Gewalt im System, sechstes Kapitel

von arminnolzen

„Organisationen, die sich auf Foltern und Töten spezialisieren, funktionieren nicht grundsätzlich anders als Organisationen, die Kranke pflegen, für Eiscreme werben, Schüler unterrichten oder Autos bauen“, mit diesem provokativen Statement, das sich auch auf dem Klappentext findet, kommt eine Monografie des Bielefelder Soziologen Stefan Kühl (2014: 326) daher, die sich „Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust“ nennt. Sie ist aufgrund ihrer Herangehensweise, ihrer einzigartigen Kombination aus Theorie und Empirie, ihres betont unaufgeregten Duktus und ihrer weitgehenden Schlussfolgerungen meines Erachtens die wichtigste Arbeit, die in der letzten Dekade im Rahmen dessen, was ich unter „NS-Forschung“ subsummiere, entstanden ist. Fast jeder Satz in diesem Buch provoziert meine Nachfrage, mein Nachdenken, meinen Widerspruch, meine Zustimmung und meinen Zweifel. Noch wichtiger ist: Kühl bricht mit dem Modus der Wiederholung, der immer gleichen Handlungstheorie, der immer gleichen Suche nach Tätermotiven, der immer gleichen Konstruktion kausaler Zusammenhänge, kurzum des immer gleichen Diskurses der NS-Forschung. Unter bestimmten Umständen, so glaube ich, kann seine Monografie sogar so wertvoll für die NS-Forschung sein, dass daraus ein Paradigmenwechsel entsteht. Sie ist insofern ein „Lehrstück für Historiker“ (Wildt 2015).

Es scheint mir auf jeden Fall angemessen zu sein, eine derartig wichtige Arbeit aus mehreren Perspektiven zu würdigen. Diese Ausführungen stellen meine dritte Annäherung an Kühls Text dar (http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23885; Nolzen 2016), und weitere werden folgen. Worum geht es in Kühls Monografie? Sie ist einem historischen Gegenstand gewidmet, den die NS-Forschung gut aufgearbeitet hat: dem Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, das seit dem Juli 1942 systematische Massenexekutionen im Generalgouvernement vornahm und dabei mindestens 38.000 Juden ermordete. Diese Polizeieinheit ist durch die wichtige, 1993 ins Deutsche übersetzte und mittlerweile in fünfter Auflage vorliegende Studie von Christopher Browning (1993), die Erwähnungen in Daniel J. Goldhagens umstrittener Arbeit „Hitlers willige Vollstrecker“ (1996) und einen prominent besetzten Fernsehfilm „Das radikal Böse“ aus dem Jahr 2014 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Kühls neuerliche Beschäftigung mit dem Reserve-Polizeibataillon 101 schließt eine Lücke, die frühere Interpreten aufgrund ihrer vordringlich an der Persönlichkeit der Täter interessierten Herangehensweise gelassen haben. Ausgehend von der These, dass mehr als 99 Prozent der NS-Massenmorde an den europäischen Juden durch „staatliche Gewaltorganisationen“ verübt worden seien (Kühl 2014: 22), nimmt Kühl den Stellenwert von Organisationen für den Holocaust in seinen Blick. Um diesen genauer bestimmen zu können, verwendet er die Systemtheorie Niklas Luhmanns, und zwar jenen Teil, der sich mit sozialen Systemen vom Typus „Organisation“ befasst (Luhmann 1976; Luhmann-Handbuch 2012: 129-134). Mit Luhmanns Organisationssoziologie im Gepäck, nähert sich der Autor jenem Vorhaben, das er im Untertitel als „Soziologie des Holocaust“ bezeichnet hat.

Bevor Vorgehen und Ergebnisse ausführlich (und kritisch) gewürdigt werden, sei an dieser Stelle auf die Entstehungsgeschichte von Kühls Monografie verwiesen. Die Forschungen zu seinem Buch, so schreibt er in einer Anmerkung (Kühl 2014: 46, Fußnote 73), hat er „zu erheblichen Teilen im Rahmen von drei jeweils mehrsemestrigen Lehrforschungen an der Universität Bielefeld durchgeführt“. Lehrforschungen sind seit den 1970er Jahren fest im Kanon der universitären Studiengänge der Sozialwissenschaften etabliert und zielen auf eine stärkere Verknüpfung von Empirie und Theorie. Im Rahmen dieser projektförmig organisierten Veranstaltungen sollen Studierende die Methoden der Sozialforschung nicht nur kennenlernen, sondern selbst empirisch anwenden. Nun war jene Lehrforschung, die Kühl in den Jahren 2008/2009 zum Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 inauguriert hat und die er „Genozid und Organisation: Soziologische Erklärungen des Holocaust“ nannte, etwas Besonderes, denn damit betrat er das Feld der Geschichtswissenschaften, genauer: der NS-Forschung. Kühl ist für ein so interdisziplinäres Arbeiten geradezu prädestiniert, denn er hat Soziologie, Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften studiert und an der Bielefelder Fakultät für Soziologie mit einer Arbeit über Eugenik und Rassenhygiene promoviert (Kühl 1997). Eine seiner Betreuerinnen war Gisela Bock, die die internationale Frauen- und Geschlechtergeschichte seit den späten 1970er Jahren maßgeblich beeinflusst hat. Historisches Arbeiten hat Kühl insofern von der Pike auf gelernt.

Im Rahmen des Lehrforschungsprojekts hat Kühl die teilnehmenden Studierenden systematisch in die Quellenrecherche, die Aufarbeitung des Forschungsstandes und die Diskussionen über Inhalte, Ziele und erste Ergebnisse seiner Untersuchung einbezogen. Wie eng und fruchtbar diese Zusammenarbeit war, lässt sich einem Sammelband entnehmen, in dem weiterführende Beiträge zu jenen Aspekten versammelt sind, die Kühls nur wenige Monate vorher publizierte Monografie nur kursorisch in den Blick genommen hat (Gruber/Kühl 2015). Dessen Autorinnen und Autoren stammen aus dem Zusammenhang des von Kühl inaugurierten Lehrforschungsprojekts. Sie sind allesamt Soziologen und bringen eine disziplinäre Ausbildung mit sich, die sich teils signifikant von der eines Historikers unterscheidet. Kühl versucht, aus diesem Sachverhalt eine Tugend zu machen. Im Anhang von „Ganz normale Organisationen“, den er „Zum soziologischen Zugang und zur empirischen Basis“ betitelt hat (Kühl 2014: 327-348), formuliert er als ausdrückliches Ziel, eine soziologische (gemeint ist offenbar: keine historische) Erklärung für die Genesis des Holocaust vorzulegen. Es komme ihm dabei darauf an, „bekannte Erklärungsmuster mit einer spezifisch soziologischen Begrifflichkeit“ zu reformulieren (ebd.: 329 f.). Das gesamte Buch ist von einem Spannungsverhältnis durchzogen: auf der einen Seite die geschichtswissenschaftlichen Herangehensweisen und Hypothesen Brownings und Goldhagens, an denen sich Kühl abarbeitet, auf der anderen Seite sein soziologischer Ansatz, mit dem er die von der Holocaustforschung bis dato vernachlässigte Referenzebene „Organisation“ ins Zentrum rückt.

Dies zeigt sich auch an jenem ambivalenten, weil an keiner Stelle genauer geklärten Status, den historische Quellenbestände für jenen soziologischen Erklärungsansatz haben sollen, den Kühl postuliert. Offenbar hat er systematisch alle nur erdenklichen und für sein Thema überlieferten Quellen ausgewertet. In seinem Buch ist neben dem 55 Seiten umfassenden Literaturverzeichnis eine Seite aufgeführt, auf der die besuchten Archive aufgelistet werden (ebd.: 348); es sind 18 im In- und Ausland. Der zentrale, auch von Browning und Goldhagen benutzte Quellenbestand sind die Nachkriegsverfahren gegen ehemalige Angehörige des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101, die zwischen 1958 und 1968 stattfanden und mittlerweile im Hamburger Staatsarchiv lagern (dazu generell Klemp 2011). Interessanterweise beschäftigt sich fast das gesamte Schlusskapitel von Kühls Monografie jedoch mit Quellengattungen, die für das Reserve-Polizeibataillon 101 gar nicht überliefert sind: Propagandaschriften, Kriegstagebücher, Tagesbefehle, Zeitungsartikel, Fotografien, zeitgenössische und nachträgliche Opferberichte sowie Interviews mit Opfern und Tätern. Nur eine Seite widmet Kühl den Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien und Vorschriften, die er für seine Analyse der Formalstruktur des Reserve-Polizeibataillons 101 benötigt, und zwei sehr allgemein gehaltene Seiten befassen sich mit Nachkriegsaussagen vor Gericht. Reichweite und Grenzen der von ihm benutzten Dokumente evaluiert er nicht.

Wie gestaltet Kühl sein Untersuchungsdesign? Welche Fragen stellt er, welche Antworten findet er, und wie überzeugend sind sie? Betrachten wir zunächst einmal die Einleitung (Kühl 2014: 7-46). Die Ausgangsfrage entspricht jener der NS-Forschung zum Judenmord (Bajohr/Löw 2015): „Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Frage, die zu den umstrittensten der Holocaustforschung gehört: weswegen ,ganz normale Männer‘ und in einer Reihe von Fällen auch ,ganz normale Frauen‘ bereit waren, Hunderte, ja manchmal Tausende von Männern, Frauen und Kindern zu demütigen, zu quälen und zu töten“ (Kühl 2014: 8). Und der nächste Satz lautet: „Ich möchte in diesem Buch eine dezidiert soziologische Antwort auf diese Frage geben, indem ich vorhandene Einsichten aus der geschichtswissenschaftlichen, politikwissenschaftlichen, philosophischen und sozialpsychologischen Forschung aufnehme und mithilfe der systemtheoretischen Soziologie zum einem umfassenden Erklärungsansatz zusammenführe“. Seine soziologische Erklärung für die Massenmorde des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 soll also eine transdisziplinäre und eine systemtheoretische sein. Der Status dessen, was Kühl hier als „Erklärung“ bezeichnet, ist insofern alles andere als klar. Am ehesten gehört sein Vorgehen, falls eine solche disziplinäre Einteilung überhaupt sinnvoll ist, zur Historischen Soziologie (Schützeichel 2004).

Die weiteren Ausführungen in Kühls Einleitung sind von einer doppelten Abgrenzungsbewegung gekennzeichnet. Zum einen wendet er sich gegen Brownings und Goldhagens Interpretationen, denen er eine biedere Aneinanderreihung von Faktoren (Browning) und einen beispiellosen Reduktionismus (Goldhagen) vorwirft. Zum anderen kritisiert er die bisherigen soziologischen Interpretationen des Holocaust (Christ/Suderland 2014), wie sie zum Beispiel Zygmunt Bauman (1992 a, b) und Wolfgang Sofsky (1993, 1996) vorgelegt haben. Ihnen wirft er vor, „mit einem fast karikaturhaften, letztlich auf Max Weber zurückgehenden Verständnis von Organisationen“ gearbeitet zu haben (Kühl 2014: 25). So zutreffend diese Kritik auch ist: sie bleibt asymmetrisch, weil Bauman und Sofsky eben gerade nicht jenes Feld des Holocaust in ihren Blick genommen haben, das Kühl untersucht, nämlich die Massenerschießungen in Polen und in der Sowjetunion. Ihnen geht es vielmehr nur um den Judenmord in den NS-Vernichtungslagern (Wachsmann 2016: 283-623). Kühl beansprucht zwischen Strukturalismus (Browning), Voluntarismus (Goldhagen) und einem reduktionistischen Verständnis von „Organisation“ (Bauman, Sofsky) hindurch zu navigieren und eine eigene Interpretation des Holocaust vorzulegen.

In Kapitel 1 „Jenseits der ,ganz normalen Männer‘ und ,ganz normalen Deutschen‘“ stellt er uns das Hamburger Reserve-Polizeibataillon und dessen Tätigkeiten im Generalgouvernement etwas ausführlicher vor (Kühl 2014: 47-93). Der Schwerpunkt liegt auf Fragen, die bereits Browning und Goldhagen angetrieben und die lange Zeit die „Täterforschung“ bestimmt haben (Paul 2002). Prononciert wendet sich Kühl gegen simplifizierende monokausale Antworten wie „Fanatismus“, „Arbeitsteilung“, „Sadismus“, „Indoktrination“ und „Judenhass“, die vor der Frage nach der Beteiligung am Massenmord allesamt versagten. Ja, er dekonstruiert die bisher praktizierte Suche nach den Motiven der Täter, weil er darin völlig willkürliche Zuschreibungen durch die NS-Forschung sieht. Stattdessen plädiert Kühl dafür, die Perspektive zu wechseln und nicht die individuellen Motive zu analysieren, sondern die Mittel, die Organisationen gemeinhin benutzen, um ihre Mitglieder zum gewünschten Handeln zu bewegen. In Anlehnung an sein vor wenigen Jahren publiziertes organisationssoziologisches Überblickswerk (Kühl 2011: 37-45) geht er von fünf Mitteln aus: Zweckidentifikation, Zwang, Kameradschaft, Geld und Handlungsattraktivität.

Neben den Motivationsmitteln arbeitet Kühl am Ende des Kapitels noch ein zweites Konzept ein, dem im weiteren Verlauf seiner Argumentation ein hoher Stellenwert zukommt: das Konzept der „Indifferenzzone“, das der amerikanische Managementtheoretiker Chester L. Barnard Ende der 1930er Jahre in die Organisationsforschung eingeführt hat (Barnard 1938; dazu Walter-Busch 1996: 191-200). Demzufolge verhalten sich Mitglieder einer Organisation vielen Erwartungen gegenüber, die diese an sie stellt, indifferent. Sie befolgen Anweisungen und Anordnungen auch dann, wenn sie nicht davon begeistert sind, weil sie davon ausgehen, dass die Organisation es von ihnen zu Recht erwartet. Kühl formuliert das wie folgt: „Die Mitglieder verzichten bei ihrem Eintritt in eine Organisation darauf, dass festgelegt wird, worin ihre Tätigkeiten im Einzelnen bestehen. Sie stellen der Organisation also eine Art Blankoscheck für die Verwendung ihrer Arbeitskraft aus. Dadurch entsteht eine folgenreiche Indifferenzzone, innerhalb der sie zu den Befehlen, Aufforderungen, Anweisungen und Vorgaben der Vorgesetzten nicht Nein sagen können, ohne die Mitgliedschaft in ihrer Organisation grundsätzlich in Frage zu stellen. Der Vorteil für die Organisation liegt auf der Hand. Die Organisationsmitglieder geloben eine Art Generalgehorsam gegenüber zunächst nicht weiter spezifizierten Befehlen und Weisungen. So ermöglichen sie der Führung, die Organisation sehr schnell und ohne umständliche interne Aushandlungsprozesse an veränderte Anforderungen anzupassen“ (Kühl 2014: 91 f.).

Mit den Motivationsmitteln und dem Konzept der „Indifferenzzone“ sind die beiden wesentlichen Aspekte genannt, die Kühls weitere Analyseschritte vorbereiten. Es geht ihm damit, wie er an anderer Stelle formuliert hat, um die Frage nach Autoritätsakzeptanz und Folgebereitschaft in Organisationen (Gruber/Kühl 2015: 7-28). Kapitel 1 besitzt also im Rahmen dieser Monografie eine strategische Funktion. Es dient dazu, die ursprüngliche Frage nach der Beteiligung „ganz normaler Männer“ an Massenerschießungen organisationssoziologisch zu reformulieren, sie von der Motivanalyse der NS-Täterforschung abzulösen und an die inneren Funktionsmechanismen einer Organisation zurückzubinden. Im weiteren Verlauf der Arbeit hätte man erwarten können, dass Kühl die fünf Motivationsmittel und das Konzept der „Indifferenzzone“ systematisch mit dem empirischen Material zum Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 verzahnt. Dies geschieht jedoch nur ausnahmsweise. Im ersten Teil von Kapitel 2 „Zweckidentifikation“ (Kühl 2014: 94-119) wechselt Kühl zunächst die Referenzebene von „Organisation“ zu „Gesellschaft“. Es geht ihm darum, die zweckrationale Erklärung des Holocaust mittels des Faktors „Antisemitismus“ zurückzuweisen. Dazu führt er Luhmanns (1976: 68 f.) Begriff „Konsensfiktion“ ein. Kühl zufolge bedurfte es keiner radikalen ideologischen Überzeugung, um zum Vernichtungstäter zu werden, weil sich im gesamten Deutschen Reich seit 1933 eine „antisemitische Konsensfiktion“ (Kühl 2014: 100-105) herauskristallisierte, die den Nährboden für die späteren Massenmorde gebildet habe. Daher sei eine ausdrückliche Zustimmung zu den antijüdischen Maßnahmen des NS-Staates gar nicht notwendig gewesen. Vielmehr reichte schon die ungeprüfte Unterstellung, dass ein Großteil der Bevölkerung die Juden hasste und jedes Vorgehen gegen sie stillschweigend billigte! Wer gegen die Judenverfolgung war, musste das in der Öffentlichkeit artikulieren.

Diese interessante Idee hat allerdings einen Haken: Kühl gelingt es nämlich nicht, die Relevanz dieser „antisemitischen Konsensfiktion“ für die Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 nachzuweisen. Stattdessen belässt er es bei einer kurzen Analyse der ideologischen „Schulung“ in der Ordnungspolizei, die im Rahmen einer viermonatigen Grundausbildung der Polizeibataillone stattfand. Dabei waren vier Unterrichtsstunden wöchentlich für die „nationalsozialistische Lehre“ reserviert. Die Funktion dieser „Schulungen“ sieht Kühl nun jedoch nicht darin, die Ideologie der Täter zu festigen, sondern deren Indifferenzzone abzusichern. Im Originalwortlaut: „Vielmehr, so meine These, bereiteten die weltanschaulichen Schulungen die Polizisten darauf vor, dass ihre Beteiligung an Ghettoräumungen, Deportationen und Massenexekutionen in ihre Indifferenzzone fallen würde“ (Kühl 2014: 114). Diese Aussage ist problematisch, denn die „Schulungen“ in der Schutzstaffel (SS) beschäftigten sich nicht mit fest umrissenen Maßnahmen antijüdischer Gewalt, sondern waren viel allgemeiner (Harten 2014: 421-497), so dass Kühls Rückschluss zumindest fragwürdig ist. Darüber hinaus hat auch kein Beispiel für eine „Schulung“ der Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 gefunden. Dieser Hiatus zwischen Theorie und Empirie zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.

Dies ändert sich auch in den Kapiteln 3 und 4 nicht, in denen Kühl „Zwang“ (ebd.: 120-146) und „Kameradschaft“ (ebd. 147-174) als zwei weitere Motivationsmittel behandelt. In Kapitel 3 führt Kühl zunächst eine weitere Feindifferenzierung ein, die jedoch dazu geeignet ist, das Paradigma von den „ganz normalen Organisationen“ zumindest partiell zu revidieren. Demnach habe es sich bei den Polizeibataillonen um Zwangsorganisationen gehandelt, die die Hürden für den Austritt ihrer Mitglieder so hoch legten, dass dieser im Grunde genommen keine Option darstelle. Vor allem im weitgehenden Unterbinden des freiwilligen Exits aus der Organisation zeige sich deren Zwangscharakter (dazu auch Kühl 2012). Zwangsorganisationen, so Kühl, griffen oft auf eine Mischform organisationaler Erzwingungsstäbe und staatlicher Gewaltapparate zurück. Zwang sei so etwas wie die ultima ratio, wenn alle anderen Motivationsmittel versagten. Diese interessante Beobachtung ist allerdings für das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 irrelevant, denn kein einziger seiner Angehörigen musste 1942/43 zur Teilnahme an Massenerschießungen gezwungen werden. Vielmehr akzeptierte der Bataillonskommandeur auch ein „Nein“ und gab zum Beispiel dem Versetzungsantrag eines Zugführers statt, der bei ihm entschieden gegen die Exekutionen protestiert hatte (Kühl 2014: 142). Der Großteil dieses Kapitels besteht aus Beispielen, wie die Ordnungspolizei trotz ihres Charakters als Zwangsorganisation ihre Mitglieder beim Massenmord noch zwischen verschiedenen Aufgaben wählen ließ und ihnen so gewisse Freiräume verschaffte.

An diesen Aspekt schließt auch Kapitel 4 über „Kameradschaft“ an, das wie folgt beginnt: „Eine ganze Reihe von Polizisten erklärte bei der Befragung durch die Hamburger Kriminalpolizei nach dem Zweiten Weltkrieg, dass sie sich der Beteiligung an den Erschießungen hätten entziehen können“ (ebd.: 147). Sie taten es in der Regel aber nicht. Browning (1993) schätzt die Zahl derer, die sich freistellen ließen, auf 10-20 Prozent. Zur Erklärung dieses aus heutiger Sicht geringen Wertes führt Kühl die spezifischen Kameradschaftsnormen im Reserve-Polizeibataillon 101 an. Damit vermeidet er den in der Organisationssoziologie häufig benutzten Begriff „Kollegialität“, der nicht gut auf eine bewaffnete Organisation zu passen scheint, wenngleich dasselbe gemeint ist. Dem bei Browning angeführten „Gruppendruck“ steht Kühl eher reserviert gegenüber, weil dieser Begriff offenlasse, welche Gruppe den Druck ausübe (ebd.: 155). Dagegen habe der Begriff „Kameradschaftsnormen“ den Vorteil, dass er sich auf die informale Organisation als Ganze beziehe. Bei der Frage, wie die Kameradschaftsnormen intern durchgesetzt werden, stößt Kühl dann aber auf ähnliche Probleme wie Thomas Kühne (2006) in seiner einschlägigen Studie zum Thema, die vordringlich die Semantik von „Kameradschaft“ behandelt. Auf formalem Weg konnte dies nicht geschehen, sondern nur über Tausch, Mobbing und das Einräumen spezifischer Freiheitsgrade. Kühl führt hier erneut einige Nachkriegsverhöre von Angehörigen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 an, mit denen er diese Vermutungen alles in allem plausibel belegt.

Methodisch wesentlich einfacher nachzuweisen ist der Einfluss des Motivationsmittels „Geld“, das in Kapitel 5 im Zentrum steht (Kühl 2014: 175-197). Besoldung, Fürsorgeleistungen, aber auch Sonderurlaub und andere Anreize für die Bataillonsangehörigen sind den zeitgenössischen Quellen problemlos zu entnehmen. Aber auch die vielfältigen Möglichkeiten der „legalisierte[n] Bereicherung an der Enteignung der jüdischen Bevölkerung“ (ebd. 180-186), die den Männern des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 offenstanden, werden von Kühl gut analysiert. Dasselbe gilt für illegale persönliche Bereicherungen, die trotz eines Unterschlagungsverbots massenhaft vorkamen. Mit Luhmanns Begriff „brauchbare Illegalität“ (1976: 304-314) zeigt Kühl, dass es für Organisationen durchaus funktional sein kann, Derartiges zu dulden. Jedoch sieht er in der Möglichkeit einer illegalen Bereicherung nicht die zentrale Motivation für eine Mitgliedschaft in den Einheiten der Ordnungspolizei, sondern eher einen Mitnahmeeffekt (Kühl 2014: 196). Es wäre daher vonnöten gewesen, die verschiedenen Formen des Motivationsmittels „Geld“ zu gewichten und ihre je unterschiedliche Anreizstruktur herauszuarbeiten.

Kapitel 6 „Handlungsattraktivität“ beschäftigt sich mit einem anderen Gesichtspunkt, als die Überschrift suggeriert (Kühl 2014: 198-221). Darin geht es um Tötungshemmungen und um organisationale Strategien zu ihrer Überwindung, um die Entmenschlichung der Opfer und eine Organisationskultur der Brutalität, d.h. um die Frage, weshalb die Gewalt, abseits der „normalen“ Erschießungspraxis, eskalierte. Dies ist jene Frage, die den Soziologen Randall Collins (2011), auf den Kühl hier auch hinweist, besonders interessiert. Von den bisherigen Ausführungen des Autors, die in erster Linie um die organisationalen Motivationsmittel kreisten, hätte man hier erwartet, dass er Karrieremöglichkeiten, Ordensverleihungen und Auszeichnungen oder den Habitus der Herrenmenschen, den die Reservepolizisten entwickelten, analysiert. Stattdessen reiht er die Einsichten verschiedener Soziologen und Literaten wie Troy Duster, Primo Levi, Harold Garfinkel und Jan Philipp Reemtsma aneinander, ohne dass er diese mit der Empirie verknüpft. Lediglich die Freude am Töten, wie sie einige Mitglieder der Leibstandarte Adolf Hitler an ihren Einsatzorten offenbar empfanden, findet Erwähnung. Warum das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 attraktiv war und inwieweit sich diese Attraktivität gar noch auf Tötungshandlungen erstreckte, erfährt der Leser leider nicht.

Mit Kapitel 7 „Generalisierung von Motiven“ wechselt Kühl neuerlich die Analyseperspektive, und es bleibt zunächst völlig unklar, worauf seine Argumentation hier hinausläuft. Anfangs geht es ihm darum, die bisher vorherrschenden Tätertypologien zurückzuweisen und die Formen der Selbstdarstellungen herauszuarbeiten, die die Täter bei organisierten Gewaltaktionen vornahmen (Kühl 2014: 222-246, hier 225). Allerdings müsste man hier aufgrund der benutzten Dokumente eigentlich, und das ist Kühl durchaus klar (ebd.: 238), von der Selbstdarstellung der Täter vor Gericht in den 1960er Jahren sprechen (um dies zu vermeiden und sich den Selbstdarstellungen in actu zu nähern, hätte man etwa Fotografien von den Erschießungen, vom Alltagsleben in den Unterkünften der Täter etc. gewinnbringend analysieren können). Die eigentliche Thematik des Kapitels versteckt sich allerdings auf dessen letzten Seiten, mit denen Kühl noch einmal auf die fünf Motivationsmittel rekurriert (ebd.: 239-246). Hier zeigt er nämlich, dass die Besonderheit dieser Mittel in ihrer fast beliebigen Kombinierbarkeit und in ihrer Trennung vom formalen Organisationszweck liegt. Auch das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 motivierte seine Angehörigen, indem es alle diese fünf Mechanismen zugleich nutzte und so deren Motivationen generalisierte. Dies ermöglichte eine gewisse Flexibilität im Personaleinsatz. Generell hätte Kapitel 7 um mindestens die Hälfte des Umfangs gekürzt werden und als Zusammenfassung der vorangegangenen Kapitel 2-6 dienen können.

Hinter dem etwas apokryphen Titel von Kapitel 8 „Von Tötern zu Tätern“ (ebd.: 247-295), das übrigens das längste der Monografie ist, verbirgt sich die für die Nachkriegsprozesse gegen ehemalige Angehörige der Ordnungspolizei eminent wichtige Frage nach der Legitimierung des Massenmordes in der NS-Zeit. Wie legalisierte der NS-Staat seine Gewaltanwendung, und bis zu welchem Grade glaubten die Mörder, dass ihre Praktiken legal seien? Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Fragen von einer anderen Referenzebene her in Angriff genommen werden müssen: sie fallen, wenn man mit Luhmann argumentiert, unter soziale Systeme vom Typus „Gesellschaft“, und unter dem Primat funktionaler Differenzierung unter das Funktionssystem „Recht“ (Luhmann 1983, 1993 u. 2015). Kühl fragt danach, inwieweit die Gewaltausübung gegen Juden in der NS-Zeit legal war und inwieweit die Täter dies wussten beziehungsweise annahmen. Er betont, dass die hierarchische Befehlskette im Reserve-Polizeibataillon 101 den Eindruck einer staatlich legitimierten Politik verstärkte, auch und gerade im Hinblick auf den Massenmord (Kühl 2014: 269). Dies reichte aber nicht aus, denn, wie Kühl zeigt, während der Massaker wurden selbst unter den Tätern „immer wieder Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Handlungen laut“ (ebd.: 273). Auch die Versuche des NS-Staates, die Massenmorde in einen regulären polizeilichen Erwartungshorizont einzubetten als etwas Alltägliches darzustellen, vermögen nicht zu erklären, weshalb die Täter mordeten.

Im Zentrum dieses Kapitels steht der Versuch, aus normativen Dokumenten die zeitgenössische Rechtsauffassung zu rekonstruieren. Diese beschreibt Kühl als Lockerung der Rechtsbindung in der Polizeiarbeit und als zunehmende Orientierung der Polizeiangehörigen an „einem deutschen Rechtsgefühl“ (ebd.: 288). Diese „Zerschlagung der Gesetzesbindung“ (ebd.: 292), wie sie für die gesamten Polizeiapparat im NS-Staat generell zu konstatieren ist, ändert jedoch nichts daran, dass die Paragraphen 211 und 212 des Strafgesetzbuches für Mord beziehungsweise Totschlag formal auch in der NS-Zeit galten. Die Täter waren sich offenkundig darüber im Klaren, dass sie in einer rechtlichen Grauzone agierten. Dennoch sahen sie sich „als Vollstrecker staatlicher Maßnahmen gegen Täter, Mörder oder Verbrecher. In vielen Fällen, gerade wenn Männer, Frauen oder Kinder beteiligt waren, die sich offensichtlich nichts zu Schulden hatten kommen lassen, mögen sich bei den Polizisten […] Zweifel geregt haben, ob die Tötungen politisch zu rechtfertigen waren. Die Frage, ob die Erschießungen rechtmäßig waren, haben sich offenbar aber nur die wenigsten von ihnen gestellt “ (ebd.: 294 f.). Höchstwahrscheinich redeten sich die Angehörigen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 ein, dass es sich bei ihren Opfern um „Verbrecher“ gehandelt habe, die es physisch zu liquidieren gelte.

In Kapitel 9 „Normalität und Anormalität von Organisationen“ (ebd.: 296-326) fasst Kühl dann seine Ergebnisse zusammen. „Der Holocaust“, so seine These, „konnte in der uns bekannten Art und Weise nur durchgeführt werden, weil der NS-Staat sich auf Organisationen – also auf ein zentrales Prinzip moderner Gesellschaften – stützen konnte. Und Organisationen differenzieren Mitgliedschaftsrollen aus und bringen ihre Mitglieder dazu, Dinge zu tun, die sie außerhalb der Organisation nicht tun würden“ (ebd.: 299). Im Anschluss daran erörtert Kühl noch einmal die Normalität der Programme, der Kommunikationswege und des Personals, wie sie sich anhand des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 darstellen. Dabei steht ihm durchaus vor Augen, dass der geplante Massenmord an insgesamt elf Millionen Juden, wie ihn das NS-Regime vorhatte, alles andere als ein normales Zweckprogramm war (ebd.: 301). Dennoch versucht er seine These der „ganz normalen Organisationen“ mit dem Argument zu bekräftigen, dass die am Holocaust beteiligten Organisationen noch viele andere Aufgaben hatten und der Judenmord praktisch auf einem Nebengleis lief. Dies mag für die Verwaltungsbehörden zutreffen; für eine Organisation wie das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, die sich der „Gegnerbekämpfung“ widmete, galt das aber nicht. Kühl setzt die Programmstrukturen einer Polizeieinheit zu umstandslos mit denen regulärer Verwaltungsbehörden gleich.

Danach kommt er etwas unvermittelt noch auf drei Besonderheiten des Holocaust zu sprechen: „Erstens wurde der Holocaust durch einen totalitären Staat organisiert, also einen Staat, der seinen Bürgern keine konkurrierenden Erwartungshaltungen gestattete. Zweitens war das Personal, das für die Direkttötungen durch Massenerschießungen und Vergasungen zuständig war, in der Regel in ,gierige Organisationen’ eingebunden, also in Organisationen, die den Anspruch hatten, auch alle anderen Rollen ihrer Mitglieder zu kontrollieren. Und drittens wurde die systematische Massentötung sowohl von ethnisch und religiös definierten Minderheiten als auch von geistig Behinderten und psychisch Kranken erst mit Beginn des Zweiten Weltkrieges zu einem zentralen Mittel der NS-Rassenpolitik“ (ebd.: 309). Damit führt er drei Aspekte an, von denen im gesamten Buch vorher kaum einmal die Rede war! Den Stellenwert des Krieges für die NS-Massenverbrechen hat er, im Unterschied etwa zu den einleitend von ihm kritisierten Studien, nämlich kaum thematisiert. Zwar lässt auch Kühl keinen Zweifel daran, dass die NS-Gesellschaft von einem permanenten Ausnahmezustand gekennzeichnet war und daher das schiere Gegenteil einer wie auch immer zu definierenden „Normalität“ darstellte. Wie man sich nun allerdings das Verhältnis zwischen einer „ganz normalen Organisation“ und einer ganz und gar nicht normalen Gesellschaft vorstellen soll, darüber lässt er den Leser im Unklaren.

Zweierlei ist weiterführend an Kühls Monografie: die explizite Anwendung von Theorie und die konsequente Hinwendung zu sozialen Systemen vom Typus „Organisation“. Kühl durchschlägt den gordischen Knoten der in der NS-Forschung langsam Überhand nehmenden positivistischen Beschreibung, indem er soziologische Theorie im Allgemeinen und die frühe systemtheoretische Organisationssoziologie im Speziellen als Metasprachen benutzt, um die Massenerschießungen von Juden durch das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 im Generalgouvernement 1942/43 zu erklären. In seiner Beziehung zum Gegenstand kommt eine soziologische Referentialität zum Ausdruck. Der Begriff ist in Anlehnung an Hans-Jürgen Goertz gebildet, der unter „historischer Referentialität“ den Versuch versteht, ein Verhältnis zur Vergangenheit herzustellen, und nicht die Vergangenheit selbst (2001: 9, 118). Dabei treten die Quellen, die Sprache, die Konstruktion des Forschungsgegenstands, die Sekundärliteratur und der individuelle Historiker als Beobachter vergangenen Geschehens in Beziehung zueinander. Kühls soziologische Referentialität zeigt sich in einem spezifischen Rekurs auf Luhmanns frühe Organisationssoziologie. Deren Begriffe wie „Formalität“, „Motivationsmittel“, „Indifferenzzone“, „Konsensfiktion“ und „Generalisierung“ werden herangezogen, um den historischen Gegenstand zu erklären. Kühls Arbeit vollzieht sich im Modus der Deduktion: Luhmanns Systemtheorie liefert die Begriffe; die Empirie wird in aller Regel zur Illustration der Theorieaussagen eingesetzt und besitzt keinen Eigenwert.

Wie konsequent ist Kühls soziologische Referentialität aber vom Standpunkt jener Theorie aus, derer er sich bedient? Wird die Systemtheorie im Sinne ihres Erfinders hier wirklich konsequent angewandt? Mir scheinen zumindest fünf Aspekte erwähnenswert, die auf ein „Nein“ als Antwort hinauslaufen (dazu mit etwas anderer Stoßrichtung Holzinger 2015). Erstens hat sich Luhmann im Grunde genommen seit dem Beginn seiner Arbeit am Thema „Organisationen“ von einem wesentlichen Gedanken leiten lassen: Menschen zählen nicht zum System, sondern zur Umwelt von Organisationen (Luhmann 1976: 382 f.). Im Theoriedesign der Systemtheorie heißt das, dass sie sich, wie man sie auch immer konzeptualisiert, als psychische Systeme, als Form „Person“, als Rolle Mitglied/Nichtmitglied oder als Leistungs- oder Publikumsrolle, von der Organisation irritieren, niemals aber determinieren lassen. Der terminus technicus in Luhmanns Systemtheorie ist „strukturelle Kopplung“ (z.B. Luhmann 1993a: 440-495). Dieser Theoriebestandteil kommt bei Kühl nicht vor. Bei ihm geht es im Gegenteil immer um Menschen in Organisationen, die er als deren Mitglieder bezeichnet. Dies ist zwar hauptsächlich ein sprachliches Problem, weil Kühl stets Redewendungen wie „Die Organisation und ihre Mitglieder“ benutzt. Es resultiert aber auch aus einer organisationssoziologischen Herangehensweise, die in erster Linie handlungs- und nicht kommunikationstheoretisch argumentiert.

Klaus Dammann hat dieses Problem in einem Aufsatz (2000: 469) über die Rezeption von Luhmanns Gedanken in der Verwaltungswissenschaft auf folgende treffende Formel gebracht: „Doch seine Denkfiguren, jedenfalls die, die ihm in der Soziologie zugeschrieben werden, sind nur Spezialisten bekannt. Dies zeigt schon die sorglose Verwendung seines Personalbegriffs: Personal wird einmal im Sinne personeller Entscheidungsprämissen als Bestandteil von Verwaltungsorganisationen gehandelt […], als kommunikative »Form Person« […], dann aber wieder im Sinne von Menschen oder Psyche in der Umwelt des administrativen Subsystems der Gesellschaft situiert […]“. Bei Kühl kommt damit ein deterministisches Argument ins Spiel, das seine Arbeit näher in Richtung strukturtheoretischer Ansätze rückt, als ihm lieb ist. Zudem tilgt er die voluntaristischen Bestandteile von Luhmanns Organisationssoziologie und damit auch die Freiheitsgrade, die sich aus der Mitgliedsrolle einer Organisation ergeben. Für das Umschlagen von normalen Organisationspraktiken in Massenmord sind die Handlungen und Erwartungen der psychischen Systeme in der Umwelt der Organisation nicht ohne Bedeutung. Klaus Dammann (2010) hat daher vorgeschlagen, ein Viererschema von Person, Programmen, Rollen und Werten zugrundezulegen, wenn man die Praktiken von Verwaltungen als Organisationen analysiert. Eine weitere, von Kühl nicht gestellte Frage könnte mit diesem Ansatz ebenfalls angegangen werden: Welche Rolle spielten die Nichtmitglieder der Organisation, also die Sympathisanten (Zuschauer) und die Opfer, für die Massenmorde?

Das zweite Problem rührt an den Kern dessen, was in Luhmanns Systemtheorie eine Organisation überhaupt ausmacht: das sukzessive Nacheinander ihrer basalen Operationen (Entscheidungen als Kommunikationen), mithin die Zeitverhältnisse (dazu Luhmann 1969, 1993b u. 2000). Dies lässt sich an einer relativ einfachen Beobachtung illustrieren: bei Kühl entscheidet die Organisation gar nicht, sondern hat dies immer schon getan. Nie geht es um Entscheidungen und ihre iterative Verknüpfung in der vergangenen Gegenwart; die Entscheidungen der Organisation liegen bei ihm immer schon in einer nicht mehr gegenwärtigen Vergangenheit. Das ist an Kühls Behandlung der Programmierung der Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 deutlich zu erkennen. Bei ihm ist es nämlich immer schon auf Judenmord programmiert, und zwar ausschließlich darauf. Andere Programmierungen, etwa der Kampf gegen Partisanen, die Beteiligung an der „Umsiedlung“, die Objektsicherung und die Kooperation mit autochthonen Polizeibehörden werden vernachlässigt. Kühls Behauptung von der „Normalität“ von Organisationen wird dadurch untergraben, dass es ihm nur um das Außerordentliche des Judenmords geht. Auch die wichtigen Entscheidungen der Organisation über Stellen (welche Aufgaben sollen bearbeitet werden?) und Personal (von wem?) werden von Kühl fast vollständig ausgespart. Die Rekrutierung von Reservepolizisten und deren Einbindung in die alltäglichen Routinen des Polizeibataillons 101 waren für ihre Bereitschaft zum Massenmord beileibe nicht unerheblich. Die Einebnung der Zeitebene (der Historiker würde sagen: die Abweichung von der Chronologie) führt zu einigen interpretatorischen Verzerrungen, etwa bei der These einer Dynamisierung der „Indifferenzzone“, mit der Kühl ja eine Veränderung der Folgebereitschaft in Organisationen zugesteht (Kühl 2014: 307-322). Wie anders sollte diese Veränderung analysiert werden können als mittels einer genauen, die Massenerschießungen des Reserve-Polizeibataillons 101 nacheinander schildernden Chronologie?

Drittens vernachlässigt Kühl, bis auf das Massaker von Józefów am 12. und 13. Juli 1942 (ebd.: 47-54), auch das Mordgeschehen selbst. Dabei geht es um die Referenzebene „Interaktion“ und deren Rahmung durch soziale Systeme vom Typ „Organisation“ (allgemein Kieserling 1999). In Interaktionen liegt aber nachgerade das Zentrum der Forschungen von Browning, Goldhagen und vielen anderen, wie den bisher vorgelegten Eintragungen zu „Gewalt im System“ zu entnehmen ist. Wie haben sich Kühls fünf Motivationsmittel jeder Organisation, also Zweckidentifikation, Zwang, Kameradschaft, Geld und Handlungsattraktivität, eigentlich in konkreten Interaktionen im Rahmen von Massenerschießungen ausgewirkt? In welchem Verhältnis standen diese fünf Faktoren zueinander? Änderte sich dieses Verhältnis im Laufe der Zeit? Welche Lerneffekte ergaben sich von einer Massenerschießung zur anderen, und wie interagierten die Täter mit den Zuschauern? Welche Rolle spielten die jüdischen Opfer? Was passierte, wenn die Täter unter sich waren oder wenn sie andere Aufgaben zu verrichten hatten? In welchem Verhältnis standen Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Organisation zueinander? Die Liste der Fragen, die sich aus dem Fehlen konkreter Interaktionen in Kühls Analyse ergibt, ließe sich beliebig verlängern.

Viertens, das ist bereits öfter angeklungen, ist Kühls Konzeptualisierung der gesellschaftlichen Rahmung des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 unzureichend. Seine Ausgangfrage nach der Folgebereitschaft in Organisationen kann schlechterdings nicht ohne die Rückbindung an die Referenzebene „Gesellschaft“ auskommen. Mit seiner Bezugnahme auf das Funktionssystem „Recht“, die in seiner Erörterung der Legalität des Massenmordes zum Ausdruck kommt, und mit der zumindest impliziten Rückbindung des Motivationsmittels „Geld“ an das Funktionssystem „Wirtschaft“ hat Kühl dies auch anerkannt. Das Funktionssystem „Politik“ hingegen, das für die Frage der Programmierung auf Judenmord zentral war, kommt in seiner Analyse kaum vor. Am deutlichsten zeigt sich dies daran, dass Kühl es unterlässt, den Parameter „Krieg“ in die Analyse einzuführen, und dies trotz einer mittlerweile sehr beachtlichen Literatur zur Systemtheorie des Krieges, die gut in seine Argumentation gepasst hätte (Holzinger 2014). Aber auch eine andere Leerstelle ist auffällig: bei Kühl dominiert die Perspektive der Ordnungspolizei als Organisation des Funktionssystems „Politik“, mithin die polizeiliche Konditionierung der Angehörigen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 für den Massenmord. Diese waren oftmals aber auch Mitglieder in anderen Organisationen (NSDAP, Wehrmacht, Sudetendeutsche Partei oder auch Volksdeutsche Bewegung in Luxemburg), deren Rolle für die Einübung in Gewaltpraktiken blass bleibt. Vielleicht hätte man diese Organisationen mittels einer Art Sozialisationsgeschichte der Angehörigen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 ins Boot holen können, die nach den Mechanismen einer spezifischen nationalsozialistischen Wertevermittlung fragt.

Fünftens bleibt abschließend das Problem „Supertheorie“ (Luhmann 2008: 58-64) zu erwähnen. Bekanntlich hat Luhmann darunter immer eine Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne verstanden, dass seine Systemtheorie es erlaubt, alles Soziale im Hinblick auf spezifische, funktional gefasste Bezugsprobleme wie Kontingenz oder Komplexität zu analysieren. Kühl hingegen nutzt die systemtheoretische Organisationssoziologie durchgängig zur Erklärung von historischen Ereignissen, ersetzt also die Universalität der Gegenstandserfassung durch eine (imperialistische) Universalität der Erklärung. Für den eingangs zitierten letzten Satz seines Buches hätte man nicht ein einziges geschichtswissenschaftliches Dokument benötigt; es hätte gereicht, nur die organisationssoziologischen Bestandteile der Systemtheorie auszubreiten, die ja vom heuristischen Ausgangspunkt ausgeht, dass es soziale Systeme vom Typus „Organisation“ gibt. Dies impliziert, dass Organisationen in der Moderne, bei allen strukturellen Abweichungen im Einzelfall, nach ähnlichen Gesichtspunkten funktionieren. Hätte Kühl doch bloß die folgende Einsicht Luhmanns beherzigt, mit denen er der Geschichtswissenschaft vor mehr als 40 Jahren eine gesteigerte Aufmerksamkeit bei der Problemkonstitution empfahl: „Keine Theorie erreicht das Konkrete. Das ist nicht ihr Sinn, nicht ihr Ziel. Es wäre daher schon im Ansatz verfehlt, das Verhältnis der Geschichte zu welcher Theorie auch immer unter der Prämisse zu diskutieren, daß die Bewährung in der Annäherung ans Konkrete zu suchen sei“ (Luhmann 1975: 150)!

Was bedeutet dies alles für die Ausgangsfrage nach der „Gewalt im System“ (Baecker 2007)? Es ist relativ einsichtig, dass der Untertitel der vorliegenden Studie „Zur Soziologie des Holocaust“ irreführend ist. Kühl liefert eine Soziologie der Massenerschießung, deren genozidale Tragweite den Vernichtungstätern in actu nicht unbedingt deutlich gewesen sein muss. Mit anderen Worten: der Holocaust als solcher lag noch nicht in ihrem Horizont. Die besondere Bedeutung von Kühls Arbeit für die Gewaltforschung ist die strikte Rückbindung an die Referenzebene „Organisation“. Gewalt, so könnte man es anders formulieren, ist in der Moderne ein interaktives Phänomen, das oftmals durch „Organisation“ gerahmt ist. Zwar schränkt Kühl diese Einsicht fast durchgängig auf den NS-Staat ein, indem er etwa einige Beispiele für Massengewalt aus dem 20. Jahrhundert nennt, bei denen dies nicht der Fall gewesen sein soll. Diese Beispiele vermögen jedoch nicht zu überzeugen, da in ihnen immer wieder „Organisation“, verstanden als Tätigkeit des Organisierens und Verkettung doppelter Interakte im Sinne von Karl Weick (1995), erkennbar ist. Kühls These geht also weiter, als er eigentlich zugesteht. Es bleibt die Frage, wie eine Gesellschaft strukturiert sein muss, die ihren „ganz normalen Organisationen“ Massenmord erlaubt.

Referenzen

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