Landwehr, viertes Geschoss

von arminnolzen

Viertes Geschoss:

Hier wohnt der Architekt

er geht auf in seinem Plan

dieses Gebäude steckt voller Ideen

es reicht von Funda- bis Firmament

und vom Fundament bis zur Firma

Das Spiel der Chronoferenzen, verstanden als Relationierung von (unendlich vielen) anwesenden mit (unendlich vielen) abwesenden Zeiten, das Landwehr (2016: 149-165) postuliert, kann zwar durch einige präzise Begrenzungen auf ein für den Historiker handhabbares Maß zurechtgestutzt werden. Die Konditionierung der chronoferenziellen Relationen durch die Orientierung an einem spezifischen Erkenntnisinteresse, das benutzte Dossier aus Quellen und Sekundärliteratur und die permanente Selbstreflexion des Historikers vermögen jedoch nicht über ein weit gravierenderes Problem hinwegzutäuschen: Das Historische befasst sich in der Regel mit einer Entwicklung, die zwischen mindestens zwei Zeitpunkten in der Vergangenheit stattfindet. Dies ist schon aufgrund der schriftlichen Form – es bewegt sich immer zwischen einem Anfang und einem Ende (Baecker 1992) –, unvermeidlich. Wie fixiert man diese Entwicklung, wie kann man ihr einen temporalen Index verleihen, der für die Relationierung anwesender und abwesender Zeiten unabdingbar ist? Die Geschichtswissenschaft benutzt dafür drei Begriffe: „Struktur“, „Prozess“ und „Ereignis“. Den letzten dieser drei Begriffe scheint auch Landwehr in seinem Essay zu privilegieren.

Ereignis [166-175]

– Verspätung gehört zu den wesentlichen Merkmalen historischen Arbeitens [166]; Auftritt der Geschichtsschreibung immer erst dann, wenn alles vorbei ist; holt beschreibend das Vergangene ins Hier und Jetzt; Ereignis kann erst in der nachträglichen Beschreibung zu dem werden, was es gewesen sein soll; Behandlung des historischen Ereignisses als spezieller Fall der anwesenden Abwesenheit [166 f.]; es zeichnet sich durch gegenwärtige Nicht-Gegenwärtigkeit aus [167]; historisches Arbeiten gekennzeichnet durch den Spalt, der sich auftut zwischen einem Ereignis und seiner nachträglichen kognitiven Verarbeitung; dieses Paradox bildet die Grundlage dafür, dass so etwas wie Zeitlichkeit überhaupt erfahren werden kann; Gegenwärtigkeit wird erst durch Bezug auf Nicht-Gegenwärtiges erfahrbar; Jacques Derrida = jedes Sprechen vom Ereignis findet immer erst danach statt; Medium „Schrift“ ist der Inbegriff der Unmöglichkeit, objektive und wirklichkeitsgetreue Darstellung der Vergangenheit zu bewerkstelligen; jede Darstellung der Vergangenheit führt notwendigerweise zu ihrer Ästhetisierung [167 f.]; Vergangenheit hat immer schon begonnen [168]; im Moment der Wahrnehmung ist Wahrgenommenes schon Gewesenes; für das Gehirn dauert Gegenwart kaum länger als drei Sekunden; kulturelle Auffassungen von Zeit, Gegenwart und Vergangenheit basieren auf anderen Größeneinheiten [169].

– Phänomene können recht zügig Gegenwart verlassen, aber auch noch Jahrzehnte gegenwärtig bleiben; Reversibilität als Möglichkeit, die Dinge noch beeinflussen zu können, ist hilfreiches Kriterium, um Gegenwart in einem kulturellen Sinne zu bestimmen; jedes Ereignis büßt durch wiederholende Beschreibungen seinen eigentlichen Charakter der Ereignishaftigkeit ein; in jeder Beschreibung ist eine Erneuerung des Ereignisses bzw. erneutes Ereignis zu erkennen; nachdem man die Vergangenheit beschrieben hat, ist sie eine andere als zuvor; Ereignisse unterliegen auch der Gefahr der Nebensächlichkeit; Frage ist daher nicht nur wann, sondern auch für wen Ereignis stattgefunden hat [170]; die vermeintlich eindeutige Kategorie „Ereignis“ ist schwer zu greifen; Problem besteht darin, immer schon zu wissen, was ein Ereignis ist, ohne die Kategorie selbst zu thematisieren [171]; dieses Problem wurde dadurch zu beheben versucht, dass man das Ereignis in Beziehung zur Struktur setzte; Ereignis wurde oft auch mit dem Außergewöhnlichen, Bedeutsamen und Plötzlichen in Verbindung gebracht [172]; Ereignisse im Alltäglichen spielen sich in anderen Größenordnungen ab als bei historischen Ereignissen [173]; Ereignis ist nicht angemessen durch die Unterscheidung bedeutend/unbedeutend zu fassen, stattdessen temporal-funktionaler Ausweg bei dessen Bestimmung = Frage, welche Positionen es innerhalb eines sich ständig ändernden Geflechts von Chronoferenzen einnimmt; Jean-François Lyotard = Ereignis ist rein Gegenwärtiges und Unbegreifbares [174]; man muss dessen relationalen Charakter ins Zentrum stellen [175].

Landwehr bestimmt das Ereignis relational: es befindet sich im Schnittpunkt der verschiedenen Chronoferenzen, mithin dort, wo das Verhältnis zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten verhandelt wird. Daraus ergeben sich drei miteinander verwobene Grundannahmen. Erstens ist das Ereignis immer beobachterabhängig. Was als Ereignis zu gelten hat, legt der Historiker als derjenige fest, der Chronoferenzen etabliert. Daraus ergibt sich zweitens, dass das Ereignis in der Gegenwart bestimmt wird, es also die Ereignisgegenwart des Historikers als temporalen Index mitführt. Drittens hat es einen spezifischen, fest bestimmbaren Ort innerhalb der Chronoferenzen. Landwehr nennt dies den „Zeitort“, vielleicht wäre die Bezeichnung „Zeitknoten“, die sich an die soziologische Netzwerkanalyse anlehnt (Stegbauer/Häußling 2010), besser gewesen. An diesem Zeitknoten richten sich die Chronoferenzen in gewisser Weise aus. Man kann sich ein Ereignis vielleicht auch als ein Fotogramm im Sinn von Roland Barthes vorstellen, also als das Standbild eines Filmes. Einigen solcher Fotogramme aus Sergei M. Eisensteins dreiteiligem Film „Iwan der Schreckliche“ (fertiggestellt von 1945-1958) hat der französische Semiologe eine beeindruckende Analyse gewidmet (Barthes 2013). Um mit dem Ereignis (dem Fotogramm) arbeiten zu können, muss man die Chronoferenzen (den Film) anhalten. Wenn man sie weiterlaufen lässt, ändern sie sich sofort, und um sie wieder neu bestimmen zu können, muss man sie erneut anhalten.

Was kann ein Historiker mit diesem Ereignisbegriff anfangen? Alles und nichts. Alles, wenn er ein Ereignis festgelegter Dauer, etwa das Treffen zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg vom September 1941 analysiert (Landwehr 2016: 161 f.), nichts, wenn er sich beispielsweise für den Aufstieg der NSDAP zur Massenpartei nach den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 interessiert und die Wahlergebnisse und den Anstieg ihrer Mitgliederzahl miteinander korreliert (Falter 1991, 2016). Im ersten Fall geht es um einen temporalen Knoten, im zweiten Fall gibt es unendlich viele solcher Knoten, die der Historiker auf irgendeine Art und Weise miteinander in Beziehung bringen können muss. Hier macht es sich nachteilig bemerkbar, dass Landwehr den Begriff „Ereignis“ selbst nicht temporalisiert, sondern substanzontologisch ansetzt. Ereignisse haben jedoch ihre je eigene Dauer, und diese kann nur als diachrone Differenz von vorher und nachher sinnvoll konzeptualisiert werden (Luhmann 1984: 390 f.; Schützeichel 2015: 128-132, nennt diesen Ansatz „ereignisontologisch“). Landwehrs „Ereignis“ fehlt es an Eigentemporalität, und damit fehlt auch die zeitliche Dimension der Vergangenheit selbst. Zu betonen ist allerdings, dass er das schwierige Problem des sozialen Wandels in seinem Essay bewusst ausgeklammert hat. Es ist, wie er andernorts gezeigt hat, den Kultur- wie den Geschichtswissenschaften gemein (Landwehr 2015: 289-294). Dennoch hätte eine explizite Thematisierung der Begriffe „Struktur“ und „Prozess“ einige Unklarheiten beseitigt. Dies zeigen auch Landwehrs Ausführungen über die „Beschreibung“ als Tätigkeit des Historikers.

Beschreibung [209-231]

– Beschreibungen = Instrumente für besondere Verwendungen (Ludwig Wittgenstein) [209]; Uwe Johnson und „Das dritte Buch über Achim“ (1961); Buch sollte eigentlich „Beschreibung einer Beschreibung“ heißen; im Roman beschrieben wird Schwierigkeit des Beschreibens; reflektiert darüber, wie sich bestimmte Dinge, Geschehnisse oder Personen sowohl auf die eine wie andere Art beschreiben lassen; Beschreiben als a) Vorgang des Schreibens wie b) allgemeine Form der Erfassung der Welt scheint selbstverständlich zu sein [209 f.]; es muss daher verwundern, dass hier nach dem Beschreiben als konkreter Praxis gefragt wird [210]; Beschreiben wird oftmals in einer doppelten Hinsicht als oberflächlich missverstanden = a) bleibt an der Oberfläche stehen und b) ist eine oberflächliche Praxis; demgegenüber ist festzuhalten, dass durch Beschreibungen zuerst einmal grundlegende Entscheidungen darüber getroffen werden, dass etwas überhaupt vor unsere Augen treten kann; „Zu beschreiben bedeutet, eine Auswahl zu treffen, eine Aufmerksamkeit zu erzeugen, eine Ordnung aufzurufen, eine Wahrnehmung zu lenken und eine (Neu)Betrachtung zu ermöglichen“; Beschreibung bildet Wahrnehmung nicht ab, sondern bringt sie hervor; vielleicht ist es nicht überzogen, Beschreibung als einen quasi magischen Akt zu verstehen; im Prozess der Beschreibung wird das, was nicht sein kann, zur Selbstverständlichkeit und zu etwas, das immer schon alle wussten; Beschreibung führt eine Transsubstantiation durch.

– immer wieder bemühter Gegensatz zwischen Fakten und Fiktionen führt ins Nichts [211]; wird der Komplexität des historischen Tuns nicht gerecht; Leistung historischer Beschreibungen ist in Parallele zur Kartografie zu sehen; Landkarte gelingt es, den Raum zur Anschauung zu bringen, und der Historiographie gelingt es, vergangene Zeiten zu beschreiben; „Schon eine beliebige Sekunde des Weltgeschehens würde alle historischen Darstellungsmöglichkeiten sprengen“; an dieser Stelle lauert Paradox, das die Geschichtsschreibung als Beschreibung prägt; man stelle sich vor, es wäre möglich, einem Geschehen der Vergangenheit bis in die kleinste Kleinigkeit hinein zu folgen (Gerüche, Geräusche und Sinneindrücke) [211 f.]; wäre dies dann perfekte historische Rekonstruktion oder die letzte Steigerungsform der Illusion? [212]; ginge man bei Beschreibung der sogenannten historischen Realität allzu sehr ins Kleine und Nebensächliche, so wäre Effekt mit dem einer surrealen Collage vergleichbar; man kann eine Schwelle der Genauigkeit und der Realitätstreue erreichen, bei der der gewünschte Effekt ins Gegenteil umschlägt; „Ein zu hoher Grad an Kohärenz in historischen (oder sonstigen) Beschreibungen muss unglaubwürdig wirken“; allzu viel historische Realität schadet dem Realitätseffekt der Historie; wir sind von einer Transformation abhängig, bei der bereits bestehende Beschreibungen von vergangenen Wirklichkeiten zu erneuerten Beschreibungen umgewandelt werden; muss man dann nicht auf den Gedanken verfallen, es gebe nur eine beschriebene Welt?

– Beschreibungen, die sich auf bereits existierende Beschreibungen beziehen, sind begrenzt, aber unbeschränkt [212 f.]; begrenzt sind sie, weil sie ausschließlich auf anderen Beschreibungen beruhen, unbeschränkt, weil sie immer wieder auf neue Weise miteinander kombinierbar sind [213]; Wirklichkeit, in der wir leben, wird daher notwendigerweise zu einem Ergebnis unserer beschreibenden Praxis; Georges Perec und Beschreibung seines Schreibtischs [213 f.]; „Die Beschreibung ist eine Form des Erkennens durch Darstellung“ [214]; es gibt für das Beschreiben zwar diverse Hilfsmittel und Handreichungen, aber kein für alle Fälle anzuwendendes Schema; muss selbst Ordnung schaffen, die es im Beschriebenen und in der Beschreibung hervorhebt; Michel de Certeau und Bedeutung von Schriftlichkeit und Schreiben in der Geschichte [214 f.]; durch die Schrift wurden unzählige Bereiche menschlicher Gesellschaft umorganisiert; was heißt es, Schreiben und Beschreiben als Praxis zu betreiben?; de Certeau = a) leere Seite, b) Organisation der leeren Seite durch den Text und Schaffung eines Artefakts sowie c) Rückwirkung dieser Schrift auf die Wirklichkeit [215 f.]; Mechanismus der Textverfertigung auf Papier lässt sich mitsamt seines utopischen Impetus ohne weiteres auf Situation computerbasierter Textverarbeitung übertragen [216]; Analyse der Reisen des John Mandeville als Schreibtischreisen, die nie stattgefunden haben [217 ff.]; blieben dennoch wirklichkeitsprägend wie Reisebeschreibungen Marco Polos [219].

– Beschreibung ist wichtiges Element der Dynamik und tatsächlich handelnde Handlung [220]; Beschreibungen sind nicht konstativ, sondern produktiv; Ian Hacking und Sicht des Menschen als „homo depictor“ (darstellendes Wesen); Darstellen ist selbst eine praktische Tätigkeit, die darin besteht, Gegenstände zu schaffen; Beschreibungen werden als Praxis benötigt, um Wirklichkeit wirklich werden zu lassen [221]; teils heftige Debatten um den Zusammenhang von Sprache und Geschichtsschreibung; seit dem 19. Jahrhundert versucht Geschichtswissenschaft, ihren Status als Wissenschaft deutlich zu markieren; Abgrenzung von der fiktionalen Literatur; kehrt dabei unter den Teppich, dass sie vor allem eine Geschichtsschreibung ist; Zurückschrecken vor allzu großer Aufmerksamkeit für Schreiben und Erzählen ist unangebracht; Mensch ist „homo narrans“ [222]; fabriziert sich mittels Erzählungen ein Bild der Welt; wichtige Aufgabe der Geschichtsschreibung besteht darin, plausible Synthesen zu formulieren; Paul Veyne = Retrodiktion als die historische Operation des Lückenfüllens; wir können gar nichts anderes tun als Geschichte aufschreiben und Be-Schreibung des Historischen vornehmen; was soll es heißen, dass Vorgang des Beschreibens das Beschriebene erst erzeugt? [223]; Sprache erzeugt die Welt und verwirklicht sie; Sprache und Gesellschaft auf vielfältige Art und Weise miteinander verwoben; Geschehen kann erst dann als Geschehen gelten, wenn es beschrieben wird; Frage nach dem Was (was ist geschehen?) ebenso zentral wie Frage nach dem Wie [224].

– Beschreibungen sind in der Lage, Komplexität historischer Wirklichkeiten zu behandeln [226]; solches Beschreiben hat einen eigenen Erkenntniswert; gute Beschreibung präpariert Merkmale und Strukturen heraus und macht etwas sichtbar, was es ohne Beschreibung nicht in demselben Maße gegeben hätte; jede Beschreibung sollte den Versuch darstellen, die Komplexität der Wirklichkeit wenigstens näherungsweise zu bewahren [227]; Ziel könnte in der Inszenierung von unterschiedlichen Stimmen bestehen; Epistemologie des Beispiels nach Giorgio Agamben; ist als Beispiel stehenzulassen, ohne es in größeren Zusammenhang einordnen zu wollen; es geht weder darum, mittels Induktion vom Partikularen zum Universalen fortzuschreiten noch darum, das Beispiel durch umgekehrte Vorgehensweise zu funktionalisieren; Beispiel eröffnet einen dritten Weg, der vom Partikularen zum Partikularen verläuft; konstituiert damit eine besondere Erkenntnisform, indem es auf der Ebene des Partikularen verbleibt; den Wert des Beispiels zu betonen, stellt die dichotomische Opposition zwischen dem Universalen und dem Partikularen in Frage [228]; anhand des Zusammenhangs von Beschreibung und Beispiel wird auch deutlich, wie die Darstellung mit dem Weg der Erkenntnis zusammenhängt; Weg der Darstellung ist das Ziel der Arbeit; Wirklichkeiten werden partikular erfasst durch Fortschreiten vom Partikularen zum Partikularen [229]; Beispiel = Landschaft des Möglichen; erweist sich als eine wirkungsvolle Waffe gegen Essentialismus und als unschätzbare Möglichkeit der Kritik [230].

Kaum ein Kapitel in Landwehrs Essay ist so reich an einzelnen Gedanken, so innovativ in seinem Argumentationsgang, zugleich aber auch so schwierig auf den Punkt zu bringen. Was versteht er unter „Beschreiben“? Zentral scheint mir die Idee, dass das Beschreiben ein Schreiben ist und aus einem System von Zeichen besteht. Die Schrift ist das primäre Medium des Historischen (Bilder und Artefakte müssen ja ebenfalls beschrieben werden; um analysiert werden zu können, müssen sie ins Medium „Schrift“ transformiert werden). Es gibt also, um noch einmal Barthes zu zitieren, „eine Einheit des symbolischen Feldes“. Und weiter: die Kultur ist „in allen ihren Aspekten eine Sprache“ und muss deshalb auch als eine solche analysiert werden (Barthes 2006: 20). Landwehr behandelt Schreiben und Sprache im Prinzip gleichwertig und setzt damit einen Kontrapunkt zu den geschichtswissenschaftlichen Diskussionen, denen es um Fragen der historischen Darstellung im Allgemeinen (Conrad/Kessel 1994) und der Narrativität im Speziellen geht (White 2008). Er lehnt sich damit an eine Einsicht des französischen Jesuiten Michel de Certeau an (1988 u. 1991) an, wonach die Haupttätigkeit des Historikers darin besteht, zu schreiben (generell Füssel 2007).

Certeau (1991: 71-133, das folgende Zitat 72) begreift Schreiben als integralen Bestandteil eines Prozesses, den er als historiografische Operation bezeichnet. „Die Geschichte als eine Operation begreifen, würde bedeuten, sie […] als die Beziehung zwischen einem Ort (einer Rekrutierung, einem Milieu, einem Beruf usw.), analytischen Verfahren (einer Disziplin) und der Konstruktion eines Textes (einer Literatur) […] zu verstehen“. Landwehr geht es vordringlich um den letzten Aspekt dieser Operation: den Stellenwert des Schreibens im Hinblick auf dessen Endprodukt, das Historische. Er sieht die Leistung der Beschreibung darin, das Historische mittels gut gewählter Beispiele anschaulich zu machen, es geradezu zu visualisieren. Das „Wie“ des Beschreibens wird auf der einen Seite strikt rekursiv gefasst, steht bei ihm also in einer Homologiebeziehung zur Etablierung von Chronoferenzen. Beschreiben heißt nur, sich auf vorhergehende Beschreibungen zu beziehen. Auf der anderen Seite aber benutzt Landwehr Formulierungen, die das Beschreiben eindeutig mythologisieren. Er sieht die „Beschreibung als einen quasi magischen Akt“, der eine Art „Transsubstantiation“ durchführe, „eine wesensmäßige Verwandlung, indem sie aus einer Zusammenballung von Wassertröpfchen oder Eiskristallen, die am Himmel zu sehen ist, das Wort ,Wolke‘ macht […]“ (Landwehr 2016: 210). Der Historiker also ein Priester? Wogegen sich Landwehr noch in den Kapiteln „Material“ und „Archiv“ dezidiert ausgesprochen hat, das tritt hier durch die Hintertür wieder ins Historische ein: die Tendenz zur Sakralisierung.

Landwehr gelingt es an dieser Stelle nicht, die historiografische Operation des Beschreibens von anderen Operationen, die sich ebenfalls im Medium „Schrift“ vollziehen, zu unterscheiden. Dabei ist an so unterschiedliche Operationen wie Erzählung, Argumentation, Appell, Deklaration und Normierung zu denken (Klotz 2013: 13 f.). In den Geschichtswissenschaften hat traditionell die Dichotomie von Verstehen und Erklären eine zentrale, wenn nicht gar unheilvolle Rolle gespielt (Welskopp 2007). Es ist wohl nicht aus der Luft gegriffen, wenn man Landwehrs Insistieren auf dem Begriff „Beschreiben“, der in der Kulturanthropologie von Clifford Geertz (1987) prominent geworden ist, als Versuch interpretiert, diese Dichotomie zu überwinden. Allerdings bleibt dabei vergleichsweise unklar, was der Historiker beschreiben soll: die Materialien, die Chronoferenzen als Relationen von anwesenden und abwesenden Zeiten, die Ereignise als Schnittpunkt derselben oder alles zusammen? Auf der einen Seite behandelt Landwehr das zu Beschreibende so, also ob es sich auf ein einzelnes Monument, Bild oder Dokument bezieht. Auf der anderen Seite attestiert er der Methode der Beschreibung, sie allein könne die Komplexität historischer Wirklichkeiten adäquat rekonstruieren helfen, hebt also eher auf das Historische in toto ab. Im Hinblick auf das Beschreiben oszilliert Landwehr also zwischen Einzelmethode und Generalschlüssel.

Vielleicht entstehen solche Unklarheiten auch aus dem bei Landwehr nicht erörterten Verhältnis zwischen der Praxis des Beschreibens und dem Produkt, das daraus entsteht, nämlich einem vom Historiker verfassten Text, der unterschiedliche Formen annehmen kann (Monografie, Biografie, Aufsatz). In den Geschichtswissenschaften wird dieses Produkt gemeinhin unter dem Stichwort „Erzählung“ diskutiert. Auch Landwehr erweist der angeblichen Unentrinnbarkeit des Erzählens im Hinblick auf die Produktion des Historischen seine Reverenz. Dies lässt sich insbesondere an einigen Stellen zeigen, in denen er „Schreiben“ und „Erzählen“ parallel benutzt (Landwehr 2016: 221 f.). Damit verspielt er die Einsicht, dass der Historiker eben nicht erzählt, sondern schreibt. Er produziert mittels Schrift eine Form, die zwar narrative Elemente enthält, deshalb aber noch lange keine Erzählung sein muss. Landwehrs gesamter Essay läuft ja letztlich darauf hinaus, die Geschichtswissenschaft von überkommenen Konzepten und Annahmen zu befreien. Warum dann nicht auch von der Fiktion, sie erzähle?

Referenzen

Baecker, Dirk: Anfang und Ende in der Geschichtsschreibung, in: Technopathologien, hg. v. Bernhard Dotzler, Wilhelm Fink: München 1992, S. 59-85

Barthes, Roland: Schreiben, ein intransitives Verb?, in: ders.: Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006, S. 18-28

ders.: Der dritte Sinn. Forschungsnotizen über einige Fotogramme S. M. Eisensteins, in: ders.: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, 7. Aufl., Suhrkamp: Frankfurt am Main 2013, S. 47-66 [ursprgl. erschienen: 1990]

Certeau, Michel de: Kunst des Handelns, Merve: Berlin 1988

ders.: Das Schreiben der Geschichte, Campus: Frankfurt am Main/New York 1991

Conrad, Christoph/Kessel, Martina (Hg.): Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Reclam: Stuttgart 1994

Falter, Jürgen W.: Hitlers Wähler, C.H. Beck: München 1991

ders. (Hg.): Junge Kämpfer, alte Opportunisten. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945, Campus: Frankfurt am Main/New York 2016

Füssel, Marian (Hg.): Michel de Certeau. Geschichte – Kultur – Religion, UVK: Konstanz 2007

Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1987

Klotz, Peter: Beschreiben. Grundzüge einer Deskriptologie, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2013

Landwehr, Achim: Prozessbegriff und Kulturgeschichte, in: Schützeichel, Rainer/Jordan, Stefan (Hg.): Prozesse. Formen, Dynamiken, Erklärungen, Springer VS: Wiesbaden 2015, S. 273-301

ders.: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2016

Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1984

Schützeichel, Rainer: Pfade, Mechanismen, Ereignisse. Zur gegenwärtigen Forschungslage in der Soziologie sozialer Prozesse, in: ders./Jordan, Stefan (Hg.): Prozesse. Formen, Dynamiken, Erklärungen, Springer VS: Wiesbaden 2015, S. 87-147

Stegbauer, Christian/Häußling, Roger (Hg.): Handbuch Netzwerkforschung, Springer VS: Wiesbaden 2010

Welskopp, Thomas: Erklären, begründen, theoretisch begreifen, in: Goertz, Hans Jürgen (Hg.): Geschichte. Eine Grundkurs, 3. rev. u. erw. Aufl., Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2007, S. 137-177

White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Fischer: Frankfurt am Main 2008 (Taschenbuchausgabe) [im engl. Original erschienen: 1973]