Public History, Miscellanea A

von arminnolzen

Der erste Merkpunkt in „ad personam“, dem Initiationseintrag von scripturire, lautete: „Dieser Blog ist gegen alle Historiker gerichtet, die Clio zu einer Hure der public history machen“. Es ist an der Zeit, dies zu konkretisieren. Zunächst Clio: in der griechischen Mythologie die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, bildlich zumeist dargestellt durch Papyrusrolle und Griffel. Von alters her fungiert Clio als Schutzpatronin der Historiker; bisweilen auch, so in einer Streitschrift des französischen Schriftstellers Charles Péguy (1873-1914), die erst 1932 posthum vollständig publiziert wurde, als Verteidigerin der vermeintlich „reinen“ Geschichtsschreibung gegen die Theorie- und Methodenorientierung der akademischen Geschichtswissenschaft (Péguy 1932; Schmidgen 2008: 18-24). Clio symbolisiert das scripturire, also das Schreibenwollen von Geschichte, wenngleich sie darin gewissermaßen Konkurrenz im eigenen Hause hat: Calliope, die älteste und ranghöchste der neun Musen, Sinnbild für die epische Dichtung, die Philosophie und die Wissenschaft, die stets eine Schreibtafel mit sich führt. Calliope wie Clio stehen an der Seite derer, die darum ringen, Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes zu schreiben.

Im Gegensatz zu den beiden Musen ist der Neologismus „public history“ vergleichsweise jung und bezeichnet im weitesten Sinn drei Dinge: „history for he public, about the public, and by the public“ (Cole 1994: 1; ausführlich Zündorf 2010). Natürlich ist diese Begriffsbestimmung umstritten geblieben; es hat viele Versuche gegeben, sie zu präzisieren, etwa, wenn Frank Bösch und Constantin Goschler in der Einleitung eines Sammelbandes schreiben: „Unter Public History verstehen wir somit zunächst jede Form von öffentlicher Geschichtsdarstellung, die außerhalb von wissenschaftlichen Institutionen, Versammlungen oder Publikationen aufgebracht wird“ (Bösch/Goschler 2009: 10). Eine solche Definition hat den doppelten Nachteil, institutionalisierte Historiker aus der Öffentlichkeit auszunehmen und umgekehrt Laienpublikationen subkutan die Wissenschaftlichkeit abzusprechen. Andere bezeichnen als „public history“ in erster Linie die mediale Vermittlung von historischem Wissen, wie sie durch Universitäten, Schulen, Museen, Volkshochschulen, Gedenkstätten und Unternehmen, aber auch durch Internet, Kino, Fernsehen, Radio und Zeitungen geschieht (Kühberger/Pudlat 2012). Dabei geht es also um eine Anwendung historischen Wissens, die der Logik des jeweiligen Mediums folgt.

Wie immer auch die aktuelle Debatte über „public history“ weitergehen mag, eines ist jetzt schon auffällig: sie läuft, um eine Metapher aus der Organisationssoziologie zu benutzen (klassisch Cohen/March/Olsen 1972), offenkundig auf ein Mülleimer-Modell hinaus. Demnach kann man „public history“ als einen Mülleimer betrachten, in den die jeweils umstehenden Protagonisten (Historiker, Wissenschaftler anderer Disziplinen, Geschichtswerkstätten und -vereine, Schüler, Studenten und Dozenten, Laien und Journalisten) Problemstellungen, Methoden und Ergebnisse hineinwerfen beziehungsweise ihm wieder entnehmen, um ihre jeweils eigene Art von „public history“ praktizieren zu können. Was diese dann im Einzelfall „ist“, hängt von den im Mülleimer verfügbaren Problemen, Lösungen, Gelegenheiten, sich ihrer zu bedienen, und den individuellen Präferenzen der Teilnehmer ab. Es ist insofern unrealistisch, sich von einer Debatte über „public history“ eine Präzisierung ihres Gegenstands zu erwarten, geschweige denn: einen Konsens unter den Beteiligten darüber zu erlangen, was sie „ist“ (und was sie „nicht ist“).

Bei aller Heterogenität der einzelnen Formen, die unter „public history“ firmieren, scheint mir eine Gemeinsamkeit zu existieren: sie behaupten allesamt (entweder explizit oder implizit) wahre Aussagen über vergangene Ereignisse zu produzieren. Und damit sind wir im Zentrum dessen, worum es in dieser Serie von Eintragungen geht: die Frage, unter welchen Umständen „public history“ eine Wissenschaft sein kann. Inwieweit gehorcht sie, um mit Niklas Luhmann (1990) zu sprechen, der operativen Logik des Funktionssystems Wissenschaft, oder, für denjenigen, der es lieber mit Pierre Bourdieu (2001) hält, bis zu welchem Grad verdankt sich ihre Produktion den Mechanismen des wissenschaftliche Feldes? Unter dem Stichwort „Miscellanea“ geht es um alle nur erdenklichen Produkte, die unter „public history“ rubriziert werden könnten. Sie werden auf ihre Wissenschaftlichkeit abgeklopft (ein Vorhaben, das im Sinne der Wissenschaftstheorie selbst beansprucht, „wissenschaftlich“ zu sein). Dies scheint mir das einzig adäquate Vorgehen zu sein. „Public history“ kann nämlich nicht einfach ignoriert oder pauschal abgelehnt werden, denn sie ist vorhanden und wird (tagtäglich) praktiziert. Jeder Historiker muss sich also zu ihr verhalten, und das kann nur heißen: ihren Grad an Wissenschaftlichkeit überprüfen.

Beginnen wir mit einem Artikel aus der Samstagsausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), Nr. 112, Seite 8, vom 16. Mai 2015. Dort findet sich unter der Rubrik „Zeitgeschehen“ ein Vierspalter nebst Fotografien, der zwei Drittel der gesamten Seite einnimmt. Die Überschrift lautet: „Patriotische Verräter“, der Untertitel „Die von deutscher Besatzung befreiten Länder und ihre Kollaborateure“. Der Verfasser des Artikels ist Peter Sturm, geboren 1958, seines Zeichens promovierter Historiker (Sturm 1988) und seit dem 1. August 1991 bei der FAZ tätig, dort in der Politischen Redaktion mit dem Schwerpunkt Asien befasst. Sturm behandelt die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus, wie sie sich in den im Frühjahr/Sommer 1940 von der Wehrmacht besetzten norwegischen, niederländischen und französischen Gebietsteilen entwickelte, und das Problem der Aufarbeitung dieses Phänomens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Autor stellt einige Kollaborateure in Wort und Bild vor (Vidkun Quisling, Pierre Laval, Philippe Pétain, Anton Adriaan Mussert und den Schriftsteller Knut Hamsun). Ein Einschub befasst sich mit den Tätigkeiten der autochthonen Kommunisten, die ebenfalls der Kollaboration zugerechnet werden, allerdings mit Stalins Sowjetunion, nicht etwa mit NS-Deutschland.

Sturms Ausführungen zeichnen sich im Wesentlichen dadurch aus, dass sie die Kollaboration, deren inhaltliche Schwerpunkte und Praktiken kaum einmal präzise benannt werden, permanent mit der Bestrafung der vermeintlich Schuldigen nach 1945 vermengt und keine Rücksicht auf die Chronologie nimmt. Der Artikel endet mit den folgenden Sätzen: „Die Deutschen haben nach 1945 in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität die Entnazifizierung erlebt. Die Austreibung des nationalsozialistischen Ungeistes in den besetzten Ländern war ebenfalls schwierig. Die Versuchung, nur noch schwarz oder weiß zu sehen, war groß und sicher verständlich. Die Frage, wie im Einzelfall die Unterstützung eines verbrecherischen Regimes zu werten ist, hat aber zahlreiche Abstufungen von Grau zutage gefördert. Die geschichtswissenschaftliche Bewertung mag von zeitgenössischen Urteilen durchaus abweichen. Ein dunkles Kapitel bleibt sowohl die Epoche als auch das Phänomen Kollaboration“.

Warum „ein dunkles Kapitel“? Es gibt doch eine ganze Bibliothek historischer Forschung zum „Phänomen Kollaboration“, und zwar sowohl in seiner europäischen Gesamtheit wie auch zu den einzelnen Ländern (Röhr 1994; Kooperation 2003). Weshalb werden die Kommunisten in den besetzten Ländern bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion ebenfalls als „Kollaborateure“ bezeichnet? Haben sie etwa in derselben Weise mit den NS-Besatzern zusammengearbeitet wie die einheimischen Nationalsozialisten? Nach welchen Kriterien wurden die einzelnen Personen, von denen im Artikel die Rede ist, ausgewählt? Nach politischer Bedeutung oder öffentlichem Bekanntheitsgrad? Schließlich stellt sich die Frage nach dem Anlass des Artikels. Was bringt eigentlich eine renommierte deutsche Tageszeitung dazu, sich an herausragender Stelle mit der Kollaboration zu beschäftigen? Wo liegt das Problem? Was will sie dem Leser damit sagen?

Ein weiteres Kennzeichen des Artikels ist seine wenig konkrete, ja oberflächliche Argumentation, die durch eine besondere journalistische Schreibweise entsteht. Es wimmelt von Formulierungen wie „man“, „viele“, „Teile der eigenen Bevölkerung“, „die meisten Angehörigen“, „scheinbar effektiv“, „kaum“, „einige tausend“, „längst nicht jede“; es dominieren Passivkonstruktionen, Substantivierungen und Kollektivsingulare („Die Deutschen“ und „die Kollaborateure“ ). Hinzu kommt ein uraltes Paradigma der Forschung, das der Autor einführt, als hätte es noch irgendeinen Erkenntniswert. Der NS-Staat sei alles andere als monolithisch gewesen, denn dessen „Paladine“ kämpften unablässig um die „Gunst des Führers“; ein Sachverhalt, der sich auch innerhalb der Kollaboration fortgesetzt habe. Der Trend zur Personalisierung, wie er auch in der NS-Forschung zu beobachten ist, schlägt in diesem Zeitungsartikel voll durch. Am augenfälligsten ist aber, dass der Autor durchgängig darauf verzichtet, seine Quellen, seine Informationsbasis offenzulegen. Das mag für einen Zeitungsartikel die Regel und daher kaum erwähnenswert sein. Dennoch hätte man durchaus einmal den einen oder anderen Historiker namentlich nennen können, der sich mit dem Thema Kollaboration befasst hat. Und überhaupt: welcher der präsentierten Sachverhalte kann eigentlich als wissenschaftlich generierte Erkenntnis gelten?

Erstes Kennzeichen der „public history“: Referenzlosigkeit

Referenzen

Bösch, Frank/Goschler, Constantin (Hg.): Public History. Öffentliche Darstellungen des Nationalsozialismus jenseits der Geschichtswissenschaft, Campus Verlag: Frankfurt am Main/New York 2009

Bourdieu, Pierre: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2001 (Taschenbuchausgabe)

Cohen, Michael D./March, James G./Olsen, Johan P.: A Garbage Can Model of Organizational Choice, in: Administrative Science Quarterly 17 (1972), S. 1-25

Cole, Charles C. Jr.: Public History: What Difference Has it Made?, in: The Public Historian 16 (1994), H. 4, S. 9-35

Kooperation und Verbrechen. Formen der „Kollaboration“ im östlichen Europa 1939-1945, hg. v. Christoph Dieckmann, Babette Quinkert u. Tatjana Tönsmeyer, Wallstein: Göttingen 2003

Kühberger, Christoph/Pudlat, Andreas (Hg.): Vergangenheitsbewirtschaftung. Public History zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, StudienVerlag: Innsbruck/Wien/Bozen 2012

Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1990

Péguy, Charles: Clio. Dialogue de l‘histoire et de l’âme païenne, Gallimard: Paris 1932

Röhr, Werner (Hg.): Okkupation und Kollaboration (1938-1945). Beiträge zu Konzepten und Praxis der Kollaboration in der deutschen Okkupationspolitik, Hüthig Verlagsgemeinschaft: Berlin/Heidelberg 1994

Schmidgen, Henning: Die Materialität der Dinge? Bruno Latour und die Wissenschaftsgeschichte, in: Bruno Latours Kollektive, hg. v. Georg Kneer, Markus Schroer u. Erhard Schüttpelz, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008, S. 15-46

Sturm, Peter: Großbritannien im Kalkül sowjetischer Außenpolitik der Zwischenkriegszeit, Phil. Diss. Münster 1988

Zündorf, Irmgard: Zeitgeschichte und Public History, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.2.2010, URL: http://docupedia.de/images/2/2c/Public_History.pdf [letzter Zugriff: 30. Mai 2015]