Landwehr, drittes Geschoss

von arminnolzen

Auf ins nächste Geschoss

Welches, oh Wunder! nie fertiggestellt

Nur über die Treppe erreicht werden kann

Hier lagern Irrtümer, die gehören der Firma

Damit kacheln sie die Böden

An die darf keiner ran

 

Die fehlende Unterscheidung zwischen Medium und Form bei den Quellen des Historikers, die wenig weiterführende Überbetonung ihrer Materialität und die zu kurz gegriffene Technisierung des Archivs als eine Maschine, die qua Aufbewahrung und Kassation zwischen Erinnern und Vergessen diskriminiert, haben Landwehrs (mehr oder minder explizites) Ansinnen, ein neues Verständnis vom Historischen als einem gegenwärtigen Produkt der Geschichtswissenschaft zu etablieren, zweifellos etwas zurückgeworfen. Wenn es nicht gelingt, das zentrale Medium des Historikers – die Quellen – als Differenz zu konstituieren und in eine Paradoxie zu übersetzen, die sich mittels spezifischer historiografischer Operationen entfalten lässt, wie soll dann ein nicht ontologisches, nicht essentialistisches Verständnis des Historischen überhaupt möglich sein? Mit der Hypostasierung der Materialität der Quellen treten ja Essenzen, Substanzen, wenn nicht gar die gesamte alteuropäische Ontologie wieder durch die Hintertür in die Arbeit des Historikers ein, bevölkern die geschriebene Geschichte durch Relevanz- und Determinationsunterstellungen, die Landwehr doch eigentlich verabschieden wollte. Aber vielleicht bieten ja seine Ausführungen zu den Relationen, die im Mittelpunkt des Historischen stehen sollen, eine Lösung des Problems.

Relation [118-148]

– traditionelle Philosophie erweist sich als beständiger Fluchtversuch vor Historischem (Richard Rorty) [118]; enge Verzahnung von Sprache und Welt [118 f.]; Frage, ob man damit nicht einem Antirealismus das Wort redet, der die Welt ausschließlich als sprachliche Fiktion begreift [119]; Realität gibt es nur, insofern wir sie für uns verwirklichen [120]; kausale Zwänge, die zwischen Merkmalen der Umwelt und dem Fürwahrhalten von Sätzen bestehen; George H. Meads These, dass Vergangenheiten, in die wir involviert sind, zugleich unwiderruflich und widerrufbar sind; Vergangenheit gibt es für uns immer in genau dem Sinne, wie es unsere Problemstellungen gibt; was wir in der Vergangenheit suchen, ist nicht die Vergangenheit „an sich“, sondern Relationen, die sich zwischen der Gegenwart und einer Vergangenheit ergeben, und die konditionierenden Bedingungen, die wir zwischen einer bestimmten Gegenwart und auch bestimmten Aspekten der Vergangenheit ausmachen [121 f.]; Mead = „Die Neuartigkeit jeder Zukunft erfordert eine neue Vergangenheit“ [122]; Reisen von Christopher Kolumbus [122 ff.]; stehen stellvertretend für ein neuzeitliches, westlich-europäisches Zeitverständnis, das in der Rede von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ seinen Ausdruck gefunden hat [124]; dieses Zeit- und Geschichtsmodell ist linear, teleologisch und eurozentrisch; jene Praxis des Reisens durch den Raum als gleichzeitiges Reisen durch die Zeit kann heute nicht mehr als Vorbild dienen [125].

– Dichotomie von Gegenwart und Vergangenheit ist nur ein Beispiel für dualistisches Prinzip, das tief in Grundlagen europäischer Kultur und westlichen Denkens eingelassen ist [127]; Josef Mitterers Entwurf eines nicht-dualisierenden Redens und Argumentierens, der für die Geschichtsschreibung nutzbar ist; mit ihm kann man lernen, Dichotomien als Problem zu behandeln; Mitterer zufolge steht zwar in Frage, wie die Beziehung zwischen Sprache und Realität verstehen ist, nicht aber, dass es eine Unterscheidung zwischen Sprache und Realität gibt [128]; die dualistische Weltauffassung ist tief in unserer Grammatik implantiert; es ist immer ein Subjekt, das über ein Objekt sprechen muss; mit jeder Feststellung einer Wahrheit ist immer auch eine Erziehung zur Wahrheit impliziert = Wahrheit des Erziehers; erstrebt wird Monismus in der Argumentation; das bekannteste Beispiel des Subjekt-Objekt-Gegensatzes ist der oftmals gewählte Verweis auf den Schreibtisch, an dem diese dualistischen Konzepte entstanden sind; mit einem Faustschlag darauf lässt sich belegen, dass er als solcher existiert; Vorschlag Mitterers = Objekt einer Beschreibung und Beschreibung eines Objektes sind nicht mehr grundverschieden, sondern eine Einheit [129]; Objekt ist dann nicht mehr sprach- und bedeutungsverschieden, sondern Teil der Beschreibung, die bereits ausgeführt worden ist; Objekt zu beschreiben bedeutet also, die bereits ausgeführte Beschreibung des Objekts fortzusetzen; jede Beschreibung eines Objekts bedeutet Veränderung des Objekts der Beschreibung.

– Wirklichkeit ist der letzte Stand der Dinge [131]; „Wirklichkeit ist der gegenwärtig erreichte Stand der Diskurspositionen und der aktuellen Beschreibungen, die noch nicht verändert werden können“; wir sind immer schon in Beschreibungen verstrickt; Zusammenhang zwischen Objekt und Beschreibungen; Geschichte hat es also mit Beschreibungen zu tun, die in jeweiligen Gegenwarten fortgeschrieben und verändert werden [132]; daher ist Material, nicht vergangenes Geschehen, Ausgangsbasis für historiografische Beschreibungen [133]; mit Mitterer kann man zu historischer Behandlung von Wirklichkeit gelangen, die Unterschiedliches in sich vereint = 1) die Arten und Weisen, wie Kollektive in der Vergangenheit ihre Wirklichkeit beschrieben haben; 2) man muss den ständig veränderten Beschreibungen und damit einhergehenden Transformationen der Wirklichkeit nachgehen; 3) Nachweis des infiniten Regresses, wonach Beschreibungen stets auf frühere Beschreibungen zurückgreifen, aber niemals zum Objekt selbst kommen; 4) derartige Geschichte der Wirklichkeiten müsste immer auch selbstreflexiv sein und der Frage nachgehen, wieso wir solche Geschichten schreiben und Vergangenheiten genauso beschreiben, wie wir sie beschreiben [134]; interessant ist, wie wir Wirklichkeit haben; Debatte um Fakten und Fiktionen, Wahrheit und Erfindung und Realismus und Konstruktivismus müssen vor allen Dingen deshalb Probleme bereiten, weil sie einem dualistischen Denken verhaftet sind.

– Frage, wie man sich des eigenen Unmuts erwehren soll, wenn regelmäßig Unmöglichkeiten des historischen Geschäfts ausgeflaggt werden und die Alternativen gleichzeitig über Andeutungen nicht hinauskommen? [141]; in welcher Form können wir dann überhaupt noch Geschichte haben oder Geschichte machen?; hat bisher lediglich den Gedanken zurückgewiesen, dass es in der Komplexität von Handlungen, Ereignissen und Strukturen eine Form geben müsse, die dem Ganzen einen Sinn verleihen könnte; wenn aber kein vorgegebener innerer Zusammenhang des Historischen existiert, dann müssen uns die Arten und Weisen beschäftigen, wie diesem Chaos ein wie auch immer gearteter Sinn abgetrotzt wird; Selbstwiderspruch, „die“ Geschichte als eine Veränderung zu konzipieren, die selbst unveränderlich sein soll; wenn man Diskontinuierliches betont, liegt genau darin wieder ein Moment der Kontinuität [142]; Hoffnung, im Historischen vom Inhalt zur Form wechseln zu können; es geht darum, Relationen über die Zeiten hinweg zu etablieren, die überhaupt erst dazu in der Lage sind, Inhalte zu konstituieren; das Historische ist keine unabhängige Dimension an sich, „sondern die Form der Relationierung von anwesenden auf abwesende Zeiten“; Analyse, in welchen zeitlichen Zusammenhängen Kollektive sich je selbst beschreiben; Fähigkeit einer Gegenwart, Beziehungen zu abwesenden Zeiten zu etablieren und darin irgendeinen Sinn ausfindig zu machen, ist echte Kunst [142 f.].

Das Historische entsteht aus einer spezifischen Relationierung von anwesenden und abwesenden Zeiten, und als solches ist es eine Form. Landwehr parallelisiert das alteuropäische Zeitmodell, das er als linear, teleologisch und eurozentrisch bezeichnet, mit dem heute vorherrschenden Geschichtsmodell und plädiert dafür, beide zu verabschieden. Darüber hinaus negiert er die „dualistische Weltauffassung“, wie sie sich etwa im Subjekt-Objekt-Gegensatz manifestiert, der auch für die Geschichtswissenschaften noch konstitutiv sei. In Anschluss an die Philosophie Josef Mitterers (1992, 2001) fordert Landwehr eine nicht-dualisierende Schreibweise des Historikers, und als Schlüssel dazu sieht er die Methode des Relationierens. Was aber heißt das genau? Wie etabliert der Historiker Relationen? Zwischen welchen Gegenständen, Objekten, Artefakten, Quellen, Aktanten oder Zeiten? Aus welcher Perspektive? Folgt man Mitterer, so geht es um sprachliche Beschreibungen von Objekten, mit denen sich das beschriebene Objekt selbst ändert; eine Arbeit, die sich immer als infiniter Regress vollzieht. Landwehrs Vorschlag scheint hier also in einer Relationierung zwischen Beschreibungen zu liegen.

Wie gestaltet sich das in der Praxis des Historikers? Stellen wir uns vor, wir wollten eine Biografie Adolf Hitlers schreiben (Longerich 2015). Wie müsste diese aussehen, folgte man Landwehrs und Mitterers Vorstellungen? Man begänne mit einer Analyse des Sachverhaltes, wie die Zeitgenossen Hitler sprachlich beschrieben haben (Punkt 1), Im nächsten Schritt arbeitete man die Veränderungen in diesen Beschreibungen chronologisch heraus (Punkt 2). Schließlich wiese man unter Punkt 3) ihren infiniten Regress auf, vielleicht unter Zuhilfenahme von Julia Kristevas (1969) Hypothese von der Intertextualität alles Geschriebenen. In Punkt 4 schließlich setzte man sich mit der Frage auseinander, warum man sich in der aktuellen Gegenwart mit Hitler befasst. Es handelt sich also hierbei, um an dieser Stelle einen Begriff aus der soziologischen Systemtheorie einzuführen (Kieserling 2004), um Fremdbeschreibungen, also Beschreibungen eines Subjekts, die nicht von ihm selbst stammen. Eine geschichtswissenschaftliche Biografie besteht aber aus größtenteils aus Selbstbeschreibungen, also im weitesten Sinne aus denjenigen Quellen, die das porträtierte Ich selbst produziert hat, also Briefe, Reden, Tagebucheinträge etc. (als Ausnahme, die auch Landwehr 2016: 234, bekannt ist, siehe Corbin 1999). Wie man dies mit Mitterers Philosophie in Verbindung bringen kann, bleibt vergleichsweise unklar.

Überdies scheint es schwierig zu sein, Mitterers Non-Dualismus und die Relationierung von anwendenden und abwesenden Zeiten, um die es Landwehr ja eigentlich geht, miteinander zu korrelieren. Das Problem besteht nicht nur darin, dass die Rede von An- und Abwesenheit exakt jenes dualistische Prinzip widerspiegelt, das Mitterer überwinden will. Das Problem besteht auch darin, dass der Historiker mit irgendeiner Beschreibung beginnen und einen Anfang setzen muss. An diesen Anfang, der ja auch und gerade ein fester Zeitpunkt ist, lagern sich dann alle weiteren Relationierungen an, ähnlich wie Eisenspäne sich immer in Richtung eines Magneten bewegen werden. Im Beispielfall einer Hitler-Biografie gäbe es so etwas wie eine „erste Beschreibung“, einen Ursprung, von dem der infinite Regress dann ausgeht. Dieser Ursprung, der sich aus dem unvermeidlichen Setzen eines Anfangs ergibt, dirigierte dann alle weiteren Rekursionen. Aber lesen wir das Kapitel „Chronoferenz“, in dem sich Landwehr ausführlich mit der Problematik der Relationierung von anwesenden und abwesenden Zeiten beschäftigt:

Chronoferenz [149-165]

– Kolumbus sah sich selbst in göttlicher Mission unterwegs [149]; historisches Denken ist, sich der fundamentalen Unterschiede zwischen den Zeiten und ihrer jeweiligen Eigenheiten bewusst zu sein, um sie angemessen zu thematisieren [150]; stattdessen verknüpfen wir immer noch die Zeiten miteinander; wir versuchen ständig, unterschiedliche historische Zeiten miteinander in Kontakt zu bringen und sind stets dabei, Chronoferenzen zu errichten; Begriff „Chronoferenz“ meint eine Untergattung von Relationierungen, d.h. Errichten von Bezügen zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten; zeichnet menschliche Lebewesen im Besonderen aus; diese abwesenden Zeiten können sowohl in der Vergangenheit wie in der Zukunft liegen [150 f.]; zentraler Aspekt der Chronoferenz ist der, dass Relationierungen zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten etabliert werden [151]; damit soll eingeübter Dualismus zwischen Gegenwart und Vergangenheit beziehungsweise Gegenwart und Zukunft unterlaufen werden zugunsten der Einsicht, dass sich Vergangenheit und Zukunft gegenwärtiger Beschreibung nicht mehr von dieser ablösen lassen; es ist von besonderem Interesse, was sich zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten befindet; Abschied von den Grundlagen einer konventionellen Geschichtsschreibung, die es immer noch zu einer ihrer (meist unhinterfragten) Voraussetzungen macht, eine im Prinzip tote und deshalb auch unveränderliche Vergangenheit zu untersuchen [152].

– stattdessen ist Praxis des Bezugnehmens auf abwesende Zeiten als unabschließbarer Vorgang zu verstehen, der niemals sein Ziel namens Vergangenheit erreicht; „Chronofärenz“ (in Anlehnung an Jacques Derrida) als beständige Aufschiebung des Gegenstands und des Sinns historischer Beschreibungen; jede Beschreibung einer abwenden Zeit schließt an vorhergende Beschreibung an; Anerkennen, dass wir selbst an der Relationierung zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten aktiv beteiligt sind [153]; gegenwärtige Beschreibungen einer abwesenden Zeit beziehen sich immer auf vorhergehende Beschreibungen; damit rückt wieder Bedeutung des Materials in den Mittelpunkt; dass bestimmtes Ereignis stattgefunden hat, muss kaum bezweifelt werden, wie es stattgefunden hat, können wir immer nur in neuen Beschreibungen erarbeiten; dabei ist Material nicht nur Informationsträger, sondern es ist aktiv an den Relationierungen zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten beteiligt [154]; Chronoferenzen sind potentiell unendlich kombinierbar, faktisch kann sich nur überschaubare Zahl solcher Relationierungen durchsetzen; wer das kann und wie das bewerkstelligt wird, ist Frage der Macht; welche Personen oder Gruppen sind dazu in der Lage, bestimmte Relationierungen zu erstellen und als selbstverständlich zu etablieren?; jene Geschichten am erfolgreichsten, die sich gegen möglichen Einsprüche abdichten und durch allgemein anerkannte Erzählmuster plausibel erscheinen [155].

– besonders machtvoll-diskursive Chronoferenz ist jene, die auf lineare Entwicklungen zielt und Kausalität plausibel zu machen versucht, die sich allein schon durch temporales Nacheinander ergibt; gilt auch für zukünftige Zeiten = Prognosen, Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Horoskope, Hoffnungen und Erwartungen; durch Betonung von Chronoferenzen kann das Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft verändert werden, denn sie würde zur Gleichzeitigkeitswissenschaft oder Zeitwissenschaft [155 f.]; Gegenwart ist kein singulärer Trichter, in den sämtliche zeitliche Relationierungen einlaufen [156]; ist durch vielfältiges (aber nicht beliebiges) Nebeneinander von Möglichkeiten zur Relationierung gekennzeichnet = Pluritemporalität; diese Bedeutung von Relationierungen zu unterstreichen heißt, etabliertes historisches Narrativ aufzubrechen [156 f.]; Chronoferenzen thematisieren heißt, die klassische historische Kausalität hinter sich zu lassen; Gegenwarten zeichnen sich dadurch aus, sowohl Differenzen als auch Referenzen zu abwesenden Zeiten zu organisieren; Chronoferenzen können sehr verschiedene Formen annehmen; einfachste Form = Verknüpfung einer Gegenwart mit einer Vergangenheit [160]; Beispiel Niels Bohr und Werner Heisenberg [161 f.]; man kann diese Relationierungen endlos weiterführen [163]; Tod als Ende der Chronoferenz [165].

Wie sähe eine historische Arbeit aus, wenn ihr Verfasser sich an Landwehrs Vorschläge hielte, die verschiedenen Zeiten miteinander in Verbindung zu bringen? Gesetzt den Fall, ich schriebe heute, am 22. April 2017, um 19.06 Uhr, an einem Kapitel eines Buches, das ich „Geschichte der NSDAP“ nenne. Aktuell geht es mir um das Verhältnis zwischen NSDAP und Reichwehr nach 1933, und ich stelle mir die Frage, welche Rolle die Reichswehr eigentlich bei der Ausschaltung der SA-Führung um Ernst Röhm am 30. Juni 1934 spielte. Dazu habe ich einige Quellen, aber auch Sekundärliteratur (etwa Bracher/Sauer/Schulz 1962; Fallois 1994) gelesen. Welche Zeiten relationiere ich? Zunächst natürlich, um es nicht zu verkomplizieren, den 22. April 2017 mit dem 30. Juni 1934, also den Zeitpunkt, an dem ich schreibe, mit dem Zeitpunkt, über den ich schreibe, also eine Gegenwart mit einer Vergangenheit. Wie aber erlebe ich das, was Gegenwart heißt, als schreibender Historiker? Als einen Zeitpunkt der, wie die neuere Hirnforschung nachgewiesen hat, immer schon vorbei ist, als einen Lidaufschlag, das Tippen eines „e“ auf meiner Tastatur. Die Gegenwart ist also immer nur ein bloßer Augenblick.

Landwehr (2016: 168) weiß das genau, zieht daraus aber nicht die notwendigen Konsequenzen. Er müsste den Begriff „Gegenwart“ entweder vollkommen aufgeben oder ihn für seine Forderung nach der Etablierung von Chronoferenzen in drei Sekunden lange Abschnitte einteilen. Denn der Historiker ändert sich im Verlauf dieser drei Sekunden, weil er nicht, um es mit einem berühmten Bonmot von Herodot auszudrücken, zweimal in denselben Fluss steigen kann. Das Historiker-Ich ist, wie Siegfried Kracauer einmal formulierte (2009: 119), dynamisch. Dies ist besonders dann zu beachten, wenn ein Historiker lange Zeit an einem Thema arbeitet. Meine eigene Deutung des Verhältnisses zwischen SA und Reichswehr war vor Jahren, als ich mit dem Thema „NSDAP“ begonnen habe, noch eine andere, diametral entgegengesetzte. Wenn Landwehr von „Gegenwart“ spricht, die es zur „Vergangenheit“ zu relationieren gelte, geht es auf der einen Seite immer um eine prinzipiell unendliche Reihe von elementaren Drei-Sekunden-Ereignissen. Dasselbe betrifft auch die andere Seite, die Vergangenheit. Eine Relationierung nur mit dem 30. Juni 1934 wäre, um auf das obige Beispiel zurückzukommen, ebenso unterkomplex. Sie müsste zusätzlich noch jene Zeitpunkte umfassen, zu denen der 30. Juni 1934 bislang immer beschrieben wurde. Hinzu kämen noch die zeitlichen Indices der Quellen, die der Historiker benutzt. Eine Aufzeichnung von Generalmajor Curt Liebmann zur Rolle der SA beim „Landesschutz“ vom 1. Juni 1933 wird dabei ebenso von Bedeutung sein wie ein Artikel Röhms aus der Zeitschrift „Der SA-Mann“ vom 16. Dezember 1933. Immerhin sind das Quellen- und das Literaturdossier eines Historikers begrenzt, so dass sich die chronoferenziellen Bezüge nicht im Unendlichen verlaufen dürften.

Allerdings bringt Landwehr (2016: 161 f.) selbst noch ein Beispiel, mit dem er die möglichen chronoferenziellen Relationierungen weiter ausdehnt: ein Treffen zwischen den beiden Physikern Werner Heisenberg und Niels Bohr in Kopenhagen im September 1941. Seine Ausführungen verdienen es hier, in voller Länge zitiert zu werden: „Im September 1941 besuchte Werner Heisenberg seinen Freund Niels Bohr in Kopenhagen. Beide hatten lange gemeinsam an quantentheoretischen Problemen gearbeitet. Nun aber kam Heisenberg als Vertreter der nationalsozialistischen Besatzungsmacht zu Bohr, um mit ihm unter anderem über die – auch militärischen – Möglichkeiten der Kernenergie zu sprechen. Bei einem Vier-Augen-Gespräch muss es zu erheblichen Verstimmungen und/oder Missverständnissen zwischen den beiden gekommen sein. Und seither rätselt die (Wissenschafts-)Welt, was genau bei diesem Gespräch vor sich ging. Wollte Heisenberg Bohr für ein deutsches Atombombenprojekt anheuern? Oder wollte er ihn im Gegenteil über die deutschen Bemühungen informieren und damit die Alliierten warnen? […] Ohne jemals herausfinden zu können, was ,wirklich‘ geschehen ist […], eröffnet dieses Ereignis ein sehr weitreichend erscheinendes, letztlich aber nicht außergewöhnliches Netz an Chronoferenzen. Es lässt sich nämlich relationieren mit der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik von Bohr und Heisenberg aus dem Jahr 1927, mit dem Schauspiel ,Copenhagen‘ des britischen Dramatikers Michael Frayn aus dem Jahr 1998 (welches das Treffen von Bohr und Heisenberg 1941 zum Inhalt hat), mit den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki 1945, die wiederum mit Karen Barads Versuchen verschränkt sind, Quantenmechanik mit feministischer Theorie und Philosophie zu verbinden, wofür Derridas Buch über ,Marx‘ Gespenster‘ eine wesentliche Rolle spielt, für das seinerseits Shakespeares ,Hamlet‘ aus dem Jahr 1603 ebenso bedeutsam ist wie das ,Kommunistische Manifest‘ aus dem Jahr 1848, womit sich das ,Ende der Geschichte‘ im Kommunismus (oder durch die Atombombe) ebenso wieder aufrufen lässt, wie in Isaac Newtons apokalyptischer Berechnung des Weltendes auf das Jahr 2060, wodurch wir wieder den Weg zurückfinden können ins 17. Jahrhundert und zu Newtons klassischer Physik … ad infinitum“.

Landwehr beschränkt sich demnach nicht nur darauf, alle nur erdenklichen Beschreibungen des Treffens Heisenberg-Bohr im September 1941 zu relationieren. Stattdessen bringt er hier weitere Relationen ins Spiel, die sich jedoch auf einer anderen Analyseebene bewegen. Dabei geht es um Relationen zwischen Quantenmechanik und feministischer Theorie, wie sie die amerikanische Physikerin Karen Bared (2012) im Rahmen ihres „agentiellen Realismus“ vorschlägt. Letztlich etabliert Landwehr hier Relationen von Relationen, die im Prinzip unendlich sind. Was hat denn Newtons apokalyptische Berechnung des Weltendes mit dem Treffen Bohr-Heisenberg zu tun, um dessen Erklärung es eigentlich geht? Wenn ich mich als Historiker für die Geschichte der Atombombe interessiere, hilft mir eine Interpretation von Shakespeares „Hamlet“ wenig weiter. Landwehrs Postulate erinnern an Jorge Luis Borges‘ Erzählanfang aus „Der gräßliche Erlöser Lazarus Morell“ aus dem Jahr 1935, den er „Die entlegene Ursache“ betitelt hat (Borges 1991: 17-26, hier 17). Dort wird alles Spätere mit einem Initialereignis in Verbindung gebracht: dem Vorschlag des Dominikaners Bartolomé de Las Casas, afrikanische Sklaven auf den Plantagen Spanisch-Amerikas einzusetzen, um die einheimischen Indios von der schweren Fronarbeit zu entlasten. Bei Borges wie bei Landwehr führt das unendliche Relationieren zu einer unendlichen Ausdehnung von Verknüpfungen, bis alles mit allem zusammenhängt. Eben ad infinitum.

Mit der Unendlichkeit hat ein Historiker aber stets Probleme, da er erstens immer eine Auswahl (aus Quellen und Sekundärliteratur, oder mit Landwehr: aus den Beschreibungen) treffen muss und zweitens ihm nur eine begrenzte Seitenzahl zur Verfügung steht, um seine Überlegungen und Erörterungen vorzubringen (es handelt sich bei seinem Werk nicht um die Bibliothek von Babel). Das Problem liegt im Begriff „Relationierung“, das bei Landwehr als einer Art von mana-Wort fungiert, also als ein Wort, dessen fast schon sakrale Bedeutung die Illusion vermittelt, dass man damit auf alles antworten kann (Barthes 2010: 152). Dieser Signifikant, der den Platz eines jeden Signifikats besetzt, ist „Relation“, und damit einer der komplexesten Begriffe, den die moderne Mathematik seit Gottfried Wilhelm Leibniz anzubieten hat. Landwehr benutzt den Begriff umgangssprachlich, bei ihm steht etwas mit etwas anderem in Beziehung oder muss damit in Beziehung gebracht werden. Wie das geschieht, bleibt jedoch unklar. Fest steht nur, dass es sich beim Relationieren um eine rekursive Operation des Historikers handelt, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und daraus entsteht dann eine Form, nämlich das Historische.

Wie könnte man Landwehrs Forderung nach Relationierung und pluritemporaler Ausdehnung der Chronoferenzen konkretisieren, sie quasi in die Operationen des Historikers übersetzen? Es ist ja nicht zu übersehen, dass Landwehr exakt das beschreibt, was der Historiker tut, wenn er forscht und Geschichte schreibt. Er bringt in der Tat Objekte und Zeiten in Verbindung, allerdings unter zwei Einschränkungen: erstens verdeckt er diese Tätigkeit, indem er einen Bericht in der Form eines Textes verfasst, der alle Spuren tilgt und in einem kontinuierlichen Fluss des Geschriebenen auflöst (auf das Problem der „Erzählung“, das Landwehr nicht behandelt, wird zurückzukommen sein). Zum anderen gibt er meist einer einzigen chronoferenziellen Bezugnahme den Vorzug: der linearen Relationierung von Gegenwart und Vergangenheit im Medium der Kausalität (die ja auch eine zeitliche Kategorie ist, denn Ursache und Wirkung sind immer durch die Differenz von vorher/nachher codiert). Beides will Landwehr dem Historiker austreiben, und zwar zu Recht. Vielleicht wäre es zielführender gewesen, hier nicht gleich mit dem Holzhammer unendlicher Rekursionen und infiniter Regresse zu argumentieren, sondern einen anderen, eher am Rande erwähnten Gedanken auszuarbeiten: die Frage, warum Linearität und Kausalität innerhalb der Disziplin so mächtig sind. Dann wären die innerdisziplinären Mechanismen der Produktion und Reproduktion von Wissen in den Blick geraten, dessen Anerkennung (als Erlangen akademischer Grade und anderer Abschlüsse) eine spezifische Form der Geschichte eben zwingend voraussetzt.

Vielleicht kann man jenes unendliche Spiel der Relationierungen, wie Landwehr es postuliert, durch einige Beschränkungen entschärfen. Die erste ergibt sich aus der Problemorientierung historischen Arbeitens. Welche Relationierungen möglich sind, entscheidet das selbstgestellte Problem, das Erkenntnisinteresse des Historikers. „Hamlet“ hat nichts mit der Atombombe zu tun, die Heisenbergsche Unschärferelation aber sehr wohl. Die zweite Beschränkung möglicher Relationierungen resultiert aus der Materialgebundenheit des Historischen. Die Chronoferenzen müssen sich immer auf die vom Historiker benutzten Quellen und Literatur beziehen. Insofern ist es wichtig, dass er den Korpus seiner Materialien genau beschreibt und deren Möglichkeiten und Grenzen auslotet. Die dritte Beschränkung dient dazu, den Historiker vom Joch der disziplinären Zwänge zu befreien. Er sollte seinen geschriebenen Text so subjektiv wie möglich gestalten, etwa ein Forschungstagebuch führen und es seinen Lesern (im Internet oder auch in gedruckter Form) zugänglich machen. Ein Beispiel bietet Benoît Peeters‘ Biografie des französischen Philosophen Jacques Derrida, deren selbstreflexiver Teil jedoch nicht ins Deutsche übersetzt wurde (Peeters 2010, 2014). Diese mitlaufende Selbstreflexion des Historikers wird sich insbesondere darauf beziehen müssen, wie dessen jeweilige Erlebnisgegenwart den geschriebenen Text konditioniert. Damit ist das Drei-Sekunden-Problem natürlich nicht gelöst. Aber damit könnte die Bedeutung der Erlebnisgegenwart des Historikers analytisch eingefangen werden. Sie wäre dann nämlich das, was er als eigene Erlebnisgegenwart beschreibt. Wollte man diese drei Beschränkungen der Relationierung anwesender und abwesender Zeiten positiv formulieren, käme für den Historiker folgender Imperativ in Betracht: „Etabliere Chronoferenzen! Beziehe dich dabei einzig und allein auf dein selbstformuliertes Problem, die von dir benutzten Quellen und die Sekundärliteratur, und reflektiere ohne Unterlass deine eigene Erlebnisgegenwart!“

Referenzen

Barad, Karen: Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken, Suhrkamp: Berlin 2012

Barthes, Roland: Über mich selbst, Matthes & Seitz: Berlin 2010 [ursprgl. erschienen: 1978]

Borges, Jorge Luis: Niedertracht und Ewigkeit. Erzählungen und Essays 1935-1936, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1991

Bracher, Karl Dietrich/Sauer, Wolfgang/Schulz, Gerhard: Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/1934, 2., durchges. Aufl., Westdeutscher Verlag: Köln/Opladen 1962

Corbin, Alain: Auf den Spuren eines Unbekannten. Ein Historiker rekonstruiert ein ganz gewöhnliches Leben, Campus: Frankfurt am Main/New York 1999

Fallois, Immo von: Kalkül und Illusion. Der Machtkampf zwischen Reichswehr und SA während der Röhm-Krise 1934, Duncker & Humblot: Berlin 1994

Kieserling, André: Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung. Beiträge zur Soziologie soziologischen Wissens, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2004

Kracauer, Siegfried: Geschichte – Vor den letzten Dingen, hg. v. Ingrid Belke. Unter Mitarbeit v. Sabine Biebl, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2009

Kristeva, Julia: Séméiôtiké. Recherches pour une sémanalyse, Edition du Seuil, Paris 1969

Landwehr, Achim: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2016

Longerich, Peter: Hitler. Biographie, Siedler Verlag: München 2015

Mitterer, Josef: Das Jenseits der Philosophie. Wider das dualistische Erkenntnisprinzip, Passagen Verlag: Wien 1992

ders.: Die Flucht aus der Beliebigkeit, Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2001

Peeters, Benoît: Trois ans avec Derrida. Les carnets d’un biographe, Flammarion: Paris 2010

ders.: Jacques Derrida. Eine Biographie, Suhrkamp: Berlin 2014