Nationalsozialistische Macht, ad 1

von arminnolzen

Warum redet eigentlich heute kaum jemand mehr von „Macht“, wenn vom Nationalsozialismus die Rede ist? „Herrschaft“, „Terror“, „Gewalt“, „Willkür“, „Massenmord“, „Genozid“, das sind die bekanntesten Begriffe, die in der Forschung gemeinhin benutzt werden, um die Alltagspraktiken des NS-Staates nach 1933 auf den Punkt zu bringen. Oder, widmet man sich der konsensuellen Seite des Themas, dann eben „Volksgemeinschaft“, „Konsens“, „Selbstmobilisierung“, „Ermöglichung“ „Selbstermächtigung“ (darin steckt immerhin etwas „Macht“) und viele andere. Die These, die in der folgenden Serie von Blog-Eintragungen vertreten und in immer neuen Varianten umkreist werden wird, ist eine vergleichsweise einfache: all diese Begriffe können ersetzt werden durch ein neues Forschungskonzept „Nationalsozialistische Macht“. Jedoch geht es dabei nicht allein um eine „Arbeit an Begriffen“, sondern um eine Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, die um ein spezifisches Konzept von „Macht“ kreist. Ich beginne mit einem Exzerpt des Buches von Rohrer (2006).

1. Einleitung [11-33]: Gab es Machtfülle Kochs, wie in Literatur behauptet wird, in der Realität wirklich? [13]; für die Beurteilung dieser Frage sagen Befunde wie „Polykratie“ etc. noch nichts aus [15]; Postulat der Machtfülle Kochs ist in Zweifel zu ziehen [19]; es sollen a) auf breiter Quellengrundlage empirische Einzelfragen geklärt werden und b) auf dieser Basis die bislang undifferenziert Koch zugeschriebene Macht als „nationalsozialistische Macht in Ostpreußen“ neu gefasst werden [20]; Peter Hüttenberger, Die Gauleiter, verzichtete ganz auf eine Bestimmung von „Macht“ [21]; Konzept von „Macht“ in Anlehnung an Niklas Luhmann und Heinrich Popitz als drei Einflussformen = Autorität, positive und negative Sanktion [21 ff.]; Macht ist keine Eigenschaft einer Person, sondern wird ihr von anderen zugeschrieben [25]; Machtgefüge ist Summe aller Machtzurechnungen; erwähnte Einflussformen treten in Interaktion, Organisation und Gesellschaft auf [26]; systemtheoretische Ansätze analysieren im wesentlichen Macht in demokratischen Systemen [27]; drei Dimensionen = Form, Ebene und Zeit [28]; Vorgehen in der Art von Fallstudien, keine chronologisch lückenlose Beschreibung; Arbeit erhebt nicht Anspruch einer Gesellschaftsgeschichte Ostpreußens; stellt auch keine Erprobung der systemtheoretischen Machttheorie dar, sondern Analyse von Macht- und Einflussprozessen [33].

2. Ein neuer Gauleiter für die NSDAP [35-76]: erfolgreich war ein Gau lediglich, wenn er gute Wahlergebnisse erzielte [35]; Politik nach Niklas Luhmann = Durchsetzung kollektiv bindender Entscheidungen [36]; in Ostpreußen Dominanz der DNVP [37 f.]; Korridor [38 f.]; Abwanderung aus Ostpreußen [43]; starke Stellung des Großgrundbesitzes [45]; stärkster Verband Ostpreußens war Landwirtschaftsverband [48]; geringe Kompetenzen des Oberpräsidiums zwischen PrMindI und Reg.Präs. [51]; „Bollwerk-Syndrom“ Ostpreußens [53]; Massenmedien = politische Parteien können beobachten, wie ihre Konkurrenz interpretiert wird [54]; Meinungsführerschaft = Pfarrer, Dorflehrer und Großgrundbesitzer [56]; erste Zusammenschlüsse von NS-Aktivisten in größeren ostpreußischen Städten seit 1921 [58]; 1. März 1925 = Ortsgruppe Königsberg durch Waldemar Magunia und Wilhelm Stich gegründet [61]; frühe Spaltung in NSDAP [63]; Erich Koch wurde am 3. September 1928 auf Gregor Straßers Vorschlag neuer GL [64]; Biographie Kochs [66-74]; ostpreußischen NSDAP zu dieser Zeit nicht in politischen Entscheidungsprozess integriert [75].

3. Die ostpreußische NSDAP bei der Provinzial- und Kommunalwahl 1929 [77-114]: Partei wuchs mit Hilfe des Weimarer Systems [77]; Parteisatzung vom Mai 1926 gab Koch Freiheiten bei der Gestaltung des ihm anvertrauten Gaues; Mitgliedschaft; Stelle und Entscheidung sind für Organisation entscheidend (Niklas Luhmann) [80]; starke Stellung von GGeschF Georg Heidrich im Gaustab [80 f.]; Einführung der Bezirksgliederung (9/1929) [82 f.]; Drohung mit Auflösung von Ortsgruppen [84]; Trennung zwischen PO und SA; Nebenorganisationen der PO entglitten der Aufsicht der GL [86]; HJ erfasste Jugendliche von 12-18 Jahren [87 f.]; Mitgliedsbeiträge und Opferringe [89 f.]; Finanzierung von GL Koch [90]; Steigerung der Propagandatätigkeiten der NSDAP im Gau [92]; Gauzeitungen [93]; Schaffung einer NS-Öffentlichkeit [95]; Provinzial- und Kommunalwahl vom 17. November 1929 und Propaganda gegen den Youngplan [96 ff.]; Antisemitismus eher im Hintergrund [99]; Doppelmitgliedschaften NSDAP – andere „völkische“ Verbände, z. B. Stahlhelm [104 f.]; 17. November 1929 = NSDAP 4,3 Prozent oder drei Mandate im Provinziallandtag [107]; war großer Erfolg [109]; zunehmende Ausrichtung der Partei auf den GL [110]; Ende 1929 hatte ostpreußische NSDAP in 50 Ortsgruppen 1.961 Mitglieder [112].

4. Niederlage in Danzig und Wahlsieg in Ostpreußen [115-152]: mit der Reichstagswahl vom 14. September 1930 wurde NSDAP mit 22,5 Prozent plötzlich die stärkste Partei im Wahlkreis Ostpreußen [115]; wirtschaftliche Probleme Ostpreußens [116 ff.]; RL übertrug Koch Ende 1928 Auftrag, GL Danzig neu zu ordnen [121]; GGeschF und SA-Führer Bruno Fricke [126 f.]; enormes Wachstum der SA seit 1929 [128]; 14. September 1930 in Ostpreußen = 2.799 Pgs. und 218 Ortsgruppen [130]; Pgs. des Memelgebietes in OL Tilsit organisiert [131]; wichtige Rolle der NSDAP-Bezirksleiter [132 f.]; „Wachstum und Ausdifferenzierung der ostpreußischen NSDAP trugen dazu bei, immer weitere Teile der Bevölkerung zu erreichen“ [134]; keine Spannungen zwischen SA und PO in Ostpreußen [137]; permanente Aktivität und Dynamik [138]; Anträge der NSDAP im Provinziallandtag auch durch DNVP gebilligt [140 f.]; in Danzig gelang es nicht, die Dynamik der Frick-Anhänger zu stoppen [144 f.]; Mitte Oktober 1930 = Ernennung von GL Albert Forster [145]; NSDAP-Wahlsieg vom 14. September 1930 wurde in Ostpreußen medial als Triumph transportiert [148]; drei Reichstagsmandate [149]; Koch kombinierte viele Chancen auf Zurechnung von macht [151; ihm fehlten nur zwei Monate zur Einverleibung von Danzig in seinen Herrschaftsbereich [152].

5. Parteiorganisation und Gegenmacht: Der Fall Georg Heidrich [153-189]: mit personellem Anwachsen und organisatorischer Ausdifferenzierung nahm auch Anzahl der Partikularinteressen und damit Komplexität der NSDAP zu [154]; Partei musste sich organisatorisch auffächern, um Wählerschaft nach dem 14. September 1930 dauerhaft an sich binden zu können [157]; Anstieg der Mitgliederzahl bis Ende 1931 [158]; Gaukommissariate an Stelle der Kreise und Bezirke Ende April 1931 eingerichtet [158 f.]; waren hauptamtlich beschäftigt [159]; Beamte sollten ihre Parteifunktionen niederlegen, um berufliche Stellung zu erhalten [160, FN 26]; soziale Struktur der GL Ostpreußen [161]; Auflösung von OL [162]; amtsenthobene Unterführer weiter in der Parteiarbeit eingesetzt [162]; RL = Zentralisierungsmaßnahmen [163]; regionale Relevanz entschied über Einfluss und Gewicht einer Nebenorganisation der NSDAP [164]; Verhältnis der GL zum Agrarpolitischer Apparat [164 f.]; Bedeutung der ostpreußischen SA [166 f.].

– 15. April 1931 = GL verloren Drohung mit Parteiausschluss gegenüber SA-Angehörigen [168]; Trennlinie zwischen PO und SA in Fragen der Finanzierung [168 f.]; SA und deren Teilnahme am „Grenzschutz Ost“ [169 ff]; erste Ausgabe der „Preußischen Zeitung“ (1.1.1931) = „Juda auf dem Rückzug“ [171]; Juli 1931 = NSDStB erreicht an Königsberger Universität 52 Prozent der abgegebenen Stimmen [173]; antikatholische und -polnische Verlautbarungen [174]; Ablehnung der NSDAP im katholischen Ermland [174 f.]; Auseinandersetzungen um GAL Georg Usadel und seine Clique [176 ff.]; Propaganda der NSDAP gegen den „reaktionären“ Stahlhelm [179]; Schlichtungsverfahren [180]; Kontakte Koch, Strasser und „Tat-Kreis“ [184 f.]; „Gegenmacht“ Heidrichs; 1.Okotber 1931 = Beurlaubung Heidrichs von seinen Parteiämtern [186]; Koch lebt bei Wehrkreispfarrer Ludwig Müller [187]; Vertrauensverlust auf der OL-Ebene [188]; Paradoxie der Macht = Spitze der Organisation wird von außen Macht zugeschrieben, die sie selbst nicht wahrnehmen kann [188 f.].

6. Die Auflösung der Ortsgruppe Insterburg [191-229]: NSDAP erreichte am 31. Juli 1932 47,1 Prozent der Stimmen in Ostpreußen [191]; schlechte wirtschaftliche Lage radikalisierte die Bevölkerung [193]; Landwirtschaftskammerwahlen im April 1932 = 48 von 76 Sitzen für die NSDAP [195]; Koch ließ bei Reichswehrangehörigen illegal Waffen ankaufen [196]; „polnische Gefahr“ [197]; Wahl zum Preußischen Landtag (24. April 1932) = 45,6 Prozent für die NSDAP in Ostpreußen [198]; Mitgliederwachstum [199]; fortgesetztes Spannungsverhältnis zwischen SA und PO und keine integrierende Wirkung der Wahlerfolge [200]; SA wollte konservative Wende und intensivere Zusammenarbeit mit DNVP [201]; SA-Führer Lietzmann wollte, dass er Koch übergeordnet wird [202]; Kritik der Ortsgruppe Insterburg an einer Personalentscheidung Kochs in der Kreisinstanz (Gaukommissar) [203]; OL lehnte Kochs Entscheidung ab und stellte damit das „Führerprinzip“ in Frage [204]; Strasser und Zentralisierung der PO im Juni/Juli 1932 [206 f.]; Stv.GL Großherr löst OL Insterburg auf [208]; Streit um Besetzung der Reichstagswahlliste Ostpreußen [208 f.]; Koch drohte bei Hitler vergebens mit Rücktritt [209]; „Königsberger Kreis“, dessen sich Koch bedient [212 f.]; Terrorwelle der SA im August 1932 [215 f.]; Parteiausschluss einiger hochrangiger Mitglieder der OL Insterburg [217]; Verhältnis zu Deutschen Christen [222 f.]; Krise um von Buttlar [225]; „Geist des Hasses und der Vernichtung“ als „bolschewistische Symptome“; Straßer-Krise vom 9. Dezember 1932 [227 f.].

7. Profiteure der „Machtübernahme“ in Ostpreußen [231-282]: „Machtfülle“ Kochs bedarf zeitlicher Differenzierung [231]; bisheriger Machtkreislauf wurde an Schaltstellen der Kontrolle unterbrochen = nicht mehr Öffentlichkeit, sondern „Führerprinzip“ und Ämter/Personen [232]; „Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat“ vom 1. Dezember 1933 brachte eine Unterordnung der Partei unter den Staat [233]; NSDAP nunmehr nur ein Element unter vielen; Mitgliederwachstum und Ausdifferenzierung [235 f.]; Strukturwandel in GL [236]; Besetzung hauptamtlich (ehrenamtliche OL) [237]; Erpressung von Geldern von Juden [238]; Versuch der Durchdringung der Gesellschaft (Inklusion/Exklusion) [240]; Struktur der DAF [241 f.]; NSV und Leitung in der Hand eines ehemaligen SPD-Mitglieds [243 f.]; Agrarpolitischer Apparat und Landvolk [245 ff.]; Koch am 2. Juni 1933 zum OPräs. ernannt [247]; Aufgabenfestlegung durch Gesetz vom 15. Dezember 1933 [248 f.]; Ablösung und Stellung der RegPräs. [250 f.]; Ablösung von Landräten und Fluktuationen [252 ff.]; kaum Elitentausch auf kommunaler Ebene [255]; Rolle Fritz Dietlof von der Schulenburgs [255 f.]; Veränderungen unter den Abgeordneten des Reichstages für den WK I [257 f.]; Koordinationsbedarf zwischen OPräs. und GL wurde dadurch vermindert, dass Gau- und andere Verwaltungsgrenzen identisch waren [260 f.]; Kehrseite der Ämterkumulationen = Möglichkeiten, Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen, wachsen nicht mit [262].

– wirtschaftliche Situation Ostpreußens 1932/33 [262 f.]; „Ostpreußenplan“ [264]; Straßenbau und Meliorationen [266]; KL für Propaganda zuständig [267]; Koch als Türöffner zu Berliner Ministerien und den dortigen Geldtöpfen [268]; knüpfte offenbar an Ideen Gregor Strassers vom „nationalen Sozialismus“ an [269]; kollektivistische Ideen stießen allerdings auf Ablehnung des RNSt [269]; Kritik an Koch, er wolle „absolutistische Parteidiktatur nach bolschewistischen Mustern“ [270]; Auseinandersetzungen P.O. – Agrarpolitischer Apparat/NS-Landvolk [270 f.]; Kritik Kochs an Einsetzung von reaktionären Kreisbauernführern [272]; Mitte September 1933 Wechsel an Spitze der ostpreußischen SA [273]; RNSt war P. O. weitgehend entglitten [274 f.]; Ley und Heß kümmerten sich um „Problem Koch“ [275]; „Ostpreußische Zeitung“ als Organ der Landesbauernschaft beziehungsweise von SA und SS [276]; 27. Dezember 1933 = Gründung der Erich-Koch-Stiftung [279]; Unterlag nicht der Kontrolle des RSchM, da von Koch in Funktion als OPräs. gegründet [280]; für Ausübung von Einfluss und Macht bedeutete „Gleichschaltung“ 1933/34 fundamentalen Bruch [281]; Kompetenzen gemäß „Führerprinzip“ zu den Spitzen der Organisationen verlagert [281]; zusätzliche Einflusschancen waren jedoch nicht ohne Kosten zu haben; Mitte 1933 = „Gefüge Koch“, das weit über eine Gauclique hinausging [282]; darf nicht als Machtblock bezeichnet werden, in dem es keine Gegenmacht gab.

8. Der „Röhm-Putsch“ in Ostpreußen [283-322]: bei Aktion vom 30. Juni 1934 stand Versuch der NS-Führung im Vordergrund, Gewährenlassen durch Bevölkerung und traditionelle Eiten zu sichern [283]; Röhms Ziel = SA-Heer [284]; Wechsel in ostpreußischer SA-Führung im Frühjahr 1934 = Heinrich August Schoene [285]; zugleich entfernte sich SS immer weiter von Gau- und Provinzführung [286]; Verselbständigungsprozess der Polizei brachte sie in Gegnerschaft zu den Gauleitern [287]; herausragende Rolle Erich von dem Bach Zelewskis, dem drei SS-Abschnitte unterstanden [287 ff.]; Quote der Parteimitgliedschaft ostpreußischer SS-Männer lag signifikant unter dem Reichsdurchschnitt [290]; Darré und Göring gaben 1934 an, sich dienstlich nicht mehr gegen Koch als OPräs. durchsetzen zu können [291]; Spannungen zwischen Gau-/Provinzführung und Landesbauernschaft [291 f.]; Koch verlangte, RNSt in P. O. einzugliedern [293]; Verbot von Zeitungen und „Kampf um Öffentlichkeit“ [295]; Netzwerk um von den Bach als Gegenentwurf zu Gefüge Koch [297]; sehr gutes Verhältnis zwischen Reichswehr und SA im WK I vor allem beim „Grenzschutz“ [298]; wäre es am 30. Juni 1934 um die Ausschaltung sozialrevolutionärer Elemente gegangen, wären Koch und seine Anhänger gefährdet gewesen [299]; Buch Kochs zum „nationalen Sozialismus“ und „Ostorientierung“ [300]; Zuständigkeit der GL Ostpreußen für das Memelland seit Mai 1933 [302]; Kownoer Prozess gegen Memeldeutsche [303 f.].

– 30. Juni 1934 vor allen Dingen in Schlesien eigendynamische Mordaktion [304 f. ]; Heß’ Rede am 8. Juli 1934 beim Gauparteitag der ostpreußischen NSDAP [305]; in Ostpreußen blieb es ruhig und SA war diszipliniert; Bach sah Koch als „verdächtig“ an [307]; dieser blieb jedoch unbehelligt [309]; Bach ließ einen seiner Konkurrenten aus der SS ermorden; weder Reichswehr noch die beiden christlichen Kirchen protestierten gegen Aktion vom 30. Juni 1934 [311]; „Säuberung“ der SA; Landesbauernschaft nahm 30. Juni 1934 zum Anlass, Widerstand gegen Koch zu verstärken, indem sie ihn als Anhänger Gregor Straßers denunzierte [312 f.]; Gerücht, Koch sei als OPräs. abberufen worden, wurde lanciert [313]; katholisches Milieu distanzierte sich immer weiter vom NS-Regime [313 f.]; Darré setzte Hitler Ende Juli 1934 unter Druck und forderte eine definitive Entscheidung [314]; Besprechung 14. Juli 1934 Hitler, GL, Darré und Landesbauernführer; Hitler entschied sich für Koch und trug diesem auf, im Gau Ostpreußen unter allen Umständen für Ruhe zu sorgen [316]; daraufhin „kleine Säuberung“ im RNSt durch Darré und Unterdrückung der Konflikte [316 f.]; „Führerentscheid“ auch durch Göring und Heß unterstützt [321]; SA und Landesbauernschaft waren von der Spitze her befriedet worden [322].

9. Die Oberpräsidentenkrise 1935 [323-369]: Koch wurde am 26. November 1935 als OPräs. beurlaubt und am 22. Dezember 1935 durch „Führerentscheid“ wieder eingesetzt [323]; Auslöser Denkschrift Paul Wolffs, des Personaldezernenten der Königsberger Stadtverwaltung [323 f.]; Vorwürfe Strafvereitelung und Korruption des „Gefüges Koch“ [325]; Kriterium der Auswahl von Personen in der P.O = uneingeschränkte Folgebereitschaft [327]; Druck auf Beamtenschaft durch RDB in Ostpreußen [328 f.]; Ostpreußenausschuss als Unterausschuss des RVA [331 f.]; KL-Fluktuationen 1933-1935 [333]; Ostpreußen verfügte über zweithöchste Dichte an PL im Verhältnis zu den Pgs. in der NSDAP [335]; Finanzknappheit der P.O. führte dazu, dass viele Mitarbeiter Kochs in gut dotierte staatliche Stellen wechselten [336]; sechs Personalunionen zwischen KL und Landrat [336]; Sozialstruktur beider Funktionärsgruppen sehr unterschiedlich.

– Wolff übergab seine Denkschrift an Göring persönlich [339]; Koch betrieb Ablösung Bachs und eigenes Zugriffsrecht auf Gestapo [340]; Auseinandersetzung um „Königsberger Rede“ Schachts, bei der Koch applaudierte und Bach ostentativ den Saal verließ (18.8.1935) [341]; Himmler an Buch (1.9.1935) und Kritik an Willkürherrschaft Kochs [342]; SS in Ostpreußen war mit Koch wegen dessen „Ostorientierung“ verfeindet [342 f.]; Klage über Eingreifen Kochs in Litauen, das zum Kownoer Prozess geführt habe [344 f.]; Gründung von Gau- und Kreisgrenzlandämtern in P.O. [345]; Heß’ Anordnung im Oktober 1935, dass niemand außer Koch mehr mit Deutschen im Memelland verhandeln dürfe [346]; Bach ließ einige hochrangige Mitarbeiter Kochs und der P.O. verhaften [346 f.]; Kochs Vermittlungsversuche im protestantischen „Kirchenkampf“ [347 f.]; P.O. und SS in Ostpreußen kaum verflochten [350]; 21. November 1935 = Handgemenge zwischen Koch und Wolff im OPräs. woraufhin letzterer ins Gestapo-Quartier flüchtete [350 f.]; Bach informierte Göring und Himmler von den Vorfällen [351].

– 26. November 1935 = Beurlaubung Kochs durch Telegramm Görings [352]; Untersuchungen Bachs im Königsberger Polizeipräsidium [352 f.]; Koch dabei nicht nur belastet, sondern auch Entlastung durch Fritz-Dietlof von der Schulenburg [353]; Koch eilte nach Berlin zu Heß und quartierte sich bei Reichsbischof Müller ein [354]; Heß war treibende Kraft bei der Entlastung Kochs [355]; 22. Dezember 1935 = Wiedereinsetzung durch „Führerentscheid“ [357]; Gegensatz zwischen „Gefüge Koch“ und SS zentrale Ursache der OPräs.-Krise [358]; Hitlers Entscheidung größtmöglicher Vertrauensbeweis [359 f.]; prominentestes Opfer der Krise war Bach, der versetzt wurde [363 f.]; Reorganisation der SS und Einsetzung von Wilhelm Redieß [364 f.]; auch Koch nahm personelle Kurskorrekturen vor [366]; Görings Besuch in Königsberg am 12. März 1936 war „Canossa-Gang“ [367]; „Führerentscheid“ beschädigte weder Himmler noch Göring [368]; Kochs Chancen auf Ausübung von Macht durchbrachen jetzt Schwellenwert [369]; danach ging es nicht mehr um Absetzung, sondern nur noch um Eindämmung seiner Kompetenzanmaßung.

10. „Alte Kämpfer“ vor Gericht [371-400]: Parteigerichtliche Aufarbeitung der OPräs.-Krise im Jahre 1936 [371]; Gaugerichte keine Instrumente, mit denen der GL beliebig schalten und walten konnte; GGerL Oppermann betrieb ordnungsgemäße Parteigerichtsverfahren sowohl gegen Gegner Kochs wie auch gegen Befürworter (Ehrengerichtsverfahren) [372]; Koch konnte sich auf genehme Urteilsfindung seines Gaugerichts verlassen [373]; Oppermann gehörte zum „Gefüge Koch“ [375]; generelle Bemerkungen zur Parteigerichtsbarkeit [375 ff.]; Rolle der Justiz im Parteigerichtsverfahren [378 f.]; Parteigerichtsverfahren und Beamte [381 f.]; Verflechtung von parteigerichtlichen und staatlichen Gerichtsverfahren [383 f.]; erklärtes Ziel der GL war die Aburteilung Paul Wolffs [385]; Antrag des Parteigerichtsverfahrens im November 1936 [385]; „Ehrengerichtsverfahren“ gegen GAL Preuß [386]; Koch drohte mit Aufgabe seines GL-Postens, falls Dienststrafverfahren gegen Wolff nicht durchgeführt würde [387]; am 15. Oktober 1937 wurde er mit Parteiausschluss bestraft [388]; Dienststrafverfahren 1940 niedergeschlagen [389]; Rolle Ralf Brockhausens als Beauftragter der Parteileitung [390 ff.]; setzte sich für „Sauberkeit“ ein [392]; Beispiel Hermann Schoepe [393 f.]; Koch brachte einige in die Schusslinie geratene PL woanders unter [395]; Zahlen für Verfahren beim Gaugericht Ostpreußen; Gaugericht war in OPräs.-Krise einzig kalkulierbare Instanz für Koch [399]; er konnte als GL Verfahren einleiten und verfügte nicht zuletzt dadurch über eine gewisse zeitliche Kontrolle des Ablaufes [400].

11. Die Erich-Koch-Stiftung [401-450]: Stiftungsvermögen Dezember 1944 = 331 Millionen RM [401]; Bajohr = Beispiel für Provinznepotismus und Günstlingswirtschaft; Kontrolle über Verlage und Zeitungen immer weiter ausgedehnt [401 ff.]; durch Kombination verschiedener Druckmittel [404]; auch Zerschlagung der Kommunikationsmöglichkeiten der Gegner durch Übernahme nicht nationalsozialistischer Zeitungen [405]; katholisches Milieu im Ermland vermochte sich dem zu entziehen [406 f.]; Tagespresse in Ostpreußen konzentrierte sich zu erheblichem Teil in Erich-Koch-Stiftung [409]; Überführung bürgerlich-nationaler Zeitungen zwischen 1934 und 1937 [410 f.]; Gewinne der Stiftung ermöglichten Erwerb immer neuer Unternehmungen [412]; Stiftung als gemeinnützig anerkannt und steuerfrei [413]; Expansion in Bereiche jenseits von Druckereien und Verlagen [415]; vor allem durch Erpressung [418]; Kochs Denkschrift „Ostpreußenprogramm“ (27.10.1936) [421]; Beginn der „Arisierungen“ (1933-1937) [434 f.]; Ende 1937 Radikalisierung [436]; Rolle der GWB [437]; Erich-Koch-Stiftung nach dem 9. November 1938 in „Arisierungen“ verwickelt [440]; weiterer Ausbau der Stiftung im Zuge der NS-Expansion [442 f.]; war vielfältiges Instrument zur Ausübung von Einfluss und Macht [449]; nicht nur wirtschaftskriminell, sondern Bestandteil der ostpreußischen Wirtschaft [449].

12. Inszenierung und Realität [451-496]: Parteitag des Gaues Ostpreußen im Juni 1938 [451]; diente Einbindung und Disziplinierung der beteiligten Organisationen und Personen [452]; war an den Reichsparteitagen der NSDAP orientiert; Heß-Rede zur Zusammenarbeit zwischen Partei und Wehrmacht [454]; Gauparteitag ist unter kommunikativen Aspekten zu sehen [456]; Koch im Mittelpunkt der Inszenierung [457]; „Festschrift zum Gautag 1938 der NSDAP“ [459]; Frage, ob Gegenmacht gegen Koch dauerhaft stillgelegt wurde [460]; Unterstützung Kochs durch die Reichsebene [461]; PO war zentrale Stütze des „Gefüges Koch“ [462]; soziale Struktur der GL Ostpreußen [463 f.]; Stv. GL Großherr = Führung der NSDAP [464]; Waldemar Magunia, GAL für die DAF [466]; Verhältnis Koch-SS-Komplex [468 f.]; HSSPF Wehrkreis I war Koch als OPräs. unterstellt (für das Reich einzigartig) [469]; Entwicklung des Polizeiapparates [470 ff.]; Entmachtung der SA [475 f.]; Konflikte zwischen Partei und Wehrmacht [476 ff.]; Koch und das zweite RVK-Gesetz [479 f.]; Landräte-Korps [482-486]; Personen des „Gefüges Koch“ rückten immer weiter in Stellen staatlicher Behörden ein [486]; bei Provinzialverwaltung bestand höchste personelle Kontinuität [487]; „Ostpreußenplan“ und ökonomische Entwicklung [489-492]; NSV und WHW als Maschinen sozialer Integration [494]; Sopade-Bericht vom September 1938 zur Haltung der ostpreußischen Bevölkerung [495]; Wehrmacht, SS und Gestapo konnten im Zeichen der Expansion Provinzführung die Stirn bieten [496]; Gegenmacht nur in labiler Form stillgelegt.

13. Expansion nach Memel [497-532]: Rückgliederung des Memellandes (150.000 Einwohner) am 22. März 1939 [497]; AA und „evolutionäres Konzept“ [499]; im Oktober 1935 erteilte Heß erteilte Koch alleinige Zuständigkeit für das Memelgebiet [501]; VoMi und Verhältnis zu GL Koch [503]; 11. Dezember 1938 und Wahl zum memelländischen Landtag [505]; Propaganda des Memeldeutschen Kulturverbandes mit deutschem Generalkonsulat in Memel abgesprochen; der MKV bekannte sich zum Antisemitismus (in älterer Literatur abgestritten) [506]; Struktur des MKV glich sich an NSDAP an [508]; kaum Einfluss Kochs oder anderer ostpreußischer Stellen auf „Rückgliederung“ [509]; Einfluss von VDA und VoMi [510 ff.]; Ultimatum Ribbentrops vom 20. März 1939 [513]; Übernahme der Exekutive am 23. März 1939 [514]; Koch als OPräs. zum Überleitungskommissar bestimmt [515]; 1. Mai 1939 = Reichsrecht [516]; Überführung des Memellandes in Regierungsbezirk Gumbinnen; Besetzung der Landratsstellen [517]; Aufbau der NSDAP ohne ROL Ley [517 f.]; Rolle Neumanns [520 f.]; wirtschaftliche Rückgliederung [522]; Überleitungskommissar Willy Bethke und die „Arisierungen“ [526]; Koch hatte sich offenbar bei der Rückgliederung bewährt; Memelland wurde Teil des „Gefüges Koch“ [531]; dessen Stabilität erhöhte sich durch die Rückgliederung.

14. Schlussbemerkung [533-547]: zentraler Mechanismus für Verteilung von Einfluss und Macht im NS-Staat war Führerprinzip [533]; Kern der NS-Macht in Ostpreußen waren formale Kompetenzen [534]; Spielraum Kochs durch die organisatorische Ausdifferenzierung der NSDAP nach 1933 eingeengt; Besetzung von Stellen und die Entscheidung über Personen sind Kernelemente allen Einflusses und aller Macht [536]; „Gefüge Koch“ = keine Hausmacht oder gar Clique, sondern Bewährung als Kriterium [537 f.]; Koch war bei Personalentscheidungen nur dann beteiligt, wenn sie nach oben vermittelt werden mussten [539]; Einflussmittel = Sonderlage Ostpreußens, Geld und Repression [541 ff.]; letztere diente zur Symbolisierung von Macht [543]; mit „Machtfülle Kochs“ erfährt man nur wenig über den NS in Ostpreußen; Gegenmacht zu Koch in Ostpreußen = SA und Reichsleitung [544 f.]; Stilllegung von Gegenmacht nach der Krise vom Winter 1935 [546]; von Vorstellung fester Machtblöcke muss Abschied genommen werden, und damit auch von Polykratiemodell [547].

Allgemeine Bemerkungen: Rohrers Ansatz implizit Ent-Personalisierung der NS-Forschung, d.h. Geschichte kann nicht mehr aus dem „Willen“ einzelner Subjekte heraus erklärt werden; es muss unterschieden werden, ob man von Interaktions-, Organisations- oder Gesellschaftsmacht spricht; Bruch mit Max Webers Machtkonzeption eines Bewirkens von Wirkungen; stattdessen Luhmanns Systemtheorie und Umstellung auf systemtheoretische Begrifflichkeiten; Hinweis, dass Personalunion auch schwächen können, da sie den Koordinationsbedarf erhöhen, ist sehr wichtig [262]; Verrechtlichungsprozesse im parteigerichtlichen Verfahren werden betont, und unterschwellig auch Faktor Zeit [400]; einige Zusammenhänge, z. B. die Geschichte der Erich-Koch-Stiftung, ziehen sich über mehrere Kapitel [413].

Spezielle Bemerkungen: Figur der „Stilllegung von Gegenmacht“ wird nicht ganz klar [460, 488 u. 546]; kann sie theoretisch überhaupt stillgelegt werden?; Aufstieg der NSDAP in Ostpreußen und deren Wahlerfolge werden nicht erklärt [115]; Kochs Rolle in Danzig wird nicht klar. Will er wirklich dessen Einverleibung und wenn ja, warum scheitert er? [152]; warum wurde aus ihren Ämtern enthobene Unterführer weiter in Parteiarbeit eingesetzt? [162]; Unterschätzung des Antisemitismus als Agitationsinstrument [z. B. 99, 171, 174]; weshalb sich Koch nach Straßers Rücktritt vom 8. Dezember 1932 weiter halten konnte, ist unklar; „Führerentscheid“ vom Juli 1934 zugunsten Kochs – wie kam er zustande? [315 ff.]; Zahl von 131,6 Prozent bei den KL wird nicht erklärt [333]; Entscheidungsbildung in OPräs.-Krise und „Führerentscheid“ werden nicht klar herausgearbeitet [358 ff.]; etwas unentschiedene Bemerkungen, inwieweit GGer Instrument des GL waren oder nicht [371 u. 373].

Dieses Exzerpt lag einer Rezension des Buches von Rohrer zugrunde, die ich in Band 23 der „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 2007 publizierte:

Der Begriff „Macht“, so formulierte Max Weber vor fast einhundert Jahren, ist soziologisch amorph. Mit ihm sei lediglich die Chance bezeichnet, „für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“. Aufgrund dieser aus seiner Sicht unbefriedigenden Definition vermied es Weber, dem Machtbegriff einen zentralen Stellenwert einzuräumen. Die meisten Soziologen, Politologen oder Historiker sind ihm darin allerdings nicht gefolgt. Es gibt wohl kaum einen Begriff, der in den Geisteswissenschaften so inflationär und ohne genaue Definition verwendet wird. Dies gilt auch und gerade für die NS-Forschung, die oft wortreich Hitlers Macht oder aber Himmlers, Goebbels’ und Bormanns Machtstreben beschwören. Auch die Gauleiter der NSDAP sind stets beliebte Kandidaten, wenn es darum geht, Protagonisten des NS-Staates Machtgewinne oder -verluste zu attestieren. So trägt die maßgebliche, von Peter Hüttenberger 1968 vorgelegte Darstellung zu diesen Parteifunktionären den Untertitel „Studie zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP“.

Christian Rohrer zeigt in seiner Freiburger Doktorarbeit, wie wenig ergiebig eine derartig undifferenzierte Herangehensweise an das Phänomen „Macht“ im NS-Staat ist. Er geht von der zutreffenden Beobachtung aus, daß die Zuschreibung von Macht, wie sie etwa Hüttenberger vorgenommen hat, willkürlich war und daß der Begriff in der NS-Forschung mittlerweile zu einer Leerformel verkommen ist. Statt dessen schlägt Rohrer eine systemtheoretische Neuformulierung des Machtbegriffs vor und unterteilt diesen mit Niklas Luhmann in die drei Einflußformen Autorität sowie positive und negative Sanktion. Generell legt er Wert darauf, daß Macht keine Eigenschaft einer Person ist, sondern daß sie stets zugeschrieben wird. Es geht dem Autor nun jedoch nicht darum, den systemtheoretischen Ansatz anhand eines Fallbeispiels systematisch zu erproben. Vielmehr will er diesen lediglich „in freier Form“ (S. 33) für die Analyse von Einfluß- und Machtprozessen benutzen. Im Zentrum steht dabei Erich Koch, der seit dem 15. September 1928 als Gauleiter der NSDAP in Ostpreußen amtierte. Rohrer interessiert sich für dessen Machtfülle in der NSDAP und in der Provinz Ostpreußen, denn am 2. Juni 1933 wurde Kochs auch noch zum Oberpräsidenten ernannt, was sich naturgemäß auch auf seine innerparteiliche Machtstellung auswirkte. In einer solchen Kombination von staatlichen mit Parteiämtern sieht der Autor generell ein Spezifikum „nationalsozialistischer Macht“.

Der empirische Teil seiner Arbeit besteht aus zwölf Kapiteln, in denen für jedes Jahr zwischen 1928 und 1939 ein Fallbeispiel aus dem Untersuchungsbereich vorgestellt wird. Das Themenspektrum umfaßt die Ernennung Kochs zum Gauleiter, die Provinzial- und Kommunalwahlen von 1929, den Erdrutschsieg der NSDAP bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930, die Auflösung der Ortsgruppe Insterburg und den Strukturwandel der NSDAP nach der Machtübernahme. Die Auseinandersetzung mit der SA und die regionalen Ereignisse des 30. Juni 1934 werden ebenso berücksichtigt. Im Mittelpunkt der Analyse steht die „Oberpräsidentenkrise“ des Jahres 1935, in deren Verlauf Koch kurz vor einer Entfernung aus seinen staatlichen Ämtern stand. Weiterhin schildert der Autor die parteigerichtliche Aufarbeitung dieser Krise, den Aufbau der Erich-Koch-Stiftung, den Gauparteitag der NSDAP von 1938 und Kochs Rolle bei der Annexion des Memellandes im März 1939. Der Zweite Weltkrieg bleibt unberücksichtigt. En passant liefert Rohrer eine ausführliche Geschichte der NSDAP in Ostpreußen, die bisher ein Desiderat der Forschung war, und eine Analyse des Verwaltungspersonals dieser Provinz. Dabei zeigt er, wie fragil Kochs institutionelle Position in Staat und Partei im Untersuchungszeitraum war. Als wichtigste Antagonisten des Gauleiters fungierten die Landesbauernschaft Ostpreußen, die SA und die SS. Letztlich verhinderten es nur die Hausmacht, die Koch sich in seinem Gaustab aufgebaut hatte, sowie die gemeinsame Rückendeckung Hitlers, des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß und Hermann Görings, daß der Gauleiter über seine Amtsführung und die von ihm entfachten Skandale stürzte.

Betritt Rohrer mit seiner empirischen Arbeit größtenteils Neuland, so gerät der systemtheoretische Ansatz im weiteren Verlauf seiner Analyse mehr und mehr in den Hintergrund. Die bedeutendste Errungenschaft seiner Herangehensweise ist es, den Faktor „Macht“ institutionell und zeitlich zu differenzieren. Er zeigt, daß sich Prozesse der Machtbildung in der Regel auf der Ebene der Organisationen beziehungsweise der Interaktion zwischen Personen abspielen und daß sie in Regierung und Verwaltung quasi systemimmanent immer wieder Gegenmacht produzieren. Zu kurz kommt allerdings die Frage, inwieweit die Ebene des Publikums in diese Konzeption eingebaut werden muß. So ist es doch naheliegend, daß Koch gerade durch die unter seine Ägide errungenen Wahlerfolge der NSDAP und durch seine breite Akzeptanz bei der ostpreußischen Bevölkerung gegenüber seinen Konkurrenten enorme Machtgewinne erzielte. Rohrer tendiert jedoch dazu, dieses komplexe Geflecht zu vernachlässigen und seine Frage nach Kochs Macht in erster Linie auf der Organisationsebene zu beantworten. Ein konsequenter systemtheoretischer Ansatz hätte zudem eine stärkere Berücksichtigung von „Kommunikation“ als Basis alles Sozialen erfordert. Demgegenüber hält der Autor am handlungstheoretischen Verständnis von Macht fest und fällt in die von ihm zu Recht beklagte Terminologie der älteren NS-Forschung zurück. Nichtsdestotrotz kann er zeigen, daß Macht nicht einfach auf ein beliebiges Bewirken von Wirkungen reduziert werden darf, sondern ein struktureller Mechanismus ist, den es sorgfältig zu konzeptualisieren gilt. Insofern kann man seine Studie auch als Plädoyer lesen, jenseits der ausgetretenen Pfade der NS-Forschung nach neuen übergreifenden Deutungsschemata zu suchen.

Heute, fast fünfzehn Jahre später, gibt mir diese Rezension willkommenen Anlass zur Selbstkritik. Zwar habe ich die Bedeutung des Themas „Macht“ seinerzeit erkannt und Rohrers Beschäftigung damit ausgiebig gewürdigt; es kann jedoch keine Rede davon sein, dass ich mir in meiner eigenen Arbeit in den Jahren danach hinreichend klargemacht hätte, was es überhaupt heißt, sich einerseits mit „nationalsozialistischer Macht“ zu befassen, dies andererseits auch noch aus sozialwissenschaftlicher-systemtheoretischer Perspektive zu tun. Es sind ja vor allen Dingen Luhmann (1988, 2000) und Popitz (1992), derer sich Rohrer produktiv bedient. Lese ich mir meine eigenen Texte durch, dann ist viel von „Volksgemeinschaft“, Konsens, Zustimmung, Ermöglichung auf der einen Seite, von Terror, Gewalt und Repression auf der anderen Seite die Rede, und zwar möglichst gleichgewichtig. Nie wird aber eine Verbindung zwischen diesen Phänomenen hergestellt, wozu mir das Konzept „nationalsozialistische Macht“ heute aber sehr geeignet zu sein scheint. Zu beantworten ist damit vor allen Dingen die Frage, worauf die weitgehenden Anpassungsleistungen, die die breite Bevölkerung erbracht hat, beruhten, wie die (machtbasierte) Erzeugung von Konformität im Alltag funktionierte. Aber man benötigt ein gesellschaftsgeschichtlich fundiertes Konzept von „Macht“, um erst einmal eine solche Frage an den Nationalsozialismus stellen zu können.

Referenzen

Luhmann, Niklas: Macht. 2., durchges. Aufl., Enke: Stuttgart 1988

ders.: Die Politik der Gesellschaft, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2000

Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, 2., stark erw. Aufl., Mohr Siebeck: Tübingen 1992

Rohrer, Christian: Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen, Martin Meidenbauer: München 2006