Hg.): Die „Ereignismeldungen UdSSR“ 1941. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2011