Gewalt im System, siebtes Kapitel

von arminnolzen

Mit Stefan Kühls Monografie „Ganz normale Organisationen“ (2014) und seinem gemeinsam mit Alexander Gruber herausgegebenen Sammelband (2015) ist die Gewaltforschung zum NS-Staat zweifellos zu einem neuen Höhepunkt gelangt. Im Grunde genommen ziehen beide Bücher die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels nach sich: eine Abkehr von der phänomenologischen Schilderung von Gewalttaten und deren Einbettung in Phänomene von „Organisation“. Folgt man der Begrifflichkeit in Niklas Luhmanns Systemtheorie (Luhmann-Handbuch 2012), so kann man diesen Paradigmenwechsel als bewusste Abwendung von der Referenzebene „Interaktion“ und systematische Hinwendung zur Referenzebene „Organisation“ bezeichnen. Dies gilt in dreierlei Hinsicht: Gewalt, wie sie in sich Interaktionen manifestiert, muss erstens in eine organisationale Rahmung eingebettet werden; zweitens müssen die System/Umwelt-Beziehungen zwischen den an der Gewalt beteiligten bewaffneten wie unbewaffneten NS-Organisationen analysiert werden; drittens ist der Stellenwert von Organisationen im Rahmen jener Funktionssysteme in den Blick zu nehmen, die besonders gewaltaffin sind, also Politik, Recht und Wirtschaft. Nur auf diese Art und Weise ist es möglich, den Faktor „Krieg“ in die Gewaltforschung einzubeziehen. Dabei ist neben den Tätern auch ein materialer Aspekt zu berücksichtigen: Waffen. Welche Rolle spielten Waffen für die NS-Organisationen und für deren Gewalt? Wie wirkten Waffen allein durch die Drohung, sie einzusetzen? Wie veränderten Waffen die Personen, die sie trugen (Nolzen 2016/17)?

Um den Unterschied einer solchen Herangehensweise zur bisher praktizierten Gewaltforschung deutlich zu machen, soll an dieser Stelle eine bahnbrechende Untersuchung zu den so genannten Todesmärschen der Jahre 1944/45 analysiert werden. Als sich die alliierten Armeen an der West- und Ostgrenze des Deutschen Reiches im Januar 1945 zum Sturm auf die „Festung Deutschland“ anschickten, waren noch mehr als 700.000 Menschen in Hunderten von mittleren und kleineren Konzentrationslagern (KZ) des NS-Regimes inhaftiert. Darunter befanden sich Frauen, Männer und Kinder aus fast allen europäischen Staaten, ob Ukrainer, Russen, Polen, Serben, Italiener, Franzosen, Norweger und Griechen, aber auch viele Juden, „Asoziale“, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma und Homosexuelle. Bei der deutschen Kapitulation am 8. / 9. Mai 1945 waren 250.000 dieser KZ-Häftlinge nicht mehr am Leben; ermordet im Verlauf jener Todesmärsche, auf die sie während der „Räumung“ der KZ gezwungen worden waren. Daniel Blatman, Direktor des Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry an der Hebrew University Jerusalem, hat sich als einer der ersten Historiker systematisch mit diesem Thema auseinandergesetzt. Seine Studie (Blatman 2011) basiert auf einer riesigen Zahl zeitgenössischer Dokumente, Täteraussagen in Nachkriegsprozessen, Memoiren der Überlebenden und der regional- und lokalgeschichtlichen Sekundärliteratur. Sie ist eine Synthese im wahrsten Sinne des Wortes.

Blatmans Monografie besteht aus zwei fast gleich langen Teilen: Auf eine Einleitung (ebd.: 11-32), in der er sein Erkenntnisinteresse skizziert und den Forschungsstand zum Thema resümiert, folgt Teil I „Das System bricht zusammen“ (ebd.: 33-401). Blatman beginnt mit der Entwicklung des KZ-Archipels zwischen 1933 und 1943/44, bevor er die ersten „Räumungen“ an der östlichen Peripherie des „Großdeutschen Reiches“ schildert. Den Auftakt bildete das KZ Majdanek, aus dem seit dem 1. April 1944 ein Dutzend Transporte mit durchschnittlich 1.200 Häftlingen abging. Sie wurden in Güterwaggons gepfercht und in andere KZ im Reichsinnern verfrachtet, nach Auschwitz, Ravensbrück oder Mauthausen. Trotz katastrophaler hygienischer Bedingungen erreichte ein Großteil der Häftlinge ihre Bestimmungsorte lebend. Dies änderte sich jedoch, als mit dem weiteren Vormarsch der Alliierten erneute KZ-„Räumungen“ notwendig wurden, von denen Auschwitz, Groß-Rosen und Stutthof mitsamt ihrer Außenlager betroffen waren. Sie uferten bald zu einem hemmungslosen Töten aus, dem Tausende Häftlinge zum Opfer fielen. Nur bei der „Räumung“ der KZ an der westlichen Reichsgrenze, die am 1. September 1944 in Natzweiler-Struthof begann, unterblieben solche Aktionen zunächst.

Zur Eskalation der Mordpraxis scheint der Sachverhalt nicht unwesentlich beigetragen zu haben, dass die KZ-Häftlinge bei der „Räumung“ der Lager systematisch dazu gezwungen wurden, eine lange Wegstrecke zu Fuß zurückzulegen. Gleichwohl bleibt dieser Zusammenhang in der Darstellung unklar, weil der Autor zwischen den einzelnen Schauplätzen hin und her springt und nicht immer der Chronologie der Ereignisse folgt. Die Praxis der Todesmärsche begann offenbar bei der „Räumung“ des Warschauer Lagers Gęsiówka Ende Juli 1944. 300 Häftlinge, die sich im Krankenbau gemeldet hatten, wurden gleich vor Beginn der „Räumung“ ermordet. Die verbliebenen Häftlinge mussten ohne Wasser und Nahrungsmittel drei Tage lang zum mehr als 100 Kilometer entfernten Verladebahnhof marschieren. Wer unterwegs Hunger und Durst zu stillen versuchte und sich aus der Marschkolonne entfernte, wurde von den Begleitmannschaften kurzerhand erschossen. Auf ähnliche Weise verliefen die meisten anderen Todesmärsche, ob in Helmbrechts, Celle, Palmnicken, Bergen-Belsen, Lüneburg oder Eisenerz. Immer wieder erschossen Bewacher oder Polizisten und Soldaten, die unterwegs auf die Marschierenden stießen, die völlig entkräfteten Häftlinge oder prügelten sie zu Tode. Viele der Täter waren uniformiert und gehörten einer bewaffneten Organisation an.

Im Zentrum von Teil II „Kriminelle Gemeinschaften“ (ebd.: 403-714) steht das Massaker von Gardelegen, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, in dessen Verlauf am 13. April 1945 mehr als 1.000 KZ-Häftlinge in einer Scheune bestialisch ermordet wurden. Auf 150 Seiten schildert Blatman Ursachen, Verlauf und Folgen dieses beispiellosen Verbrechens. In den Tagen zuvor waren mehrere Züge und Marschgruppen mit KZ-Häftlingen in Gardelegen aufgehalten worden beziehungsweise gestrandet. Sogleich entfaltete Gerhard Thiele, der zuständige Kreisleiter der NSDAP, eine hektische Betriebsamkeit und stachelte die übrigen Verantwortlichen aus SS, Polizei und Wehrmacht dazu an, sich dieser Häftlinge zu entledigen. Daraufhin trieben die Wachmannschaften sie in einer nahegelegenen Scheune zusammen, verriegelten diese und feuerten mit Maschinengewehren, Panzerfäusten, Handgranaten und Pistolen auf die völlig hilflosen Menschen. Anschließend wurden die Leichen unter tatkräftiger Mithilfe einiger Zivilisten aus Gardelegen verbrannt. 24 Stunden nach der Mordaktion erreichte die US-Armee den Ort des grausigen Geschehens.

Gerahmt wird das Beispiel Gardelegen, das für die Todesmärsche exzeptionell war, durch eine Bilanz der Gewalteskalation an der „Heimatfront“ seit 1943/44 und eine Kollektivbiografie der Täter. Neben uniformierten Mördern nennt der Autor eine Gruppe von Verantwortlichen, die er als „mobilisierte Zivilisten“ bezeichnet. Dazu zählten Angehörige des „Deutschen Volkssturms“ und Mitglieder von NSDAP, SA, Hitlerjugend und anderen NS-Formationen, die sich an den Morden beteiligten. Im „Epilog“ fasst der Autor dann das infernalische Geschehen auf den Todesmärschen pointiert zusammen. Darin entwickelt er die These „einer neuen Gemeinschaft von Mördern […], deren Mitglieder sowohl altgediente Mörder waren (die SS-Aufseher), die gemeinsam mit den Häftlingen aus den Lagern im Osten eintrafen, als auch Personen, die sich dem mörderischen Treiben erst anschlossen, als es ihr Lebensumfeld und ihre Familie unmittelbar betraf […]“ (ebd.: 692). Zwei Aspekte hebt Blatman besonders hervor: Zum einen das utilitaristische Kalkül der Mörder, die eben nicht in einen kollektiven Blutrausch verfielen, sondern den Nutzen ihres Tuns abwogen. Zum anderen das Moment der freien Entscheidung beziehungsweise des Vorsatzes, das den meisten Morden auf den Todesmärschen zugrundelag.

In einem Spannungsverhältnis zu diesen Thesen steht jedoch Blatmans Ansicht, „dass der von den Nationalsozialisten verübte Völkermord in seiner letzten Phase von einer mörderischen Ideologie geleitet wurde, die sich dezidiert von jener unterschied, die in den vorangegangen Jahren ausgebildet worden war“ (ebd.: 688). Die Betonung der Ideologie übernimmt der Autor aus der Holocaust-Forschung, namentlich von seinem Lehrer Yehuda Bauer (1989 u. 1996). Sie ist von seinen empirischen Befunden jedoch nur unzureichend gedeckt. Im Gegenteil: Blatmans Ergebnisse hätten einigen Anlass geboten, die Rolle der Ideologie, die sich in den letzten Jahren als zentrales Erklärungsmuster für die NS-Vernichtungspolitik etabliert hat (zur Kritik Confino 2009: 534-538), zu spezifizieren. Dass während der Todesmärsche eher unauffällige Zivilisten zu Mördern wurden und sich umgekehrt radikale Parteifanatiker diesen Aktionen bisweilen gar entzogen, verweist jedenfalls auf die Grenzen dieses Interpretationsansatzes. Es verwundert nicht, dass dieser kürzlich von Nikolaus Wachsmann (2016: 674) bezweifelt worden ist. Insbesondere weist Wachsmann den Gedanken zurück, der Mord an den Häftlingen sei der Hauptzweck der KZ-„Räumungen“ in den letzten Kriegsmonaten gewesen. Stattdessen, so Wachsmann, habe er sich gewissermaßen akzidentiell und ungeplant ergeben (was den Sachverhalt, dass es sich hierbei um Mord hatte, nicht änderte). Auf jeden Fall ist mit diesem Einspruch eine gewichtige Frage aufgeworfen: welcher Zusammenhang besteht zwischen intentionaler Gewalt und Gewalt als unbeabsichtigter Folge spezifischer Handlungssituationen?

An dieser Stelle empfiehlt es sich, noch einmal auf die Ausgangsfrage von „Gewalt im System“ zurückzukommen. Dirk Baecker (2007), von dem die Bezeichnung stammt, war ja auf die Suche nach einem dritten Gewaltbegriff gegangen, der jenseits von physischer und struktureller Gewalt liegen sollte. Blatman versucht, beide Formen von Gewalt miteinander zu verknüpfen. Den eher strukturellen Aspekt verortet er in der Institution „KZ“, die auf der Referenzebene „Organisation“ angesiedelt werden kann (Balcke 2001), den physisch-körperlichen in den Interaktionen zwischen den KZ-Wachmannschaften und den Häftlingen. In seinem Kapitel „Bürokratischer Wirrwarr“ nimmt Blatman (2011: 206-251) die Interdependenzen zwischen dem KZ-System als Teil eines spezifischen Organisationsnetzwerkes und den Massentötungen bei den „Todesmärschen“ am systematischsten in seinen Blick. Er betont die widersprüchlichen Befehle, wie sie etwa für die „Räumung“ von Buchenwald überliefert sind, und schildert die tödlichen Folgen für die davon betroffenen Häftlinge. Dabei entsteht der Eindruck, dass ein Großteil der Gewalttaten auf den „Todesmärschen“ aus den spezifischen Strukturen resultierte, die sowohl die KZ als auch die waffentragenden Verbände, denen die Täter angehörten, ausgebildet hatten. Die Strukturen dieser sozialen Systeme vom Typus „Organisation“ scheinen maßgeblich dazu beigetragen haben, die Gewalttaten zu entfesseln, und sie entfalteten diese Wirkung unabhängig von der Persönlichkeit der Täter und den Orten ihrer Morde. Diesen Zusammenhang zwischen Organisationsstrukturen und Gewalt aufzuspüren, sollte die NS-Forschung in Zukunft stärker beschäftigen.

Referenzen

Baecker, Dirk: Gewalt im System, in: ders.: Wozu Gesellschaft?, Kadmos: Berlin 2007, S. 29-52 [ursprgl. erschienen: Soziale Welt 47 (1996), S. 92-109]

Balcke, Jörg: Verantwortungsentlastung durch Organisation. Die „Inspektion der Konzentrationslager“ und der KZ-Terror, edition diskord: Tübingen 2001

Bauer, Yehuda: The Death Marches January-May 1945, in: Marrus, Michael R. (Hg.): The Nazi Holocaust, vol. IX: The End of the Holocaust, Meckler Corporation: London 1989, S. 491-511

ders.: Freikauf von Juden? Verhandlungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und jüdischen Repräsentanten von 1933 bis 1945, Jüdischer Verlag: Frankfurt am Main 1996

Blatman, Daniel: Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords, Rowohlt Verlag: Reinbek bei Hamburg 2011

Confino, Alon: A World Without Jews. Interpreting the Holocaust, in: German History 27 (2009), S. 531-559

Gruber, Alexander/Kühl, Stefan (Hg.): Soziologische Analysen des Holocaust. Jenseits der Debatte über „ganz normale Männer“ und „ganz normale Deutsche“, Springer VS: Wiesbaden 2015

Kühl, Stefan: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Suhrkamp: Berlin 2014

Luhmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Oliver Jahraus, Armin Nassehi, Mario Grizelj, Irmhild Saake, Christian Kirchmeier u. Julian Müller, Metzler: Stuttgart/Weimar 2012

Nolzen, Armin: „Ganz normale Organisationen“. Was die NS-Forschung von Stefan Kühl lernen sollte, in: Mittelweg 36, Heft 6 (2016/2017), S. 97-104

Wachsmann, Nikolaus: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Siedler: München 2016