Die Reisen des Historikers VII

von arminnolzen

Saarbrücken, 17. bis 19. September 2015

Nachdem das Hannoveraner Forschungskolleg „Nationalsozialistische ,Volksgemeinschaft‘? Konstruktion, gesellschaftliche Wirkungsmacht und Erinnerung vor Ort“, bis auf die nunmehr fälligen Monografien, seine Tätigkeiten mit der Abschlusstagung Ende Juni 2015 eingestellt hat, gibt es nicht mehr viele größere Forschungsvorhaben, die sich aus gesellschaftsgeschichtlicher Perspektive mit dem Thema Nationalsozialismus befassen. Die momentan grassierende Auftragsforschung, etwa inauguriert durch die Bundesministerien der Justiz, Finanzen und des Inneren, haben einen weit engeren Zuschnitt und fragen in erster Linie nach den personellen Kontinuitäten zwischen der NS-Diktatur und der sich konstituierenden Bundesrepublik Deutschland bzw. Deutschen Demokratischen Republik. Durch ihre Präsenz in den Massenmedien sind sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt; ihr voraussichtlicher Ertrag für eine Gesellschaftsgeschichte des NS-Staates, die durch die Debatte über „Volksgemeinschaft“ ja angestoßen worden ist, wird jedoch eher gering ausfallen.

Umso wichtiger scheint es mir, von einem anderen Projekt Kenntnis zu nehmen, das aufgrund seines regionalen Fokus von der NS-Forschung bislang kaum beachtet worden ist. Es geht zurück auf einen Internationalen Workshop, der im Juni 2011 im Stadtarchiv Saarbrücken stattfand und zu dem Historiker der dortigen Universität des Saarlandes, der Université Sorbonne-Paris und der Ruhr-Universität Bochum eingeladen hatten. Ziel dieses Workshops war es, so heißt es im Vorwort des mittlerweile publizierten Tagungsbandes, „die Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzraum während des Zweiten Weltkrieges in ihren europäischen und diachronischen Zusammenhang zu stellen und Perspektiven für vertiefte weitere Forschungen auszuloten“ (Lemmes/Großmann/Williams/Forcade/Hudemann 2014: 8). Um welche historischen Ereignisse gehr es hier? Seit den letzten Tagen des August 1939, als eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich bevorstand, waren im Grenzgebiet auf beiden Seiten wahrscheinlich 1,5 Millionen Menschen binnen weniger Wochen ins Landesinnere evakuiert worden. Auf der französischen Seite mussten 600.000 Elsässer und Lothringer zwischen Maginot-Linie und Westwall ihre Heimat verlassen; auf der deutschen Seite ereilte in der so genannten Roten Zone wahrscheinlich mehr als 900.000 Menschen dasselbe Schicksal (Torrie 2010). Diese Evakuierungen basierten auf umfangreichen Vorbereitungen, die beide Länder seit Mitte der 1930er Jahre aufgenommen hatten, und sie bildeten einen integralen Bestandteil ihrer militärischen Operationen. Der Sachverhalt ist also wie geschaffen für einen transregionalen Vergleich zweier Kriegsgesellschaften.

Offenbar scheint der Saarbrücker Workshop äußerst fruchtbar gewesen zu sein, denn seit 2012 fördern die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Agence National de la Recherche ein Gemeinschaftsprojekt der drei beteiligten Universitäten, das den Titel „Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzraum 1939-1945. Les évacuations dans l’espace frontalier franco-allemand 1939-45 (EDEFFA)“ trägt. Als weiterer Kooperationspartner trat noch das Historische Institut der Universität Tübingen (Jun.-Prof. Dr. Johannes Großmann) hinzu. Im Rahmen dieses Gemeinschaftprojekts entstehen einige Habilitationen oder auch zweite Bücher, Doktor- und Masterarbeiten, die sich samt und sonders durch eine vergleichende Perspektive auszeichnen und wesentliche Einsichten in die Funktionsmechanismen von Diktatur (NS-Staat) und Demokratie (Dritte Französische Republik) versprechen (http://www.nng.uni-saarland.de/forschung/forschungsschwerpunkte/evakuierungen.htm). Es finden regelmäßige Arbeitstreffen und binationale Workshops statt, bei denen sich die beteiligten Forscher über Quellenbestände und methodologische Probleme austauschen und ihre gemeinsame Arbeit am Thema koordinieren.

Zu einem dieser Workshops, der im Februar 2014 an der Ruhr-Universität Bochum stattfand, war ich eingeladen gewesen, musste aber wegen Erkrankung kurzfristig absagen. Die Projektleiter waren auf mich anlässlich eines Beitrags aufmerksam geworden, den ich in einem Sammelband verfasst hatte und der im Rahmen der Konzeptualisierung des Begriffs „Volksgemeinschaft“ stand (Nolzen 2012). Bei der Abschlusstagung von EDEFFA, die vom 17. bis 19. September 2015 in Saarbrücken stattfand, hatte mich einer der Mitveranstalter, Jun.-Prof. Dr. Fabian Lemmes, noch einmal eingeladen. Ich wurde gebeten, einen Vortrag zum Thema „NSDAP und Evakuierungen“ zu halten. Dieses Unterfangen gestaltete sich durchaus schwierig, da ich mit dem erwähnten Aufsatz mein empirisches Pulver zum Thema bereits verschossen hatte. Ich entschied mich dafür, meine damaligen Ergebnisse theoretisch zu verdichten und insbesondere auf die Tätigkeit des Organisierens abzuheben, die ich mittels Karl Weicks Organisationspsychologie zu operationalisieren suchte (FreimachungenNSDAPSaarbrücken). Das Programm der Tagung gestaltete sich wie folgt:

Donnerstag 17.9.2015
Einführung (12h30–14h30)
Begrüßung (Bernd Rauls, Geschäftsführer der Stiftung Demokratie Saarland)
Begrüßung und Einführung zum EDEFFA-Projekt
(Olivier Forcade, Johannes Großmann, Rainer Hudemann und Fabian Lemmes)
Thematische Einführung: „Grenzlandschicksal“? Die Evakuierung des deutsch-französischen Grenzgebiets 1939/40 als Thema einer transnationalen Raumgeschichte (Johannes Großmann)
Kaffeepause (14h30–15h00)

I. Planung und Organisation zwischen militärischen und ideologischen Zwängen
(15h00–17h00, Moderation: Julia Torrie)
Planungen in der Zwischenkriegszeit und die Umsetzung der Evakuierungen in Deutschland und Frankreich im Vergleich (Nicholas Williams)
L’Allemagne vue par les états-majors généraux français, 1936–1940 (Simon Catros)
Robert Schuman et le Service Central des Réfugiés (Alexandre Rolland)
Die NSDAP und die „Freimachungen“ an der westlichen Reichsgrenze (Armin Nolzen)
Kaffeepause (17h00–17h30)

II. Mobilisierung und Sicherung von Ressourcen
(17h30–19h30, Moderation: Fabian Lemmes)
Le financement public des évacuations en perspective comparative franco-allemande (Mathieu Dubois)
Deutsche und französische Unternehmen und die Evakuierungen 1939/40 (Luise Stein)
„Keine Kollegen“. Das Verhalten der Reichsuniversität Straßburg gegenüber der Université de Strasbourg repliée à Clermont-Ferrand (Rainer Möhler)

Freitag 18.9.2015
III. Propaganda und Sozialpolitik zwischen In- und Exklusion
(9h00–11h00, Moderation: Marcel Boldorf)
Guerre de mots et d’images: Propagande, communication et rumeurs lors des évacuations de la region frontalière (Maude Williams)
Fürsorgendes Vaterland? Die Rolle der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des Secours National während der Evakuierung (1939–1941) (Daniel Hadwiger)
Die Evakuierung der Psychiatrien in Elsass-Lothringen und Südwest-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges (Jasmin Nicklas)
Kaffeepause (11.00–11.30)
Podiumsdiskussion 1 – Die Evakuierungsgesellschaft: Familienleben, Geschlecht, Generationen, soziale Klassen, Milieus und Konfessionen
(11h30–13h00, Moderation: Olivier Forcade und Fabian Lemmes)
Diskutanten: Johannes Großmann, Frank-Matthias Hofmann, Julia Torrie und Maude Williams
Mittagessen (13h00–14h30)

IV. Gemeinschaften, Netzwerke und Konflikte
(14h30–16h30, Moderation: Kurt Hochstuhl)
Die Evakuierten des Landkreises St. Ingbert im Thüringer Bergungsgebiet (Tom Fehrmann)
Les évacués jurassiens et les expulsés d’Alsace-Lorraine dans le Tarn (1939–1941) (Léa Dumas)
Les évacués dans les Landes (André Savoye)
Die Evakuierungen in der Korrespondenz von Pfarrern aus dem Bistum Metz (Frauke Feldmann)
Kaffeepause (16h30–17h00)

V. Der vergleichende Blick
(17h00–19h00, Moderation: François Cochet)
Eléments d’analyse comparée de l’évacuation à la frontière franco-italienne en 1940
(Diane Grillère-Lacroix)
L’état et les perspectives de recherches sur les évacuations dans la zone frontalière germano-polonaise au cours de la Seconde Guerre mondiale (Pawel Sekowski)
La politique de terre brûlée appliquée au front Est de la France à travers l’exemple des évacuations de l’automne 1944 (Nadège Mougel)
Des enfants espagnols aux réfugiés alsaciens-lorrains. Réorientations et concurrences humanitaires en France en 1939 (Célia Keren)

Samstag, 19.9.2015
Podiumsdiskussion 2 – Die Evakuierungen im Narrativ der Zeitzeugen
(9h00–11h00, Moderation: Rainer Hudemann)
Einführung: Die Evakuierungen von 1939/40 zwischen Erinnern und Vergessen (Eva Kübler)
Diskutanten: Hans-Walter Herrmann, Eva Kübler, François Roth und Nicholas Williams
Kaffeepause (11.00–11h30)
Fazit und Schlussdiskussion
(11h30–13h00, Moderation: Fabian Lemmes und Johannes Großmann)

Der Einführungsvortrag von Johannes Großmann gab noch einmal die methodischen Leitlinien des EDEFFA-Projektes vor und gipfelte in einem Plädoyer für eine transnational vergleichende Raumgeschichte der Migration. Unter Rückgriff auf den französischen Soziologen Henri Lefebvre (1991) nahm Großmann die Konsequenzen in den Blick, die die Evakuierungen auf beiden Seiten für die betroffenen geografischen Räume besaßen (und zwar für die Evakuierungs- wie die Aufnahmegebiete). Mit den beiden Begriffen „Entleerung“ und „Verdichtung“ brachte Großmann diese Konsequenzen auf den Punkt. Die Kategorie „Raum“ kam im weiteren Verlauf der Tagung immer wieder einmal zur Sprache, ohne dass sich die Anwesenden dabei über ein spezifisches Konzept verständigt hätten (generell Löw 2000). Ein „spatial turn“, also eine Abkehr vom Containerbegriff des territorialen Raums und eine Hinwendung zu relationalen Konzepten, bei denen Raum als „gesellschaftlicher Produktionsprozess der Wahrnehmung, Nutzung und Aneignung, eng verknüpft mit der symbolischen Ebene der Raumrepräsentation (etwa durch Codes, Zeichen, Karten)“ fungiert (Bachmann-Medick 2009: 292), ergab sich daraus nicht. Aber vielleicht ist ein solcher „spatial turn“ mit den traditionellen Mitteln des Historikers auch nur schwer zu bewerkstelligen. Für ihn erweisen sich relationale Analysen ja als sperrig, weil sie sich kaum systematisch in eine Erzählung transformieren lassen; die immer noch bevorzugte Form geschichtswissenschaftlicher Analyse. Auch sollte der Raum nicht plötzlich zum Subjekt der Geschichte mutieren. Großmanns Vortrag entging dieser Gefahr, aber eben nur um den Preis eines primär geografisch gedachten Raumes.

Die übrigen Beiträge der Tagung zeichneten sich dadurch aus, dass sie größtenteils das empirische Material präsentierten, das im Rahmen des Projektes erhoben worden ist. Es dürfte nicht falsch sein, die meisten Ausführungen als klassische Sozialgeschichte der Evakuierungen zu bezeichnen, die stark erfahrungsgeschichtlich grundiert ist. Trotz der knapp bemessenen Zeit kam es in den einzelnen Sektionen zu lebhaften Diskussionen, die sich zumeist eng am jeweiligen Vortrag orientierten. Nur selten thematisiert wurden die „großen“ Fragen der NS-Forschung, etwa die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur, die Bedeutung des Konzepts „Volksgemeinschaft“, die Kategorie „Geschlecht“, das Verhältnis zwischen Religion und Politik sowie eine Verhaltensgeschichte der evakuierten Bevölkerung. Allerdings verspricht die hohe empirische Sättigung der Vorträge (genannt seien nur Nicholas und Maude Williams, Jasmin Nicklas, Luise Stein, Daniel Hadwiger und Tom Fehrmann) neue Aufschlüsse über die Funktionsmechanismen des NS-Regimes insgesamt, und zwar vor allen Dingen in den Bereichen Sozialpolitik, Medienlenkung und Krankenmord. Auch wäre zu wünschen, dass sich die Projektleitung dazu entschließt, eine Edition der einschlägigen Quellen zu erarbeiten.

Der besondere Clou des EDEFFA-Projektes liegt sicherlich im transregionalen Vergleich, der aber in Saarbrücken nur ausnahmsweise zur Sprache kam. Systematisch geschah dies eigentlich nur im Rahmen der beiden Podiumsdiskussionen, die übrigens ein Format sind, das einer solchen Tagung sehr gut zu Gesicht steht, weil sie die traditionellen Frontalvorträge kongenial ergänzen und das Tagungsgeschehen auflockern. In Sachen Gesellschaftsvergleich ist bei EDEFFA noch die meiste Arbeit zu leisten. Da die Projekte immer zwei Vergleichsfälle zum Gegenstand haben, wird man deren Publikation abwarten müssen, um zu sehen, zu welchen Einsichten dies führt (vorab Williams 2012 und die Beiträge in Lemmes/Großmann/Williams/Forcade/Hudemann 2014). Ich selbst habe bei meinen Diskussionsbeiträgen stets darauf hingewiesen, bei einem Gesellschaftsvergleich die Referenzebene „Organisation“ nicht zu vergessen. Viele informelle Gespräche ließen in mir den Eindruck aufkommen, dass dies auch nicht vergebens war.

Intertexte

Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, 3., neu bearb. Aufl., Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2009 [ursprgl. erschienen: 2006]

Großmann, Johannes/Lemmes, Fabian/Williams, Nicolas J./Forcade, Oliver/Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Metropol: Berlin 2014

Lefebvre, Henri: The Production of Space, Blackwell: Malden Mass. 2009 [Nachdruck der engl. Ausgabe von 1991; im frz. Original Edition Anthropos: Paris 1974]

Löw, Martina: Raumsoziologie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2000

Nolzen, Armin: Planung und Durchführung der ›Freimachungen‹ an der westlichen Reichsgrenze 1939/40, in: Oltmer, Jochen (Hg.): Nationalsozialistisches Migrationsregime und ›Volksgemeinschaft‹, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2012, S. 243-263

Torrie, Julia S.: „For Their Own Good“. Civilian Evacutions in France and Germany, 1939-1945, Berghahn Books: Oxford/London 2010

Williams, Nicolas: Grenzen der „Volksgemeinschaft“. Die Evakuierung 1939/40 in Deutschland und Frankreich, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 60 (2012), S. 113-126