zweite Zwischenbetrachtung

von arminnolzen

Wieder einmal bin ich an dieser Stelle lange Zeit stumm geblieben. Dies liegt nicht an einem Versiegen der Ideen (diese sind nahezu endlos, stellen sich in atemberaubender Geschwindigkeit immer dann ein, wenn ich gelesen habe), und ebenso wenig fehlt es mir an Zeit, meine Gedanken zu Papier zu bringen. Das Schreibenwollen, das scripturire, ist stärker als zuvor in mir präsent, und immer noch habe ich diese „Lust am Text“, der Roland Barthes vor mittlerweile fast einem halben Jahrhundert ein Denkmal gesetzt hat. Es hat sich einzig und allein gezeigt, wie unrichtig es war, diesen Blog nur als Ausdruck eines Überschusses am Schreiben zu konzipieren. Im Gegenteil: in mir ist die Einsicht gereift, dass er vielmehr der Ort ist, an dem sich mein eigenes Schreiben am besten materialisiert! Nicht der mit Kollegen herausgegebene Sammelband (bei dem man viel zu sehr von den Autoren abhängig ist, von ihren Launen, Nicht-Überarbeitungen und Fristüberschreitungen), auch nicht der gelehrte Aufsatz (der allzu vielen Konventionen unterliegt) und schon gar nicht der öffentliche Vortrag (dessen gesprochenes Wort so schnell verschwindet wie Spuren im Sand) bilden das Zentrum meines Schreibens, sondern der Ort, an dem ich mich in diesem Augenblick befinde.

Zu dieser Einsicht gesellte sich in den letzten Monaten eine zweite, ebenso subjektive hinzu: die Geschichtswissenschaft, und zwar sowohl die akademische wie auch diejenige der Amateure und Laien, hat seit einiger Zeit diverse Fehlentwicklungen genommen, die es eigentlich gerechtfertigt erscheinen ließen, den überstrapazierten Begriff „Krise“ zu verwenden. Ich will davon absehen und lieber vom langsamen Sterben der Geschichtswissenschaft in ihrer aktuellen Form sprechen, einerseits als Erbe des Historismus seit Mitte des 19. Jahrhunderts, andererseits als Produkt der multiparadigmatischen Kulturwissenschaften. Als selbstbewusste, aktive, autonome, vorbildhafte, faszinierende Kraft liegt die Geschichtswissenschaft (wie wir sie zum jetzigen Zeitpunkt kennen) im Sterben. Zu diesem persönlichen Eindruck eines Verlusts ihrer Aura fünf Hinweise.

►Geschichtswissenschaft begibt sich sehenden Auges in wachsende Abhängigkeit vom System der Politik, von Regierungen, Parteien und Verwaltungsorganen. Auftragsarbeiten, Gutachten- und Beratertätigkeiten für Bundes- und Länderministerien und -parlamente, Erinnerungs- und Gedenkkultur als Foren einer als politisch verstandenen Bildung, „mit Rechten reden“ (wozu, zwecks besserer Erkenntnis vergangenen Geschehens?), das Ringen um eine Restitution von geraubtem Kulturgut, Resolutionen und politische Ethiken, Internet-Auftritte von Historikern, die meist tagespolitische Probleme erörtern (oder gibt es etwa jemanden, der ein wissenschaftliches Schreibtagebuch führte?), Partei- und Gewerkschaftsstiftungen als Geldgeber wissenschaftlicher Preise und Kongresse, prominente Festredner aus der Politik, Identitäts- und Wir-Rhetorik und vieles mehr. Man kann es drehen und wenden, wie man will: die Geschichtswissenschaft leidet an Politismus.

►Geschichtswissenschaft wandelt sich zur „public history“ und folgt immer mehr ökonomischen Gesetzen. Zum einen hat sich eine Jubiläumshistoriografie entwickelt, bei der mit großer Verve spezifischer vergangener Ereignisse gedacht wird (in diesem Jahr „1918“ mit so vielen Analysen zum Ende des Ersten Weltkriegs, wie sie in den letzten beiden Dekaden nicht erscheinen sind), zum anderen hat sich der neue Intellektuellen-Typus des Historiker-Journalisten herausgebildet, der Bücher wie am Fließband produziert (die Verlage nennen dieses Genre gerne „Sachbuch“) und sie auf dem kurzen Dienstweg gleich selbst in den Feuilletons bewirbt. Der wissenschaftliche Wert von Jubiläumshistoriografie und Sachbüchern scheint mir zumindest zweifelhaft (oftmals handelt es sich bloß um Zusammenfassungen veralteter Sekundärliteratur und Nacherzählungen der Taten als „groß“ geltender Männer, als hätte es die beiden epistemologischen Revolutionen der „Annales“-Historiografie und der Frauen- und Geschlechtergeschichte nie gegeben). Kurzum: die Geschichtswissenschaft leidet an Vermarktlichung.

►in der Geschichtswissenschaft ist eine Hinwendung zum Subjekt zu erkennen, die sich in der Aufwertung vergangener individueller Erfahrungen zur „eigentlichen Geschichte“ manifestiert. Dieser Versuch, Subjektives zu objektivieren, geht mit einer eigentümlichen historiografischen Operation einher: Historiker stilisieren historische Personen zu „geschichtsmächtigen Akteuren“ und verdecken ihre eigene Autorschaft an der geschriebenen Geschichte. So mutieren historische Persönlichkeiten selbst zu Erzählern, ob durch einen die Quellen paraphrasierenden Schreibstil, deren Hypostasierung zum Spiegel wahrer „individueller“ Gefühle und Motive, die lückenhafte Beschreibung einmaliger Situationen anstelle von wiederkehrenden Konstellationen (ausgedrückt in der Bevorzugung des Begriffs „Kultur“ vor dem Begriff „Gesellschaft“), die Überwertung der Referenzebene „Interaktion“ bei gleichzeitiger Vernachlässigung von „Organisation“ (jedenfalls in der neueren Geschichte) und einen weitgehenden Verzicht auf historische Urteile im Hinblick auf Aussagen der jeweiligen Zeitgenossen, die angeblich „für sich“ sprechen; so die Symptome dieses historiografischen Interesses am Besonderen. Präziser: die Geschichtswissenschaft leidet an wachsender Singularisierung.

►in der Geschichtswissenschaft grassiert eine zunehmende Resonanzlosigkeit, die sich in einer mangelnden Kenntnisnahme von beziehungsweise Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen manifestiert, die Kolleginnen und Kollegen erarbeitet haben. Zu beklagen sind eine Oberflächlichkeit vieler Rezensionen, die in Online-Portalen, Fachzeitschriften sowie Zeitungen erscheinen, Editionen und Quellensammlungen, in denen Sach- und Personenkommentare auf ein Minimum beschränkt sind, Überblickswerke, die selbst aus Überblickswerken konzipiert sind und noch nicht einmal die empirischen Studien zum behandelten Thema zur Kenntnis nehmen, transdisziplinäre Sonderforschungsbereiche, in denen heftig darum gerungen wird, mit anderen Wissenschaften ins Gespräch zu kommen, ohne die Spezifität des eigenen Faches zu berücksichtigen, Konferenzen, Workshops und Gesprächsforen, bei denen man das geschichtswissenschaftliche Rad immer neu zu erfinden vermeint (und alle Vorarbeiten kurzerhand beiseite wischt) sowie eine Argumentation ad personam, nachdem doch einmal eine kritische Sichtung der Sekundärliteratur erfolgt ist. Mit anderen Worten: die Geschichtswissenschaft leidet an einer veritablen Selbstvergessenheit.

►Geschichtswissenschaft hält in der Form ihrer beiden zentralen Reflexionstheorien, also der Theorie und der Didaktik der Geschichte, noch immer an der Vorstellung fest, ihre Erkenntnisse sollten einer ominösen lebensweltlichen „Orientierung“ ihrer Rezipienten dienen. Dass sich die soziale Zusammensetzung ihrer Zielgruppe in der Migrationsgesellschaft fundamental verändert hat, ficht sie ebenso wenig an wie die beispiellose Pluralisierung der Sinnstiftungsinstanzen im Internetzeitalter (neben „Gott“ und „Geschichte“ sind dies Konsumobjekte aller Art, Vorbilder aus Pop und Sport und Heerscharen anderer so genannte Influencer. Die Geschichtsdidaktik hat zwar avancierte produktionsorientierte Methoden entwickelt (Projektarbeit), deren Umsetzung in Universität und Schule aber nur in Ausnahmefällen gelingt. Stattdessen klebt die unterrichtliche Praxis an anachronistischen Lehrmethoden (Vorlesung, Seminar, Übung an den Universitäten, Frontalunterricht, Gruppenarbeit, Klausuren in den Schulen), obwohl sie die Lernenden damit zu Trivialmaschinen degradiert, die einen fachlichen Input bekommen und diesen lediglich eins zu eins wiedergeben müssen. Diese Art der Geschichtsaneignung stößt zunehmend auf Ablehnung, und historisches Wissen vor allem in den jüngeren Generationskohorten geht spürbar zurück. Mit anderen Worten: die Geschichtswissenschaft leidet an einem Vermittlungsproblem.

Die fünf genannten Aspekte (Politismus, Vermarktlichung, Singularisierung, Selbstvergessenheit und das Problem der Vermittlung historischen Wissens) sind am Jahresende 2018/19 auch für die NS-Forschung von Relevanz, und zwar in methodischer wie inhaltlicher Hinsicht. Erstens ist sie zu einer Art Legitimationswissenschaft der bundesrepublikanischen Demokratie avanciert, die nicht zuletzt deshalb zum Hauptansprechpartner für die Auftragsforschung geworden ist, weil sie vor allem das System der Politik im „Dritten Reich“ analysiert. Zweitens befeuert die NS-Forschung ein expandierendes System der Vergangenheitsbewirtschaftung, indem sie ihre (didaktisch reduzierten) Erkenntnisse bewusst in die Massenmedien und deren Formate einspeist und unablässig einfache Erklärungen für komplexe Geschehnisse postulieren muss, die einer differenzierten Analyse Hohn sprechen. Drittens verlagert sich ihre Produktion immer mehr auf eine biografische, das Individuum und dessen Handlungen ins Zentrum rückende Perspektive, wodurch sie die anthropozentrische Illusion erweckt, einzelne „Menschen“ hätten die Geschichte des Nationalsozialismus gemacht (und sie hätte jederzeit anders verlaufen können, wenn sie oder andere nur anders gehandelt hätten). Viertens ist die generelle Hinwendung der NS-Forschung zu „Neuheit“ anstelle von „Wahrheit“ als zentralem Beurteilungskriterium historischer Aussagen zu konstatieren, die die ernsthafte Gefahr in sich birgt, die Fehlerkorrektur als zentrale Aufgabe der Geschichtswissenschaft im Internetzeitalter zu vernachlässigen. Fünftens nutzt die NS-Forschung die Chance nur unzureichend, die ihre Hinwendung zum Individuellen und Subjektiven für Lehre und Lernen bietet, weil sie nicht an die Lebenswelten ihrer Rezipienten anzuknüpfen vermag und primär ein bestimmtes Sprechen über die NS-Geschichte, nicht jedoch eine kritische Aneignung derselben durch produktionsorientierte Methoden einübt.

Wenn jede Generation ihre Geschichte neu schreibt, so ist dergleichen im Fall der NS-Forschung momentan nicht zu erkennen. Stattdessen schreitet sie manisch voran, ohne auch nur den Hauch einer neuen Interpretation anzubieten (der letzte Versuch, das Wort „Volksgemeinschaft“ dazu zu nutzen, ist fehlgeschlagen, weil Quellen- und Analysebegriff nicht hinreichend getrennt worden sind). All das läuft darauf hinaus, „Geschichte“ im Maßstab eins zu eins abzubilden, wie es der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seinem meisterhaften Aperçu „El rigor en la ciencia“ (ins Deutsche übersetzt als „Von der Strenge der Wissenschaft“) anhand der Kartografie in einem erfundenen Imperium so eindrucksvoll karikierte. In dieser Form ist die NS-Forschung genauso zum Sterben verurteilt wie die Geschichtswissenschaft, aber vielleicht dauert ihres länger (und ist umso quälender). Das Sterben selbst ist nicht zu verhindern, man kann Sterbende nur angemessen begleiten. Dies will ich in Zukunft mittels einer epistemologischen Operation versuchen, deren Wirksamkeit sich erst noch erweisen muss: als Historiker werde ich nur noch „ich“ sagen. Mein Ziel ist und bleibt: Neuinterpretation des Nationalsozialismus.