Die Reisen des Historikers VI

von arminnolzen

Hannover, 25. bis 27. Juni 2015

Der Kreis schließt sich. Nach mehr als sechs Jahren Laufzeit und sieben mehr oder minder größeren Zusammenkünften (an vieren davon hat das schreibende Ich teilgenommen), fand Ende Juni 2015 die Abschlusstagung des Niedersächsischen Forschungskollegs „Nationalsozialistische ,Volksgemeinschaft‘? Konstruktion, gesellschaftliche Wirkungsmacht und Erinnerung vor Ort“ (http://www.foko-ns.de) statt. Bisher hat das Kolleg zu fast jeder dieser Veranstaltungen einen Sammelband veröffentlicht (Schmiechen-Ackermann 2012; Oltmer 2012; Werner 2013; von Reeken/Thießen 2013; Reinicke/Stern/Thieler/Zamzow 2014) und ist jetzt dazu übergegangen, auch die Ergebnisse der in seinem Rahmen erstellten empirischen Einzelstudien zu publizieren (Thieler 2014; Schoenmakers 2015; Wahlig 2015). Zeit, eine Bilanz jener Arbeit zu ziehen, die sich im Rahmen der in der NS-Forschung in den letzten Jahren so lautstark geführten Debatte über das Paradigma „Volksgemeinschaft“ bewegte (Steuwer 2013; Mühlenfeld 2013; Volksgemeinschaft 2014). Inwiefern hat diese Debatte unseren Blick auf das NS-Regime verändert? Welchen Beitrag haben die Ergebnisse des Forschungskollegs möglicherweise dazu geleistet? Und wie weiter mit „Volksgemeinschaft“, wenn überhaupt?

Mit diesen Fragen im Kopf begab ich mich, der frühzeitigen Einladung der Veranstalter folgend, auf den Weg nach Hannover. Ich habe ja schon einige wissenschaftliche Kongresse gesehen und besucht, aber dieser sprengte (vielleicht abgesehen von den alle zwei Jahre stattfindenden Historikertagen) alles bisher Dagewesene, und zwar in vielerlei Hinsicht. Zunächst einmal das Programm:

Der Ort der „Volksgemeinschaft“ in der deutschen Gesellschaftsgeschichte. Internationaler Abschlusskongress des niedersächsischen Forschungskollegs „Nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘? Konstruktion, gesellschaftliche Wirkungsmacht und Erinnerung vor Ort“

Hannover, 25.–27. Juni 2015

Donnerstag, 25.6.2015

Panel 1 Neue Akzente in der Debatte um die NS-„Volksgemeinschaft“
Moderation: Jochen Oltmer (Osnabrück)
Detlef Schmiechen-Ackermann (Hannover), Politik mit der Gemeinschaft? Überlegungen zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ aus der Perspektive der vergleichenden Diktaturforschung
Johannes Hürter (München), Das Private im Nationalsozialismus
Chris Szejnmann (Loughborough, GBR), Antikapitalismus und „Volksgemeinschaft“ während der Weimarer Republik. Zwei Seiten derselben Medaille?

Panel 2 Der Beitrag regional-geschichtlicher Studien zur Gesellschaftsgeschichte der NS-Zeit
Moderation: Dietmar von Reeken (Oldenburg)
Ernst Langthaler (St. Pölten, AUT), Nationalsozialismus und Agrargesellschaft – am Beispiel Niederdonau
Martina Steber (München), Die Eigenkraft des Regionalen. Die ungeschöpften Potenziale einer Geschichte des Nationalsozialismus im kleinen Raum

Panel 3 Praktiken und Semantiken von Herrschaft vor Ort
Moderation: Eric Johnson (Mount Pleasant, MI)
Andrew Bergerson (Kansas City, MO), Gott, Liebe, Führer. Die Aushandlung von Beziehungen im Briefwechsel
Kerstin Thieler (Göttingen), NSDAP-Funktionäre und ihre Erwartungen an die „Volksgenossen“
Bianca Roitsch (Oldenburg), Mehr als nur Zaungäste. Praktiken und Sagbarkeiten von Akteuren im Umfeld nationalsozialistischer Exklusionslager
Sven Keller (München), „Plünderer werden erschossen“. Gemeinschaft und Gewalt im letzten Kriegsjahr

Panel 4 Mediale Inszenierungen und Gemeinschaftspolitik
Moderation: Lu Seegers (Hamburg)
Anneke de Rudder (Lüneburg), Die herbeigeschriebene Gauhauptstadt – Lokalzeitung und Identität, Lüneburg 1937-1945
Elizabeth Harvey (Nottingham, GBR), Die Inszenierung der expandierenden „Volksgemeinschaft“: Offizielle Fotos der „Heimkehr“ deutscher Minderheiten ins Reich 1939–1941
Rainer Rother (Berlin), Nationalsozialismus und Film
Christoph Kühberger (Salzburg, AUT), Wahrnehmungsgeschichtliche Zugänge zum Nationalsozialismus – Das Beispiel Salzburg

Freitag, 26.6.2015

Panel 5 Gesellschaftliche Akteure zwischen Selbstmobilisierung, Beharrung und Eigensinn
Moderation: Frank Bajohr (München)
Anette Blaschke (Hannover), Zwischen „lokalistischer“ Orientierung und Dienst für die „Volksgemeinschaft“. Zur Handlungspraxis lokaler Funktionäre des Reichsnährstandes
Cornelia Rauh (Hannover), Die Betriebsgemeinschaft als Netzwerk „Alter Kameraden“
Merit Petersen (Hannover), „Das ist Versündigung am Geiste der Volksgemeinschaft“ – Konflikte und Schnittstellen nationalsozialistischer und konfessioneller Weltdeutungskonzeptionen am Beispiel des Kreuzkampfes in Cloppenburg 1936
Christiane Schröder (Hannover), Einflussnahmen von außen – Positionierungen im Inneren: Einblicke in Konvente niedersächsischer evangelischer Frauenklöster

Panel 6 Nationalsozialismus als Erlebnisangebot
Moderation: Claudia Fröhlich (Berlin)
Thomas Rohkrämer (Lancaster, GBR), Die Vision einer „Volksgemeinschaft“: Sehnsucht nach Verschmelzung und elitärer Anspruch
Pamela Swett (Hamilton, CAN), Der Verkauf des sexuellen Vergnügens in den Dreißigerjahren
Linda Conze (Berlin), Die Ordnung des Festes/Die Ordnung des Bildes. Fotografische Blicke auf Festumzüge 1926–1934
Anne Keller (Berlin), Das Deutsche Volksspiel. Jugendliche Propagandisten im Dienst und Visier der „Volksgemeinschaft“

Panel 7 Biografien, Karrieren, Lebensläufe
Moderation: Günther Heydemann (Dresden)
Teresa Nentwig (Göttingen), Vom abgesetzten Landrat zum Handlanger des NS-Regimes: Die Jahre 1932–1945 in der Biografie des späteren niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf
Janosch Steuwer (Bochum), Ein doppeltes Problem. Nationalsozialismus als biografische Herausforderung
Peter Fritzsche (Champaign, IL), Between Nazi Germany and the „Third Reich“: Franz Göll writes German History
Peter Longerich (München), „Volksgemeinschaft“ und Täterforschung

Panel 8 Renovierung der deutschen Erinnerungskultur? (in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Ahlem)
Moderation: Habbo Knoch (Köln)
Jens-Christian Wagner (Celle), NS-Gesellschaftsverbrechen in der Bildungsarbeit niedersächsischer Gedenkstätten
Karola Fings (Köln), „Wildes Gedenken“ an Repräsentationsorten der NS-„Volksgemeinschaft“
Shaun Hermel (Hannover), Gedenkstätten im digitalen Zeitalter. Perspektiven und Tabus – ein Erfahrungsbericht
Harald Schmid (Kiel), Die Neulandhalle – Aufstieg und Krise eines schleswig-holsteinischen Erinnerungsprojekts zur „Volksgemeinschafts“-Ideologie

Panel 9 Zugehörigkeiten und Opportunitätsstrukturen
Moderation: Armin Nolzen (Warburg)
Henry Wahlig (Hannover), „Sämtliche Juden, auch getaufte, sind von der Mitgliederliste zu streichen.“ Die Arisierung des deutschen Sports und seine Bedeutung für die Realisierung einer rassisch bereinigten NS-„Volksgemeinschaft“
Henning Borggräfe (Bad Arolsen), „Das Ziel der Partei ist, und das muss auch unser Ziel sein, die Volksgemeinschaft herzustellen“. Zur Bedeutung der „Volksgemeinschaft“ in Freizeitvereinen und –verbänden
Christine Schoenmakers (Berlin), Justiz und „Volksgemeinschaft“. Rechtspraxis und Selbstverständnis von Bremer Juristen im „Dritten Reich“
Annemone Christians (München), Das Private vor Gericht. Die Eigensphäre in der nationalsozialistischen Rechtspraxis

Panel 10 Internationaler Vergleich und transnationale Perspektiven
Moderation: Martin Sabrow (Potsdam)
Sven Reichardt (Konstanz), Tatgemeinschaften – Rassismus und Gewalt im Faschismus
Malte Rolf (Bamberg), Inszenierungen von Gemeinschaft und Differenz. Massenfeste in der stalinschen Sowjetunion in vergleichender Perspektive
Adelheid von Saldern (Göttingen), Kultureller Nationalismus: Die USA im frühen 20. Jahrhundert im Vergleich mit Deutschland (1900–1945)
Gerald Steinacher (Lincoln, NE), Die wahre Odessa? Die Rolle von Netzwerken bei der Flucht von Nationalsozialisten und Holocaust-Tätern nach Übersee

19.30-20.30 Uhr Öffentlicher Abendvortrag im Haus der Region
Michael Wildt (Berlin), Das Ich und das Wir. Subjekt, Gesellschaft und „Volksgemeinschaft“ im Nationalsozialismus

Samstag, 27.6.2015

Panel 11 Geschlecht und Gemeinschaftspolitik
Moderation: Kirsten Heinsohn (Kopenhagen, DK)
Nicole Kramer (Frankfurt am Main), „Volksgemeinschaft“, soziale Differenz und Geschlecht
Elissa Mailänder (Paris, FRA), Mitmachen und individuelle Selbstentfaltung von österreichischen Frauen im Nationalsozialismus. Eine machtanalytische Annäherung an Selbstzeugnisse (1938-1990)
David Reinicke (Göttingen), „Ein Band der Kameradschaft und Manneszucht umschlingt alle.“ Gemeinschaft und männliche Selbstinszenierung der SA-Wachmannschaften in den emsländischen Strafgefangenenlagern 1934-1942
Wiebke Lisner (Hannover), Hebammen als weibliche Expertinnen im „Reichsgau Wartheland“ 1939–1945. Geburtshilfe im Kontext von Gemeinschafts- und Rassepolitik

Panel 12 Bildungs- und Vermittlungsarbeit zum Nationalsozialismus. Erinnerungskulturen in der post-nationalen Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Institut für Didaktik der Demokratie, LUH
Moderation: Michele Barricelli (Hannover)/Dietmar von Reeken (Oldenburg)
Verena Haug (Berlin), Bildungsprogramme international arbeitender Stiftungen zum Nationalsozialismus. Ausgewählte Beispiele
Martin Lücke (Berlin), Bildung und Vermittlung in transnationalen Perspektiven: Beispiele aus dem Projekt „Remembrance and Public History“
Habbo Knoch (Köln), Wem gehört die Erinnerung? Geschichtskultur und Zeugenschaft im digitalen Zeitalter
Malte Thießen (Oldenburg), Lernziel „Volksgemeinschaft“? Chancen und Schwierigkeiten neuer NS-Forschungen für einen kompetenzorientierten Geschichtsunterricht

Panel 13 Dynamiken und Wechselwirkungen zwischen Raum und Akteuren
Moderation: Thomas Schaarschmidt (Potsdam)
Jörn Brinkhus (Bremen), NS-Luftschutz in der Region (1942–1944/45). Die Wirksamkeit des Parteigaus als Raum und Struktur am Beispiel des Weser-Ems-Gebiets
Oliver Werner (Erkner/Leipzig), Von der „europäischen Großraumwirtschaft“ zu regionalen Produktionsgemeinschaften. Raum als Mobilisierungsfaktor der deutschen Wirtschaftseliten im Zweiten Weltkrieg
Stephan Lehnstaedt (Warschau, POL), Die wahre „Volksgemeinschaft“? Politik für die Volksdeutschen im besetzten Polen
Radka Šustrová (Prag, CZE), „Volksgemeinschaft“ als Exportartikel? Nationalismus und Wohlfahrt im Protektorat Böhmen und Mähren

Panel 14 Round Table: Impulse für die Gesellschaftsgeschichte der NS-Zeit
Moderation: Hans-Ulrich Thamer (Münster)
Wolf Gruner (Los Angeles, CA)
Thomas Kühne (Worcester, MA)
Adelheid von Saldern (Göttingen)
Andreas Wirsching (München)

Vierzehn Panels mit vierundfünfzig Vorträgen (vier davon im Rahmen eines „Roundtables“ und ein öffentlicher Abendvortrag) in zweieinhalb Tagen; ein absoluter intellektueller Overkill! Die Panels 1 und 2 sowie 10 und 14 standen allen Teilnehmern offen; einige Panels fanden parallel zu einem jeweils anderen statt, und die Panels 11, 12 und 13 waren ebenfalls gleichzeitig terminiert. Bei den Panels in Doppel- und Dreifachsteckung standen für die Moderation und die jeweils vier Vorträge 150 bis 165 Minuten zur Verfügung; die Vorträge sollten eine Obergrenze von 25 Minuten nicht überschreiten, damit genügend Diskussionszeit zur Verfügung stand. Die kürzeren Panels mit weniger Vorträgen waren zeitlich etwas entschlackt; hier konnten die Referenten auch einmal 30 Minuten sprechen. Insgesamt waren sage und schreibe 120 Teilnehmer akkreditiert.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die folgenden Ausführungen sich nur auf die Panels beziehen, die ich selbst gehört und gesehen habe. Dazu gehörten die Panels 1-2, die ersten beiden Vorträge von Panel 3 und die letzten beiden Vorträge von Panel 4, die Panels 5, 9, 10, die ersten beiden Vorträge von Panel 11, die letzten beiden Vorträge von Panel 13 und die erste Runde der Podiumsdiskussion (die ich leider aufgrund eines heimischen Abendtermins nach der Hälfte der Zeit verlassen musste). Die Vortragenden der ersten beiden Panels führten grundsätzlich in Ziele und Herangehensweisen der neueren NS-Forschung im Allgemeinen und des Hannoveraner Kollegs im Speziellen ein. Neu waren dabei Detlev Schmiechen-Ackermanns Plädoyer für die Sprechakttheorie, das er aufgrund der Kürze der Vortragszeit aber nicht mehr konkretisierte (dazu Pegelow Kaplan 2009), und Chris Szejnmanns (2013) Analyse jener deutschen Variante des Antikapitalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nicht unmaßgeblich zu den Wahlerfolgen der NSDAP des Jahres 1932 beigetragen haben dürfte. Ernst Langthaler und Martina Steber zeigten, wie produktiv eine Verwendung der Kategorie „Raum“ im Kontext von „Volksgemeinschaft“ sein kann, ersterer anhand der NS-Agrarverfassung und der damit einhergehenden Betriebsformen im Gau Niederdonau, zweitere anhand der soziologischen Überlegungen Martina Löws (2000) zu dem, was eigentlich eine „Region“ ist.

In den vier Vorträgen, die ich von Panel 3 und 4 gehört habe, kam es zu einer Überinterpretation eines einzelnen Briefwechsels, welcher einen „faschistischen Gesellschaftsvertrag“ konstituiert habe (Andrew Stuart Bergerson) und zu einer thematisch verdichteten Zusammenfassung einer einschlägigen Dissertation (Thieler 2014), zu der ich mich im Rahmen meiner „Bruchstücke der Kritik“ in den nächsten Monaten noch ausführlicher zu äußern gedenke. Rainer Rother breitete sein enzyklopädisches Wissen über den NS-Film aus, ohne sich allzu eng an die Thematik der Konferenz anzulehnen, und Christoph Kühberger demonstrierte die Möglichkeiten, die sich aus einer Analyse der „Nazi Soundscapes“ (Birdsall 2012) ergeben. Zwei der vier Vorträge von Panel 5 (Merit Petersen und Christiane Schröder) vermaßen systematisch das Thema Religion, dessen Bedeutung für „Volksgemeinschaft“ außer Frage steht (Gailus/Nolzen 2011). Auch die Methode der Kollektivbiografie kam am Beispiel der wichtigen sozialen Gruppe der Ortsbauernführer zur Sprache (Anette Blaschke). Cornelia Rauh zeigte anhand einer Aluminiumfabrik in Singen am Hohentwiel (Rauh 2009), dass es noch zu wenige Studien zu den NS-Gemeinschaftspraktiken in den Betrieben gibt.

Mein eigenes Panel 9 trug den Titel „Zugehörigkeiten und Opportunitätsstrukturen“ und fand am Freitag, dem 26. Juni 2015, um 13 Uhr nach einer viel zu kurzen Mittagspause statt (die vorigen Sektionen hatten im Durchschnitt 20 Minuten überzogen, weil sie nach jeweils zwei Vorträgen eine 15minütige Pause eingelegt hatten; eine allerdings sehr gute Maßnahme, die in jedem Panel praktiziert wurde). Ich hatte die folgenden Texte zur An- und Abmoderation vorbereitet:

Herzlich willkommen zu Panel 9 mit dem Titel „Zugehörigkeiten und Opportunitätsstrukturen“. Wir werden gleich vier Vorträge hören: Henry Wahlig und Henning Borggräfe befassen sich mit der Politisierung der Sport- und Freizeitvereine im Nationalsozialismus; Christine Schoenmakers und Annemone Christians mit speziellen Aspekten der NS-Justiz. Wir haben es also mit zwei Analysefeldern zu tun, die sehr unterschiedlich strukturiert sind und eine unterschiedlich lange Tradition besitzen. Sport und Massenfreizeit sind zwei vergleichsweise junge Phänomene, die sich erst um 1800 beziehungsweise 1900 ausdifferenzierten (Cachay 1988; Prahl 2002); das Recht hingegen ein Phänomen, das seit der Prähistorie nachgewiesen ist und im Grunde genommen die gesamte Menschheitsgeschichte geprägt hat (Wesel 2010 u. 2014). Ich erwähne dies nur, um einen Bezug zum vielleicht etwas erläuterungsbedürftigen Titel dieses Panels herzustellen. Wir diskutieren über „Zugehörigkeiten“ und „Opportunitätsstrukturen“. Bei „Zugehörigkeiten“ liegt der Schwerpunkt meines Erachtens auf Phänomenen von Organisation, bei „Opportunitätsstrukturen“, einem soziologischen Konzept aus der Schule des amerikanischen Strukturfunktionalismus um Robert King Merton (1996: 153-162; Meyer 2004: 125-145), liegt der Schwerpunkt auf der Ebene gesellschaftlicher Rahmenbedingungen (Meyer/Tarrow/Tilly 2001; Mittag/Stadtland 2014: 30-36). Die Verbindungsachse zwischen beiden ist der Begriff „Struktur“. Mittels welcher Strukturen regeln Organisationen Zugehörigkeiten und Nichtzugehörigkeiten? Welche gesellschaftlichen Strukturen, hier vielleicht: welche Strukturen des Rechtssystems, ermöglichen welche Praktiken?

Ich will den Ausführungen der Vortragenden allerdings nicht allzu weit vorgreifen, sondern sogleich in medias res gehen. Wir beginnen mit Henry Wahlig, den ich im Rahmen dieses Forschungskollegs kennengelernt habe und der bei mir gleich einen Sympathiebonus genoss, weil er sich als Fußball-Fanatiker und Anhänger desselben Vereines für Leibesübungen geoutet hat, dem ich auch bis zu einem gewissen Grad verfallen bin. Henry Wahlig, Jahrgang 1980, studierte von 2002-2008 Neuere und Neueste Geschichte an den Universitäten Düsseldorf, Vancouver und Lausanne. Im Sommer 2007 erhielt er ein DAAD-Stipendium für seine Masterarbeit über die Wiederaufnahme des Deutschen Fußballbundes (DFB) in die FIFA nach dem Zweiten Weltkrieg. Von 2008-2011 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Jewish Sports“ an der Leibniz Universität Hannover; seit dem April 2011 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Institut für Sportwissenschaft. Seine Dissertation über die jüdische Sportbewegung im NS-Staat ist gerade beim Wallstein-Verlag in Göttingen erschienen (Wahlig 2015). Außerdem hat Henry gemeinsam mit seinem Doktorvater Lorenz Peiffer eine kommentierte Bibliografie und ein Handbuch zum jüdischen Sport nach 1933 herausgegeben (Peiffer/Wahlig 2009 u. 2012); ihre Gesamtdarstellung zum jüdischen Fußball nach 1933 ist angekündigt (Peiffer/Wahlig 2015). Henry, ich bitte dich nun um deinen Vortrag, der den Titel trägt: „Sämtliche Juden, auch getaufte, sind von der Mitgliederliste zu streichen.“ Die Arisierung des deutschen Sports und seine Bedeutung für die Realisierung einer rassisch bereinigten NS-„Volksgemeinschaft“ [es folgte der Vortrag von Henry Wahlig].

Kommen wir zum zweiten Vortrag von Henning Borggräfe mit dem Titel: „Das Ziel der Partei ist, und das muss auch unser Ziel sein, die Volksgemeinschaft herzustellen“. Zur Bedeutung der „Volksgemeinschaft“ in Freizeitvereinen und -verbänden. Zuerst stelle ich Ihnen den Referenten vor. Henning Borggräfe, geboren 1981, hat von 2002 bis 2008 ein Bachelor- und Master-Studium der Geschichte und Politikwissenschaften mit dem Nebenbereich Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum absolviert. Schon während des Studiums verfasste er gemeinsam mit Christian Jansen eine Einführung in die Nationalismusforschung (Borggräfe/Jansen 2007) für den Campus-Verlag. Seine Masterarbeit über die Schützenvereine im Nationalsozialismus wurde 2010 publiziert (Borggräfe 2010); sie ist das Standardwerk zum Thema. Von 2008 bis 2011 war Henning Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Die Geschichte der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und ihrer Partnerorganisationen“ unter der Leitung von Constantin Goschler an der Ruhr-Universität Bochum. Dabei entstand auch seine Dissertation über die Debatte zur Zwangsarbeiterentschädigung, die letztes Jahr bei Wallstein erschienen ist (Borggräfe 2014). Von 2013 bis 2014 war Henning Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen im DFG-Forschungsprojekt „Die Geschichte der deutschen Gesellschaft für Soziologie als Organisationsgeschichte“. Daraus ist ein wichtiger Aufsatz hervorgegangen (Borggräfe/Schnitzler 2014); eine größere Monografie steht, soweit ich sehe, vor dem Abschluss. Momentan leitet Hennig Borggräfe die Forschungsabteilung des International Tracing Services (ITS) in Bad Arolsen. Henning, Du hast das Wort [es folgte der Vortrag von Henning Borggräfe].

Vielen Dank für Deine interessanten Ausführungen zu einem Thema, dessen Aufarbeitung wir als Wissenschaftler auf keinen Fall den jeweiligen Vereinshistorikern überlassen sollten. Denn sie befinden sich immer am Rand der Apologetik, wenn sie die Geschichte ihrer eigenen Vereine schreiben. Ich schlage vor, dass wir die beiden Vorträge nunmehr en bloc diskutieren [es folgte die Diskussion der Vorträge von Henry Wahlig und Henning Borggräfe].

Im zweiten Teil unseres Panels 9 werden wir zwei Vorträge aus dem weiten Feld „Justiz und Nationalsozialismus“ hören. Den Anfang macht Christine Schoenmakers mit Justiz und „Volksgemeinschaft“. Rechtspraxis und Selbstverständnis von Bremer Juristen im „Dritten Reich“. Christine habe ich im Rahmen der Konferenzen dieses Forschungskollegs kennengelernt, bei dem sie von Anfang an zum wissenschaftlichen Personal gehörte. Zuvor hat sie von 2001 bis 2007 ihr Magisterstudium der Neueren Geschichte, Medienwissenschaft und Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena absolviert und dort mit einer Arbeit über die jüdische Familie Friedmann abgeschlossen, die auch publiziert ist (Schoenmakers 2007). Bis Juli 2014 hat sie an ihrer Promotion gearbeitet, die mittlerweile beendet und letzte Woche im Schöningh-Verlag im Rahmen der Kollegreihe erschienen ist (Schoenmakers 2015). Man darf also noch gratulieren. In der Zwischenzeit ist Christine unermüdlich auf einem Gebiet tätig gewesen, das neudeutsch so schön „Public History“ heißt. Sie ist freie Autorin in einem Geschichtsbüro, hat deutsche und fremdsprachige Besuchergruppen durch Ausstellungen im Berliner Haus der Geschichte geführt und die wissenschaftliche Ausstellung „Politische Repression in SBZ und DDR 1945-1990“ mit erarbeitet. Momentan leitet sie im Rahmen eines jungen Teams (http://www.diezeitreisenden.eu/) ein Pilotprojekt zur Erstellung einer Graphic Novel, in der es um jugendliche Resistenz, Vertrauen und Verrat in der DDR geht. Dieses Projekt, das durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wird, soll, wenn ich es recht sehe, den Startschuss zu einer systematischen Erkundung jener Mittel und Wege sein, Jugendlichen zwischen acht und sechzehn Jahren historische und gesellschaftpolitische relevante Themen zu vermitteln. Liebe Christine, nach so viel Vorrede darfst du nun endlich zu uns sprechen [es folgte der Vortrag von Christine Schoenmakers].

Herzlichen Dank, Christine, für den gewohnt pointierten Vortrag, der uns gleich sicher einigen Diskussionsstoff bieten wird. Einstweilen arbeiten wir aber noch unser Programm weiter ab. Last but not least möchte ich Ihnen Annemone Christians vorstellen. Sie ist 1981 geboren und hat nach dem Abitur eine Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin absolviert, anschließend Neuere und Neueste Geschichte, Alte Geschichte und Kommunikationswissenschaften in München und Barcelona studiert. Von 2009 bis 2012 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität München im Projekt „Die Münchner Stadtverwaltung im Nationalsozialismus“; in diesem Rahmen habe ich sie bei einer Tagung zur Münchener Stadtgeschichte kennengelernt. 2012 wurde Annemone Christians mit der Arbeit „Amtsgewalt und Volksgesundheit. Das städtische Gesundheitswesen Münchens zwischen Zwangssterilisation und Mangelverwaltung 1933-1945“ zur Dr. phil. an der Universität München promoviert. Ihre Dissertation ist 2013 bei Wallstein erschienen (Christians 2013) und stellt meines Erachtens einen der bedeutendsten neueren Beiträge zur Stadtgeschichte in der NS-Zeit dar, der viele verallgemeinerbare Befunde bietet. Ebenfalls erwähnen möchte ich ihren gemeinsam mit Nicole Kramer verfassten Aufsatz über die Geschichte der Pflege nach 1945, der letztes Jahr im „Archiv für Sozialgeschichte“ publiziert wurde (Christians/Kramer 2014). Seit 2014 ist Annemone Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Zeitgeschichte München, und zwar im Projekt „Das Private im Nationalsozialismus“ (http://www.ifz-muenchen.de/aktuelles/themen/das-private-im-nationalsozialismus/). Sie selbst interessiert sich dabei für das Spannungsverhältnis von privater Lebensführung und staatlicher Regulierungsmacht, und zwar anhand des Familien- und Eherechts sowie des Strafrechts. Ich nehme an, dass deine Ausführungen, die jetzt zu erwarten stehen, ein erster Ausschnitt aus dem laufenden Projekt sind. Der Titel des Vortrages ist „Das Private vor Gericht. Die Eigensphäre in der nationalsozialistischen Rechtspraxis“. Du hast das Wort, Annemone [es folgte der Vortrag von Annemone Christians].

Vielen Dank, Annemone, für diese spannenden Einblicke in ein neues Forschungsprojekt, das ich als sehr vielversprechend erachte. Wo anders soll sich der Totalitarismus des NS-Staates sonst zeigen als im Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, das du gemeinsam mit deinen Kollegen am Institut für Zeitgeschichte auslotest? [es folgte die Diskussion der Vorträge von Christine Schoenmakers und Annemone Christians].

Generell drehten sich die anschließenden Diskussionen sehr um Einzelheiten der Vorträge. Meine Anregung, die beiden Mechanismen von „Arierparagraph“ und „Führerprinzip“ aufzugreifen und im Hinblick auf das Thema „Volksgemeinschaft“ auszuloten, blieb ebenso ohne Resonanz wie mein wiederholter Hinweis, „Zugehörigkeiten und Opportunitätsstrukturen“ genauer in den Blick zu nehmen. Das größte Problem aber war, dass der Terminus „Struktur“ unterbelichtet blieb (das hat Martina Steber in der abschließenden Podiumsdiskussion übrigens für die gesamte Konferenz moniert). Für die Abmoderation meines Panels hatte ich dafür einen kurzen Text vorbereitet, für den erwartungsgemäß keine Zeit mehr blieb.

Damit kommen wir ans Ende dieses, wie ich finde, äußerst spannenden und ertragreichen Panels 9 „Zugehörigkeiten und Opportunitätsstrukturen“. Ich möchte die Diskussion der beiden letzten Vorträge nicht abwürgen, aber doch darauf insistieren, dass uns noch etwas Arbeit aufgegeben ist. Diese Arbeit möchte ich in einen eigenen Vorschlag fassen. Ich halte es für wenig sinnvoll, andauernd nach irgendwelchen ideologisch-programmatischen Inhalten zu suchen, die die „Volksgemeinschaft“ nun kennzeichneten oder nicht. Auch halte ich es für wenig weiterführend, das Wort „Volksgemeinschaft“ an die Stelle von „Gesellschaft“ zu setzen und einfach so zu tun, als wenn beides nach 1933 deckungsgleich gewesen wäre. Vielmehr möchte ich dafür plädieren, das Wort „Volksgemeinschaft“ und dessen semantische Korrelate funktional zu analysieren. Mit anderen Worten: welche Funktion besaß die schriftliche und mündliche Verwendung von „Volksgemeinschaft“ im jeweiligen Kontext der behandelten Phänomene? Oder, um diese Frage an den Titel des Panels rückzubinden: welche Funktion besaß das Wort „Volksgemeinschaft“ für die Regelung von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit? Inwieweit konstituierte das Wort „Volksgemeinschaft“ eine Struktur, die spezifische Praktiken hervorrief oder verhinderte? Ist es, pointiert gefragt, möglich, beide Bereiche in einem Aspekt zusammenzuziehen, den man als „Erwartung“ bezeichnen kann? Erwartungen sind Erlebens- und Handlungszumutungen, die zwischen Personen, aber auch zwischen Organisationen bestehen können (Luhmann 1976, 1982 u. 1983). Sie sind insofern Strukturen, an denen sich individuelles und kollektives Handeln orientiert. Die wohl zentralen Erwartungen, die sich aus der Verwendung von „Volksgemeinschaft“ ergaben, waren zum einen Einheit und Geschlossenheit, zum anderen die „Reinheit der Rasse“. Diese beiden Erwartungen kondensierten zum einen zu zwei spezifischen Organisationspraktiken, dem „Führerprinzip“ und dem „Arierparagraphen“. Sie kondensierten zum anderen aber auch zu Exklusionsketten im Bereich der Funktionssysteme, etwa im Recht, aber natürlich auch in Erziehung und Wissenschaft. Wie weit kommen wir, wenn wir von solchen Erwartungen sprechen und dabei möglicherweise noch zwei weitere Aspekte hinzunehmen: die Frage mach der Erfüllung von Erwartungen und nach deren möglicher Enttäuschung? Bringt uns das etwas für unser Thema „Volksgemeinschaft“ (bisweilen wird dieses Wort mit „Verheißung“ in Verbindung gebracht, ohne dass dies irgendjemand einmal fruchtbar gemacht hätte)? Die bisherige Debatte um „Volksgemeinschaft“ ist dann doch etwas leichtfüßig davon ausgegangen, es handele sich dabei um einen Begriff. Ihr heuristischer Vorgriff war die (zweifelsohne zutreffende) Einsicht, dass „Volksgemeinschaft“ wichtig ist, um das NS-Regime zu begreifen. Was aber „begreifen“ wir eigentlich, wenn wir von „Volksgemeinschaft“ reden?

Nach dem Ende meines eigenen Panels ging es flugs weiter mit Panel 10 zum internationalen Vergleich und zu transnationalen Perspektiven. Die vier Vorträge (Sven Reichardt, Malte Rolf, Adelheid von Saldern und Gerald Steinacher) loteten zwar den jeweiligen Einzelfall in beeindruckender Art und Weise aus; eine systematische Diskussion, wie „Volksgemeinschaft“ in transnational-vergleichender Absicht konzeptualisiert werden könnte, ergab sich daraus jedoch nicht. Um das leisten zu können, bedarf es meines Erachtens einer separaten Konferenz, bei der auch weitergehende Fragen diskutiert werden müssten; vielleicht am besten in der Art eines Workshops.

Michael Wildts öffentlicher Abendvortrag, der in einem sehr gut gefüllten Saal stattfand, bekam schon den Charakter eines Resümees. Wildt schilderte die Erträge der jeweiligen Forschungen zu „Volksgemeinschaft“ in der letzten Dekade und historisierte den NS-Staat in konsequenter Form, indem er dessen destruktive Dynamik aufzeigte und mit Exkursen zur aktuellen weltpolitischen Lage parallelisierte. Tenor war, dass Praktiken der Gemeinschaft immer auch Praktiken der Ausgrenzung sind und dass eine Radikalisierung von Gemeinschaftspraktiken nach innen zwangsweise auch eine Radikalisierung der Exklusionspraktiken nach sich ziehe. Persönlich verstand ich Wildts Ausführungen als ein Plädoyer für Ambiguitätstoleranz und Verteidigung der individuellen Freiheit, und zwar nicht unbedingt mit politischen, sondern mit rechtlichen und auch wissenschaftlichen Mitteln. Jedenfalls glaube ich einen gewissen Vorbehalt gegen diejenige Politik herausgehört zu haben, die stets auf „Gemeinschaft“ setzt.

Am letzten Tag der Konferenz hörte ich jeweils zwei Vorträge in den Panels 11 und 13, in denen es um geschlechtergeschichtliche Fragen und um die NS-Besatzungspolitik ging. Dabei ist mir deutlich geworden, wie sehr die Debatte um „Volksgemeinschaft“ bislang an männlich konnotierten Politikfeldern entlang geführt wird, insbesondere Gewalt und Massenmord. Elissa Mailänder plädierte in ihrem Vortrag (wie auch in vielen ihrer sonstigen Debattenbeiträge) für die Methode der Intersektionalität, also eine gleichrangige Untersuchung von Aspekten wie Klasse, Ethnizität und Geschlecht als Komponenten sozialer Ungleichheit (Winker/Degele 2009). Nicole Kramer machte in diesem Zusammenhang auf die wichtige Differenzkategorie „Alter“ aufmerksam. Schwierig ist es allerdings, die geforderte Intersektionalität auch empirisch einzulösen. Beispielsweise ist Literalität oftmals ein Privileg des Bürgertums, und es ist äußerst schwierig, Selbstzeugnisse aus den verschiedenen sozialen Schichten gleichrangig miteinander in Beziehung zu setzen. Viele Forschungen, die sich etwa unter dem Label „Klasse“ rubrizieren lassen, behandeln lediglich bürgerliche Gruppen bzw. Frauen.

Wie zentral der Aspekt sozialer Ungleichheit für die Erforschung der NS-„Volksgemeinschaft“ nichtsdestotrotz ist (Kramer/Nolzen 2012), verdeutlichte in einem anderen Panel Stephan Lehnstaedt, der auf der Basis seiner einschlägigen Arbeiten (2007, 2008, 2010) die systematische Hierarchisierung von „Reichsdeutschen“, „Volksdeutschen“, Polen und Juden in den okkupierten polnischen Gebieten in den Blick nahm. Und Radka Šustrová schließlich zeigte, dass nach dem Münchener Abkommen vom September 1938 in der Zweiten Tschechoslowakischen Republik eine exakte Kopie jener institutionellen Praktiken aufkam, die im Deutschen Reich unter „Volksgemeinschaft“ firmierten. Dreh- und Angelpunkt waren die Vorstellungen, wie sie sich mittels des Ausdrucks „národní pospolitost“ und des damit zusammenhängenden semantischen Feldes entwickelten und schließlich im April 1939 in der Gründung der „Národní souručenství“ kumulierten, einer exakten Kopie der NSDAP im Deutschen Reich, in der schnell mehr als 99 Prozent der tschechischen Bevölkerung im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren organisiert waren. Diese offenkundige institutionelle Isomorphie, die sich 1939/40 auch in vielen anderen der vom Nationalsozialismus besetzten Länder entwickelte, harrt noch der weiteren Erforschung.

Die Vorträge der Panels 11 und 13 zeigten mir nachdrücklich, welches Potenzial eigentlich in den Forschungen zu „Volksgemeinschaft“ steckt. Soziale Ungleichheit, behandelt mit den Mitteln der Intersektionalitäts-Forschung, und eine verstärkte Berücksichtigung der Distinktion zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in den vom NS-Regime besetzten Gebieten scheinen mir jedenfalls einige weiterführende Perspektiven anzubieten. Demgegenüber waren die Positionen, die im Verlauf der Podiumsdiskussion geäußert wurden, noch einmal resümierenden Charakters, indem sie auf die Debatte um „Volksgemeinschaft“ zurückblickten und, in kritischer Absicht, mit anderen Ansätzen (Täterforschung, Alltags- und Regionalgeschichte) korrelierten (Wolf Gruner, Thomas Kühne, Adelheid von Saldern). Andreas Wirsching hob auf die Akkumulierung neuen empirischen Wissens über den NS-Staat ab. Michael Wildt brachte die Debatte in dem Satz „,Volksgemeinschaft‘ ist die Einführung des cultural turn in die NS-Forschung“ auf den Punkt. Allerdings machte dieser Satz auf mich zugleich einen zweischneidigen Eindruck. Er impliziert nämlich, dass „Kultur“ der zentrale Begriff einer (wie auch immer zu konzipierenden) künftigen NS-Forschung ist. Dies ist unbefriedigend, weil sich die Debatte um „Volksgemeinschaft“ im Grunde genommen darum drehte, endlich zu einer gesellschaftsgeschichtlichen Analyse vordringen zu können, wenn nicht gar zu müssen. Wer von „Volksgemeinschaft“ redet, darf von Gesellschaft nicht schweigen, so ließe sich dieses wichtige Ergebnis zusammenfassen.

Zum Abschluss noch eine weitere Überlegung, die dieses Argument unterstützt. Während der gesamten Tagung war ein reifizierend-holistischer Sprachgebrauch von „Volksgemeinschaft“ zu beobachten, bei der dieses Wort teilweise synonym mit „Gesellschaft“, teilweise als handelndes Subjekt benutzt wurde. Allenthalben schloss die „Volksgemeinschaft“ Personen ein oder wieder aus, wurde die „Volksgemeinschaft“ durch spezifische Praktiken konstituiert oder unterwandert, verhießen oder propagandistisch bloß simuliert. Hinzu kamen eine Vielzahl von (essenzialistisch-ontologischen) Annahmen, was die „Volksgemeinschaft“ eigentlich sei, eine soziale Praxis, eine Verheißung sowie ein Sammelsurium von Ideen und Ideologemen. Ein Aspekt, der bei solchen Verwendungen des Wortes „Volksgemeinschaft“ zu kurz kam, war dessen Temporalität, und, damit verbunden, dessen Operativität. Mit anderen Worten: „Volksgemeinschaft“ benötigt immer einen Zeitindex (wer sagt, schreibt, spricht wann mit welcher Intention was?). Die Rede von den vielen „Volksgemeinschaften“ hilft dabei nicht weiter, denn schließlich will man wissen, wie sich diese überschnitten oder gegenseitig ausschlossen beziehungsweise wie sie interagierten.

Last but not least: ob „Volksgemeinschaft“ nun nur ein Wort ist, ein Paradigma, ein Konzept oder gar ein Begriff, darüber gab die Tagung keinerlei befriedigende Auskunft. Dies führte dazu, dass jeder in „Volksgemeinschaft“ das erblickte, was zu seinen eigenen empirischen Daten sowie zu seinen theoretischen Vorannahmen passte. Insofern hat Michael Wildt vielleicht auch in einer anderen Hinsicht recht: Die Kulturgeschichte hält Einzug in die NS-Forschung, und zwar auch in ihrer gesamten Disparität, wie sie in den letzten beiden Dekaden in den Kulturwissenschaften zu beobachten war (Bachmann-Medick 2009: 7-57). Die sich aufdrängende Frage „Quo vadis, ,Volksgemeinschaft‘?“ wird meines Erachtens am besten zu beantworten sein, indem man zunächst einmal klärt, ob „Kultur“ oder „Gesellschaft“ der Leitbegriff zukünftiger Forschung sein soll. Die Aufforderung des britischen Mathematikers George Spencer Brown „draw a distinction!“ (triff‘ eine Unterscheidung!) ist ohnedies die erste Voraussetzung aller Kognition.

Intertexte

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