Die Reisen des Historikers X

von arminnolzen

Potsdam/Berlin, 18. bis 20. Februar 2016

Zum zweiten Mal war ich bei den „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ eingeladen, einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe des Hamburger Instituts für Sozialforschung und des Einstein Forums in Potsdam (www.berlinercolloquien.de). Und wie beim ersten Mal, das ich unter „Die Reisen des Historikers V“ beschrieben habe, ging es wieder um das Thema „Gewalt“. Der Fokus lag jetzt jedoch auf dem NS-Staat und der Ermordung der europäischen Juden, und es gab einen expliziten Anlass: Das im Oktober 2014 erschienene Buch „Ganz normale Organisationen“ des Bielefelder Soziologen Stefan Kühl. Er widmet sich darin einem Objekt, das die NS-Forschung eigentlich gut aufgearbeitet hat: dem Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, das seit dem Juli 1942 systematische Massenexekutionen im Generalgouvernement vornahm und dabei mehr als 38.000 Juden ermordete. Diese Polizeieinheit ist durch die Bahn brechende, 1993 ins Deutsche übersetzte Studie von Christopher Browning, die plakativen Analysen in Daniel J. Goldhagens umstrittener Monografie „Hitlers willige Vollstrecker“ von 1996 und einen prominent besetzten Fernsehfilm „Das radikal Böse“ von 2014 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Kühls neuerliche Beschäftigung mit dem Reserve-Polizeibataillon 101 schließt eine Lücke, die frühere Interpreten aufgrund ihrer spezifischen, ausschließlich an der Persönlichkeit der Täter interessierten Herangehensweise gelassen haben. Ausgehend von der zutreffenden Einsicht, dass 99 Prozent der NS-Morde an den europäischen Juden durch „staatliche Gewaltorganisationen“ verübt worden sind (Kühl 2014: 22), nimmt Kühl den Stellenwert von Organisationen für den Holocaust in seinen Blick. Und um diesen genauer bestimmen zu können, verwendet er, darin liegt vielleicht die größte Provokation seines Vorgehens, die Systemtheorie Niklas Luhmanns, und zwar jenen Teilbereich, der sich mit sozialen Systemen vom Typus „Organisation“ befasst. Mit Luhmanns (1995/1964) früher Organisationssoziologie im Gepäck, widmet sich Kühl jenem Vorhaben, das er im Untertitel seines Buches als „Soziologie des Holocaust“ bezeichnet. Seine Arbeit ist im Rahmen dreier mehrsemestriger Lehrforschungen an der Universität Bielefeld entstanden, an denen sich viele Studentinnen und Studenten intensiv beteiligt haben (Kühl 2014: 46, Fußnote 73). Einige von ihnen verfassten Detailstudien, die über Kühls Homepage zugänglich sind (http://www.uni-bielefeld.de/soz/forschung/orgsoz/Stefan_Kuehl/workingpapers.html) [letzter Zugriff: 24.2.2016]; die besten dieser Texte wurden in einen im letzten Jahr erschienenen Sammelband aufgenommen (Gruber/Kühl 2015), in dem es um verschiedene, in der historischen Forschung kaum gewürdigte Facetten des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 geht.

Michael Wildt (2015) hat Kühls Monografie im „Mittelweg 36“, dem Publikationsorgan des Hamburger Instituts für Sozialforschung, positiv gewürdigt, und die Organisatoren der Berliner Colloquien für Zeitgeschichte wollten sich dem Erklärungsanspruch, den dieses Werk erhebt, systematisch stellen. Im Vorfeld der Tagung erarbeiteten sie dazu die folgende Agenda:

Mit seiner 2014 erschienenen Studie Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust (Suhrkamp) hat der Bielefelder Organisationssoziologe Stefan Kühl einen anregenden Ansatz zum Verständnis von Makrogewalt vorgelegt. Weitgehend an frühen organisationssoziologischen Arbeiten von Niklas Luhmann orientiert, geht es dem Autor darum, neue Akzente im Streit um die Frage zu setzen, warum sich „ganz normale Männer“ aktiv an Massenmorden beteiligten. Unsere Veranstaltung gibt die Gelegenheit, aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen – vorweg der Soziologie und Geschichtswissenschaft – über die Thesen von Stefan Kühl zu diskutieren und nach neuen Ansätzen bei der Erforschung des Holocaust zu fragen: Welche Vorzüge bietet der von Kühl vertretene Ansatz im Vergleich zu anderen Paradigmen, insbesondere jenen, die sich auf sozialpsychologische Dimensionen von Täterschaft konzentrieren? Bilden die von Kühl untersuchten Organisationen tatsächlich die bürokratische Normalität des Nationalsozialismus ab oder bedarf es einer weitergehenden typologischen Differenzierung? Wie weit müssen Konzepte und theoretische Grundannahmen seitens einer Geschichtswissenschaft historisiert werden, die sich vermeintlich überzeitlicher, von der Soziologie entwickelter Argumente zur Erklärung massenhaften Tötens bedient? Ist der organisationssoziologische Ansatz überhaupt geeignet, um die Kluft zwischen mikro- und makrotheoretischen Ansätzen in der Gewaltforschung zu überbrücken? Falls nicht, welche theoretische Annäherungen bieten sich zu einer innovativen Erforschung des Holocaust an? Und nicht zuletzt: Wie beurteilen Holocausthistoriker die Zukunft ihres Fachs, von welchen anderen Disziplinen versprechen sie sich theoretische Anregungen?

Dem transdisziplinären Anspruch der Berliner Colloquien für Zeitgeschichte entsprechend, sollte es zum einen um ein Gespräch zwischen Soziologie und Geschichtswissenschaft gehen, zum anderen stand der gewaltsoziologische Mehrwert von Kühls Analyse zur Debatte. Um beides miteinander zu diskutieren, waren folgende Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewonnen worden: Gisela Bock, Berlin; Michela Christ, Flensburg; Helena Flam, Leipzig; Mary Fulbrook, London; Bernd Greiner, Hamburg; Matthias Haeussler, Hamburg; Markus Holzinger, Göttingen; Peter Imbusch, Wuppertal; Jan Hendrik Issinger, Freiburg; Claudia Kemper, Hamburg; Wolfgang Knöbl, Hamburg; Stefan Kühl, Bielefeld; Stefan Malthaner, Hamburg; Nadja Maurer, Hamburg; Renate Mayntz, Köln; Miriam Müller, Hamburg; Susan Neiman, Potsdam; Armin Nolzen, Warburg; Axel Paul, Basel; Karl-Siegbert Rehberg, Dresden; Klaas Voß, Hamburg; Martin Weißmann, Bielefeld, sowie Laura Wolters, Hamburg. Außerdem nahmen teil: Mischa Gabowitsch, Martin Schaad (Einstein Forum, Potsdam) sowie Ulrich Bielefeld, Bettina Greiner, Regine Klose-Wolf, Victoria Romano (Hamburger Institut für Sozialforschung).

Und der Teilnehmerliste ist dann auch der eigentliche Clou dieses Colloquiums zu entnehmen: die Diskussionen sollten in Anwesenheit des Autors von „Ganz normale Organisationen“ selbst geführt werden! Also ein transdisziplinäres Gespräch in Gegenwart derjenigen Persönlichkeit, die ein solches Gespräch mit seiner Arbeit erst ermöglicht hat. Das gesamte Colloquium wurde mit einem Abendvortrag Kühls über „Gewalt und Organisation“ eingeleitet, in dem er die Grundzüge seiner Monografie noch einmal pointiert zusammenfasste. In den nächsten beiden Tagen folgten dann vier thematisch orientierte Sektionen.

Donnerstag, den 18. Februar 2016
Veranstaltungsort: Einstein Forum, Potsdam
19.00 Stefan Kühl (Bielefeld): Gewalt und Organisation. Erklärungen für Massentötungen in der modernen Gesellschaft

Freitag, den 19. Februar 2016
Tagungsort: Europäische Akademie Berlin
10.00 Begrüßung und erste Sektion
12.30 Mittagessen
14.00 Zweite Sektion
15.45 Kaffeepause
16.15 Dritte Sektion
18.00 Ende der dritten Sektion

Sonnabend, den 20. Februar 2016
Tagungsort: Europäische Akademie Berlin
10.00 Vierte Sektion
12.00 Ende des Colloquiums

Die Sektionen selbst waren von den Organisatoren detailliert vorbereitet worden. Sie hatten dazu Leitfragen entwickelt und insgesamt vier Referenten gewonnen, denen die Aufgabe zukam, einen 10-15minütigen Impuls für die Diskussion zu geben.

Sektion 1
Stefan Kühls „Ganz normale Organisationen“. Diskussion des Buches und die Frage nach den Grenzen und Defiziten der bisherigen Holocaust-Forschung
Impuls: Wolfgang Knöbl
Gesprächsleitung: Laura Wolters

Stefan Kühls „Ganz normale Organisationen“, erschienen 2014, ist in Geschichtswissenschaft und Soziologie mittlerweile breit rezipiert worden. Es wird in diesem Panel darum gehen, das Buch im Hinblick auf seine Hauptthesen und vor allem die Konsistenz der dort entwickelten Argumentation zu beleuchten. Da einzelne Aspekte des Buches in späteren Sitzungen diskutiert werden, sind hier vielleicht vor allem drei eher allgemeine Fragen zu diskutieren: 1. Ist Kühls Skizze zu den Errungenschaften, Leistungen und Defiziten der bisherigen (historischen wie soziologischen) Holocaust-Forschung zutreffend und welche Modifikationen wären an dieser Skizze eventuell vorzunehmen? 2. Mit welchen (soziologischen oder anderen) Theorieangeboten hat die bisherige Holocaust-Forschung gearbeitet, lassen sich hier gegebenenfalls klar miteinander konkurrierende Paradigmen unterscheiden? 3. Warum sind in der bisherigen Holocaust-Forschung – wenn die These Kühls stimmt – vermeintlich naheliegende organisationstheoretische Fragen so lange ignoriert worden?

Sektion 2
Der Holocaust, die Organisationssoziologie und die Geschichtswissenschaft
Impuls: Markus Holzinger
Gesprächsleitung: Claudia Kemper

Kühl hatte in „Ganz normale Organisationen“ vorgeschlagen, den Holocaust insbesondere unter organisationssoziologischen Aspekten neu zu betrachten, womit er den SoziologInnen, insbesondere aber auch den HistorikerInnen ein spezifisches Theorieangebot unterbreitete. Ganz generell stellen sich in diesem Zusammenhang folgende Fragen: Was ist, aus Sicht der Historiker, der Gewinn eines organisationssoziologischen Zugriffs und welche Defizite behebt eine derartige Herangehensweise? Welche Art von Organisationssoziologie – und in diesem Felde ist ja das Theorieangebot recht groß – benötigen die Historiker, um den Holocaust zu analysieren? Ist hier – wie von Kühl vorgeschlagen – der Rückgriff auf den frühen Luhmann wirklich überzeugend? Aus welchen Luhmannschen und anderen Theoriebausteinen besteht eigentlich das von Kühl in Anspruch genommene Organisationsmodell? Wie verhält sich Luhmanns Organisationssoziologie zu den von Lewis Coser ins Visier genommenen „greedy organizations“, und sind beide Ansätze gegebenenfalls miteinander kombinierbar? Wie ist das Verhältnis von Organisationszugehörigkeit und Motiven (der Täter) hier zu denken, d.h. kann die Organisationssoziologie die Motivforschung gar ersetzen?

Sektion 3
Die Organisationen des Holocaust im Nationalsozialismus: Vergleichende Perspektiven
Impuls: Armin Nolzen
Gesprächsleitung: Klaas Voss

Die von Kühl vorgeschlagene organisationssoziologische Herangehensweise wirft ja die kritische Frage auf, ob die für die unmittelbare Durchführung des Genozids zuständigen Organisationen nicht doch anders strukturiert waren als diejenigen, welche ganz andere Aufgaben hatten: Sind Rekrutierungsmuster und Ausbildung in Organisationen wie etwa im Reichssicherheitshauptamt nicht doch einer ziemlich eigenständigen Logik gefolgt und wie wäre eine solche von der Logik anderer Organisationen genau abzugrenzen? Gleichzeitig wird man aber auch zu bedenken haben, dass Massentötungen nicht selten auch von Organisationen vorgenommen wurden, denen – wie dem Reserve-Polizeibataillon 101 – eine solche besondere Logik kaum zuzusprechen sein dürfte. Wie also ist das Verhältnis je unterschiedlicher Organisationstypen im Nationalsozialismus zu sehen, und lassen sich aus diesem gewissermaßen endogen zu nennenden Vergleich verallgemeinernde (herrschafts- und gewaltsoziologische) Schlussfolgerungen ziehen? Wäre möglicherweise nicht auch ein vergleichender Blick in andere Epochen und Kontexte hilfreich, um die Leistungsfähigkeit organisationstheoretischer Ansätze in der Gewaltforschung zu ermitteln, ein Schritt, der ja in historischen Arbeiten zu „Gewaltgemeinschaften“ und „Gewaltunternehmern“ durchaus schon gemacht worden ist?

Sektion 4:
Nationalsozialismus und Holocaust: Möglichkeiten und Grenzen der interdisziplinären Forschung
Impuls: Michaela Christ
Gesprächsleitung: Miriam Müller

Die „neue“ Gewaltsoziologie, so wie sie von AutorInnen wie etwa Trutz von Trotha oder Birgitta Nedelmann programmatisch aufs Gleis gesetzt wurde, ist mittlerweile mehr als 25 Jahre alt: Was ist der Ertrag dieser Forschungsrichtung und welche Blindstellen und theoretischen Probleme sind in diesem ‚Paradigma‘ aufgetreten? Zunächst einmal wären die Vertreter beider Disziplinen, der Geschichtswissenschaft wie der Soziologie, zu befragen, wo sie jeweils theoretische Neuerungen sehen, wo sich aus ihrer Sicht derzeit theoretischer Nachholbedarf bemerkbar macht. Welche Anstöße kommen aus der Geschichtswissenschaft selbst, sind Ansätze wie die jüngsten etwa von Timothy Snyder mit seinem Fokus auf staatliche Strukturen als wegweisende Neuerungen zu betrachten? Oder sind – wie in der Soziologie gegenwärtig zu sehen – eher prozesstheoretische Analysen weiterführend, die unter anderem auch in der Lage wären, organisationstheoretische Argumente zu unterstützen oder zu ergänzen? Wie ordnen sich kulturwissenschaftliche Theorieangebote (zu nennen sind ja hier die so genannten turns, die vom emotional turn bis hin zum spatial, iconic und material turn reichen) in die Suche nach Neuerungen in der Forschung zu Makrogewalt ein und wo sind Anstöße aus Disziplinen wie der Anthropologie oder vielleicht sogar der Literaturwissenschaft zu sehen? Gibt es überhaupt derzeit ernsthafte Möglichkeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit oder sind die Fächer mittlerweile so ausdifferenziert, dass sich der Ruf nach Interdisziplinarität nur mehr im Sinne einer sich Drittmittel erhoffenden Antragsprosa verstehen lässt?
In diesem Zusammenhang lässt sich auch noch einmal zurückblicken auf vergangene Debatten und etwa fragen: Welche Erkenntnisse haben historische Analysen zum Nationalsozialismus und zum Holocaust in Bezug auf eine Theorie sozialer Ordnung und sozialen Wandels erbracht? Was ist aus der Moderne-Debatte geworden, die ja etwa durch die stark den Nationalsozialismus einbeziehenden Arbeiten von Zygmunt Bauman angestoßen worden ist? Welche neuen Tendenzen und Interpretationen gibt es, die an diese Debatte anschließen?

Wie dem Programm zu entnehmen ist, war ich von den Organisatoren zu einem Impulsreferat auserkoren worden. Mir ist nicht ersichtlich, wie es dazu kam, denn man kann nicht gerade behaupten, dass ich mich im Feld der Holocaust-Forschung bislang besonders exponiert hätte. Allerdings interessiert mich Soziologie sehr, Organisationssoziologie ohnehin, weil man eine Geschichte der NSDAP, woran ich ja gerade arbeite, ohne diese gar nicht schreiben kann. Das Questionnaire zu meiner Sektion bot einige Anknüpfungspunkte, war alles in allem aber stark auf eine Typologisierung von Organisationen zugeschnitten. Die Frage nach anderen Epochen und historischen Phänomenen ignorierte ich geflissentlich, denn Kühls Erklärungsanspruch bezieht sich ja ausschließlich auf den NS-Staat, und ich finde es kontraproduktiv, dann weltgeschichtlich durch die Jahrtausende zu wabern und ihm anhand historischer Einzelbeispiele Versäumnisse und Erklärungsdefizite zu unterstellen. Maßgeblich Inspiriert durch Einleitung und Aufsätze in einem einschlägigen Handbuch (Apelt/Tacke 2012), die nicht systematisch zwischen bewaffneten und unbewaffneten Organisationen unterschieden, schrieb ich schließlich mein Impulsreferat nieder (ImpulsreferatBerlinerColloquien22Kühl).

Mit diesem Text im Gepäck fühlte ich mich gut gerüstet, die Reise nach Berlin anzutreten. Ich schätze Kühls Buch als eines der wichtigsten der letzten Jahre, und ich nahm mir vor, bei aller Kritik im Detail, ihn auf jeden Fall gegen alle Anwürfe in Schutz zu nehmen, damit die Tagung nicht in ein Tribunal ausartete. Dazu kam es jedoch zu keiner Zeit, im Gegenteil: Allenthalben diskutierten die Teilnehmer über die Probleme und weiterführenden Ansätze des Buches. Ein Schwerpunkt lag auf den Möglichkeiten der Gewaltforschung, insbesondere im Hinblick auf transdisziplinäre Kooperationen zwischen Soziologen, Historikern, Anthropologen, Politologen und anderen. Da die Soziologen im Plenum in der Mehrzahl waren, habe ich in den Diskussionen versucht, die methodischen Positionen der NS-Forschung, ihre spezifischen Vorgehensweisen und Interessen deutlich zu machen. Dabei mag vielleicht eine allzu stereotype Entgegensetzung zwischen „den“ Historikern und „den“ Soziologen entstanden sein. Ich wollte den Anwesenden damit lediglich verdeutlichen, dass die NS-Forschung kooperationswillig ist, aber nur zur ihren eigenen Bedingungen, also eines Primats des Empirismus. Theorieverwendung wird durchaus bejaht, aber die meisten Historikerkollegen dürften die Aufgabe einer solchen Kooperation eben nicht in einer Verbesserung soziologischer Theorien sehen.

Bewundernswert fand ich die Energie und Gelassenheit Stefan Kühls, der auf Einwände immer geduldig einging und sie argumentativ zu entkräften suchte. Es versteht sich von selbst, dass er dabei nicht nur in den einzelnen Sektionen gefordert war, sondern in allen Sektionspausen; auch abends, noch tief in die Nacht hinein, ging er auf alle nur erdenklichen Nachfragen und Anliegen ein. Bei einer Gelegenheit erläuterte Kühl im Plenum, weshalb er sein Buch nach allen Regeln der historischen Quellenkritik geschrieben habe. Ihm gehe es ausdrücklich darum, auch von den Historikern ernst genommen zu werden, und dazu bedürfe es einer Kopie ihrer Arbeitsweisen. Dass er als ausgebildeter Historiker dazu in der Lage ist, hat er spätestens seit seiner Doktorarbeit (Kühl 1997) bewiesen. Dennoch scheint mir noch ein wesentlicher Unterschied zu historischen Analysen zu bestehen. Als Soziologe geht Kühl von der Theorie aus, die eine Art methodischer Invariante bildet; die soziologische Referentialität seiner Arbeit ist die Systemtheorie. Historische Referentialität basiert hingegen in erster Linie auf Quellen, und die Theorie kommt erst in einem zweiten oder gar dritten Schritt hinzu, wenn überhaupt.

Beim Colloquium war oftmals von einer Krise der Soziologie die Rede; auch von einem fast völligen Verschwinden dessen, was „Historische Soziologie“ heißt (Bühl 2003; Schützeichel 2004). Ich persönlich hatte eher den Eindruck, dass Soziologen an einer Krankheit leiden, die man als „Multiparadigmatitis“ bezeichnen könnte, also einer immer weiter getriebenen Hybridität von soziologischer Theorie auf der einen Seite und empirischer Sozialforschung auf der anderen. Dies liegt meines Erachtens auch daran, dass sich die meisten Soziologen viel zu sicher sind, was eigentlich ihr Gegenstand ist, woraufhin sie diesen dann mit unkontrollierten Vorannahmen und Theorieversatzstücken überziehen. Viele Soziologen scheinen nicht zu merken, dass ihnen der Gegenstand, jedenfalls wenn er ein historischer ist, in den Händen zerrinnt beziehungsweise dass sie es sind, die den Gegenstand erst einmal konstituieren müssen. Am deutlichsten merkte man dies der Debatte in der unhinterfragten Verwendung des Wortes „erklären“, worunter fast jeder Anwesende etwas anderes zu verstehen schien. Aber auch die an die Systemtheorie implizit oft herangetragene Forderung, sie müsse etwas erklären, fand ich für Soziologen reichlich naiv. Wissen wir nicht spätestens seit Luhmann, dass keine Theorie das Konkrete erreicht?

Intertexte

Apelt, Maja/Tacke, Veronika (Hg.): Handbuch Organisationstypen, Springer VS: Wiesbaden 2012

Behrends, Jan C.: Gewalt und Staatlichkeit im 20. Jahrhundert. Einige Tendenzen zeithistorischer Forschung, in: Neue Politische Literatur 58 (2013), Heft 1, S. 39-58

Browning, Christopher R.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1993

Bühl, Walter L.: Historische Soziologie – Theoreme und Methoden, LIT Verlag: Münster/Hamburg/London 2003

Coser, Lewis Coser: Greedy Organisations, in: European Journal of Sociology 8 (1967), Heft 2, S. 196-215

Goldhagen, Daniel J.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Siedler: Berlin 1996

Gruber, Alexander/Kühl, Stefan (Hg.): Soziologische Analysen des Holocaust. Jenseits der Debatte über „ganz normale Männer“ und „ganz normale Deutsche“, Springer VS: Wiesbaden 2015

Hoebel, Thomas: Organisierte Plötzlichkeit. Eine prozesssoziologische Erklärung antisymmetrischer Gewaltsituationen, in: Zeitschrift für Soziologie 43 (2014), Heft 6, S. 441-457

Klatetzki, Thomas: Keine ganz normalen Organisationen. Eine Erwiderung auf Stefan Kühls Artikel: „Ganz normale Organisationen. Organisationssoziologische Interpretationen simulierter Brutalitäten“, in: Zeitschrift für Soziologie 36 (2007), Heft 4, S. 302-312

Kühl, Stefan: Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert, Campus Verlag: Frankfurt am Main/New York 1997

ders.: Ganz normale Organisationen. Organisationssoziologische Interpretationen simulierter Brutalitäten, in: Zeitschrift für Soziologie 34 (2005), Heft 1, S. 90-111

ders.: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Suhrkamp: Berlin 2014

Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisationen. Mit einem Epilog von 1994, 3. Aufl., Duncker&Humblot: Berlin 1995 [ursprgl. erschienen: 1964]

Schützeichel, Rainer: Historische Soziologie, transcript: Bielefeld 2004

Snyder, Timothy: Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, C.H. Beck: München 2015

Trotha, Trutz von (Hg.): Soziologie der Gewalt, Westdeutscher Verlag: Opladen/Wiesbaden 1997

Wildt, Michael: Der Holocaust, organisationssoziologisch betrachtet. Ein Lehrstück für Historiker, in: Mittelweg 36, H. 6 (2015), S. 106-118