Landwehr, Untergeschoss

von arminnolzen

EPILOG

Untergeschoss:

Dies ist ein Keller

hier lebe ich

dies hier ist dunkel

feucht und angenehm

dies hier ist ein Schoß

Landwehrs Konstruktivismus, wie er in seinen Ausführungen zur „Wirklichkeit“ des Historikers zum Ausdruck kommt, und sein Possibilismus (seine eigene Theorie der möglichen Geschichte) sind argumentativ gewissermaßen auf halbem Wege steckengeblieben. Zum einen begreift er den Gegensatz zwischen der offenkundigen Existenz vieler vergangener „Wirklichkeiten“ und dem gleichzeitigen Insistieren der meisten Historiker auf der einen, der „wahren Wirklichkeit“ nicht als Paradoxie, die es zu entfalten gilt, sondern schlägt sich auf die Seite der Pluralisierung, ohne sich zu fragen, was unter diesen Umständen eigentlich noch als historisches Wissen gelten kann. Zum anderen geht er stets nur von einer Art Steigerungsverhältnis der Möglichkeiten aus, die ihn zu der These einer potenziell unendlichen Anzahl möglicher Geschichten führt, ohne dabei einen Zeitindex anzusetzen. In der Geschichte mag zwar immer alles möglich sein, aber nicht alles zum selben Zeitpunkt und nicht alles auf einmal. Nur die Temporalisierung des Begriffs „Kontingenz“ hätte ihm dazu verholfen, die wichtige Frage nach der Einschränkung historischer Möglichkeiten ausführlich thematisieren zu können. Dennoch sind Landwehrs Ausführungen zu „Wirklichkeit“ und „Möglichkeit“ überaus produktiv. Mit ihnen umkreist er noch einmal jene Frage, die auch seinen Essay strukturiert: wie ist das Historische als eine Form der Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt (noch) möglich?

Gottersatz [9-30]

– Zwang, irgendwo und irgendwie anzufangen [9]; „Wenn man einen Anfang hat, hat man ein Problem“; Geschichte = Gesamtheit alles Geschehenen [10]; Totalität der Geschichte ist jedoch nicht zu erfassen; Geschichte = Gottersatz und Geschichtsschreibung = Ersatzreligion; Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert und geschichtsphilosophische Erklärungsmuster als säkularisierte Varianten vormals religiöser Deutungen [10 f.]; Frage nach dem Sinn konnte nicht mehr durch den Verweis auf die göttliche Vorsehung beantwortet werden [11]; Aussicht auf das Heil wurde nicht zum Verschwinden gebracht, sondern in die Geschichte verlegt; Geschichtsphilosophie und universitäre Geschichtswissenschaft schienen für einen Moment in der Lage zu sein, Bedeutung des Weltgeschehens erklären zu können; übersahen dabei ihre eigene Historizität; Zeitreisen und Temporaltourismus [12]; Begegnung mit den historischen Gegenständen, um an der Aura des Vergangenen teilzuhaben [12 f.]; Johan Huizinga und Begriff „historische Empfindung“ [13]; Gefühl eines unmittelbaren Kontakts mit der Vergangenheit; Frank R. Ankersmit (1993) hebt historische Erfahrung als Form des unmittelbaren Kontakts mit der Vergangenheit hervor [14]; Wunsch nach Authentizität in historischen Angelegenheiten; rückt historisch Arbeitende in die Nähe von Genies, denn über eine solche Form der Einfühlung in die Vergangenheit zu verfügen kann nicht jedem gegeben sein; populäre Darstellungen der historischen Praxis evozieren Bilder einer detektivischen Forschungsarbeit, an deren Ende vergangenes Leben wiederaufersteht [14 f.]; historische Gretchenfrage = wie halten wir es mit der Bedeutung der Geschichte in unserem Leben? [15]; man will auf die Möglichkeit des gedanklichen Unterwegsseins ins Gestern nicht verzichten [17]; Beispiel „Re-Enactment“; ist eine Form der Wissenspopularisierung. die das Interesse für historische Vorgänge weckt; der Geschichtstheoretiker jedoch muss den Wunsch, Vergangenheit in der Gegenwart lebendig werden zu lassen, zweifelnd betrachten [17 f.].

– Reise in die Vergangenheit beginnt mit einer Frage [18[; Gefahr der rückläufigen Hermeneutik als Anpassung von Entdeckungen an bestehende Vorerwartungen [19]; Frage, wovon wir reden, wenn wir von „Geschichte“ sprechen; man muss einen Anfang setzen; wenn man das zum Problem macht, ist es kein Vorteil [20]; ist der Überzeugung, dass sich keine Geschichtstheorie (im Singular) formulieren lässt; solche ist wenig erstrebenswert, weil sie erst den Gegenstand substantialisieren muss, bevor sie ihn behandeln kann [21]; Grundsatzproblem, etwas fixieren zu müssen, das sich gar nicht fixieren lässt; voraussetzungslose Voraussetzung von „Geschichte“ kommt immer zum Vorschein, wenn man sich darüber informieren will, was diese sein soll; in Einführungen und Lexika wird „Geschichte“ entweder als Vorausgesetztes behandelt, das gar nicht zu erörtern ist, oder sie wird mit sich selbst erklärt (Geschichtsgeschichte), oder es wird ein „eigentliches“ Feld identifiziert, dem sie sich zu widmen habe, oder Vergangenheit und Geschichte werden einfach gleichgesetzt [22]; es drängt sich Frage auf, wie Geschichte die Vergangenheit, die nicht mehr existiert, erforschen will; es ist alles andere als selbstverständlich, diese Form von Geschichte zu haben [23]; es gibt Kollektive, die gut auf historische Infrastruktur verzichten können, die sich europäisch-westliche Gesellschaften leisten; es könnte naheliegend sein, mit Anfang anzufangen [24]; einen Anfang zu setzen, hilft anzufangen; „Aber weil jeder Anfang eine Setzung ist, ist er auch ein Problem“.

– mit diesem immer schon angefangenen Anfang begibt man sich ins Feld der vielen Paradoxien, das Umgang mit dem Historischen kennzeichnet; Paradoxien werden gemeinhin als Störungen empfunden [25]; man kann sich aber auch zur Einsicht durchringen, dass sie ebenso menschliche Angelegenheit sind wie Mittel, mit denen man sie aufzulösen versucht; spätestens seit 11. Buch der „Bekenntnisse“ des Augustinus gibt es Wissen darum, dass man in Belangen der Zeitlichkeit Paradoxien nicht entkommen kann [25 f.]; Paradoxa, die uns das Feld des Historischen zeigt, sind dazu in der Lage, unser logisch-rationales Selbstverständnis zu destabilisieren [26]; stellen jede Zweiwertigkeit in Frage; Paradoxien als Mittel, um die Oberfläche in Frage zu stellen, die wir üblicherweise „Wirklichkeit“ nennen; am Beginn steht die Frage, wie man etwas behandelt, das nicht mehr existiert = Vergangenheit; gleichzeitiges Vorhandensein und Nichtvorhandensein von Vergangenheit lässt sich nicht wegerklären [26 f.]; es ist diese anwesende Abwesenheit des Vergangenen, die den Ausgangspunkt des Essays markiert [27]; jede Form der Geschichtstheorie ist immer von einer Negation geprägt, das heiß es lässt sich sagen, was das Historische nicht ist; Material der Vergangenheit entstammt zwar derselben, ist aber weder die Vergangenheit noch weist es einen Weg dorthin; ist vielmehr auf vielfältige Art und Weise an den komplexen Relationen beteiligt, die zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten geknüpft werden.

– medialer Charakter des historischen Materials rückt in den Vordergrund; diese Medialität ist nicht etwa auf Vermittlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu reduzieren, sondern muss erfasst werden als Konstitution eines Historischen, bei dem sich Medien erfolgreich darum bemühen, unsichtbar zu bleiben; Medien und Materialien sind nicht nur verantwortlich für die Erzeugung einer historischen Wirklichkeit, die ihren Produktcharakter erfolgreich zu verbergen vermag [27 f.] wir sind permanent damit beschäftigt, unsere Wirklichkeit zu historisieren, um zur Einsicht zu gelangen, dass Historisierung wesentlicher Faktor unserer Wirklichkeitsproduktion ist [28]; man könnte versuchen, Paradoxien so lange zu bereinigen, bis noch ein eigentliches Fundament übrig bleibt; möchte demgegenüber hier Bedeutung von Relationen hervorheben; Kernstück „Chronoreferenz“ = Relationierung, mit der anwesende und abwesende Zeiten gekoppelt, Vergangenheiten und Zukünfte mit Gegenwarten verknüpft werden können; Ereignis als historische Grundkategorie konstituiert sich immer im Nachhinein; ist Zeit-Ort, an dem das Verhältnis von anwesenden und abwesenden Zeiten verhandelt und verändert werden kann; gilt ebenfalls für das Archiv, wo entschieden wird, welche Ereignisse überhaupt in den langfristigen Überlieferungskreislauf eingespeist werden [28 f.]; hier wird auch zum Zweck der kulturellen Gedächtnissicherung Material aussortiert und vernichtet [29].

– historisches Arbeiten hat generell ein Problem mit dem Wahrheitsanspruch; zahlreiche und kaum verebbende Diskussionen um die historische „Wahrheit“; mit korrespondenztheoretischem Modell ist hier auch kaum weiterzukommen, denn die Vergangenheit zeichnet sich dadurch aus, vergangen zu sein; man muss Wahrheit aber nicht aufgeben; vielleicht genügt Anspruch, wahre Geschichten vorzulegen, die in der Relationierung zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten Bedeutungsknoten fixieren und damit Stand der Dinge präsentieren können, der sich gegenwärtig noch nicht verändern lässt; diese Wahrheiten sind angesichts der anwesenden Abwesenheit von Vergangenheit das Ergebnis einer Beschreibung; es steht unumstößlich fest, dass Vergangenheit sich nicht so abgespielt hat, wie wir sie beschreiben; historische Beschreibung erweist sich so als Mittel, um eine vergangene Wirklichkeit erstmals zu ver-wirklichen; historisches Arbeiten wäre eindeutig missverstanden, wollte man es auf die eine und einzige Wirklichkeit festlegen [30]; das würde die latenten Möglichkeiten unberücksichtigt lassen, die im Historischen schlummern; sie stellen immer wieder Geschichten bereit, von denen wir heute noch nicht ahnen, dass sie morgen schon Teil unserer Vergangenheit sein können; kritisches historisches Verständnis kann sich aber nicht darauf beziehen, der Vergangenheit in Richterrobe gegenüberzutreten und ihr vorzuhalten, wie sie besser hätte sein sollen.

Die Antwort, die Landwehr auf die Frage gibt, wie das Historische überhaupt noch möglich ist, scheint sehr einfach: Setze einen Anfang! Und dieser Anfang besteht notwendigerweise in einem Problem. Landwehrs Problem ist zunächst, wie eine unter prinzipiell vielen anderen möglichen Theorie(n) der Geschichte angesichts der vielen Paradoxa des Historischen beschaffen sein muss. Und seine Antwort darauf lautet: Zeit. Zeit ist ein Begriff, den er in seinem Essay zwar an keiner Stelle expliziert, dem er aber vor wenigen Jahren immerhin eine komplette Monografie gewidmet hat (Landwehr 2014). Darin geht es ihm um die Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert, genauer: um das sich zu dieser Zeit etablierende Verständnis von Gegenwart, wie wir es auch heute noch besitzen. Anhand einer spezifischen Quellengruppe, den damals weit verbreiteten Kalendern, in denen reichlich Platz für handschriftliche Notizen war, zeigt Landwehr, wie sich die individuelle Aufmerksamkeit im 17. Jahrhundert tendenziell von Vergangenheit und Zukunft ablöste und in die Gegenwart verlagerte. Er konstatiert eine vergangene Vorstellung von Gegenwart, die auch noch die unsrige ist.

Mir geht es nicht darum, die Ergebnisse dieses wirklich (gerade in seinen selbstkritischen und bewusst subjektiv gefärbten Passagen) beeindruckenden Buches zu referieren, sondern auf dessen theoretischen Unterbau hinzuweisen. Landwehr benutzt darin das systemtheoretische Konzept der Zeit, wie es Niklas Luhmann erarbeitet und dessen Schüler Armin Nassehi weiterentwickelt hat. Zwar nennt er deren einschlägige Werke (Luhmann 1975, 1981, 1984, 1990b; Nassehi 2008 u. 2011) auch in seinem Essay „Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit“; dort werden sie aber kaum zitiert, geschweige denn inhaltlich verarbeitet. Mit Luhmann und Nassehi ist er sich darin einig, die lineare Vorstellung von Zeit, die Isaac Newton 1687 entwickelte („Die absolute, wahre und mathematische Zeit fließt in sich und in ihrer Natur gemäß ohne Beziehung auf irgend etwas Äußeres gleichmäßig“), abzulehnen und stattdessen „Zeit“ (die vergangene Gegenwart des 17. Jahrhunderts) als subjektiv konstituierte zu denken. Damit folgt er dem in Edmund Husserls „Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußstseins“ von 1928 ausgedrückten Gedanken, dass sich „Zeit“ im individuellen Bewußtsein operativ konkretisiert (Husserl 2013). Die systemtheoretische Frage nach einer sozialen Zeit, also einer Zeit der Gesellschaft und ihrer Organisationen, kommt dabei jedoch zu kurz.

Dies ist für das 17. Jahrhundert nicht weiter schlimm, weil „Gesellschaft“ hier in der Regel noch eine Anwesenheitsgesellschaft war (Schlögl 2014), in der Organisationsbildung oder funktionale Differenzierung noch im Anfang waren. Für „Zeit“ und „Chronoferenz“ als integrale Bestandteile einer neuen Geschichtstheorie erweist sich dieses Vorgehen jedoch als Nachteil. Landwehr legt „Zeit“ in erster Linie auf individuelle Bewußtseinsphänomene der historischen Akteure wie auch der sie analysierenden Historiker fest und verortet beide prinzipiell in der jeweiligen Gegenwart. Ihm ist natürlich klar, dass deren Zeitvorstellungen oftmals auch entweder auf die Vergangenheit oder die Zukunft gerichtet sind. Dem trägt er dadurch Rechnung, dass er die Chronoferenzen, die bekanntlich jederzeit veränderbar sind, mit einem Zeitindex ausstattet, ihnen also Vergangenheit und Zukunft zubilligt. Ein Problem liegt allerdings im statischen Konzept von Gegenwart. Damit setzt Landwehr sowohl die Zeitlichkeit der historischen Akteure als auch der sie analysierenden Historiker voraus. Erstere benötigen Zeit, um ihre Zeitvorstellungen zu entwickeln und sie nach außen zu tragen, letztere, um ihre Texte niederzuschreiben. Diese Paradoxie der Zeit in der Zeit, also der Zeit, die das Nachdenken über die Zeit und deren Beschreibung benötigt (Nassehi 2008: 223), wird bei Landwehr nicht entfaltet. Und wie behandelt er das Problem „Wahrheit“?

Wahrheit [190-208]

– Frage, wo denn die Gewissheit über das Vergangene bleibt, wenn man mittels Chronoferenzen die Bezugnahmen von anwesenden und abwesenden Zeiten hervorhebt [190]; wie steht es um die historische Wahrheit?; wir sollten nicht so tun, als ob wir schon vorab wüssten, was historische Wahrheit ist [191]; Kategorie wird implizit eine Korrespondenztheorie unterstellt, die besagt, dass Wirklichkeit und eine Aussage über die Wirklichkeit übereinstimmen; historische Wahrheit und Wahrheitskommissionen [191 f.]; an die Stelle von Strafe treten darin Dokumentation und Veröffentlichung [192]; paradoxales Umgehen mit Vergangenheit in Wahrheitskommissionen, denn sie soll abgeschlossen werden [193]; wenn Modell der Chronoferenzen plausibel ist, dann werden uns die Vergangenheiten nicht in Ruhe lassen; Wahrheitskommissionen folgen nicht nur einem bestimmten Zeitmodell, sondern setzen auch konkrete Wahrheitsidee voraus [195]; zeigt, welche Schwierigkeiten man bekommt, wenn man die harte Währung der historischen Wahrheit einsetzt [197]; falsche Voraussetzung, Vergangenheit sei der Kontingenz entzogen; Argument, das gegen die Wahrheit sprechen kann = ist in einer Zeit singulär und will über die Zeit hinaus dauerhaft gültig sein [198]; ausgerechnet historische Wahrheit ist unhistorisch; Wahrheit verlangt Eindeutigkeit und diskreditiert alles als Lüge, was nicht auf ihrer Seite steht [199].

– Michel Foucault als einer der Philosophen, die der Wahrheit den Ewigkeitszahn zogen [200]; Säurebad der Historisierung, um ihr Gemacht-Sein vorzuführen [201]; Frage, ob Verzicht auf die Wahrheit nicht direkt in Richtung Beliebigkeit führt [202]; man muss immer schon im Vorhinein wissen, aufgrund welcher Kriterien man welche Wahrheit finden wird; gleichzeitig kann man damit fast beliebige Auffassungen als falsch ausweisen, wenn sie eigenen Wahrheiten entgegenstehen; man muss Erzählungen ernst nehmen, mit deren Hilfe Wahrheiten über Dinge, Abläufe, Personen etc. behauptet werden [203]; narrative Formen der Wahrheitserzeugung können nicht durch einen wissenschaftlich-theoretischen Zugang eingeholt werden; mit historischer Wahrheit kann a) Chronologie (Daten von Geburten, Tod etc.) festgestellt und b) gegen Fälschungen in Stellung gebracht werden; Wahrheitsfrage lässt sich im historischen Zusammenhang kaum ernsthaft behandeln [205 f.]; mit Korrespondenzverfahren kann man nicht Wahrheit einer Beschreibung feststellen [207]; Wahrheit erweist sich immer nur in Konkurrenz zu anderen Varianten der Geschichtsschreibung; Alternative von historischer Wahrheit heißt nicht Lüge, Fiktion, Willkür und Beliebigkeit, sondern wahre Geschichten; wir produzieren Versionen der Vergangenheit, für die wir provinziellen und relationalen Wahrheitsanspruch erheben können [207 f.]; wir können uns mit wahren Geschichten als wichtiger Ausformung von Chronoferenzen befassen [208].

Landwehr relativiert den Anspruch auf „historische Wahrheit“ (so der durchgängig verwendete Ausdruck) und zieht ihr den „Ewigkeitszahn“, und das ist angesichts der Bedeutung, die er den Chronoferenzen bemisst, nur konsequent. Allerdings bleibt vergleichsweise unklar, worauf sich „historische Wahrheit“ bei ihm eigentlich bezieht. Geht es um die Wahrheit von Fakten, etwa die Frage, ob ein Ereignis überhaupt stattgefunden hat, um die Wahrheit der benutzten Quellen oder lediglich um die Wahrheit der Interpretationen des Historikers? Landwehr tendiert dazu, alle drei Bereiche gleichermaßen unter den geschichtswissenschaftlichen Wahrheitsbegriff zu fassen. Er spricht von „wahren Geschichten“, worunter er zumindest vorübergehend als gültig anerkannte Versionen der Vergangenheit versteht. Davon kann es viele zugleich geben, worin sich wiederum die Relativität des Wahrheitsbegriffs manifestiert. Aber wer entscheidet eigentlich darüber, was als gültig gelten soll? Die Geschichtswissenschaft, natürlich, und damit andere Historiker. Welches sind die Medien, mittels derer sie das entscheidet? Monografien, Aufsätze, Rezensionen und Tagungsberichte. Nach welchen Kriterien? Nach denen der Wissenschaftlichkeit, der inneren Kohärenz und der Überzeugungskraft des Textes. Und woraus ergeben sich diese Kriterien? Aus der Summe der nunmehr seit fast zwei Jahrhunderten von Historikern praktizierten Methoden wie Quellenkritik, Theorieverwendung, Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur, Narration, Fußnoten und vieles mehr. Die Frage nach der Gültigkeit einer historischen Aussage ist eine der komplexesten der Geschichtswissenschaft. Sie führt letztlich auf einen infiniten Regress, denn bis heute hat diese Disziplin noch kein grundlegendes und allseits akzeptiertes Handbuch zu ihrer Methode hervorgebracht. Wahrscheinlich gibt es diese auch gar nicht.

Eines steht jedenfalls fest. Trotz aller methodologischer Finesse wurde und wird die „historische Wahrheit“ immer wieder zurechtgebogen und politischen Zwecken dienstbar gemacht. Sie ist ein Einsatz im Spiel der Politik, und solange die Geschichtswissenschaften staatlich institutionalisiert und finanziert bleiben, wird sich daran auch nichts ändern. Landwehr weiß das, und eigentlich ist er kurz davor, das Wahrheitskriterium gänzlich aufzugeben, weil er es von politischen Prozessen kontaminiert sieht (so jedenfalls sind die Ausführungen zu den Wahrheitskommissionen meines Erachtens zu verstehen). Hier wie in Sachen „Wirklichkeit“ flüchtet er sich jedoch wieder in sein Allheilmittel einer Pluralisierung und vernachlässigt die innerdisziplinären Mechanismen, mittels derer Historiker die angebliche Richtigkeit ihrer Hypothesen durchsetzen (wollen). Dem Problem der Gültigkeit historischer Aussagen stellt sich Landwehr nicht. Ich möchte daher an dieser Stelle einen Vorschlag zur Lösung dieses Problems unterbreiten, der aus dem Pragmatismus stammt. Er ist John Deweys Buch „Logik. Die Theorie der Forschung“ entnommen, das im amerikanischen Original 1939 publiziert wurde (Dewey 2008; generell Suhr 2005). Dewey ging es seinerzeit um eine Erneuerung der Logik, die er von der Aristotelischen Ontologie und Kosmologie beherrscht sah, sowie um ihre Anpassung an die neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nach dem epistemologischen Einschnitt von Albert Einsteins Relativitätstheorie und der Quantenphysik.

Deweys Logik besteht aus vier Teilen: Einer Einführung in die Grundlagen der Forschung und deren Abgrenzung vom „gesunden Menschenverstand“ (Teil Eins), dem Kapitel über die Struktur der Forschung und die Konstruktion von Urteilen (Teil Zwei), einem Kapitel über Aussagen und Termini (Teil Drei) und einem Kapitel zur Logik der wissenschaftlichen Methode (Teil Vier). Im Zentrum von Deweys Beschäftigung steht die Frage, wie wissenschaftliche Aussagen konstruiert werden müssen (vom Standpunkt der Logik aus), damit sie dem Kriterium der „gerechtfertigten Behauptbarkeit“ (im Original „warranted assertibility“) genügen. Auf den wenigen Seiten, die Dewey (2008: 273 ff., 505 f., 512 u. 527-532) der Geschichte widmete, wird der Unterschied zu Landwehrs Ansatz deutlich. Es geht ihm um die Konstruktion historischer Urteile (als Teil einer wissenschaftlichen Aussage) und um eine Antwort auf die Frage: „Aus welchen Gründen können einige Urteile über den Verlauf vergangener Ereignisse eher Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben als gewisse andere?“ (ebd.: 273). Eine detaillierte Diskussion dieses Ansatzes kann hier nicht geleistet werden. Stattdessen sei nur betont, dass Dewey das Kriterium „Wahrheit“ auf das Kriterium einer „gerechtfertigten Behauptbarkeit“ zurücknahm und es ihm dabei um textinterne (aussagenlogische) Probleme der Erzeugung von Urteilen ging.

Um überhaupt über „Wahrheit“ diskutieren zu können, bedarf es in der Geschichtswissenschaft mindestens zweier Aspekte: einer Problemstellung und eines historischen Urteils, die sich beide als Aussage konstituieren. Sowohl das historische Fragen wie auch das historische Urteilen sind seit jeher die Achillesfersen der Geschichtstheorie und werden in einschlägigen Werken zumeist marginal und äußerst lieblos abgehandelt (Faber 1978: 165-182; Sellin 2005: 32-43; Rüsen 2013: 174-177 u. 185-188). Landwehr stellt dabei keinerlei Ausnahme dar. Er wiederholt das Stereotyp „Der Historiker ist kein Richter“, das spätestens seit Marc Bloch (2002: 157; dazu generell Raulff 1995) zum Standardrepertoire der Geschichtswissenschaften zählt (Landwehr 2016: 30 u. 252 f.), und glaubt, sich damit des Problems des historischen Urteils entledigt zu haben. Demgegenüber gründet er seinen eigenen geschichtstheoretischen Ansatz einzig und allein auf den Faktor „Zeit“ und den Chronoferenzen als Relationierung zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten. Eine Bestimmung dessen, was man als geschichtswissenschaftliche Aussage verstehen könnte, sucht man bei ihm vergebens. Dabei hätte sich mittels Deweys Logik eine Möglichkeit ergeben, diese Leerstelle zu füllen. Versteht man Urteile auch als zeitliche Bestimmungen, dann geht es Dewey (2008: 261-288, hier 262 f.) zufolge immer um ein sich veränderndes reales Substrat oder einen sich verändernden Referenten. Bei Landwehr bezöge sich dieser auf Chronoferenzen. Historische Urteile wären also als Aussagen über sich ändernde Chronoferenzen zu bezeichnen.

Landwehrs Probleme mit der „historischen Wahrheit“ markieren deshalb auch eine Grenze seiner inhaltlichen Schwerpunktsetzung. Sie zeigen letztlich, dass „Zeit“ für eine Geschichtstheorie kein zwingender Anfang ist. Landwehr würde dies sofort zugestehen und auch andere Anfänge (die ja immer nur individuelle Setzungen sind) für möglich halten. Was schließt der Anfang mit „Zeit“ aus? Ich sehe zumindest drei Alternativen, eine Geschichtstheorie (anders) zu beginnen: die erste geht vom Funktionssystem „Wissenschaft“ und der Geschichtswissenschaft als ihrem Teilsystem aus (Luhmann 1990 a). Begänne man damit, dann kämen vor allen Dingen die innerdisziplinären Mechanismen der Erzeugung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse zum Tragen. Die zweite Möglichkeit könnte sich, in Ergänzung dazu, im weitesten Sinne mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Praktiken einzelner nationaler Historikerfelder und ihren transdisziplinären Austauschprozessen befassen. Die dritte Möglichkeit schließlich ginge vom Medium „Schrift“ und dessen Formen aus. Sie rückte das Skripturale, und damit die Erzeugung wissenschaftlicher Texte in den Mittelpunkt.

Ja nach dem, was eine Geschichtstheorie als ihren Ausgangspunkt nehmen wird, geraten teils dieselben, teils auch andere Aspekte in den Blick, als Landwehr sie in seinem Essay verhandelt hat. Sie werden sicher auch völlig anders beschrieben werden, wenn man sie von einem anderen „Sehepunkt“ aus behandelt. Das Problem der „Wahrheit“ würde dann mittels innerdisziplinärer Prozesse der Wahrheitsproduktion und der narrativen Erzeugung gerechtfertigter Behauptungen in den Griff zu bekommen versucht, und anderen Punkten würde es ähnlich gehen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Landwehrs Essay ein geschichtstheoretischer Meilenstein ist, der zuerst einmal überboten werden muss. Natürlich beinhaltet er einige Probleme, die aus einer nie genauer explizierten Zeittheorie und deren bisweilen nicht konsequenter Anwendung resultieren, so in der Behandlung des Ereignisses. Auch schlägt der Blickwinkel des Historikers, dessen Schwerpunkt in der Frühen Neuzeit liegt, manchmal negativ zu Buche. Aus der Perspektive der Zeitgeschichte wird man vielleicht andere theoretische und inhaltliche Schwerpunktsetzungen bevorzugen, aber zuvorderst heißt es: Bessermachen (angesichts der traditionellen Theorieferne der Zeitgeschichte ein utopischer, wenn nicht nur romantischer Wunsch)! Zu leisten bleibt eine Zusammenfassung von Landwehrs Ergebnissen. Sie wird möglichst zeitnah erfolgen.

Referenzen

Bloch, Marc: Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers. Nach der von Étienne Bloch edierten französischen Ausgabe hg. v. Peter Schöttler, Klett Cotta: Stuttgart 2002

Dewey, John: Logik. Die Theorie der Forschung, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008 (Taschenbuchausgabe) [im amerikanischen Original erschienen: 1938]

Faber, Karl Georg: Theorie der Geschichtswissenschaft, 4., erw. Aufl., C.H. Beck: München 1978 [ursprgl. erschienen: 1971]

Husserl, Edmund: Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins. Mit den Texten aus der Erstausgabe und dem Nachlaß, hg. v. Rudolf Bernet, Meiner: Freiburg 2013 [ursprgl. erschienen: 1928]

Landwehr, Achim: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2014

ders.: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2016

Luhmann, Niklas: Weltzeit und Systemgeschichte. Über Beziehungen zwischen Zeithorizonten und sozialen Strukturen gesellschaftlicher Systeme, in: ders.: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft, Westdeutscher Verlag: Köln/Opladen 1975, S. 103-133

ders.: Temporalstrukturen des Handlungssystems. Zum Zusammenhang von Handlungs- und Systemtheorie, in: ders.: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation, Westdeutscher Verlag: Köln/Opladen 1981, S. 126-150

ders.: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1984

ders.: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1990

ders.: Die Zukunft kann nicht beginnen. Temporalstrukturen der modernen Gesellschaft, in: Sloterdijk, Peter (Hg.): Vor der Jahrtausendwende. Berichte zur Lage der Zukunft, Bd. 1, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1990, S. 119-150

Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit. Neuauflage mit einem Beitrag „Gegenwarten“, VS Verlag: Wiesbaden 2008 [ursprgl. erschienen: Opladen 1993]

ders.: Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der modernen Gesellschaft II, Suhrkamp: Berlin 2011

Raulff, Ulrich: Eın Historiker im 20. Jahrhundert. Marc Bloch, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 1995

Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2013

Schlögl, Rudolf: Anwesende und Abwesende. Grundriss für eine Gesellschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit, University Press: Konstanz 2014

Sellin, Volker: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Erweiterte Neuausgabe, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005 [ursprgl. erschienen: 1995]

Suhr, Martin: John Dewey zur Einführung, Junius Verlag: Hamburg 2005