Die Reisen des Historikers IX

von arminnolzen

Eigentlich wollte ich im Rahmen dieser Rubrik niemals über Einzelvorträge berichten, die anlässlich von persönlichen Einladungen stattgefunden haben, sondern stets nur über Teilnahmen an Konferenzen, Workshops oder Kolloquien mit mehreren Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich hier eine Ausnahme mache, dann aus einem besonderen Grund, der in einer eigenartigen Präsenz der Geschichte des Nationalsozialismus an jenem Ort bestand, an dem ich mich auf eine explizite Einladung hin begeben und aufgehalten habe. Anfang August 2015 erhielt ich eine Email von Patrick Wagner, seines Zeichens Professor für Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Autor einiger wichtiger Bücher zur Geschichte der Kriminalpolizei im Nationalsozialismus und zur Geschichte des Bundeskriminalamtes nach 1945 (Wagner 1996, 2002; Baumann/Reinke/Stephan/Wagner 2011). Er lud mich zu dem gemeinsam mit seinem Kollegen Manfred Hettling veranstalteten Kolloquium zur Neueren und Zeitgeschichte am Hallenser Institut für Geschichte ein und konkretisierte gleich auch noch sein eigenes Interesse an einem Vortrag meinerseits. In Zusammenarbeit mit Hettling plane er ein Projekt, das sich in vergleichender Perspektive damit befassen solle, welche Rolle die früheren Aktivistinnen und Aktivisten revolutionärer Bewegungen in nachrevolutionären Ordnungen gespielt haben. Dabei gehe es auch um die so genannten Alten Kämpfer der NSDAP, zu denen es bislang nur wenige Studien gibt (Schmidt 1981; Bajohr 2001: 17-34; Humann 2010).

Nachdem ich zugesagt, das Thema abgesprochen („Geschichte der NSDAP nach 1933“) und das Programm des Kolloquiums erhalten hatte, fiel mir sofort die Adresse des Historischen Instituts ins Auge: Emil-Abderhalden-Straße 26-27. Das Ganze war ein veritabler Zufall, denn nur wenige Minuten zuvor hatte ich in einem Buch geblättert, das ich zur Rezension für die „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“ (www.beitraege-ns.de) vergeben wollte. Es lag noch auf einer Seite aufgeschlagen vor mir, auf der es um einen gewissen Karl Friedrich Plötner ging, einen promovierten und habilitierten Chemiker und Arzt der Waffen-SS, dessen Spezialgebiet die Spezifika des menschlichen Blutes waren und der eine wichtige Rolle im Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung des Ahnenerbes der SS spielte. Seinem Lebenslauf war zu entnehmen, dass er Mitte der 1930er Jahre ein dreiviertel Jahr wissenschaftlicher Assistent bei einem „Geheimrat Abderhalden am Physiologischen Institut in Halle“ gewesen war (Reitzenstein 2014: 214), und offensichtlich hatte der Name „Abderhalden“ einen eye-catcher-Effekt bei mir ausgelöst. In den Zeiten des Internets sind Namensrecherchen äußerst einfach, und so begab ich mich sofort auf die Suche nach jenem Hallenser Geheimrat. Aus der Fülle an Online verfügbaren biografischen Eintragungen begann ich mit dem unter http://www.catalogus-professorum-halensis.de/abderhaldenemil.html (letzter Zugriff: 16.1.2016), der mit „HE“ gezeichnet war.

„Abderhalden studierte Medizin in Basel, 1902 promovierte er zum Dr. med. und trat in das Laboratorium des Chemie-Nobelpreisträgers Emil Fischer in Berlin ein. 1904 habilitierte er sich an der Universität Berlin für das Fach Physiologie. 1908 wurde er zum Professor und Direktor des Physiologischen Instituts an der Berliner Tierärztlichen Hochschule ernannt. 1911 folgte Abderhalden einem Ruf an die Medizinische Fakultät der Universität Halle, weitere Berufungen nach Wien (unico loco 1913), Zürich (1916) und Bern (1935) schlug er aus. Im ersten Weltkrieg wurde er vom stellvertretenden Generalkommando Magdeburg mit dem Transport von Verwundeten in Halle betraut (ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse am weißen Band und dem Verdienstkreuz für Kriegshilfe). Nach dem Krieg entfaltete Abderhalden neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit (vor allem Arbeiten zur physiologischen Chemie des Stoffwechsels) eine umfangreiche soziale Tätigkeit, die von patriotischen und eugenischen Leitlinien bestimmt war. Trotz seiner antidemokratischen und deutschfreundlichen Haltung war sein Verhältnis zum Nationalsozialismus keineswegs konfliktfrei. Sowohl als Wissenschaftler wie auch als Präsident der Akademie der Naturforscher Leopoldina (1931-1950) agierte er jedoch systemkonform. So wandte er sich ab 1936 kriegswichtigen Forschungen über Ersatzstoffe und Lebensmittel zu, für die er 1944 das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse erhielt. Am 23. Juni 1945 wurde er mit dem nach ihm irreführend benannten ,Abderhaldentransport‘ in die Amerikanische Besatzungszone deportiert, gelangte dann aber in die Schweiz. 1946/47 hatte er den Lehrstuhl für Physiologische Chemie an der Universität Zürich inne. Einen Ruf nach Leipzig lehnte Abderhalden im Oktober 1947 mit Rücksicht auf seine in die Schweiz nachgereiste Familie ebenso ab, wie eine Rückkehr nach Halle”.

Nimmt man nur einmal einige Adjektive, die in diesem kurzen biografischen Abriss benutzt werden („antidemokratisch“, „deutschfreundlich“, „systemkonform“), so erweckt der Lebenslauf dieses Herren nur wenig Sympathie. Allerdings ist der Informationsgrad der Ausführungen, die immerhin universitätsoffizielle sind, eher gering. Dies veranlasste mich dazu, als nächstes den Eintrag unter https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Abderhalden (letzter Zugriff: 16.1.2016), zu konsultieren, der wesentlich ausführlicher gearbeitet und auch besser belegt ist. Neben vielen anderen Details erfährt man hier, dass Abderhalden im Sommer 1934 folgenden Wahlaufruf zur so genannten Reichstagswahl am 19. August 1934 unterschrieb (allgemein Hubert 1992: 273-281; Jung 1995: 61-82), der am Wahlsonntag im „Völkischen Beobachter“, der wichtigsten reichsweiten Tageszeitung der NSDAP abgedruckt wurde:

„Am 19. August steht das deutsche Volk erneut vor einer Entscheidung, die über seine Zukunft bestimmen wird. Durch den Entschluss der Reichsregierung, das Amt des Reichskanzlers und Reichspräsidenten in der Person des Führers Adolf Hitler zu vereinigen, ist eine Sorge gebannt worden, die viele deutsche Männer an den Tagen bedrückt hat, in denen das deutsche Volk bangend am Krankenlager des verewigten Reichspräsidenten und Generalfeldmarschalls gestanden hat. Wir unterzeichneten Vertreter der deutschen Wissenschaft, die wir auch namens vieler sprechen, die in diesen Tagen weder durch Wort noch Brief für uns erreichbar waren, haben das Vertrauen zu Adolf Hitler als Staatsführer, dass er das deutsche Volk aus seiner Not und Bedrückung herausführen wird. Wir vertrauen auf ihn, dass auch die Wissenschaft unter seiner Führung die Förderung erfahren wird, deren sie in ihrer Gesamtheit bedarf, um die hohe Aufgabe zu erfüllen, die ihr beim Wiederaufbau der Nation zukommt. Um der Wirkung nach innen wie nach außen willen muss erneut die Einheit und Geschlossenheit des deutschen Volkes und seines Willens zu Freiheit und Ehre durch das Bekenntnis zur Führerschaft Adolf Hitlers zum Ausdruck gebracht werden. Die unterzeichneten Vertreter der deutschen Wissenschaft folgen dem Appell der Reichsregierung, mit dem das deutsche Volk am 19. August zur Entscheidung gerufen wird”.

Vertrauen zu Hitler als „Staatsführer“, der Wunsch, er möge die Wissenschaft fördern, und das Ringen um „Einheit“, dem sich die Unterzeichneten anschlossen, das waren die wesentlichen Ingredienzen dieses Aufrufs. Die Unterschrift unter ein solches Dokument wird man wohl als „systemkonform“ bezeichnen können, wie es im oben zitierten Eintrag aus dem „Catalogus Professorum Hallensis“ heißt. Neben diesem Detail elektrisierte mich im Wikipedia-Eintrag zu Emil Abderhalden aber vor allen Dingen die Rubrik „Ehrungen“, die über die Umstände der Benennung jener Straße informierte, in der das Historische Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg liegt. Demnach tobte seit November 2010 ein Streit um die Umbenennung dieser Straße, die von der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Stadtrat gefordert worden war. Und es fand sich ein Link, unter dem die ganze, bis heute andauernde Debatte dokumentiert wird. Es handelt sich um die Homepage von „Zeit-Geschichte(n) e.V. Verein für erlebte Geschichte“ (http://www.zeit-geschichten.de/abderhalden.html), einer privaten stadtgeschichtlichen Initiative (letzter Zugriff: 16.1.2016). Die dort vorhandene Sammlung endet mit einem Artikel der „Mitteldeutschen Zeitung“ vom 26. November 2015, dessen Überschrift lautete: „Umbenennung ist vom Tisch“. Der Hallenser Stadtrat habe sich, so war zu lesen, mit großer Mehrheit gegen eine Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße ausgesprochen.

Es kann hier nicht nachgezeichnet werden, wie die öffentliche Debatte um Abderhalden in Halle bis heute verlaufen ist und welche Volten sie geschlagen hat. In Fahrt gekommen war sie ohnehin erst im Oktober 2013, nachdem sich eine professorale Initiative zur Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße gebildet hatte, bei der die Historiker der Martin-Luther-Universität, bis auf eine Ausnahme, durch Abwesenheit glänzten (http://www.johannes-varwick.de/rauf/initiative-zur-umbenennung-abderhaldenstr-23102013.pdf) (letzter Zugriff: 16.1.2016). Dennoch kam bald auch die Geschichtswissenschaft in der Auseinandersetzung zum Zuge. Rüdiger vom Bruch, Emeritus für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, leitete damals eine Arbeitsgruppe, die die Geschichte der Leopoldina im 20. Jahrhundert erforschen sollte (eine Geschichte der Universität Halle in der NS-Zeit liegt schon lange vor; siehe Eberle 2002), deren Präsident Abderhalden von 1931-1950 gewesen war. In einer Sitzung des Hallenser Kulturausschusses am 4. Dezember 2013, zu der vom Bruch zwar eingeladen, aber nicht erschienen war, ließ er mitteilen, „dass er zur Straßenumbenennung direkt nichts sagen könne“, weil er eigentlich nur die Geschichte der Leopoldina aufarbeiten solle (http://www.zeit-geschichten.de/visuals/KulturA%204.12.13%20Auszugsprotokoll.PDF) (letzter Zugriff: 16.1.2016).

Es zeigte sich jedoch schnell, dass Abderhaldens Verhalten als Präsident der Leopoldina für die Frage der Straßenumbenennung durchaus relevant ist. Rüdiger vom Bruch wurde (offenbar vom Rektorat der Universität Halle-Wittenberg) darum gebeten, ein Gutachten zu erstellen, von dem von Anfang an deutlich war, dass ihm in der weiteren Debatte eine exponierte Rolle zukommen würde. Es umfasst alles in allem fünfzehn karge Druckseiten, trägt den Titel „Bemerkungen zur wissenschaftshistorischen Einordnung des vormaligen Leopoldina-Präsidenten Emil Aberhalden“ (http://www.leopoldina.org/fileadmin/redaktion/Ueber_uns/Akademien-_und_Forschungsvorhaben/vomBruch_Abderhalden_FINAL.pdf) (letzter Zugriff: 16.1.2016) und beginnt wie folgt:

„Im Rahmen der vom Unterzeichner geleiteten Arbeitsgruppe für eine Monographie zur Geschichte der Leopoldina in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt der Einschätzung des in der NS-Zeit amtierenden Präsidenten Abderhalden naturgemäß eine exponierte Bedeutung zu. Dabei geht es nicht um ein bewertendes Gutachten zu seinen wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten, sondern um eine wissenschaftshistorische Kontextualisierung gemäß dem aktuellen Forschungsstand zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik insbesondere in der NS-Zeit“.

Es folgen fünf Seiten zum „Forschungsfeld Wissenschaft und Politik im Nationalsozialismus“, die aus allgemeinen Ausführungen zum Stand der Wissenschaftshistoriografie zur NS-Zeit und zum möglichen Ertrag biografischer Studien bestehen. Auf Seite 7 schreitet vom Bruch endlich „Zur Einordnung von Emil Abderhalden“. Die ersten drei Seiten, die sich mit Abderhaldens Rolle als Leopoldina-Präsident befassen, sind ausschließlich aus der Sekundärliteratur gearbeitet und führen keine eigenständig eingesehenen Primärquellen aus dem Archiv dieser Institution auf. In der darauf folgenden Passage „Aberhalden im Kontext zeittypischer Wertorientierungen“ geht es fast ausschließlich um die Weimarer Republik. Vom Bruch formuliert Allgemeinplätze wie „Ein ‚lupenreiner Demokrat‘ war Emil Abderhalden sicherlich nicht, aber auch kein Nationalsozialist. In ihm bündelte sich die komplexe Widersprüchlichkeit seines Zeitalters“. Bei der Schilderung von Abderhaldens Rolle als Mediziner beschränkt sich vom Bruch auf dessen wissenschaftliches Werk vor der Leopoldina-Präsidentschaft und die Entdeckung des „Abwehrfermentverfahrens“. Erst auf der letzten halben Seite des Gutachtens kommt dann jener Sachverhalt zur Sprache, mit dem sich der zu Beginn meines Eintrags eröffnete Reigen zu schließen beginnt:

„Unablässig warb Emil Abderhalden, wenn auch wohl kaum betrügerisch, so doch offenbar bedenkenlos für eine Anwendung seiner Methode. So nahm er auch deren Einsatz bei Menschenversuchen unter den inhumanen und verbrecherischen Bedingungen des NS-KZ-Systems billigend in Kauf. Wieweit er im Einzelnen über deren Realität informiert war, dafür fehlen Belege, doch ist eine völlige Ignoranz schwer vorstellbar. Dokumentiert ist seine Korrespondenz mit dem in Dachau tätigen Tropenmediziner Claus Schilling, auf dessen Wunsch hin Abderhalden einen für jenen im Rahmen von Schillings Malaria-Forschungen tätigen Arzt in der Handhabung des Abwehrfermentverfahrens ausbildete“.

Aus Fußnote 24 ist zu erfahren, dass es sich bei dem im Zitat erwähnten Arzt um Plötner handelte (Reitzenstein 2014: 216 ff.). Der Zusammenhang ist jedoch alles andere als klar. Warum musste Abderhalden jemanden in seine Methodik einweisen, der schon zuvor bei ihm in Halle gearbeitet hatte? Schillings Malaria-Forschungen hätten hier etwas genauer gekennzeichnet werden können: um ein Heilmittel gegen die Krankheit zu finden, infizierte er Häftlinge mit dem Erreger, was oft letal war. Abderhalden korrespondierte also mit einer Person, die Humanversuche in einem Konzentrationslager machte. Vom Bruch beendet das Gutachten, nicht ohne dem Leser noch die folgende Weisheit mit auf den Weg zu geben:

„Grau ist die Farbe der Geschichte, schrieb der Historiker Thomas Nipperdey einmal, und keine um ernsthafte Historisierung bemühte Untersuchung wird um die aus den jeweiligen zeitgenössischen Kontexten sich erschließenden Ambivalenzen herumkommen. Dies gilt auch für Emil Abderhalden, dessen Lebenswerk respekteinflößend, aber durchaus nicht unproblematisch bleibt. Für unkritische Verehrung taugt er ebenso wenig wie für eine lebensfremde Aburteilung.“

Auf der Basis dieses Gutachtens entscheid sich das Rektorat der Martin-Luther-Universität dazu, keinen Antrag auf Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße zu stellen. Der Kulturausschuss der Stadt Halle erklärte das Thema damit für erledigt, und der Stadtrat folgte diesem Beschluss.

Straßen(um)benennungen sind Entscheidungen, die stets innerhalb des politischen Systems durch die zuständigen Institutionen und Gremien (Stadtrat, Kulturausschuss etc.) getroffen werden. Sie sind dezidiert politische Entscheidungen, die, das ist das Wesen eines demokratischen politischen Systems, auf Streit, Auseinandersetzung und Mehrheitsentscheid basiert. Sie sind immer auch moralische, denn es geht darum, Personen, deren Wirken als vorbildhaft gesehen wird, zu ehren, oder Personen, die sich im Nachhinein als Unterstützer undemokratischer Politik erweisen, diese Ehre zu entziehen. Es geht dabei, um mit Niklas Luhmann zu sprechen, um Achtung oder Missachtung von Personen (Luhmann 2008). Bei Abderhalden, wie auch in anderen, ähnlich gelagerten Fällen, muss sich ein Stadtrat daher immer mit einer einfachen Frage befassen: Ist der Namensgeber dazu geeignet, als Vorbild für ein demokratisches politisches System zu dienen, das auf den Werten des Universalismus basiert und die Menschenwürde aller uneingeschränkt und bedingungslos akzeptiert? Kann man dies für die Person Abderhaldens bejahen?

Fassen wir also einmal die Fakten zusammen, die ich im Rahmen dieses Eintrags präsentiert habe (es gäbe noch unendlich mehr Belege, die in dieselbe Richtung deuten): Emil Abderhalden war „antidemokratisch“ und „systemkonform“ (im Hinblick auf das NS-Regime), er hoffte auf eine Förderung der Wissenschaft und die Etablierung einer „Volksgemeinschaft“ durch den „Führer“ und Reichskanzler (Aufruf vom 19. August 1934), und er korrespondierte nachweislich mit Personen, die Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau machten (Gutachten Rüdiger vom Bruch). Allein diese spärlichen Angaben reichen schon aus, die Emil-Abderhalden-Straße umzubenennen. Die Forderung, der entsprechende Protagonist müsse direkt an NS-Verbrechen beteiligt gewesen sein, sollte kein notwendiges Kriterium dafür sein, jemandem die öffentlichen Ehren zu entziehen. Müsste nicht vielmehr eine Kommune heute gute Gründe dafür vorbringen, wenn sie einen offenkundigen Feind der Demokratie noch immer im Status eines Namensgebers für öffentliche Straßen und Plätze belässt?

Mit diesen Gedanken verfasste ich meinen Vortrag „Die Geschichte der NSDAP nach 1933“ (Vortrag Halle). Ich ließ es mir dabei nicht nehmen, auf Seite eins in meiner Einleitung einen kleinen Passus aufzunehmen, mit dem ich explizit auf das Problem Abderhalden hinwies. Dieser Passus blieb bei meinem Vortrag, soweit ich die Reaktion des Publikums richtig einschätze, ohne Resonanz. In den Gesprächen, die ich vor und nach meinem Vortrag mit einigen Zuhörern führte, wurde mir dann sehr schnell deutlich, wie froh sie darüber waren, dass dieses Thema durch die Entscheidung der Kommune vom Tisch ist. Um welchen Preis dies geschehen ist, scheint dabei einerlei zu sein. Aber so ist die Geschichtswissenschaft heute: sie kämpft nicht einmal mehr für eine Berücksichtigung ihrer Forschungsergebnisse bei öffentlichen Entscheidungen, geschweige denn bezieht sie in Sachfragen politisch Position. Hat Clio eigentlich ein schlechtes Gewissen?

Intertexte

Bajohr, Frank: Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2001

Baumann, Imanuel/Reinke, Herbert/Stephan, Andrej/Wagner, Patrick: Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik, Luchterhandt: Köln 2011

Eberle, Henrik: Die Martin-Luther-Universität in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945, Mitteldeutscher Verlag: Halle 2002

Hubert, Peter: Uniformierter Reichstag. Die Geschichte der Pseudo-Volksvertretung 1933-1945. Droste: Düsseldorf 1992

Humann, Detlev: Verwahranstalten mit Fantasiegehältern? Die Hilfswerklager der SA für arbeitslose „alte Kämpfer“, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 97 (2010), S. 425-436

Jung, Otmar: Plebiszit und Diktatur: die Volksabstimmungen der Nationalsozialisten. Die Fälle „Austritt aus dem Völkerbund“ (1933), „Staatsoberhaupt“ (1934) und „Anschluß Österreichs“ (1938), J. C. B. Mohr: Tübingen 1995

Luhmann, Niklas: Die Moral der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008

Reitzenstein, Julien: Himmlers Forscher. Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS, Schöningh: Paderborn 2014

Schmidt, Christoph: Zu den Motiven „alter Kämpfer“ in der NSDAP, in: Peukert, Detlev/Reulecke, Jürgen (Hg.): Die Reihen fast geschlossen. Beiträge zur Geschichte des Alltags unterm Nationalsozialismus, Peter Hammer Verlag: Wuppertal 1981, S. 21-43

Wagner, Patrick: Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpolizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Christians: Hamburg 1996

ders.: Hitlers Kriminalisten. Die deutsche Kriminalpolizei und der Nationalsozialismus zwischen 1920 und 1960, C.H. Beck: München 2002