Landwehr, Dachgeschoss

von arminnolzen

Dachgeschoss:

Es hat einen Schaden

im Dachstuhl sitzt ein alter Mann

auf dem Boden tote Engel verstreut

(deren Gesichter sehen ihm ähnlich)

zwischen den Knien hält er ein Gewehr

er zielt auf seinen Mund

und in den Schädel

durch den Schädel

und aus dem Schädel heraus

in den Dachfirst

dringt das Geschoss

Gott hat sich erschossen

ein Dachgeschoss wird ausgebaut

Gott hat sich erschossen

Ein Dachgeschoss wird ausgebaut

Lüge, Lüge

Ein Dachgeschoss wird ausgebaut

Mit Landwehrs interessanten Ausführungen zum Ereignis und zur Beschreibung als Praxis des Historikers ist ansatzweise deutlich geworden, dass das Historische ein beobachterabhängiges Produkt im Medium der Schrift ist. Dies gilt umso mehr, als auch die Materialien in erster Linie schriftlich überliefert sind. Sie müssen zuerst gelesen und danach umgeschrieben werden, um sich in jenen Text zu verwandeln, der als das Historische gilt. Die Schrift ist für den Historiker Conditio sine qua non, denn seine spezifischen Operationen (Erzählen, Argumentieren, Verstehen und Erklären) vollziehen sich allesamt in diesem Medium (Bachur 2017). Dasselbe gilt übrigens auch für eine weitere zentrale Tätigkeit des Historikers: die Kritik. Das griechische Verb ϰρίνειν bezeichnete ursprünglich die praktische oder kognitive Tätigkeit des Trennens, Scheidens und Unterscheidens, aber auch Entscheiden, Urteilen und Auswählen. Im Bereich von Politik und Recht erhielten Ableitungen wie ϰρίσις (Entscheidung, Urteil), ϰριτής (Entscheidungsträger, Richter) und ϰριτιϰός (das Unterscheiden beziehungsweise Entscheiden betreffend) bald ihre bis heute anhaltenden fachsprachlichen Bedeutungen (Ueding/Kalivoda/Robling/Zinsmaier 2012). Im Rahmen der Geschichtswissenschaft blieb „Kritik“ lange an die historisch-kritische Methode gebunden, wie sie die Theologie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Exegese biblischer Schriften erfunden hat. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich eine Geschichtswissenschaft, die sich selbst als „kritisch“ verstand: zum einen die französische Schule der Annales, zum anderen die Bielefelder Historische Sozialwissenschaft (Raphael 2003: 96-116 u. 173-195). Seither ist es fast schon unvermeidlich für Historiker, „kritisch“ zu sein. Natürlich auch für Landwehr.

Kritik [247-262]

– Lernen aus der Geschichte („historia magistra vitae“) ist schwierig geworden [247]; konkrete Handlungsmaximen lassen sich aus vergangenen Zeiten nicht mehr gewinnen; allerdings haben wir nichts anderes als die Vergangenheit, woraus wir lernen können; kritisches Potential des Historischen liegt in einer bestimmten Form der Selbsterkenntnis [248]; lassen sich Historisches und Kritisches tatsächlich zusammendenken? [249]; Untersuchungen, die sich selbst Identitäts- und Kontinuitätsbildung auf ihre Fahnen geschrieben haben, muss man kritisches Potential absprechen; Geschäft der Kritik ist die Verunsicherung; das Sehen des historischen Materials muss immer wieder neu gelernt werden [250]; es ist Optik zu bekämpfen, die einerseits durch Dokumente und ihre Überlieferung, andererseits durch wissenschaftliche Traditionen vorgegeben wird; Kampf gegen menschliche Neigung, alles selbstverständlich zu nehmen; solche Kritik löst im besten Falle Unsicherheit aus; sicherheitsfixierte Gesellschaften im 21. Jahrhundert haben sich den Reflex angewöhnt, jedwede Form von Unsicherheit negativ zu konnotieren; Unsicherheit ist notwendig, um das Bestehende immer wieder in Frage zu stellen; Unsicherheit durch historische Betrachtungen zu evozieren heißt, dem Historischen nicht vorrangig die Funktion zuzuschreiben, Identität herzustellen und Orientierung zu liefern.

– Zielpunkt kritischen historischen Fragens kann aber kaum die Gegenwart sein [251]; Modell der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens nivelliert historische Differenzen zwischen Heute und Gestern auf unzulässige Weise; würde die Vergangenheit degradieren zum Steigbügelhalter von fixen Erkenntnissen, die sich umstandslos auf das Hier und Heute anwenden lassen; aber um die Vergangenheit als Gegenstand der Kritik kann es ebensowenig gehen; wollte man den Toten etwa vorschreiben, wie sie gelebt haben sollen, damit unsere Geschichte besser würde?; das war Irrtum Friedrich Nietzsches = jede Vergangenheit ist es wert, verurteilt zu werden [251 f.]; man kann sie nicht einfach durch Aburteilung loswerden; Gerichtsszenario keine angemessene Beschreibung im Umgang mit dem Gewesenen [252]; Ablehnung der Richterfunktion [253]; Chronoferenzen, die jeweilige Gegenwart mit den anderen ihr zur Verfügung stehenden Zeithorizonten verbindet, sind das eigentliche Ziel der Kritik; in diesen temporalen Relationen entwerfen Kollektive das zeitliche Gerüst, in dem sie sich fortan orientieren; weil sich die Chronoferenzen nicht von selbst verstehen, müssen sie zum Gegenstand kritischer Zerteilung gemacht werden; stellt die Frage nach der Konstitution von Chronoferenzen [253 f.]; Antwort auf das Wozu des Historischen nicht in reinem Präsentismus zu entdecken [254]; die kritische Betrachtung von Chronoferenzen muss auch auf kritische Betrachtung selbst angewendet werden.

– nimmt man Chronoferenzen als Gegenstand kritischen Fragens in den Blick, dann stellt sich die Frage, wieso Kritik überhaupt den Weg über die Vergangenheit wählen sollte [255]; warum nicht Weg einer kritischen Analyse der bestehenden Verhältnisse?; Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ = jede Form der Kritik hängt demzufolge nicht nur von historischer Zeit ab, sondern jede Behandlung einer historischen Zeit muss kritischen Impetus einschließen [255 f.]; kritische Historie erschöpft sich als Empörung nicht im Heben des moralischen Zeigefingers und kapriziert sich nicht als Verweis auf ein besseres oder schlechteres Gestern [256]; Kritik und Historisches sollten sich verbünden, um produktive Reibungen zwischen den Zeiten zu erzeugen; Geschichte ist nicht für alle Kollektive eine Notwendigkeit [258]; Grundlage von Geschichte als verbindlichem Repräsentationsrahmen ist neutrale Zeit; nimmt man hingegen das Modell einer Vielzahl der Zeiten ernst, die parallel zueinander existieren und in denen wir gleichzeitig leben, dann lässt sich dieser Umstand auch für die kritische Praxis nutzen [259]; Kritik versucht, das Unbehagen mit den herrschenden Verhältnissen zum Ausdruck zu bringen; gelungene Kritik ist möglicherweise nicht mehr als Schärfung von Aufmerksamkeit; nur so bleibt Kritik möglich, die immer auch mit ihrer eigenen Unmöglichkeit konfrontiert ist; produktive Seite der Kritik besteht in Ent-Selbstverständlichung und Alternativität [260]; kritische Geschichtsschreibung hätte Aufgabe, Alternativität in den Zeiten zu beschreiben und aufrechtzuerhalten [261].

Worauf bezieht sich Kritik bei Landwehr? Nicht vordringlich auf in der Vergangenheit handelnde Personen, nicht vordringlich auf konkurrierende Historiker, deren Interpretationen man widerlegt, sondern in erster Linie auf Chronoferenzen. Geschichtsschreibung kann und soll mittels einer Relationierung von anwesenden und abwesenden Zeiten sowohl alternative wie auch mögliche, aber nicht unbedingt geschehene Vergangenheiten rekonstruieren und so dem Historischen jede Selbstverständlichkeit austreiben. Diese Ausführungen sind gegen jene Ansätze gerichtet, die vergangenes Geschehen (offen oder subkutan) als notwendig begreifen: gegen den Historismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, gegen den Historischen Materialismus, gegen die Bielefelder Historische Sozialwissenschaft, die die jeweils Handelnden in das stahlharte Gehäuse statistischer Datensätze und Überstrukturen wie „Nation“, „Klasse“, „Bürgertum“ und „soziale Ungleichheit“ zwängt, aber auch gegen die französische Annales-Historiografie, soweit sie sich auf die Vorstellung einer neutralen Zeit bezieht, die unabhängig von der Gegenwart ist (Braudel 1977; Raphael 1994: 122-131). Es geht Landwehr um die Herstellung von Pluritemporalität als Voraussetzung gegenwärtiger Selbsterkenntnis. Und diese Selbsterkenntnis wird nicht irgendwie pädagogisch-politisch verbrämt und in eine allgemeine Macht- und Ideologiekritik transformiert, von der der Historiker in der Art des „freischwebenden Intellektuellen“ (Karl Mannheim) selbst ausgenommen wäre. Kritik bei Landwehr ist Selbsterkenntnis derer, die Geschichtswissenschaft betreiben. Sie ist damit immer Kritik der eigenen Person! In seinem Essay lassen sich unzählige Stellen auffinden, an denen Landwehr mit sich selbst ins Gericht geht. Hat dies eigentlich schon irgendein Historiker vor ihm in dieser Art und Weise praktiziert?

Mit Landwehrs Ausführungen zur Kritik hängt auch ein weiteres Themenfeld zusammen, das erst in den letzten Jahren in den Geschichtswissenschaften angekommen ist, sich mittlerweile jedoch wachsender Beliebtheit erfreut: die Rede ist von „Ethik“.

Ethik [263-280]

– historisches Arbeiten konzentriert sich nicht selten darauf, das Gewesensein des Gewesenen festzustellen [263]; lässt man sich auf Historisches als kritisches Unterfangen ein, so entstehen unter Umständen Verantwortungen; Frage, für welche Ziele eine kritische Haltung eingesetzt werden könnte; gibt es eine Ethik der Geschichtsschreibung?; Verknüpfung von Ethik mit dem Historischen versteht sich wahrlich nicht von selbst; Arbeitsethik für den Historiker wäre nichts Spezielles [263 f.]; darf in allen Wissenschaften Geltung für sich beanspruchen [264]; historisch spezifischer wäre ein ethischer Ansatz, der Frage stellte, was die Verstorbenen hätten tun sollen; historisches Arbeiten würde zum Gerichtssaal, Historiker zum Richter; bessere Variante ist die Frage, was wir mit der Vergangenheit tun dürfen; Dreh- und Angelpunkt Shoah; postmodernen und konstruktivistischen Ansätzen wird oft vorgeworfen, sie böten rechtradikalen Revisionisten ideales Tummelfeld, und die Vergangenheit zu manipulieren (Richard Evans) [264 f.]; benötigen aber derartige Rückversicherung gar nicht, um ihren Unsinn in die Welt zu posaunen [265]; für Relativierungen böte sich theoretische Ausrichtung, die dem historischen Realismus verpflichtet ist, eher an, weil sie auf unumstößliche Wahrheit zielt; Holocaust-Leugner wähnen sich ja selbst im Besitz der historischen Wahrheit; ist Problem, das sich nicht wissenschaftlich, sondern nur politisch lösen lässt; Produzenten in vollem Umfang für Chronoferenzen verantwortlich [266].

– wir können nicht ernsthaft versuchen, eine Ethik gegenüber den Toten zu etablieren, wenn wir noch nicht einmal dazu in der Lage sind, für unser eigenes Hier und Jetzt eine widerspruchsfreie Realität zu bezeichnen [266 f.]; vielleicht sollte es bei der Suche nach einer Ethik stärker um die Formen der Sinnproduktion gehen, die in Auseinandersetzung mit Vergangenheit hervorgebracht werden [267]; eine der elementaren Funktionen soziokultureller Wirklichkeiten besteht darin, für Gesellschaften Sinn bereitzustellen; Sinn ist keine Grundkategorie, sondern die je vorausgesetzte und mitlaufende Deutung des Prozesses der Setzung; Historisches hat keinen Sinn; man muss ihm erst einen geben; an diesem Dilemma ist die klassische Geschichtsphilosophie des 18. und 19. Jahrhunderts zugrunde gegangen [267 f.]; es ist Zwickmühle des geschichtsphilosophischen Denkens in der Gegenwart, keinen unverfügbaren Sinn mehr unterstellen zu können [268]; wenn Sinn nicht immer schon vorhanden ist, besteht die Möglichkeit, Sinnlosigkeit zu berücksichtigen, mit der das menschliche Leben unweigerlich behaftet ist; seit dem frühen 20. Jahrhundert in der Kunst immer wieder Formen der Sinnlosigkeit ins Zentrum gerückt (Dadaismus); Dadaistisches kann durchaus zum Bestandteil von Geschichtstheorie werden [269]; Unsinn Dadas erwuchs aus dem „Sprachschutt zerborstener Weltbilder“ (Hermann Korte); jedwede Geschichtstheorie, die der Sinnlosigkeit in der Geschichte Raum ließe, wäre passende Antwort auf Versuche, der Geschichte einen wie auch immer gearteten umfassenden Sinn zu unterstellen [269 f.].

– Geschichtswissenschaft lässt den Schrecken des Unvorhergesehenen verschwinden, indem sie die Katastrophe zu einem Epos macht (Philipp Roth) [270]; bei historischer Darstellung geht es darum, dem Historischen seine Unvorhersehbarkeit zurückzugeben; dabei ist es von besonderer Bedeutung, Fiktionalität des historischen Unternehmens angemessen anzuerkennen; bedeutet, das Historische nicht länger als ein Narrativ zu verstehen, das Ereignisse und Veränderungen erklärt, ohne die menschliche Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit und Verantwortlichkeit zu berücksichtigen [271]; Handlungsmächtigkeit der historischen Akteure und Verantwortlichkeit hervorheben; Geschichtsschreibung muss dazu bereit sein, alternative Geschichten, verdrängte Erzählungen und fiktive Bestandteile zu berücksichtigen = Chronoferenzen; man kann sich auf das Problem konzentrieren, wie Wirklichkeiten durch Handeln des Historikers entstehen; zu erkennen, wie Erkennen vor sich geht, führt zu einer Verpflichtung [272]; die Erkenntnis der Erkenntnis erfordert eine Haltung ständiger Wachsamkeit gegenüber jeder Form der endgültigen Gewissheit; die Wirklichkeit, mit der alle umgehen, ist eine Wirklichkeit, die wir gemeinsam mit anderen hervorbringen; Gewissheit der Anderen ebenso legitim wie unsere; wenn wir so unsere Wirklichkeiten immer nur als vorläufige Entwürfe akzeptieren und unauslöschliche Historizität ernstnehmen, werden wir auf ethische Implikationen dieser Haltung verwiesen [273].

– Chronoferenzen lenken unsere politische und soziale Wahrnehmung und werden so letztlich zu politischen Faktoren zukünftigen Geschehens; es gibt keinen Grund, sich Zwang zu unterwerfen, an die eine Wirklichkeit zu glauben; so kann es gelingen, Toleranz aktiv auszuüben und Alterität zu begrüßen, anstatt den einzig richtigen Weg zu postulieren, der anderen zwangsläufig Gewalt antut; bei dieser Alterität geht es um Pluralität; historisch geformte Wirklichkeiten haben eine besondere Verantwortung für prinzipiell unentscheidbare Fragen [274]; nur nicht entscheidbare Fragen sind von Bedeutung (Heinz von Foerster); es besteht keine Notwendigkeit, solche Fragen auf bestimmte Art und Weise zu beantworten [275]; Gegenteil von Notwendigkeit ist Freiheit; bei prinzipiell unentscheidbaren Fragen besteht die Wahl, wie man sie entscheiden möchte, und damit auch die Freiheit zu entscheiden, wer wir sein möchten; es gibt ethische Konsequenz dieser Haltung = Beobachter kann bei Beschreibung der Wirklichkeit keine Außenseiterposition mehr einnehmen, sondern begibt sich in die Rolle des Akteurs [276 f.]; Lebensprozess des Menschen in struktureller Kopplung mit der Welt, die er hervorbringt [277]; menschliche Verantwortung für die Welt ist total; ethischer Grundsatz, die zur Verfügung stehenden Zeiten (Vergangenheiten und Zukünfte) nicht weniger komplex zu behandeln, als ich meine Gegenwart von abwesenden Zeiten behandelt wissen will; ist gegen „flache Geschichte“ gerichtet, die sich dadurch auszeichnet, komplexes Leben vergangener Kulturen auf wenige basale Annahmen zu reduzieren [279].

Landwehrs Ideen zu einer Ethik der Geschichtswissenschaften unterscheiden sich durchaus von jenen Positionen, wie sie andere Historiker und Philosophen vorbringen. In der Monografie von Christoph Kühberger und Clemens Sedmark (2008) werden unter „Ethik“ folgende Aspekte behandelt: die Forderungen an eine Kollegialität unter Historikern, die moralische Wende in der Geschichtswissenschaft (die Beschäftigung mit vergangenen Moralvorstellungen, insbesondere während der NS-Zeit), die epistemologische Verantwortung der Historiker für die gegenwärtige Gesellschaft und für die Handelnden in jenen Vergangenheiten, die er rekonstruiert, die ethischen Bindungen des Historikers, vor allem an eine Wahrheitstheorie, seine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und die Ethik der Erinnerung. Kühberger und Sedmark schließen mit einem Kapitel „Bausteine zu einer Ethik der Geschichtswissenschaft“. Darin postulieren sie zum einen eine Ethik der Sprache, zum anderen die Notwendigkeit, das Fehlerrisiko in der eigenen Arbeit einzudämmen. Summa summarum geht es um „wissenschaftsethische Selbstvergewisserung“ (ebd.: 157), mithin eine stärkere Selbstreflexion der Geschichtswissenschaften. Diese formulieren sie immer anwendungsorientiert, das heißt, sie denken „Ethik“ immer im Hinblick auf die jeweils vorherrschenden allgemeingesellschaftlichen Bedürfnisse. Neben die Selbstreferenz von Ethik tritt hier also auch eine nicht zu übersehene Fremdreferenz.

Nichts könnte Landwehr ferner stehen als das. Bei ihm ist Ethik etwas immanent Historisches, genauer: ein Bestandteil der Rekonstruktionsarbeit des Historikers, der sich darum bemühen soll, das Historische so wiederherzustellen, wie es sich am wahrscheinlichsten ereignet haben könnte. Und ins Zentrum dieser Aktivität stellt Landwehr die Mechanismen der Produktion von Sinn und deren Nachzeichnung. Dabei geht er von der Annahme aus, dass das Historische keinen Sinn hat, sondern dass dieser ihm nachträglich verliehen wird, sei es durch die Akteure der Vergangenheit, sei es durch den Historiker, der deren Handlungen zu beschreiben versucht. Und wenn dies so ist, dann geht es Landwehr zufolge bei der Rekonstruktion des Historischen um ein doppeltes Ziel: um die Beschreibung, wie Sinn (von den Akteuren der Vergangenheit und von den Historikern) produziert wird, beziehungsweise um die Darstellung von Sinnlosigkeit, wie sie besonders beim NS-Judenmord zum Ausdruck kam. Weil sich das Historische für Landwehr in einem Netz der Chronoferenzen anwesender und abwesender Zeiten konstituiert, das der individuelle Historiker in der Gegenwart knüpft, ist es nur folgerichtig, dessen Verantwortung nicht gesellschaftlich zu fassen. Stattdessen bleibt der Historiker bei Landwehr zuerst einmal der Geschichtswissenschaft verpflichtet. Seine Ethik ist vordringlich disziplinär und besteht in einer Wachsamkeit gegenüber allen endgültigen Gewissheiten. „Ethik“ ist bei ihm einzig und allein eine Reflexionstheorie der Geschichtswissenschaften (allgemein Luhmann 2008).

Natürlich bewegt sich der Historiker nicht außerhalb, sondern innerhalb der Gesellschaft, in der er lebt und arbeitet. Insofern ist es nicht ausgeschlossen, dass seine disziplinäre Ethik in anderen gesellschaftlichen Feldern Resonanz findet, und dies erhofft sich Landwehr wahrscheinlich auch. Allerdings propagiert er keine direkten geschichtswissenschaftlichen Interventionen zum Beispiel in Politik und Bildung. Das Historische verändert bei Landwehr nur das Historische, nicht etwa die Gesellschaft oder gar die Welt (dies kann es im besten Falle, es aber von ihm zu erwarten, ist vermessen). Dies ist Selbstreferenz par excellence. Seine Forderung, auch der Sinnlosigkeit der Geschichte ihren Raum zu geben, stößt nun jedoch auf zwei grundlegende Probleme. In welchen Fällen soll der Historiker eher die Produktion von Sinn untersuchen, in welchen Fällen eher die Sinnlosigkeit herausstreichen? Weder sein Material noch die von ihm konstruierten Ereignisse beinhalten Kriterien, die eine Entscheidung für die eine oder die andere Richtung nahelegt. Im Gegenteil: das Material ist immer schon mit Sinn vollgesogen. Selbst die Quellen des Holocaust, die Raul Hilberg (2002) meisterhaft beschrieben hat, sind Träger von Sinn. Man lese nur einmal das Protokoll der Wannsee-Konferenz (Kampe/Klein 2013: 40-54) im Hinblick auf die Versuche der Sinngebung durch die seinerzeit Anwesenden. Man wird fast in jeder Zeile „Sinn“ finden!

Dies verweist auf das zweite Problem: die immanente Sinnhaftigkeit von Sprache, wie sie vor allem der französische Semiologe Roland Barthes herausgearbeitet hat (Barthes 2006; Samoyault 2015). Landwehrs Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung der Sinnlosigkeit des Historischen widerspricht dem diametral. Das Medium des Historikers ist die Schrift als geschriebene Sprache, und das Historische besitzt stets die Form eines Textes. Nicht erst der Historiker stellt Sinn her, sondern die Sprache, die er verwendet, stiftet diesen schon vorher automatisch. Insofern ist das Historische nie „frei von Sinnvorgaben und Sinnstiftungen“ analysierbar, wie Reinhart Koselleck (2014: 28) irrtümlich in einem Passus eines einschlägigen Aufsatzes gemeint hat, den Landwehr (2016: 298) in anderem Zusammenhang zitiert. Sprache transportiert Sinn, jedenfalls wenn sie so benutzt wird, dass sie verstanden werden kann (was nicht für den von Landwehr beschworenen Dadaismus gilt, aber wie sähe eine dadaistische Geschichtsschreibung aus?). Die Sinnlosigkeit der Geschichte wiederherzustellen, ist deshalb ein Phantasma. Für den Historiker, der sich diesem Phantasma wider jede Vernunft verschreibt, könnte man mit Barthes (1981: 94-103; 2010: 100 u. 102) dennoch eine Doppelstrategie empfehlen: einerseits zwar für den Sinn eintreten, diesen aber vervielfältigen, pluralisieren, durchqueren, bis er erschöpft ist und der Leser seiner überdrüssig wird; andererseits gegen die Geschichtswissenschaft stets die Utopie des zu vernichtenden Sinns aufrechterhalten, weil dies eben auch immens produktiv ist! Sinninfarkt führt zu Sinnvernichtung, oder: wenn überall Sinn hergestellt wird, dann findet man ihn letztlich nirgendwo.

Referenzen

Bachur, João Paulo: Schrift und Gesellschaft. Der Kraft der Inskriptionen in der Produktion des Sozialen, Velbrück: Weilerswist 2017

Barthes, Roland: Das Reich der Zeichen, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1981

ders.: Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006

ders.: Über mich selbst, Matthes & Seitz: Berlin 2010 [ursprgl. erschienen: 1978]

Braudel, Fernand: Geschichte und Sozialwissenschaften. Die longue durée, in: Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, hg. v. Claudia Honegger, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1977, S. 47-85

Hilberg, Raul: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2002

Kampe, Norbert/Klein, Peter (Hg.): Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. Dokumente, Forschungsstand, Kontroversen, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2013

Koselleck, Reinhart: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, in: ders.: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten, hg. u. mit einem Nachw. vers. v. Carsten Dutt, Suhrkamp: Berlin 2014, S. 9-31 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 2010]

Kühberger, Christoph/Sedmark, Clemens: Ethik der Geschichtswissenschaft. Zur Einführung, Turia & Kant: Wien 2008

Landwehr, Achim: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2016

Luhmann, Niklas: Ethik als Reflexionstheorie der Moral, in: ders.: Die Moral der Gesellschaft, hg. v. Detlef Horster, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008, S. 270-347

Raphael, Lutz: Die Erben von Bloch und Febvre. Annales-Geschichtsschreibung und nouvelle histoire in Frankreich 1945-1980, Klett-Cotta: Stuttgart 1994

ders.: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, C.H. Beck: München 2003

Samoyault, Tiphaine: Roland Barthes. Die Biographie, Suhrkamp: Berlin 2015

Ueding, Gert/Kalivoda, Gregor/Robling, Franz-Hubert/Zinsmaier, Thomas: Kritik, in: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, hg. v. Gert Ueding, Bd. 10: Nachträge A-Z, Max Niemeyer Verlag: Tübingen 2012, Spalten 530-545