Die Reisen des Historikers XIII

von arminnolzen

Potsdam, 13. und 14. Oktober 2017

Anfang April d. J. erreichte mich eine Mail von Thomas Schaarschmidt, seines Zeichens Leiter der Abteilung IV „Regime des Sozialen“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam, der mich für einen Vortrag bei einer Tagung gewinnen wollte, bei der es im weitesten Sinne um „Menschenführung“ im 20. Jahrhundert ging. Thomas, mit dem ich die letzten zehn Jahre schon bei vielfältigen Gelegenheiten zusammengearbeitet habe, schlug mir vor, ich solle einen Beitrag zur „Schulung“ in der NSDAP und deren Bedeutung für die Mobilisierung im Zweiten Weltkrieg in Angriff nehmen, ließ mir aber bei der Gestaltung grundsätzlich einmal freie Hand. Sogleich erinnerte ich mich daran, dass ich mir schon vor langer Zeit ein Quellen- und Literaturdossier über „Führung“ im Nationalsozialismus angelegt hatte. Ich öffnete die entsprechende Datei auf meinem Computer und recherchierte, was sich in der Zwischenzeit in der empirischen Forschung zu diesem Thema getan hatte. Überrascht stellte ich fest, dass es eigentlich kaum neue Arbeiten gab, dass „Führung“ und „Menschenführung“ in der NS-Zeit, bis auf wenige Ausnahmen vor allen Dingen im Bereich „Betriebspolitik“, bislang immer noch Terra incognita sind. Auch die einschlägige Literatur über die „Schulung“ in der NSDAP bildet dabei keine Ausnahme (zur Einführung Wegehaupt 2012).

Als nächstes las ich das beiliegende Konzeptpapier zur Tagung, das Thomas gemeinsam mit seiner Kollegin Franziska Rehlinghaus, ebenfalls ZZF, jetzt Universität Göttingen, verfasst hatte. Der Schwerpunkt lag auf „Konzepten, Semantiken und Praktiken“ von „Menschenführung“, wie sich den folgenden Ausführungen entnehmen lässt:

„Das 20. Jahrhundert ist das Zeitalter der Führung. Von den messianischen Führererwartungen und -hoffnungen seit dem ausgehenden Kaiserreich, die in der Weimarer Republik immer dominanter wurden und im Nationalsozialismus ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten, über die Führungswissenschaft, die als Teilwissenschaft der Betriebswirtschaftslehre reüssieren konnte, hin zu Formen der Selbstführung im Zeitalter neoliberaler Gouvernementalität prägten Vorstellungen, Ideale und Praktiken von Menschenführung die deutsche Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts nachhaltig. Der Begriff des Führens war ein Schlüsselkonzept über gesellschaftliche Teilbereiche, historische Umbrüche und politische Systeme hinweg. Wurde die praktische Ausgestaltung des ,Führerprinzips‘ im Nationalsozialismus bis heute vielfach erforscht und zu solchen Begriffen wie ,Volksgemeinschaft‘ in Beziehung gesetzt, so hat die Geschichtswissenschaft sich bislang nur vereinzelt der Genealogie des Begriffs aus älteren Zusammenhängen (völkisch, sozialistisch etc.) gewidmet und nur bedingt zur Kenntnis genommen, dass er bereits wieder ab den 1950er Jahren in den Bereichen Wirtschaft, Militär, Bildung und Verwaltung in beiden deutschen Staaten zu einer Leitkategorie avancieren konnte, in der die Legitimation und inhaltliche Füllung von Autorität, hierarchischen Beziehungen und Selbstbezügen neu verhandelt wurde. So fehlt bislang eine umfassende historische Forschungsperspektive zum Konzept der Menschenführung im gesamten 20. Jahrhundert, die seiner Relevanz als zentraler Kategorie gesellschaftlicher Strukturierung, Selbstdeutung und Subjektivierung Rechnung trägt.

Ziel der Tagung ist es, einen begriffsgeschichtlich informierten Blick auf die Konzepte, Diskurse und Praktiken von Menschenführung über zeithistorische Zäsuren, politische Systeme und gesellschaftliche Bereiche hinweg zu nehmen, um darüber neue Erkenntnisse über die Strukturprinzipien der deutschen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zu gewinnen. Die Tagung nimmt dabei ihren Ausgang von der Frage, welche unterschiedlichen Funktionen und wessen Bedürfnisse der Führungsbegriff und seine Derivate (‚Führer‘, ‚Geführte‘, ‚Führungskraft‘, ,Menschenführung‘ etc.) im Laufe des Jahrhunderts aufgriffen und erfüllten: Wozu brauchen moderne Industriegesellschaften so etwas wie (Menschen)Führung und wer bestimmt, was diese Führung bedeutet und ist? Dabei soll es auch darum gehen, die triviale ;Erfolgsgeschichte‘ der Menschenführung zu dekonstruieren, die von einer allmählichen Verlagerung von der ,autokratischen‘, teils ,diktatorisch-autoritären‘, teils ,paternalistischen‘ Führung zu einer ‚kooperativen‘ Führung ausgeht und in dieser oder ähnlicher Form bis heute immer wieder reproduziert wird. Stattdessen sollen Fragen behandelt werden, die die wirklichkeitsstrukturierende Kraft des (Menschen)Führungsbegriffs in den Blick nehmen: so soll es um die Bestimmung von Hierarchien und dabei auch um Macht und Herrschaft gehen, um Fragen von Organisation und Mobilisierung, um Verhaltenssteuerung, um Erziehung und Bildung, um Prozesse der Psychologisierung und Verwissenschaftlichung, um Bürokratisierung, um Exklusion und Inklusion, um Fragen von Bindung und Selbstkontrolle und um Zukunftshoffnungen und – gerade für beide deutsche Staaten nach 1945 – auch um Auseinandersetzungen mit der Last der Vergangenheit. Die Konferenz widmet sich dabei vornehmlich den Bereichen Politik, Wirtschaft, Erziehung und Militär vom ausgehenden Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus hin zur Geschichte von BRD und DDR.

Von den Beiträgen wird erwartet, dass sie begriffs- und sachgeschichtliche Perspektiven am konkreten Untersuchungsgegenstand zusammenbinden und dabei den Begriff der Menschenführung als Indikator und Faktor historischer Wirklichkeit und historischen Wandels in den analytischen Mittelpunkt stellen“.

Im Zentrum dieser Konferenz über „Menschenführung“ und „Führung“ sollten also das Deutsche Reich bis 1945 und die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stehen. Begriffs- und sachgeschichtliche Perspektiven zu kombinieren, kam mir durchaus entgegen, hatte ich dies doch schon in einschlägigen Beiträgen zur „Volksgemeinschafts“-Debatte versucht (Nolzen 2013, 2014). Ich schlug Thomas daher vor, meinen Beitrag „,Menschenführung‘ in der NSDAP nach 1933“ zu nennen. Dabei hatte ich im Hinterkopf, mich dem Thema von einer modifizierten historischen Semantik aus anzunähern. Aufgrund der schlechten Forschungslage war mir von vornherein klar, dass ich hier noch keine definitiven Ergebnisse anbieten, sondern höchstens einen Aufriss zukünftiger Forschung liefern könnte. In dieser Meinung wurde ich durch das Tagungsprogramm, das mich wenige Wochen später erreichte, noch bestärkt.

„Freitag, 14.10.2017

13:00-13.30 Einführung: Thomas Schaarschmidt/Franziska Rehlinghaus

Thema: Politische Menschenführung I: Führererwartungen nach dem Ersten Weltkrieg

13:30-13:50 Jörn Retterath: Wider das Chaos. Die Sehnsucht nach Führung, Einheit und Gemeinschaft im Spektrum der politischen Mitte von Weimar

13:50-14:10 Barbara Stambolis: Jugend führt Jugend? Die deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Unterordnung

14:10-14:30 Wolfram Pyta: Ästhetische Legitimation politischer Führerschaft am Beispiel von Hindenburg und Hitler

14:30-14:40 Kathrin Kollmeier: Kommentar

14:40-15:10 Diskussion

15:10-15:40 Kaffeepause

Thema: Politische Menschenführung II: ‚Führerstaat‘, ,sozialistische Menschenführung‘ und Führung in der Demokratie

15:40-16:00 Armin Nolzen: ‚Menschenführung’ in der NSDAP nach 1933

16:00-16:20 Morten Reitmayer: Elite-Handeln. Semantiken der Führung in der Bundesrepublik nach 1945

16:20-16:40 Rüdiger Bergien: ,Transmissionsriemen‘ und ,Debattierklub‘. Führungsstrukturen im zentralen Parteiapparat der SED

16:40-16:50 Rüdiger Hachtmann: Kommentar

16:50-17:20 Diskussion

17:20-17:50 Kaffeepause

Thema: Militärische Führung nach 1945

17:50-18:10 Rüdiger Wenzke: Führung in der NVA

18:10-18:30 John Zimmermann: Reform auf Ruinen? Das Konzept der Inneren Führung der Bundeswehr

18:30-18:40 Thomas Schaarschmidt: Kommentar

18:40-19:10 Diskussion

Samstag, 14.10.2017

Thema: Führung und führen lernen als ökonomische Herausforderung

9:30-9:50 Karsten Uhl: Menschenführung in der ‚Betriebsgemeinschaft‘. Wissenschaftliche Konzepte und betriebliche Praxis während der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus

9:50-10:10 Franziska Rehlinghaus: Führen lernen. Führung als Praxis betrieblicher Weiterbildung in der BRD

10:10-10:20 Rüdiger Graf: Kommentar

10:20-10:50 Diskussion

10:50-11:20 Kaffeepause

Thema: Die Führung des Selbst

11:20-11:40 Stefan Senne und Alexander Hesse: Selbstführung im 20. Jahrhundert. Techniken und Strategien der Subjektivierung in Lebensratgebern

11:40-12:00 Boris Traue: Menschenführung zwischen Geständnis und Selbstautorisierung. Versuch einer soziologischen Einordnung

12:00-12:10 Martin Sabrow: Kommentar

12:10-13:00 Diskussion und Abschlussdiskussion“

Ein bunter Strauß von Themen, die den Begriff „Führung“ ubiquitär einsetzten und sich, um mit Niklas Luhmann (1997) zu sprechen, auf so unterschiedliche Referenzebenen wie „Gesellschaft“ (Retterath, Stambolis, Pyta), „Organisation“ (Nolzen, Bergien, Wenzke, Zimmermann, Uhl), „Interaktion“ (Rehlinghaus), ja sogar auf psychische Systeme (Henne/Hesse, Traue) erstreckten. Bei der Lektüre der Vortragstitel beschlich mich der Verdacht, dass die Kollegen die Begriffe „Führung“ und „Menschenführung“ substanzialistisch-essenzialistisch konzipieren würden. Ich entschied mich deshalb dafür, in meinem eigenen Vortrag einen operativen Ansatz zu wählen und damit Achim Landwehrs (2016) Forderungen nach einer chronoferenziell-relationalistischen Geschichtswissenschaft nachzukommen. Zugleich setzte ich meine vor einigen Jahren begonnen Lektüre der so genannten Gouvernementalitätsstudien fort, wie sie im Gefolge der Arbeiten von Michel Foucault (2006 a, b) entwickelt worden sind, und führte mir das gerade erschienene Buch von Ulrich Bröckling (2017) zu Gemüte, um einen anderen operativen Ansatz zu vertiefen, der in den Geschichts- und Kulturwissenschaften weit prominenter ist als die Systemtheorie, die ich zu benutzen gedachte. Dies geschah, um meine eigene Herangehensweise überzeugender darstellen zu können; dabei einkalkulierend, dass Luhmann wieder auf die in der NS-Forschung sozusagen branchenübliche Ablehnung stoßen würde.

Die Tagung begann mit einer Einleitung der Veranstalter (Schaarschmidt/Rehlinghaus), die sich in ihren Grundzügen an das Konzeptpapier hielt und noch einmal die Bedeutung von „Führung“ gerade für das 20. Jahrhundert herausstellte. Es folgten drei Vorträge zur Weimarer Republik. Darin ging es um „Führererwartungen“ in der politischen Mitte (Retterath), einen Vergleich zwischen Paul von Hindenburg und Adolf Hitler, der sich Max Webers (1988) vielzitiertem Idealtyp „Charisma“ als Tertium comparationis bediente (Pyta; basierend auf dems. 2007, 2015), und um die Jugendbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also um Wandervogel und Bündische Jugend (Stambolis). Die Vorträge, allesamt um die 20 Minuten, wurden nacheinander gehalten; es folgten ein zehnminütiger Kommentar und Fragen, die erst gesammelt und von den Referenten danach in einer Art gebündeltem Statement abgearbeitet wurden. Dieser Ablauf blieb während der gesamten Konferenz derselbe und ließ eine Diskussionszeit von 30 Minuten zu. Die Konferenz war durchaus kompakt: Kurze Vorträge, Kommentare und Fragen (pro Sektionsblock wurde im Durchschnitt zehn davon gestellt), die bisweilen aber arg lang gerieten und die ohnehin knappe Diskussionszeit noch weiter begrenzten. Obwohl man nicht den Eindruck hatte, gehetzt zu sein, blieb von Anfang an ein gewichtiges Problem bestehen. Vieles konnte nur angerissen, nichts vertieft werden, es herrschte ein Pluralismus von Deutungen, Konzepten, Ansätzen, der die gesamte Bandbreite der Zeitgeschichte als Disziplin widerspiegelte.

Hätte ich hier einen Tagungsbericht zu schreiben, hangelte ich mich einfach der Vorträge entlang und referierte nur deren Inhalt. Konzeptionelles, Übergreifendes oder Weiterführendes wurde ja kaum diskutiert, gehörte also auch nicht in einen solchen Tagungsbericht hinein. Die Gattung „Blog“ ermöglicht es aber, vom Inhalt der Vorträge zu abstrahieren und auf den Kern des Problems der Konferenz zu kommen, wie er sich mir im Laufe der beiden Tage darstellte. Bereits in der ersten Sektion war auffällig, dass viele Konzepte von „Führung“ und „Menschenführung“ benutzt wurden und dabei immer wieder zwei Stränge parallel liefen: einerseits wurde „Führung“ als ein Realgegenstand behandelt, als etwas, das empirisch vorkommt und beschrieben werden kann, andererseits als Semantik, also als Wort, dessen Inhalt im Grunde genommen beliebig zu füllen war und von Organisationen, Institutionen und Akteuren auch beliebig gefüllt wurde. Überraschenderweise waren sich die Anwesenden prinzipiell darin einig, „Führung“ eher mittels einer kommunikationstheoretischen Herangehensweise analysieren zu müssen, so dass die sonst bei solchen Konferenzen übliche Hypostasierung von „Handlung“ einmal unterblieb. Gleichwohl konnte aufgrund des Zeitmangels der Begriff „Kommunikation“ (Schützeichel 2004) nie genauer systematisiert werden, was sich insbesondere darin zeigte, dass die Medien der „Führung“, also Verbreitungsmedien wie Schrift, Buchdruck, Rundfunk und Fernsehen sowie Erfolgsmedien wie Macht, Geld und Wahrheit keine Rolle spielten (Luhmann 2005: 87-180).

In meinem eigenen Vortrag (Vortrag ZZF Potsdam) wies ich natürlich auf die Notwendigkeit eines kommunikationstheoretischen Ansatzes hin und versuchte, dies mit der von mir geforderten „operativen Semantik“ zu verbinden. Dabei erwies es sich als Nachteil, dass Rüdiger Hachtmann (Potsdam/Berlin) meine Ausführungen nur inhaltlich kommentierte und Fragen der Methodik zu thematisieren unterließ. Um noch einmal deutlich zu machen, dass ich keine substanzialistische, sondern eine funktionalistische Problemsicht vertrete, führte ich das poststrukturalistische Konzept des „leeren Signifikanten“ ein (Laclau 2002; allgemein Reckwitz 2006). „Führung“, so ließe sich dieser Begriff operationalisieren, ist als Signifikant vollkommen inhaltlos, und das Spezifikum des Nationalsozialismus läge darin, solche Worte besonders stark emotional besetzt zu haben. Mein Hinweis, dass Begriffe wie „Führung“ und „Menschenführung“ allesamt immer auch einen affektiven Gehalt haben und dass es einer Kombination semantischer Analysen mit emotionengeschichtlichen Ansätzen bedarf (Schnell 2015), wurde zwar zur Kenntnis genommen; eine Vertiefung konnte jedoch nicht erfolgen. Die Diskussion dieser Sektion fokussierte sich auf den Vortrag Morten Reitmayers und die strittige Frage, ob der Begriff „Elite“ erst nach 1945 aufkam oder ob der NS-Staat ihn auch schon benutzt hatte.

In der eher politikgeschichtlich orientierten Sektion über Führungskonzepte in der Nationalen Volksarmee (Wenzke) und in der Bundeswehr in den 1950er und 1960er Jahren (Zimmermann) standen die Konzepte politischer und militärischer Entscheidungsträger und die divergierenden soldatischen Erfahrungen im Zentrum. In der ersten Sektion des zweiten Tages kamen „Führung“ in der NS-Betriebspolitik (Uhl) und die Frage, wie in der bundesdeutschen Wirtschaft „Führung“ nach 1945 zu lehren versucht wurde (Rehlinghaus), zur Sprache. Damit wurde „Führung“ jetzt auch als Mittel der Kontrolle und als Problem der Kognition thematisiert. Beides hätte gut mit kybernetischen Konzepten des Regierens in Verbindung gebracht werden können, wie sie in den frühen 1940er Jahren zunächst in den USA entstanden (Seibel 2016). Dies geschah zwar nicht; dennoch war die Diskussion in dieser Sektion am lebhaftesten und interessantesten, weil zum ersten Male systematisch nach der Rolle der Geführten gefragt wurde. Welchen Stellenwert das „Geführt werden“ im Rahmen der bei der Konferenz verhandelten „Menschenführung“ besaß, wurde in der letzten Sektion erörtert, die sich mit „Selbstführung“ im weitesten Sinne befasste. Lebensratgeber (Senne/Hesse) und die Soziologisierung (Traue) jener „Errettung der modernen Seele“ (Illouz 2011) während des therapeutischen Zeitalters seit den 1970er Jahren standen im Zentrum. Verhandelt wurden Fragen der Kultursoziologie und -geschichte, wogegen die anderen Sektionen eher politikgeschichtlich orientiert gewesen waren. Insofern erbrachte die Sektion eine gute Perspektivenerweiterung.

Allerdings ist mir unklar geblieben, welchen analytischen Gehalt der Begriff „Selbstführung“ eigentlich haben soll. Sicherlich gibt es seit den 1960er Jahren in den westlichen Gesellschaften einen regelrechten Aufstieg des Therapeutischen, der auf spezifische Technologien des Selbst abzielt, wie Foucault das nennt. Warum aber muss man dies unter dem Begriff „Selbstführung“ subsummieren? Anders ausgedrückt: ging es in den meisten anderen Vorträgen um einen Quellenbegriff („Führung“, „Menschenführung“), der mittels historischer Analyseverfahren intelligibel gemacht wurde, so ist das Selbstführungskonzept ein Begriff der wissenschaftlichen Analyse selbst. Im Grunde genommen argumentierte man auf zwei verschiedenen Ebenen und setzte damit den zeitgenössischen Sprachgebrauch (Beobachtung erster Ordnung) mit Begriffen in eins, die auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung entwickelt wurden. Darin zeigt sich auch das Problem, dass viele Referenten nicht ausreichend zwischen Semantiken und Praktiken unterschieden oder genauer: dass sie Semantiken nicht kommunikationstheoretisch in den Blick nahmen, sondern sie subkutan immer als Ausfluss eines (Sprech)Handelns interpretierten.

Was bleibt von dieser Konferenz festzuhalten? Mein Luhmann-Ansatz wurde dieses Mal nicht kritisiert, sondern einfach totgeschwiegen, wenngleich sich viele Anknüpfungspunkte zu den ansonsten für die Debatte um „Führung“ genannten Referenzautoren Foucault, Weber oder auch Pierre Bourdieu ergaben. Selbst Talcott Parsons‘ Handlungstheorie kam in einem Vortrag (Reitmeyer) vor; das erste Mal in zwanzig Jahren, die ich mittlerweile auf solchen Konferenzen verbringe, habe ich diesen Namen gehört! Es gab viel Inhaltliches, aber wenig Konzeptionelles; nicht zuletzt ein Problem der knappen zur Verfügung stehenden Zeit. Ob die Veranstalter einen Tagungsband planen, ist noch nicht ausgemacht. Aber vielleicht muss ja auch nicht alles gedruckt werden, was bei solchen Gelegenheiten geredet wird. Der mündliche Austausch mit Kollegen erfüllt ja auch einen wichtigen Zweck: sich selbst über das zu versichern, was man tut, also die eigenen Praktiken zu objektivieren und jenem Imperativ der Selbstreflexion zu folgen, wie er im Rahmen eines konstruktivistischen Wissenschaftsverständnisses selbstverständlich sein sollte.

Intertexte

Bröckling, Ulrich: Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste, Suhrkamp: Berlin 2017

Foucault, Michel: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 2004]

ders.: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 2004]

Illouz, Eva: Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2011 (Taschenbuchausgabe) [ursprgl. erschienen: 2009]

Laclau, Ernesto: Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun?, in: ders. (Hg.): Emanzipation und Differenz, Turia+Kant: Wien 2002, S. 65-78

Landwehr, Achim: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2016

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997

ders.: Einführung in die Theorie der Gesellschaft, hg. v. Dirk Baecker, WBG: Darmstadt 2005

Nolzen, Armin: Nationalsozialismus und ›Volksgemeinschaft‹. Plädoyer für eine operative Semantik, in: von Reeken, Dietmar/Thießen, Malte: ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis. Neue Forschungen zur NS-Gesellschaft vor Ort, Schöningh: Paderborn/München/Wien/Zürich 2013, S. 51-63

ders.: The Nazi Party’s Operational Codes after 1933, in: Bernhard Gotto/Martina Steber (eds.): Visions of Community in Nazi Germany: Social Engineering and Private Lives, University Press: Oxford 2014, S. 87-100

Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, Siedler: München 2007

ders.: Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse, Siedler: München 2015

Reckwitz, Andreas: Ernesto Laclau. Diskurse, Hegemonien, Antagonismen, in: Moebius, Stefan/Quadflieg, Dirk (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart, VS-Verlag: Wiesbaden 2006, S. 339-349

Schnell, Rüdiger: Haben Gefühle eine Geschichte? Aporien einer History of emotions, V&R unipress: Göttingen 2015

Schützeichel, Rainer: Soziologische Kommunikationstheorien, UVK: Konstanz 2004

Seibel, Benjamin: Cybernetic Government. Informationstechnologie und Regierungsrationalität von 1943-1970, Springer VS: Wiesbaden 2016

Weber, Max: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft, in: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. v. Johannes Winckelmann, 7. Aufl., Mohr: Tübingen 1988, S. 475-488 [ursprgl. erschienen: 1922]

Wegehaupt, Philipp: „Wir grüßen den Haß!“. Die ideologische Schulung und Ausrichtung der NSDAP-Funktionäre im Dritten Reich, Metropol: Berlin 2012