Landwehr, zweites Geschoss

von arminnolzen

Zweites Geschoss

Rolle für Rolle

Bahn für Bahn

Rauhfaser tapeziert

In den Gängen stehen Mieter herum

Betrachten die Wände aufmerksam

Suchen darauf Bahn um Bahn

Nach Druck- und Rechtschreibfehlern

Könnten nicht mal ihren Namen entziffern

 

Achim Landwehrs Essay „Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit“ (2016) konstituiert eine Negativsprache für die Geschichtsschreibung. „Negativsprache“ heißt zunächst einmal nur, dass Landwehr die gängigen, von der Fachdisziplin allgemein geteilten geschichtstheoretischen Methoden und Konzepte konsequent verneint und dass seine Negationen nicht auf dialektische Art und Weise in eine neue Synthese einmünden, sondern als Paradoxa bestehen bleiben. Diese Paradoxa lassen sich in spezifischen Operationen innerhalb des geschichtswissenschaftlichen Feldes entfalten; in letzter Konsequenz entstehen daraus jene Eigenwerte, die Landwehr als „das Historische“ bezeichnet. Bei dieser Produktion von Geschichte kommt jenem besonderen Objekt, das der Historiker „Quelle“ zu nennen pflegt, eine herausragende Bedeutung zu.

Material [56-78]

– Studium der Geschichte muss Studium von Dokumenten und Aufzeichnungen sein (William H. Gass) [56]; Begriff „Quelle“ ist für die Geschichtswissenschaft elementar geworden; Aufgabe der Geschichtswissenschaft bestehe in einem methodisch-kritischen und auf Quellen gestützten Sich-Erinnern (Klaus Arnold) [57]; Quellen sind nicht Selbstzweck, sondern bloßes Mittel zum Zweck historischer Erkenntnis (Ahasver von Brandt „Werkzeug des Historikers“); Frage, ob die Quellen, mit denen hier so selbstverständlich hantiert wird, überhaupt Möglichkeit bieten, Vergangenheit zu erreichen, Frage, ob sie historischen Blick nicht eher an Oberfläche und in Gegenwärtigkeit festhalten; schon Metaphorik der beständig beschworenen Quelle birgt Probleme, denn es wird Eindruck evoziert, als würden die Informationen aus ihr sprudeln und direkt zu uns fließen; in ihrer Plausibilität erscheint die Quelle als allgemein und konkret zugänglich; Begriff „Quelle“ verzichtet nicht nur auf Verständnishürden, sondern ist mit einzigartigem Pathos verbunden; wir haben es mit einem Quellenglauben zu tun, der sich weitgehend gegen kritische Selbstbefragung immunisiert hat [58 f.]; Quelle ist kein Gegenstand der Forschung [59]; ist zwar Ursprung von allem, aber selbst ohne Eigenschaften = reine Form; Quelle scheint in historischer Arbeit eine ähnliche Verehrung entgegengebracht zu werden wie der kirchlichen Reliquie; ist nichts anderes als eine solche, d.h. Überbleibsel aus der Vergangenheit, das man in seiner Medialität und Materialität ernst nehmen sollte.

– Frage, welche Konsequenz die fortwährende Verwendung des Quellenbegriffs eigentlich nach sich zieht; führen uns die Quellen tatsächlich zur Vergangenheit zurück?; jeder Historiker zieht mit einer Frage los, die er zu beantworten versucht; weil Institutionen wie Archiv, Museum oder Ausgrabungsstätten zahlreiche Vorgaben hinsichtlich der Überlieferung und Anordnung ihres Materials getroffen haben, ist wertfreies Auffinden der Vergangenheit bereits im Moment der Frage obsolet [60]; „Jede Frage setzt einen Anfang, und jeder Anfang bringt (mindestens) ein Problem mit sich“; Ausdruck „Aufarbeitung der Vergangenheit“ = zeigt enge Verzahnung von juristischem und historischem Blick auf die Welt; jede Form der justiziellen Tätigkeit, die in ein Gerichtsverfahren mündet, stellt eine Aufarbeitung der Vergangenheit dar; vom Gericht wird ja erwartet herauszufinden, was in der Vergangenheit passiert ist, um Urteil zu fällen, mit dem eine Vergangenheitsversion autoritativ als richtige und zutreffende fixiert wird [61]; juristische Kunst besteht darin, Verknüpfungen zu erstellen zwischen unterschiedlichen Ereignissen und einem für Uneingeweihte nicht mehr zu überschauenden Konvolut an papiernen Gesetzen, Vorschriften und Regelungen; durch nahezu zauberhafte Praxis werden mittels Institutionalisierungen, Verfahren und Akten beide Seiten so miteinander gekoppelt, dass Kollektiv an seinen Streitigkeiten nicht zerbricht und Recht seine Wirksamkeit erweisen kann; beide Seiten müssen so zueinandergeführt werden, dass Einzelfall juristisch abstrahiert und Recht praktisch werden kann.

– eine Rechtsnorm muss zunächst einmal angeben, auf welche Fälle sie anzuwenden ist; die Norm bestimmt, wie Verbindung zwischen Gesetz und Wirklichkeit vonstatten geht; Transformationen, die hier vorzunehmen sind, verkomplizieren sich durch Faktor Zeit [62]; es handelt sich darum, einen in der Vergangenheit liegenden Fall in der Gegenwart zu verhandeln; ist historische Arbeit par excellence; Juristen sind Historiker unter erschwerten Bedingungen [63]; können es sich nicht leisten, umstrittene Sache umstritten sein zu lassen, sondern müssen Eindeutigkeit (und Rechtssicherheit) herstellen; Recht sieht nur, was es sehen kann; Strafrecht hält dennoch an korrespondenztheoretischem Wahrheitsbegriff fest; im Zivilrecht wird dieser jedoch zugunsten eines konsenstheoretischen Wahrheitsbegriffs über Bord geworfen; hierin gilt der Grundsatz der Dispositionsmaxime; Prozessparteien ist die Befugnis eingeräumt, selber zu entscheiden, welche Beschreibung eines Sachverhaltes in den Prozess eingebracht wird [64]; Wirklichkeit ist hier zu einem gewissen Grad verhandelbar; was der Zeuge im juristischen Zusammenhang ist, das ist das Zeugnis im historischen; „Quelle“ übernimmt bei geschichtlichen Fragen die wahrheits- und wirklichkeitsverbürgende Funktion, die vor Gericht den Personen zukommt, die über Geschehen Aussage machen können; es besteht Gefälle zwischen Ereignis und Bezeugung aufgrund des Zeitabstands [65].

– es ist sicherlich anmaßend, die Austreibung der Quellenmetapher aus der historischen Arbeit einzufordern; auch Ersatzetiketten führen in andere Probleme metaphorischen Sprachgebrauchs; plädiert für stärkere Beachtung des historischen Materials und der Materialität des Historischen; Aufmerksamkeit für Materialität wichtig, um verändertes Verständnis historischen Arbeitens und eine andere Sicht auf das Verhältnis von anwesenden und abwesenden Zeiten zu erreichen [66]; man sollte nicht in die gegenteilige Falle tappen und den Wert von Überlieferungen allzu gering veranschlagen; man muss dieses Material als Material ernst nehmen; ist der eigentliche und der einzige Gegenstand historischen Arbeitens; Johann Gustav Droysens „Historik“ und Rede von der „Gegenwart der Materialien“; mit dem Begriff des historischen Materials zu operieren, ist mehr als oberflächliche Umetikettierung [67]; es geht um Ausräumen von Missverständnissen und liebgewonnenen Vorurteilen über historisches Arbeiten; dieses hat nicht mit dem Imaginären einer Vergangenheit zu tun, sondern mit physisch realen Existenzresten; Ausgangspunkt des Historischen ist also das, was übrig bleibt; Oberflächlichkeit als Oberflächenanalyse, wie sie Michel Foucault beschrieben hat; Problematisieren des Umstandes, dass bestimmte Phänomene überhaupt in Erscheinung treten; man enthalte sich daher des wissenschaftlichen Impetus, nach dem Versteckten, Verborgenen und Unentdeckten zu suchen; Wiener Kreis (Paul Neurath) = in der Wissenschaft gibt es keine Tiefen, sondern überall ist Oberfläche.

– Roland Barthes‘ „Die helle Kammer“ und die Wirklichkeitssättigung des Fotografischen [68 f.]; Unmittelbarkeit und Gewissheit von Vergangenheit, die sich in der Fotografie manifestiert [69]; Beschreibung eines Porträtfotos von Lewis Payne, das Alexander Gardner 1865 aufgenommen hat; aus dieser Oberflächlichkeit des historisches Materials lässt sich mindestens eine vierfache Temporalität ableiten = 1) ist zu einem konkreten historischen Zeitpunkt entstanden und dabei mit einem bestimmten Zeitkonzept indiziert worden, es hat 2) einen mehr oder minder langen Überlieferungszeitraum durchschritten, kommt 3) durch die historische Beschäftigung in einer bestimmten Gegenwart wieder mit einem anderen Zeitkonzept in Berührung und verfügt 4) über bestimmte temporale Leerstellen, die erst in einer näheren oder ferneren Zukunft wieder gefüllt werden, wenn sich heute noch unbekannte Zeitkonzepte damit verbinden [70]; diese vier Punkte der Temporalisierung führen zu einer geschichtstheoretischen Konsequenz, die begründen helfen kann, weshalb historisches Arbeiten niemals an sein Ende gelangt; weil das historisches Material mehrfach temporal besetzt ist, müssen sich Beziehungen dieser temporalen Ebenen zueinander beständig verändern; unter zeittheoretischer Perspektive bleibt sich das Material nie gleich; Fotografie, Gerichtsakten oder Zeugen stehen stellvertretend für unendliche Formen, die historisches Material annehmen kann [71]; Material (im Gegensatz zu Materie) = Gegenstände in ihrer physischen Beschaffenheit und körperlichen Dinglichkeit.

– Materialität des Historischen muss ebenso prominent in den Mittelpunkt gerückt werden; hier nicht gemeint ist Material im Sinne einer materiellen Kulturforschung (auch Papier und Schrift sind Materialien von kaum zu leugnender Bedeutung) [71 f.]; historisches Material lässt sich nicht gegenständlich bestimmen [72]; kann nicht sinnvoll durch äußere Kriterien bestimmt oder auf konkreten Objektstatus eingegrenzt werden [73]; historisches Material lässt sich durch eine spezifische Materialität kennzeichnen; grundlegende Funktion, die ein Material in bestimmtem historischen Kontext übernimmt, ist es, einen Unterschied zu markieren; in seiner Materialität ist das Material immer auch Akteur [74]; das wird nicht verstanden, wenn es nur als passives Objekt aufgefasst wird; auch das Immaterielle muss zum historischen Material hinzugerechnet werden, also Ideen, Geister, Götter oder fiktive Gestalten [75]; Historisches ist nicht auf das Empirische, haptisch Fassbare zu konzentrieren; drei Funktionen, die sich mit Materialität des Historischen verbinden = 1) sorgt für Stabilitäten, löst Dynamiken aus, 2) ist gekennzeichnet durch bestimmte Position innerhalb eines Untersuchungszusammenhanges und 3) besteht in Ermöglichung einer zeitlichen Relationierung zwischen Gegenwart und Vergangenheit [76 f.]; Material ist aktiv an Konstitution derjenigen Verhältnisse beteiligt, deren Teil es ist [77]; folgt man Bruno Latour, dann findet historisches Arbeiten in einem Kollektiv von Akteuren statt [78].

Mit Landwehr gesagt: die Quelle ist die „Pathosformel“ (Aby Warburg) des Historikers. Sie ist der Ursprung aller Geschichte, aber, wie er in Anlehnung an Jacques Derrida betont, sie ist nichts anderes als „reine Form“ (Landwehr 2016: 59). Kann sie als Form aber ohne Eigenschaften sein? Ist ihre Form leer? Warum an dieser Stelle die adverbiale Verstärkung der „reinen Form“? Gibt es denn auch eine „unreine Form“? Nein, ich glaube, dieser rhetorische Kniff verschleiert eine Problematik, die Landwehr unterschätzt: die Problematik der Form der Quelle, die er uns hier als eine Art Quellenkunde präsentieren müsste. Stattdessen weicht er aus auf einen Vergleich mit dem juristischen Arbeiten, dem Gerichtsverfahren. Diese Analogie trügt, denn sie führt ab von dem entscheidenden Problem, welche Form der Quelle welche Fragen des Historikers zulässt und welche Antworten darauf möglich sind oder nicht. Es hätte hier um das Verhältnis zwischen der Form der Quellen und einer möglichen Geschichte gehen müssen. Die überlieferten Quellen und ihre Formen (Tagebuch, Zeitung, Brief, Konferenzprotokoll etc.) bestimmen maßgeblich, welche Geschichte der Historiker überhaupt schreiben kann.

Und Landwehr schlägt einen weiteren Irrweg ein: die spätestens seit Johann Gustav Droysen bekannte, gegenwärtige Materialität der Quelle, die es zu berücksichtigen gelte. Was ist mit dem Begriff „Materialität“, der in den letzten Jahren in den Kulturwissenschaften prominent geworden ist (grundlegend Samida/Eggert/Hahn 2014), eigentlich gemeint? Wie rückt man in der Praxis der historischen Arbeit, beim Schreiben, die Materialität der Quelle ins Zentrum? Vorausgesetzt ist dabei das kognitive Vermögen, die in der Gegenwart wahrgenommene Quelle als ein Artefakt zu erleben, das unvergangen ist und in dieser Eigenschaft seit vergangenen Zeiten kontinuierlich angedauert hat. Dies impliziert ein vorgängiges Bewusstsein von Geschichtlichkeit (Rusch 1987: 422-425). Landwehr setzt dieses Bewusstsein quasi axiomatisch voraus. Er argumentiert vom Standpunkt des reifen, erfahrenen Historikers aus, der immer schon um die Geschichtlichkeit des benutzen Materials weiß. Und er geht davon aus, dass dieser Historiker die Quellen, die er zur Kenntnis genommen hat, auch in seinen geschriebenen Text einbaut. Beide Voraussetzungen sind für historisches Arbeiten aber gerade nicht selbstverständlich. Dazu drei Beispiele:

Stellen wir uns vor, eine Geschichtsstudentin im Grundstudium, die während ihrer Schullaufbahn das Latinum erworben hat, bekommt im Mittelalterseminar eine Quelle vorgelegt, zum Beispiel einen Auszug eines in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts niedergeschriebenes Chartulars der Stiftskirche Karden an der Mosel, das sich im Archiv des Erzbistums Trier befindet. Es beinhaltet 25 Pergamentblätter mit 34 Urkunden aus der Zeit von 1147 bis 1334 (Pauly 1986: 45), darunter Abschriften der Statuten des Stiftes aus mehreren verschiedenen Jahrhunderten. Sie soll jetzt, um den Nachweis der Beherrschung der lateinischen Sprache zu erbringen, einen Teil dieser Statuten übersetzen. In einem zweiten Schritt soll sie die Quelle ins Seminar „Klostergrundherrschaft im Mittelalter“ einbringen, indem sie eine historische Fragestellung entwickelt und ihr Material daraufhin befragt. Wird sie ein zureichendes Bewusstsein davon haben, was hier vor ihr liegt? Wie wirkt die Materialität dieser Quelle auf sie? Kann sie sie überhaupt lesen, geschweige denn verstehen? Stößt sie nicht schon sofort an die Grenzen ihres Verständnisses? Wie erlebt sie denn eine mittelalterliche Quelle? Meines Erachtens hat sie höchstens ein rudimentäres Bewusstsein über deren Geschichtlichkeit erlangt, und zwar nur, weil das, was vor ihr liegt, ihr vollkommen fremd ist. Die Materialität dieser Quelle erschöpft sich in ihrem schieren Vorhandensein und einem daraus resultierenden Rattenschwanz an Problemen.

Ein zweites Beispiel: auf einer Exkursion im Grundstudium der Geschichtswissenschaft kommt es angesichts des Anblicks vieler abgeholzter Bäume zu einer Debatte über Ursachen und Folgen des gegenwärtigen Klimawandels. Ein Student steht allein auf weiter Flur und bestreitet, dass es den Klimawandel überhaupt gebe. Ein anderer pocht auf die angeblich gesicherten Ergebnisse der historischen Klimaforschung und weist seinen Kontrahenten in die Schranken. Der aber meint, es existierten doch keinerlei Aufzeichnungen, woher sollten wir beispielsweise überhaupt etwas über die klimatischen Verhältnisse im Mittelalter wissen? Ist den Studenten in diesen Momenten bewusst, dass die am Wegesrand liegenden Bäume mittels der Methoden der Dendrochronologie (Ladurie 1977) vielleicht über das Klima vor Hunderten von Jahren Auskunft geben könnten? Besitzen sie das notwendige Wissen, um einen solchen Test gegebenenfalls vor Ort selbst vornehmen zu können? Sie stehen, so ist zu befürchten, in einem Wald von Quellen, von denen ihnen aber das Bewusstsein fehlt, dass sie solche sind (oder sein können).

Ein letztes Beispiel: Ein promovierter Historiker, der sich bislang intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst hat und auch sehr theorieaffin ist, beschließt, eine Gesamtdarstellung des Holocaust zu schreiben. Dabei bekommt er zum ersten Mal in seinem Leben das Protokoll der Wannsee-Konferenz zu Gesicht (Kampe/Klein 2013: 40-54). Er liest es, entwickelt auch ein leidliches Verständnis von den darin geschilderten Sachverhalten und beginnt, die reichhaltige Sekundärliteratur zum Thema zu konsultieren. Er liest das Dokument erneut und gleicht es mit der vorhandenen Sekundärliteratur ab. Im weiteren Verlauf seiner Analyse entscheidet er sich für eine spezifische Lesart eines anderen Historikers, die er in wenigen Zeilen zustimmend referiert. Das Protokoll wird in seiner abschließenden Arbeit nicht mehr zitiert. Wo ist jetzt die Materialität dieser Quelle? Hat sie sich nicht gewandelt beziehungsweise auf die benutzte Aussage aus der Sekundärliteratur verschoben? Innerhalb des verschriftlichten Argumentationszusammenhangs hat dieses Dokument eine Nullposition. Damit das Material ein Aktant werden kann, muss es vom Historiker auch aktiviert werden. Das unterbleibt, wenn es in bereits interpretierter Form benutzt wird. Zum Kapitel „Material“ gibt es bei Landwehr übrigens ein Supplement, dessen Bedeutung jedoch überhaupt nicht deutlich wird: das (viel zu kurz geratene) Kapitel „Medien“:

Medien [79-88]

– „Es ist immer zu viel und gleichzeitig zu wenig, was uns das Vergangene an Übriggebliebenem hinterlässt“ [79]; historisches Material erweist sich daher recht freigiebig in Sachen paradoxaler Herausforderungen; es ist gleichzeitig Vergangenheit und auch nicht und existiert immer in zu großer und zu kleiner Menge; selbst größtes Forschungsprojekt kann nicht alles zusammentragen und auswerten, was das Material eines bestimmten Zeitraums und einer bestimmten Gegend zur Verfügung stellt; Material verändert sich im Sinn einer historischen Unschärferelation mit denen, die es befragen; Auswahl (Selektion) und Interpretation (Lücken stopfen) ist unumgänglich; das Ausmaß der Lücken offenbart sich erst, wenn man meint, gute Überlieferung zu besitzen [80]; historisches Material rückt nicht nur in seiner Materialität, sondern auch in seiner Medialität in den Mittelpunkt; als Medium soll es den Zugang zur Vergangenheit gewährleisten; jedoch keine Unmittelbarkeit, die sich auch als „Medienlosigkeit“ übersetzen ließe [81]; Dieter Mersch = „Es gibt Medien, weil es Alterität gibt“; weil sich ein Anderes, ein Gegenüber, dem Zugriff ständig verweigert, sind wir auf Medien angewiesen, um das Unbegreifliche zu vermitteln“; schwierig an einem solchen Verständnis ist, dass „Materialität der Medien und damit deren Eigenmächtigkeit und Handlungsfähigkeit übersehen werden“ [82]; Medien verändern das Vermittelte im Prozess der Vermittlung; historische Medien übermitteln daher auch nicht die Vergangenheit.

– Johann Martin Chladenius und Theorie der „Sehepunkte“; Beobachtung als Eingeständnis, dass es sich immer nur um eine Geschichte handeln kann, niemals um „die“ Geschichte [82 f.]; „Ohne Medien geht es nicht“ [83]; Beschäftigung mit Medien wäre gründlich missverstanden, würden wir darunter vorranging technische Apparaturen begreifen [84]; 1) Medien sind Akteure, die das Andere der Alterität zum Ausdruck bringen, indem sie dazwischen treten; 2) garantieren sie erst die Vergangenheit, von der man nicht selten annimmt, sie sei fraglos vorhanden; das Historische haben nur wegen dieser Medien [84 f.]; zudem haben wir genau nur diese Form des Historischen, die uns die Medien ermöglichen [85]; Medien „sind“ nicht, sondern kommen immer schon in sich selbst vor; „Es gibt also keinen außermedialen Ort, von dem aus sich über Medien sprechen ließe. Jede Behandlung von Medien findet immer schon in Medien statt“; lassen sich nur negativ fassen in Gestalt der Spuren, die von ihnen zurückbleiben; dem Medium haftet etwas Rätselhaftes an, da es etwas darstellt und sich selbst zugleich der Darstellbarkeit entzieht; Materialität und Medialität der sogenannten Quellen sollen in Beschäftigung mit der Gegenwart zum Verschwinden gebracht werden [86]; Material macht etwas mit uns, wenn wir etwas mit ihm machen [87]; notwendig ist ein Medienverständnis, das fundamentale Weisen der Welterschließung adressiert; bedeutendstes Medium geschichtswissenschaftlichen Arbeitens ist die Zeit [87 f.].

Die Quellen haben demzufolge also nicht nur eine spezifische Materialität, sondern auch eine Medialität. Sie sind also nicht nur „reine Form“, sondern auch Medium. Landwehr unterscheidet im Hinblick auf die Quellen also weder systematisch zwischen Medium und Form noch zwischen Medium und Material. Natürlich sind die Quellen des Historikers in erster Linie Medien, denn sie vermitteln ihm Informationen, sei es mittels Schrift, künstlerischer Gestaltung oder natürlicher Artefakte, sei es mittels technischer Verfahren wie dem Buchdruck. Die Quelle des Historikers ist ein Informationsträger, der eine Vielzahl von Formen annehmen kann. Und ihre vielbeschworene Materialität? Zweifellos waren materielle Gegebenheiten für vergangene Gesellschaften zentral; für die Gegenwartskultur gilt dies ja ebenfalls. Dies heißt aber noch lange nicht, dass gerade die Quellen, die der Historiker benutzt, für ihn eine ähnliche Materialität besitzen wie beispielsweise die Wassermühle für die frühmittelalterliche Gesellschaft, die Marc Bloch (1977) so meisterhaft analysiert hat. Landwehr verwechselt die Materialität der Referenzobjekte der Quellen mit der Materialität der Quellen! Wenn man beim Schreiben von Geschichte den Aspekt der Materialität berücksichtigen will, so sind Computer, Mikroprozessoren, Scanner, Kopiergeräte, Stifte, Papier, Schreibtische und Bibliotheken weit wichtiger. Überhaupt unterschätzt Landwehr die Materialität der Orte, an denen der Historiker arbeitet und schreibt. Einer dieser Orte ist das Archiv.

Archiv [176-189]

– dass und wie ein Ereignis zum Ereignis wird, hat wesentlich mit seinen Überlieferungsformen zu tun [176]; Geschehen, dem es nicht gelingt, sich in den medialen Kreislauf einzuschalten, hat nicht stattgefunden; Übermacht des Nicht-Vorhandenen und Nicht-Überlieferten lässt sich nur sehr euphemistisch als „Überlieferungslücke“ (Arnold Esch) zu bezeichnen [176 f.]; Beispiel des belgischen Kongo-Archivs, das von König Leopold II. 1908 vernichtet wurde [177]; es ging ihm darum, alle Stimmen zum Kongo systematisch zum Schweigen zu bringen; es entsteht Frage nach Bedeutung des Archivs [177 f.]; Museen, Bibliotheken und Archive als existentiell bedeutsame Einrichtungen, um die Behandlung abwesender Zeiten zu ermöglichen [179]; Deutschland (2013) hat 3.500 Archive, 6.500 Museen und 8.100 Bibliotheken; ihnen wird prinzipiell Wertschätzung entgegengebracht; ähnlich wie die Quelle ist auch das Archiv nur unter gewissen Problemen zu befragen [180]; Archiv = Kirche der Geschichtswissenschaft; Sakralisierung in jeder beliebigen Fernseh-Dokumentation; Autorisierung der Szenen, in denen eine Historikerin im Archiv gezeigt wird; „Die Aura des Archivalischen geht eine unauflösliche Verbindung mit dem Geheimnis, dem Genialischen und dem Altehrwürdigen ein“ [181]; Archiv ist im Gegenteil eine Einrichtung zur Vernichtung von Überbleibseln; Archiv als Bestandteil der Bürokratie ist Machtinstrument; Qualifizierung des historischen Materials als „original“ und „authentisch“ in einem praktischen Leitfaden zur Benutzung von Archiven [181 f.].

– die Hauptaufgabe von Archiven und anderen kulturellen Gedächtnisbunkern besteht darin, dass sie Selektionen zwischen Bewahrenswertem und Verzichtbarem vornehmen [182]; erheblicher Teil des vorhandenen Materials muss Vernichtung anheimgegeben werden; bei archivalischer Arbeit geht dieser Prozess unter dem Stichwort der „Bewertung“ vonstatten; danach erfolgt dann „Kassation“ [183]; die archivwissenschaftliche Behandlung dieser Lückenproduktion ist mehr als lückenhaft; all diejenigen Handlungen, Geschehnisse, Abläufe und Vorgänge, die es nicht durch das dünne Nadelöhr der Bewertung schaffen, werden aller Voraussicht nach nicht den Status des Futur II erlangen; Archiv aktiv an der Ermöglichung und Verunmöglichung von Chronoferenzen beteiligt [184]; ist Selektions-, Kategorisierungs-, Vernichtungs-, Macht- und Zeitmaschine [184 f.]; Archiv konstituiert Gegenwart und das gegenwärtig verfügbare Historische; was in Geschichtsschreibung sichtbar wird, ist nicht die Geschichte, sondern das Kollektiv aus Personen, Gebäuden, Methoden etc., die uns zur Verfügung stehen [186]; indem das Kollektiv seine Aufgaben erfolgreich erledig, macht es gleichzeitig die Voraussetzungen des historischen Wissens unsichtbar; Archiv hat spezifische Produktivität [187]; Jorge Luis Borges und Vielfalt der totalen Erinnerung [187 f.]; Internet als schreibbare Möglichkeit totaler Archivierung [188]; Trugschluss wegen wirtschaftlicher Interessen von Medienkonzernen.

Das Archiv, die Kirche der Geschichtswissenschaft. Warum hat es plötzlich keine Materialität, wenn von ihm eine „Aura“ ausgeht, die einem Arkanum gleichkommt? Weshalb erscheint es bei Landwehr als eine Art Maschine, die durch einen Input (Quellen) und einen doppelten Output (Aufbewahrung und Kassation) gekennzeichnet ist? Wie das mit den Kirchen heute so ist, der Gottesdienstbesuch ist stark rückläufig, und viele Historiker nehmen die Krux des Archivbesuchs auch nicht mehr so freudig auf sich. Welcher Anteil der geschichtswissenschaftlichen Produktion beruht heute eigentlich noch auf dem Archiv? Ist es heute noch gerechtfertigt, das Archiv derartig ins Zentrum der Produktion des Historischen zu rücken? Hätte Landwehr nicht die bedeutendste Quellenform, die das Archiv aufbewahrt, nämlich die Akte (Vismann 2001: 15-29), behandeln müssen? Weshalb unterlässt er das? An dieser Stelle rächt sich die fehlende Konzeptualisierung des Formbegriffs beziehungsweise die fehlende Unterscheidung der verschiedenen Formen, die Quellen annehmen können (bei Landwehr sind es ja unendlich viele). Stattdessen hypostasiert er das (staatliche) Archiv, verstanden als mit Steuergeldern finanzierte Institution zur Vernichtung (Kassation) und Aufbewahrung öffentlicher Dokumente.

Insgesamt vermag Landwehrs Versuch, den Begriff „Quelle“ durch den Begriff „Material“ zu ersetzen, nicht zu überzeugen. Ziel dieses semantischen Tricks war es ja, die Quellen (oder das Material) des Historikers nicht länger gegenständlich, sondern als eine Differenz zu bestimmen, als etwas, das für einen Historiker einen Unterschied macht. Allerdings bietet Landwehr in seiner Interpretation gar keine spezifische Differenz an. Weder die Differenz zwischen Medium und Form noch die Differenz zwischen dem Historiker und den Quellen werden von ihm irgendwie auf den Begriff gebracht, geschweige denn: für seine Zwecke operationalisiert. Welche Funktion die Quellen für die Produktion des Historischen spielen, bleibt unklar. Leerformeln wie jene, man müsse die Materialität des Materials berücksichtigen und eine dezidierte Oberflächenanalyse betreiben, helfen nicht weiter. Wie die Quellen eine Wahrheits- und Wirklichkeitsfunktion des Historischen verbürgen (Landwehr 2016: 64), kann ohne eine Berücksichtigung des disziplinären Feldes der Geschichtswissenschaft nicht geklärt werden. Sicherlich haben die Quellen, wie es Reinhart Koselleck (1989: 206) seinerzeit so brillant formuliert hat, ein Vetorecht, soll heißen: sie sagen, was man nicht tun darf (Landwehr 2016: 50). Dies ist jedoch nicht ihre einzige Funktion. Darüber hinaus konstituieren sie eine Einklammerung (epoché) der Möglichkeiten, überhaupt Geschichte zu schreiben. Ohne Quellen keine geschriebene Geschichte.

Referenzen

Bloch, Marc: Antritt und Siegeszug der Wassermühle, in: Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, hg. v. Claudia Honegger, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1977, S. 171-197

Kampe, Norbert/Klein, Peter (Hg.): Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. Dokumente, Forschungsstand, Kontroversen, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2013

Koselleck, Reinhart: Standortbindung und Zeitlichkeit. Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt, in: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1989, S. 176-207 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 1979]

Ladurie, Emmanuel Le Roy: Die Geschichte von Sonnenschein und Regenwetter, in: Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, hg. v. Claudia Honegger, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1977, S. 220-246

Landwehr, Achim: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2016

Pauly, Ferdinand (Bearb.): Das Erzbistum Trier 3. Das Stift St. Kastor in Karden an der Mosel, Walter de Gruyter: Berlin/New York 1986

Rusch, Gebhard: Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte. Von einem konstruktivistischen Standpunkt, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1987

Samida, Stefanie/Eggert, Manfred K. H./Hahn, Hans Peter (Hg.): Handbuch materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen, Metzler: Stuttgart 2014

Vismann, Cornelia: Akten, Medientechnik und Recht, 2. Aufl., Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2001 [ursprgl. erschienen: 2000]