Public History, Miscellanea B

von arminnolzen

Am Anfang stand eine Kontroverse. Als der Masterstudiengang „Public History“ an der Berliner Humboldt-Universität (HU) zum Wintersemester 2008/2009 in den Startlöchern stand, kam es zu einem öffentlichen (!) Schlagabtausch über Sinn und Unsinn dieses Unterfangens, ausgetragen in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ). In der Wochenendausgabe vom 4. / 5. Oktober 2008 meldete sich Kaspar Renner, Jahrgang 1981, damals noch Studentische Hilfskraft am Institut für deutsche Literatur der HU, in einem Artikel zu Wort, der mit „Powerpoint-Profis mit Kurzzeitgedächtnis“ überschrieben war und dessen Untertitel „Der Masterstudiengang ,Public History‘ soll moderne Geschichtsvermittler ausbilden – ohne Kernkompetenzen wie Recherchen und Quellenkritik“ schon die Stoßrichtung seiner Kritik anzeigte. Nach einem fulminanten Beginn mit Friedrich von Schillers denkwürdiger Unterscheidung zwischen „Brotgelehrtem“ und „philosophischem Kopf“, formuliert in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Jena am 26. Mai 1798 (Schiller 2006: 11 f.; Fulda 1996: 228-263), kam Renner sogleich ohne Umschweife zu Sache und kritisierte den zu starken Praxisbezug des neuen Studiengangs, der sich außerdem zu einseitig an der Geschichte des Nationalsozialismus und der DDR orientiere. Für den Historiker, der sich als Wissenschaftler definiere, komme es demgegenüber darauf an, am „objektiven Wahrheitsbegriff“ festzuhalten, „den andere Geisteswissenschaften“ längst verabschiedet hätten. Im Zentrum dieser Suche nach Wahrheit ständen Recherche und Quellenkritik als ureigene Kompetenzen des Historikers, und der Masterstudiengang „Public History“ trage diesem Sachverhalt zu wenig Rechnung.

Die Antwort auf Renners Angriff ließ immerhin mehr als zwei Wochen auf sich warten; sie kam von keinem anderen als Martin Sabrow, geboren 1954, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, ausgewiesener Kenner der Geschichte der Weimarer Republik und der DDR (Sabrow 1994 u. 2001), (Mit)Initiator des inkriminierten Masterstudiengangs an der HU und seit 2009 dort Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte. Der Titel seines Artikels in der SZ vom 22. Oktober 2008 lautete: „Historiker und Öffentlichkeit“. Sabrow konstatierte ein steigendes Bedürfnis nach „Vergangenheitsvergegenwärtigung“, bei der „Verleger und Vereine, Medien und Museen, Gedenkstätten und Gedenkinitiativen nicht weniger den Ton angeben als Geschichtslehrer und Geschichtsprofessoren“. Den daraus entstandenen Anforderungen müsse die Universität nachkommen und auf die neuen Berufsfelder „des Historiker-Journalisten, des Kurators historischer Ausstellungen, des […] Gedenkstättenmitarbeiters, des historischen Internetredakteurs vorbereiten“. Sabrow stellte klar, dass der HU-Masterstudiengang auf einem Bachelor-Abschluss aufbaue, in dessen Rahmen die fachwissenschaftliche Ausbildung erfolge, die dann mit zeitgeschichtlichem Schwerpunkt fortgeführt werde. Die Absolventen würden „kundige Brückenbauer zwischen Fachwissenschaft und Öffentlichkeit, die das Bedürfnis nach Geschichte in der Gedächtnisgesellschaft zugleich deutend und anwendend aufnehmen können“.

Sabrows Antwort war rhetorisch geschliffen, ging inhaltlich jedoch am Kern des Vorwurfs, den Renner erhoben hatte, vorbei. Argumentativ konzentrierte sie sich auf die Notwendigkeit einer Vermittlung von Geschichte, nicht jedoch auf deren Inhalte. Sabrow lieferte damit nicht mehr als eine Selbstbeschreibung des Masterstudiengangs „Public History“, die historisches Wissen als etwas Festes, Gegebenes präsentierte, nicht als Variables, stets im Fluss Befindliches. Damit ließ er auch die Frage nach dem Wahrheitsgehalt, nach dem Grad der Wissenschaftlichkeit des zu vermittelnden historischen Wissens unbeantwortet. Welches Wissen sollen die Absolventen des HU-Masterstudiengangs in ihren späteren Berufsfeldern anwenden? Welche Teile dieses Wissens haben sie selbst erarbeitet, welche nur vorgefunden? Wie lernen sie zu unterscheiden, welches Wissen wahr und welches Wissen unwahr ist? Die Pathosformel der Öffentlichkeit, die Sabrow durchgängig benutzte, ist nicht gerade dazu geeignet, mehr Licht in das Halbdunkel der „public history“ zu bringen. Sie nährt den Verdacht, dass das Adjektiv in diesem Neologismus wichtiger ist als das Substantiv. Hauptsache „öffentlich“.

Mittlerweile sind mehr als sechs Jahre vergangen; der Studiengang „Public History Master“ des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften an der HU ist fest etabliert und aus der universitären Landschaft kaum mehr wegzudenken. Seine bisherige Geschichte ist anhand der vorzüglich aufbereiteten Homepage trefflich zu rekonstruieren (http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/phm). Unter den Registerkarten „Studium“, „Lehre“ und „Arbeitstechniken“ findet sich alles, was man für die Absolvierung des Masterstudiengangs benötigt: die aktuellen Studien- und Prüfungsordnungen, eine umfängliche Bibliografie zum Thema und wichtige Hinweise zu den einschlägigen wissenschaftlichen Techniken wie Zitieren, Verfassen von Thesenpapieren und Seminararbeiten. Die Riege der Dozenten ist inzwischen stattlich, das Lehrangebot umfänglich. Im Sommersemester 2015 zählen dazu „Terrorismus und Visual History“, die „Mediengeschichte des Ersten Weltkrieges“, „Öffentlichkeitsarbeit und Kulturmanagement“, „Historisches Lernen und Geschichtskultur“. Ein Netzwerk aus Alumni und der Pressespiegel legen beredtes Zeugnis von den öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten der Dozenten und Studenten ab.

Eines der wichtigsten Ansinnen des Studiengangs ist dessen Produktionsorientierung, soll heißen: Studenten lesen nicht nur Texte und geben diese in eigenen Worten wieder, sondern sie schreiben selbst Geschichte, und das Produkt kann veröffentlicht werden. Spuren davon finden sich auf der Homepage des „Public History Master“ der HU unter der Registerkarte „Projekte“. Besonders interessant ist eine Initiative des fünften Studienjahrgangs (2012/13), das sich mit der Geschichte des Tempelhofer Feldes in Berlin während der NS-Zeit befasst. Das daraus entstandene Produkt ist auf einer eigenen Homepage (http://www.tempelhofer-unfreiheit.de/) zu bewundern. Dort finden sich Texte zur Geschichte des Tempelhofer Feldes, dem alten Paradeplatz der Berliner Garnison der preußischen Armee, das durch den Aufmarsch der NSDAP am 1. Mai 1933, der den Auftakt zur Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung bildete, Berühmtheit erlangte. In diese studentische Internetpräsentation sind viele Bilder und Zeitungsausschnitte aus der Zeit nach 1933 eingebunden, ein Luftbild des Areals sowie ein Interview mit Rüdiger Hachtmann, einem Experten zur Geschichte der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und der Arbeiterbewegung im Nationalsozialismus (Hachtmann 1989, 2005 u. 2012). Besonders beeindruckend ist die Geschichte der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg dargestellt, soweit sie mit dem Tempelhofer Feld in Verbindung zu bringen ist.

Alle Texte der studentischen Homepage sind namentlich gekennzeichnet, mit Quellen- und Literaturhinweisen versehen und entsprechen den wissenschaftlichen Forderungen nach Überprüfbarkeit der Angaben. Referenzlosigkeit wird man dieser Art von „public history“ daher nicht attestieren können. Dennoch bleibt aus der Perspektive des Wissenschaftlers ein mulmiges Gefühl. Die Geschichte des Tempelhofer Feldes wird auf eine Weise aufbereitet, die man als Anhäufung interessanter Informationen bezeichnen muss. Zwar erinnert der sprachliche Duktus der Einzelbeiträge durchaus an normale geschichtswissenschaftliche Gepflogenheiten, etwa des Forschungsaufsatzes oder des empirisch gesättigten Essays. Ein wesentlicher Aspekt fehlt jedoch: eine dezidierte Problemorientierung und, damit stets einhergehend, das historische Urteil. Eine Internetpräsentation wie diese ist nicht mehr als eine kommentierte Quellensammlung, mit man als Historiker weiterarbeiten kann, weil sie viele Dokumente für die Analyse aufbereitet. Aber Geschichte, verstanden als (geschriebener) Bericht über vergangene Ereignisse mit einem eigenen historischen Urteil, ergibt sich daraus noch nicht.

Welche Art von Wissen wird durch diese Internetpräsentation generiert? Mit Niklas Luhmann ist davon auszugehen, dass auch historische Erkenntnis in einem speziell dafür ausdifferenzierten Funktionssystem „Wissenschaft“ erarbeitet wird; ein Sachverhalt, der für das hier besprochene studentische „public history“-Projekt sicher zutrifft. Wissenschaftliche Kommunikation vollziehe sich, so Luhmann, mittels des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums „Wahrheit“, das nach „wahr“ und „unwahr“ binär codiert ist. Demzufolge gebe es „wahre“ und „unwahre“ Aussagen, und auch der Nachweis von Unwahrheit (oder die Falsifikation wissenschaftlicher Thesen) ist immer noch Wissenschaft. Um diesen binären Schematismus aber überhaupt in Gang bringen zu können, bedürfe es einer zusätzlichen kommunikativen Vorkehrung: der Anwendung von Begriffen. „Um Wissenschaft handelt es sich erst, wenn Begriffsbildung eingesetzt wird, um festzustellen, ob bestimmte Aussagen wahr (und nicht unwahr) sind, wenn also der Code des Wissenschaftssystems die Wahl der Unterscheidungen dirigiert, mit denen die Welt beobachtet wird“ (Luhmann 1990: 124 f.). Erst die „elaborierte Begrifflichkeit“, so Luhmann, unterscheide wissenschaftliche Erkenntnis von „normalen, sozusagen touristischen Wissenserwerben“. Mit anderen Worten: damit es sich um Wissenschaft handelt, muss das Beobachtete (oder die Kette von Referenzen) sprachlich zuvor in einen Begriff gefasst worden sein. Es bedarf also eines oder mehrerer Worte mit situations- oder kontextfreiem Geltungsanspruch, um den Wahrheitsgehalt eines historischen Berichts überhaupt prüfen zu können.

Aus Luhmanns Vorannahme der binären Codierung des Funktionssystems „Wissenschaft“ nach „wahr“ und „unwahr“ und der Notwendigkeit von Begriffen als Katalysator wissenschaftlicher Kommunikation resultieren eine Reihe von Folgeentscheidungen, wie dieses (und damit auch die Geschichtswissenschaft) „Wahrheit“ produziert, und zwar durch den Mechanismus operativer Schließung, richtige Reduktionen und die Verwendung von Theorien und Methoden. Die Frage, inwieweit diese einzelnen Aspekte für das zutreffen, was hier unter „public history“ gefasst wird, steht noch zu erörtern. Einstweilen ist jedoch festzuhalten, dass die conditio sine qua non von wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn, also die sprachliche Fassung von Beobachtungen in begrifflicher Form, bei der Internetpräsentation zum „Tempelhofer Feld“ nicht erfüllt ist. Diese bedient sich vielmehr einer begriffslosen Alltagssprache, deren rekursive Anschlussfähigkeit im Funktionssystem „Wissenschaft“ fraglich, wenn nicht gar ganz gefährdet ist.

Zweites Kennzeichen der „public history“: begriffslose Alltagssprache

Referenzen

Fulda, Daniel: Wissenschaft aus Kunst. Die Entstehung der modernen deutschen Geschichtsschreibung 1760-1860, de Gruyter: Berlin/Boston 1996

Hachtmann, Rüdiger: Industriearbeit im „Dritten Reich“. Untersuchungen zu den Lohn- und Arbeitsbedingungen in Deutschland 1933-1945, Vandenhoeck&Ruprecht: Göttingen 1989

ders.: Chaos und Ineffizienz in der Deutschen Arbeitsfront. Ein Evaluierungsbericht aus dem Jahr 1936, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 43-78

ders.: Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945, Wallstein: Göttingen 2012.

Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1990

Sabrow, Martin: Der Rathenaumord. Rekonstruktion einer Verschwörung gegen die Republik von Weimar, Oldenbourg: München 1994

ders.: Das Diktat des Konsenses. Geschichtswissenschaft in der DDR 1949-1969, Oldenbourg: München 2001

Schiller, Friedrich: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Eine akademische Antrittsrede, hg. v. Otto Dann, Reclam: Stuttgart 2006