Gewalt im System, achtes und letztes Kapitel

von arminnolzen

„Gewalt im System“, so lautet der Titel der hier geposteten, insgesamt sieben Eintragungen, die es jetzt, mit einiger Verspätung, zusammenzufassen gilt. Alles begann mit dem unter „Gewalt im System, erstes Kapitel“ analysierten Aufsatz des Wittener Soziologen Dirk Baecker (2007). Es waren zwei methodologische Einsichten Baeckers, die mir als maßgebliche Inspirationsquelle dienten. Zum einen finde Gewalt immer in einem (sozialen) System statt, sei also unter Bezug auf eine spezifische Systemreferenz in den Blick zu nehmen, zum anderen erfordere das Phänomen einen strikt beobachterrelationalen Zugang. Einerseits sei Gewalt im Rahmen von Interaktionen, Organisationen und Funktionssystemen relevant, andererseits müsse sie immer auch durch einen Beobachter zugerechnet werden. In der Geschichtswissenschaft obliegt dies einem psychischen System. Ich habe hier die folgenden Beobachter vorgestellt: einen US-amerikanischen Historiker (Browning 1993), einen deutschen Sozialpsychologen (Welzer 2005), einen deutschen Historiker (Wildt 2007), eine deutsche Soziologin (Christ 2011), einen deutschen Organisationsoziologen (Kühl 2014) und einen israelischen Historiker (Blatman 2011). Diese sechs Personen gehören zwei Generationenkohorten an (Browning ist 1944, Wildt 1954, Welzer 1958 und Blatman 1953 geboren, wohingegen Kühl und Christ beide Jahrgang 1966 sind), und ihre wissenschaftlichen Ausbildungswege unterscheiden sich teils stark voneinander.

Dennoch gibt es überraschend viele Gemeinsamkeiten in ihrem Bemühen, die NS-Massengewalt zu beschreiben. Erstens die Fokussierung auf Handlungen (von Individuen und Kollektiven) und ein damit einhergehender Primat individual- und kollektivpsychologischer Erklärungen, zweitens deren Einbettung in face-to-face Interaktionen, drittens die Überbetonung situativer Aspekte und die weitgehende Vernachlässigung konditionierender Elemente der NS-Gesellschaft, viertens die unzureichende Berücksichtigung von zeitlichen Abläufen (als Differenz von vorher und nachher) und des Faktors „Dynamik“ sowie fünftens die Unterschätzung der Nachzeitlichkeit der Quellen und die daraus resultierende Hypostasierung einer Geschichte in Echtzeit. Im Grunde genommen laufen die Monografien dieser Beobachter auf eine Tautologie der NS-Gewalt hinaus. Demnach war das NS-Regime gewaltsam, weil es oder seine Protagonisten das auch sein wollten. Oder wie Ulrich Herbert (2014: 305-392) kurz und bündig formuliert: Gewalt sei dem Nationalsozialismus nachgerade inhärent gewesen. Quod erat demonstrandum.

Eine sechste und letzte Gemeinsamkeit, die mit bei der Re-Lektüre meiner Eintragungen „Gewalt im System“ fast wie Schuppen vor die Augen gefallen ist, gilt es ausführlicher zu würdigen. Das System, in dem sich die von den genannten Beobachtern untersuchte Gewalt abspielte, war eine Gesellschaft im Krieg, also ein Gewaltzustand in Permanenz. Dabei handelte es sich für die Zeit zwischen 1933 und 1937/38 um einen Krieg nach innen, wie es Nikolaus Wachsmanns (2016) Gesamtdarstellung zu den Konzentrationslagern nachdrücklich gezeigt hat; für die Zeit zwischen 1938/39 bis 1944/45 hingegen um einen militärischen Eroberungsfeldzug, der sich auf der Basis einer Massenmobilmachung vollzog und tendenziell zu einem „totalen Krieg“ mutierte. Bei den hier besprochenen Autoren wird „Krieg“ jedoch höchstens als äußerlicher Rahmen thematisiert, der, wenn es um die Gewalttaten geht, kaum eine Rolle mehr spielt. Gewaltsame Situationen im Nationalsozialismus waren aber immer entweder im Krieg nach innen oder nach außen situiert. Vielleicht kann die systemtheoretische Einsicht, dass „Krieg“ ebenfalls ein soziales System ist (Matuszek 2007), diesem Sachverhalt besser gerecht werden. Ich werde diese Frage bald unter einer Serie von Eintragungen mit dem Titel „KriegSystem“ ausführlicher erörtern.

Schließlich eine Binsenweisheit, deren Berücksichtigung mir ebenfalls vonnöten erscheint: Kein politisches System kann sich einzig und allein auf die Macht der Bajonette stützen. Konzentriert sich die Forschung allzu sehr auf Phänomene der Gewalt, kann die immense Anziehungskraft des NS-Regimes im Grunde genommen nicht erklärt werden (es sei denn, man wollte behaupten, es sei nur die Ästhetik der Gewalt gewesen, die den Nationalsozialismus so attraktiv gemacht habe). Die neuere Kulturgeschichte, die für die Gewaltforschung von großer Bedeutung gewesen ist (so jedenfalls der Fokus in Podium Zeitgeschichte 2017), beginnt mittlerweile sehr zögerlich damit, sich auch Gegenständen wie „Vergnügen“ und „Liebe“ zu widmen (Swett/Ross/d‘Almeida 2011; Föllmer 2016). Welche erkenntnistheoretische Begründung gibt es eigentlich dafür, diese beiden Thematiken so sträflich zu vernachlässigen, wie bislang geschehen? Die mehr als 50 Millionen Toten, die der Nationalsozialismus zu verantworten hatte, lautet die naheliegende Antwort. Was aber sind die Voraussetzungen von Massenmord? Nicht vielleicht ein politisches System, dem es für den Großteil der Bevölkerung gelingt, eine weitgehende Normalität herzustellen (oder diese zumindest zu suggerieren) und das eine Vielzahl von Freizeitangeboten für privilegierte Personen parat hält? Nicht vielleicht eine Gesellschaft, in der sich Täterinnen und Täter, Mitläuferinnen und Mitläufer lieben (können) und zugleich andere stigmatisieren und terrorisieren?

Referenzen

Baecker, Dirk: Gewalt im System, in: ders.: Wozu Gesellschaft?, Kadmos: Berlin 2007, S. 29-52 [ursprgl. erschienen: Soziale Welt 47 (1996), S. 92-109]

Blatman, Daniel: Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords, Rowohlt Verlag: Reinbek bei Hamburg 2011

Browning, Christopher R.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1993

Christ, Michaela: Die Dynamik des Tötens: Die Ermordung der Juden von Berditschew. Ukraine 1941-1944, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2011

Föllmer, Moritz: „Ein Leben wie im Traum“. Kultur im Dritten Reich, C.H. Beck: München 2016

Herbert, Ulrich: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, C.H. Beck: München 2014

Kühl, Stefan: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Suhrkamp: Berlin 2014

Matuszek, Krzystof C.: Der Krieg als autopoietisches System. Die Kriege der Gegenwart und Niklas Luhmanns Systemtheorie, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2007

Podium Zeitgeschichte: Cultural Turn und NS-Geschichte, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), S. 219-271

Swett, Pamela/Ross, Corey/d’Almeida, Fabrice: Pleasure and Power in Nazi Germany, Palgrave Macmillan: Houndmills 2011

Wachsmann, Nikolaus: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Siedler: München 2016

Welzer, Harald: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Unter Mitarbeit v. Michaela Christ, S. Fischer: Frankfurt am Main 2005

Wildt, Michael Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburger Edition: Hamburg 2007