Historische Organisationsforschung, eins (Beobachter)

von arminnolzen

Organisation, endlich. So dachte ich jedenfalls, als mir „Soziopolis“, die soziologische Online-Zeitschrift, die Besprechung des Sammelbandes „Im Kreuzfeuer der Kritik“ anbot, der sich mit dem Stellenwert von Organisationen im 20. Jahrhundert befasst (Böick/Schmeer 2020). Ich sagte freudig zu, hoffend, die Geschichtswissenschaft werde das von ihr lange vernachlässigte Thema „Organisation“ produktiv aufgreifen. Die Lektüre des Bandes freilich erwies sich weitgehend als Enttäuschung; von historischer Organisationsforschung, wie ich sie mir vorstelle, kaum eine Spur (https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/brueckenschlaege-zwischen-zeitgeschichte-und-organisationssoziologie/). Nach einem kurzen kollegialen Mailwechsel mit einem der beiden Herausgeber, der meine Kritik teils anerkannte, teils überzogen fand, entschloss ich mich, meinen eigenen Zugang zum Thema zu präzisieren. Dies geschieht hier mittels einer Serie von insgesamt elf Eintragungen, in denen ich mein eigenes Verständnis dessen vorstelle, was ich vorübergehend einmal „historische Organisationsforschung“ nennen will. Diese sind übrigens analog zu jenen elf Imperativen gestaltet, denen die Geschichtsschreibung folgen müsste, um sich als Wissenschaft in einer „nächsten Gesellschaft“ (Baecker 2018: 130-142) zu konstituieren. Im Computerzeitalter kann es für die Geschichtswissenschaft (die noch immer eine Wissenschaft des Buchdrucks ist) meines Erachtens kein „weiter wie bisher“ mehr geben.

Ein erster Imperativ jener historischen Organisationsforschung, die es hier zu umkreisen gilt, und damit zugleich aller (geschichts)wissenschaftlichen Kognition lautet: Unterscheide (dich als) Beobachter (dazu aus allgemeiner Sicht Baecker 2013: 76-140)! Ich beobachte die Geschichte von Organisationen, und ich beobachte sie anders als andere. Wer ist dieses „Ich“, das sich hier als Beobachter konstituiert? Wie beobachtet dieses „Ich“ im Unterschied zu „Anderen“ und welcher Mittel bedient es sich dazu? Nehmen wir die Einleitung der Herausgeber des erwähnten Sammelbandes mit dem Titel „Aus dem toten Winkel ins ,Kreuzfeuer der Kritik‘? Organisationen in der zeithistorischen Theorie und Praxis“ (Böick/Schmeer 2020: 9-65), den neuesten und bisher anspruchsvollsten geschichtswissenschaftlichen Text zum Thema „Organisationsforschung“, und kommentieren das Exzerpt, das ich im Vorfeld meiner Rezension angefertigt habe, um auf diese Art und Weise die Differenz Ich/Andere deutlich zu markieren (das Exzerpt selbst steht im Folgenden in Kursivschrift, meine Kommentare erfolgen in Normalschrift; Seitenzahlen aus der Einleitung der Herausgeber finden sich in eckigen Klammern).

Organisationen sind eine zentrale Referenz zeithistorischen Arbeitens und Forschens als a) Forschungsperspektive, b) Produzenten von Archivalien und Quellen und c) Auftraggeber (Universitäten, Institutionen, Fachverbände) [9]; „arbeitsweltlich-professionelle Omnipräsenz des Organisationellen“; Geschichtswissenschaft pflegt, im Unterschied zur Soziologie, unscharf zwischen Institution und Organisation zu unterscheiden [9 f.]; beide Begriffe werden im zeithistorischen Feld weitgehend synonym gebraucht [10]; kategoriale Differenzierung zwischen Organisation und Institution ist ein zentraler Ausgangspunkt sozialwissenschaftlicher Organisationsforschungen [10 f.]; spielt in den Geschichtswissenschaften keine Rolle [11]; implizites historiografisches Verständnis von Organisation als Institution lässt Phänomen im toten Winkel der Zeitgeschichtsforschung bleiben; hier erfolgt eine umfassende Reflexion über das Organisationelle in der Zeitgeschichtsforschung in engem Austausch mit der Organisationssoziologie [12]; könnte neuartigen Schnittpunkt bilden, um verschiedene Schulen zusammenzuführen; grundlegende Bestandsaufnahme von Organisationskonzepten in den Geschichts- bzw. Sozialwissenschaften; 1) theoretischer Stellenwert von Organisationen in der deutschen zeithistorischen Forschung, 2) Skizze der gegenwärtigen Debatten und Theoriestand der zu Organisationen arbeitenden Sozialwissenschaften, 3) Trennungs- und Verbindungslinien zwischen geschichts- und sozialwissenschaftlichen Organisationsforschungen und 4) eigenes Diskussionsangebot.

Die Arbeit geschichtswissenschaftlicher Beobachter, so erkennen es die beiden Herausgeber, ist durch eine „arbeitsweltlich-professionelle Omnipräsenz des Organisationellen“ (ebd.: 9) geprägt. Sie sind entweder selbst Mitglieder einer Organisation (z.B. einer Universität), durch eine solche sozialisiert (z.B. Schule) oder in ihrem alltäglichen Leben von deren Entscheidungen abhängig (z.B. von Verwaltungsbehörden in Sachen Daseinsvorsorge). „Organisation“ fungiert demnach, so könnte man es mit Niklas Luhmann (1984: 44 f.) formulieren, als Struktur, die konditioniert, also Bedingungen setzt, und zwar sowohl für ihre Mitglieder wie auch für ihre Nichtmitglieder, das Publikum. Böick und Schmeer führen die Konsequenzen dieses Sachverhaltes nicht genauer aus, sondern belassen es bei der Feststellung, dass der Ort des Beobachters einer Organisation oftmals selbst wieder eine Organisation ist. Zutreffend ist hingegen ihre Beobachtung, dass die Zeitgeschichtsforschung nicht zwischen Organisation und Institution trennt und daraus eine Vernachlässigung von Phänomenen von „Organisation“ resultiert. Sie wird gleichwohl kaum mit Beispielen unterfüttert, und überdies sind nicht gerade wenige der Einzelbeiträge ihres Bandes durch dieselbe mangelnde Differenzierung gekennzeichnet. Ein entsprechender Hinweis der Herausgeber an ihre Autorinnen und Autoren hätte dazu beitragen können, dies zu vermeiden.

Generell interessieren sich Böick und Schmeer für die Frage, „was Historikerinnen und Historiker eigentlich tun, wenn sie die Geschichte von Organisationen analysieren und (be)schreiben“ (Böick/Schmeer 2020: 12). Um einer Antwort auf die Spur zu kommen, skizzieren sie zunächst den Stellenwert von „Organisation“ in der zeithistorischen Forschung, wie sie ihn sehen. Den Ausgangspunkt bildet ihre Beobachtung, dass nicht zuletzt durch den Boom der Behördenforschung, also jene Aufträge, die Bundesministerien, Länderparlamente, Kommunen, öffentliche Dienstleister und Unternehmen zur Erforschung der NS-Belastung ihres Personals in der Bundesrepublik und der DDR vergeben haben, eine stärkere Beschäftigung mit dem Thema erforderlich geworden ist. Diese Behördenforschung habe dazu geführt, dass eine Hermeneutik des Verdachts entstanden sei, die entsprechenden Bearbeiter könnten in allzu enge Abhängigkeit von ihren Auftraggebern geraten.

Organisationen durch Aufarbeitungsstudien zur NS-Vergangenheit in den Fokus gerückt [13]; Boom einer weitgefächerten Auftrags- und Behördenforschung; beteiligte Zeithistoriker arbeiten sich am Problem der Legitimation ihrer wissenschaftlichen Unabhängigkeit ab; Frage, wie die Forscher damit umgehen, die Geschichte meist noch bestehender Organisationen in deren Auftrag und auf der Grundlage der von ihnen produzierten Quellen zu erforschen, blieb weitgehend ausgeklammert [14]; Momentaufnahme empirischer Omnipräsenz bei theoretischer Unterreflexion; welchen Ort haben Organisationen eigentlich in der jüngsten Geschichte der Geschichtswissenschaft in Westdeutschland eingenommen?; Artikel in „Geschichtliche Grundbegriffe“ [14 f.]; detaillierte Geschichte des modernen Organisationsbegriffs (Ernst-Wolfgang Böckenförde) [15]; dynamisch-aktivistischer Begriffsgebrauch; Organisationsbegriff trotz Böckenfördes Plädoyer nicht zu einem zentralen Analyse- oder Diskussionsgegenstand der deutschen Zeithistorikerschaft geworden [16]; fehlt in Hans-Jürgen Goertz‘ „Grundkurs zur Geschichte“ und in Stefan Jordans „Lexikon Geschichtswissenschaft“; Theodor Schieder und Frage, was Geschichtswissenschaft mit „Organisation“ zu tun hat (1983) [17 f.]; „Bielefelder Schule“ und Organisationen (Parteien, Verbände, Betriebe oder Gewerkschaften) als abgeleitete Transmissionsriemen sozio-ökonomischer Konflikte [19]; Hans-Ulrich Wehler vernachlässigte den Faktor „Organisation“ in seiner Gesellschaftsgeschichte; Hans Mommsens These von der Auflösung bürokratischer Rationalität im NS-Staat [19 f.]; Jürgen Kockas Analyse industrieller Betriebe und Idealtyp des „organisierten Kapitalismus“ [20]; Organisationen als Explanans, nicht als Explanandum [21]; Alf Lüdtkes Alltagsgeschichte und Forderung nach einer radikalen Perspektivenumkehr [21 f.]; Protest der etablierten Sozialhistoriker gegen eine drohende Zerfaserung einer kulturhistorisch orientierten Geschichtswissenschaft [23]; Organisationen in den kulturhistorischen Selbstreflexionen völlig unterbelichtet [25].

Diese Tour d’horizon durch die bundesrepublikanische Geschichtswissenschaft (warum hier eine so auf den Nationalstaat fixierte Perspektive?) folgt deren zentralen Paradigmen bis zum „cultural turn“ in den 1990er Jahren. Sie beginnt mit einer Analyse des einschlägigen Artikels in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“, einen der am wenigsten zitierten Beiträge dieses ansonsten sehr nachgefragten Lexikons (Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978). Gleichwohl interessieren sich Böick und Schmeer nur für den Teil dieses Artikels, der „Organisation“ seit der „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck) im 18. Jahrhundert betrachtet, und nicht für vormoderne beziehungsweise antike Vorläufer. So übergehen sie die entscheidende Pointe dieses Artikels: Dass „Organisation“ (ein Lehnwort aus dem Lateinischen des 14. Jahrhunderts) kein politisch-sozialer Grundbegriff ist, sondern ein (naturwissenschaftlich inspiriertes) Metaphernfeld beinhaltet, das seit der Antike so unterschiedliche Begriffe wie „corpus“, Organismus, das Organische und das Mechanische etc. mit sich führt, und dass Organisationsphänomene alles andere als nur „modern“ sind. Exakt auf moderne Organisationen wollen sie sich aber offenbar beziehen, und das zeigt sich dann auch bei ihrer Würdigung des Organisationsbegriffs in der Soziologie.

Soziologie befasst sich seit mehr als 100 Jahren mit modernen Organisationen [26]; am Anfang war Max Weber [27]; rational-moderne Organisationsform = Bürokratie [28]; Renate Mayntz und Möglichkeit der Organisationssoziologie, Makro- und Systemebene bzw. Mikro- und Handlungsebene miteinander zu verknüpfen [28 f.]; von ihr proklamierte Soziologie der Organisation erlebte seit Anfang der 1970er Jahre rasanten Aufstieg als Disziplin [29 f.]; Niklas Luhmann und Frage, wie es zum Fortbestehen von Organisationen kommt [30]; Anthony Giddens und Neo-Institutionalismus [31 f.]; Versuch eines Mikro-Makro-Links [32]; Ronald Hartz, Matthias Rietzer und Anschluss an Michel Foucault und Pierre Bourdieu zur Schaffung einer diskursanalytisch-kritischen Organisationstheorie [33]; Vergeschlechtlichung von Organisation (Sylvia M. Wilz) [35]; Diskurs, Gedächtnis und Geschlecht als neuere kulturwissenschaftlich geprägte Zugangsweisen zu Organisation.

Es liegt auf der Hand, dass diese Aufzählung angesichts von 100 Jahren Organisationssoziologie (Morgan 2018; Walter-Busch 1996) allzu rudimentär ausfällt. Auffällig ist zudem eine gewisse Beliebigkeit der hier erwähnten theoretischen Ansätze. So haben weder Anthony Giddens noch Michel Foucault oder Pierre Bourdieu eine eigene Organisationssoziologie entwickelt (was nicht heißt, dass man mit ihnen keine Organisationen analysieren kann, aber mit anderen Theorien geht das weit besser). Auch die Erwähnung des Neo-Institutionalismus führt kaum weiter, weil damit das von den Herausgebern so vehement beklagte Problem einer fehlenden Trennung zwischen „Institution“ und „Organisation“ über die Hintertür wieder eintritt. Der wichtige Hinweis auf die Vergeschlechtlichung von Organisation hätte mit vielen Versuchen untermauert werden können, gender theory und Organisationssoziologie zu verbinden, wie es im englischsprachigen Raum in der seit 1994 erscheinenden Zeitschrift „Gender, Work & Organization“ und in den Studien von Rosemary Pringle, Dana M. Britten und Joan Acker geschieht. Folgt man zum Beispiel Ackers (1990) „Theory of Gendered Organizations“, sind für Organisationen fünf Aspekte maßgeblich: die strukturelle Grenzziehung zwischen unqualifizierter Frauen- und qualifizierter Männerarbeit, die symbolische Ebene der spezifischen Männlichkeitskonzeptionen sowohl von Verwaltung als auch Management, die interaktiven Über- und Unterordnungsverhältnisse am Arbeitsplatz, die Wahl geschlechtsangemessener Identitäten durch die Organisationsmitglieder und die jeweiligen Binnenlogiken, die entgegen den meisten Selbstbeschreibungen von Organisationen eben nicht geschlechtsneutral sind.

Geschichts- und Sozialwissenschaften pflegen in der Gegenwart ein schwieriges, kompliziertes Verhältnis [37]; Kim Priemel, Rüdiger Graf und Streit über Rolle der Zeitgeschichtsforschung in Anbetracht der Sozialwissenschaften [38]; Stefan Kühl und Brückenschlag zwischen Zeitgeschichte und Organisationssoziologie [39]; Arbeiten Wolfgang Seibels [39 f.]; darüber hinaus existieren zugleich avanciertere Ansätze zu einer eigenen, dezidiert historischen Theoriebildung in der Analyse von Organisationen [40]; Klaus Türk, Thomas Lemke und Michael Bruch [40 f.]; Bernhard Löfflers Plädoyer für eine Institutionengeschichte in kulturhistorischer Erweiterung [42]; Peter Becker und Verbindung von Organisations- und Alltagsgeschichte [43]; Sören Eden, Henry Marx und Ulrike Schulz und neues Analyseraster zur historischen Analyse von Organisationen [45]; Ulrike Schulz, Stefanie Middendorf und Corinna Unger und Wandlungsprozesse in Institutionen/Organisationen [46]; dennoch ist das Feld der Organisationsgeschichtsschreibung bislang immer noch unterreflektiert geblieben [47].

Böick und Schmeer vermeinen, „Ansätze zu einer eigenen, dezidiert historischen Theoriebildung in der Analyse von Organisationen“ erkennen zu können (Böick/Schmeer 2020: 40 f.), aber ihr einziges Beispiel entnehmen sie der Organisationssoziologie (Türk/Lemke/Bruch 2006). Dabei handelt es sich zwar um ein Buch, das große historische Linien zieht, dies aber größtenteils auf Basis der soziologischen und nicht der historischen Literatur zum jeweiligen Themenkomplex. Im Grunde genommen wissen es die beiden Herausgeber aber auch selbst, dass es bis dato keine historische Theorie von „Organisation“ gibt:

„Die deutsche Zeitgeschichtsforschung verfügt […] über keinen eigenen klar konturierten Organisationsbegriff oder hierauf bezogene, übergreifende (Selbst-)Reflexionen“; hier erste Bausteine eines offenen, integrativen und multidimensionalen Ansatzes, der Organisationen ins Zentrum zeithistorischer Theoriediskussionen stellt [48]; Organisationen lassen sich grundsätzlich als zeithistorische Gegenstände untersuchen, und zwar in ihren vielfältigen Formen im zeitlichen Wandel [49]; Organisationelles soll in Vor-, Hoch- und Postmoderne sicht-, reflektier- und analysierbar gemacht werden; Prozesse des Organisierens, Merkmale der Organisiertheit und Organisate; vier verschiedene „Flughöhen“ der Analyse = 1) Makroebene (Gesellschaften, Großgruppen, Massenorganisationen), 2) Begegnungs- und Aushandlungsprozesse zwischen einzelnen Organisationen, 3) Mesoebene der Organisation (formale Strukturen, informelle Kulturen) und 4) Semantiken der Organisation als Diskursgebilde (Metaebene) [50 f.]; organisationelle Transformations- und Umbruchsprozesse lassen sich vor allen Dingen im Wechselspiel von Krisensituationen und Alltag einfangen [52]; besondere Spezifik von Organisationen als Organisationen wird gerade in Ausnahmesituationen besonders sichtbar; Nicht-Gelingen und Scheitern von Organisationen sollte in den Fokus der historischen Analyse rücken [53]; multidimensionale, selbstreflexive Organisationsgeschichtsschreibung ist vonnöten.

Nun also ihr eigener Vorschlag, den sie als offen (soll heißen: ergänzungsfähig und -bedürftig), integrativ (soll heißen: er umfasst alles, was für die Erfassung des Gegenstands „Organisation“ relevant ist) und multidimensional (soll heißen: er berücksichtigt alle fachwissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit „Organisation“ beschäftigen) verstehen. Als Ausgangpunkt nehmen sie einen Lexikonartikel von Roger Häußling und Gunter E. Zimmermann (2006), den sie bereits weiter oben in der Einleitung ausführlicher gewürdigt haben (Böick/Schmeer 2020: 26 f.). Dieser Lexikonartikel ist selbst eine Zusammenfassung unterschiedlicher soziologischer Ansätze und zeichnet sich dadurch aus, dass er veraltet ist; in der vorletzten Auflage dieses Lexikons ist er gar nicht mehr enthalten und wurde durch eine bessere, moderne Fassung ersetzt (Becker/Brinkmann 2016). Dennoch halten Böick und Schmeer an Häußlings und Zimmermanns Ausführungen fest und unterscheiden zwischen Organisation als 1) Tätigkeit, 2) Eigenschaft eines Gebildes und 3) Produkt (Organisat). Es geht ihnen beim Thema „Organisation“ also um drei Dimensionen von Prozess, Merkmal und Produkt, und diese sollen aus vier analytischen Blickwinkeln betrachtet werden: Auf der Makro-Ebene sollte „den übergeordneten Zusammenhängen von Gesellschaften, sozialen Großgruppen, (Massen-)Organisationen und hiermit verwobenen, übergeordneten Institutionen sowie auch übergreifenden Diskursen nachgespürt werden“, auf der Mikro-Ebene den „konkreten Begegnungs- und Aushandlungsprozessen von Organisationen, ihren einzelnen Mitgliedern (intern) sowie anderen Individuen (extern)“, auf der Meso-Ebene den „gemeinsamen Handlungs- und Deutungssphären von Organisationen als Organisationen mit ihren charakteristischen Wechselspielen von formalen Strukturen und informellen Kulturen“ sowie auf der Meta-Ebene den „übergreifenden Formen gesellschaftlichen Organisations- bzw. Ordnungsdenkens an sich“, also gesellschaftlichen Semantiken von „Organisation“ (Böick/Schmeer 2020: 50 f.).

Der hohe Abstraktionsgrad dieser Formulierungen ist dem Sachverhalt geschuldet, dass ihr Forschungsprogramm mit den herrschenden Paradigmen der Politik-, Sozial-, Alltags- und Kulturgeschichte kompatibel sein soll. Die Multidimensionalität der Analyse von Organisation soll also durch eine Pluralisierung dieser Paradigmen erreicht werden, ohne dass sich die beiden Herausgeber für einen „Königsweg“ entscheiden wollen. Dies ist eine zentrale Schwäche ihres Ansatzes, der letztlich in additiver Beliebigkeit versinkt. Eine der zentralen Errungenschaften von Wissenschaft besteht, jedenfalls nach Gaston Bachelard (1987: 46-58), jedoch gerade darin, mit Früherem zu brechen. Man hätte Böick und Schmeer hier mehr Mut zum Bruch mit den alten Zöpfen der Geschichtswissenschaft und mit den neuesten kulturwissenschaftlich inspirierten Turns gewünscht, um ihre eigene Konzeption klarer zu profilieren. Es steht zu befürchten (und eine Lektüre des gesamten Sammelbandes verstärkt diesen Eindruck), dass sich die postulierte Multidimensionalität als Erkenntnishindernis erweisen wird. Viele Köche können den Brei eben auch verderben.

Schließlich ist auch die Idee der beiden Herausgeber, dass die Charakteristika von Organisationen in Umbruchs- und Krisenzeiten besonders zum Ausdruck kämen (Böick/Schmeer 2020: 52 f.), wenig überzeugend. Warum soll eine Organisation in einer Krise, etwa im Zweiten Weltkrieg, prinzipiell anders (oder „charakteristischer“) funktionieren als im „Normalbetrieb“? Wahrscheinlich bedurfte es im Sammelband einer zeitlichen Begrenzung, damit sich das Thema nicht ins Uferlose auswuchs. Und diese sollte dann das krisenhafte 20. Jahrhundert sein. Generell oszilliert die Einleitung zwischen zeitlicher Schwerpunktsetzung einerseits und Öffnung des Untersuchungshorizontes andererseits. Einmal soll die Organisationsforschung Vormoderne, Moderne und Postmoderne umfassen, ein anderes Mal nur das 20. Jahrhundert. Diese Unentschiedenheit ist fast schon Programm. Auf jeden Fall lässt sich an ihr die erste grundlegende Differenz zwischen dem eingangs betonten „Ich“ und den „Anderen“ festmachen. Dieses „Ich“ kennt im Gegensatz zu den „Anderen“ bei der historischen Organisationsforschung keine Begrenzung auf einen festen Zeitraum. Es versteht „Organisation“ als evolutionäre Errungenschaft, also als äußerst unwahrscheinliche Strukturänderung, die zu einem bestimmten Zeitpunkt (es wird zu klären sein, wann und wo) auf der Referenzebene „Gesellschaft“ etabliert wird und ohne die diese Referenzebene seither nicht mehr auszukommen in der Lage ist.

Der zweite Unterschied: das „Ich“ argumentiert im Gegensatz zum „Anderen“ in der historischen Organisationsforschung nicht multidimensional oder multiparadigmatisch. Es wird einen (und nur einen!) Ansatz zu operationalisieren versuchen und in seinen Konsequenzen ausleuchten. Der dritte Unterschied: das „Ich“ wird dabei genuin historisch und nicht soziologisch vorgehen, soll heißen, es wird Informationen (die ältere historische Forschung nannte dies noch Quellen) aus der Vergangenheit aufspüren und interpretieren und nicht nur Sekundärliteratur (Ernst 2013: 9-27). Und der vierte Unterschied: Das „Ich“ sucht Organisationen in ihrem Wandel in der Zeit auf, und nicht als bereits fertige Gebilde. Dazu wird es erforderlich sein, die drei zentralen Begriffe Struktur, Ereignis und Prozess neu zu konzeptualisieren und systematisch miteinander zu verbinden. Historische Organisationsforschung eben.

Referenzen

Acker, Joan: Hierarchies, Jobs, Bodies. A Theory of Gendered Organization, in: Lorber, Judith/Farrell, Susan A. (eds.): The Social Construction of Gender, Sage: London 1990, S. 162-179

Bachelard, Gaston: Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1987

Baecker, Dirk: Beobachter unter sich. Eine Kulturtheorie, Suhrkamp: Berlin 2013

ders.: 4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt, Merve: Leipzig 2018

Becker, Karina/Brinkmann, Ulrich: Artikel „Organisation”, in: Kopp, Johannes/Steinbach, Anja (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, 11. Aufl., Springer: Wiesbaden 2016, S. 263-270

Böckenförde, Ernst-Wolfgang/Dohrn-van Rossum, Gerhard: Artikel „Organ, Organismus, Organisation, politischer Körper”, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhart Koselleck, Bd. 4, Klett-Cotta: Stuttgart 1978, S. 519-632

Böick, Marcus/Schmeer, Marcel (Hg.): Im Kreuzfeuer der Kritik. Umstrittene Organisationen im 20. Jahrhundert, Campus: Frankfurt am Main/New York 2020

Ernst, Wolfgang: Signale aus der Vergangenheit. Eine kleine Geschichtskritik, Wilhelm Fink: München 2013

Häußling, Roger/Zimmermann, Gunter E.: Artikel „Organisation”, in: Schäfers, Bernhard/Kopp, Johannes (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, 9. Aufl., Springer: Wiesbaden 2006, S. 218-221

Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1984

Morgan, Gareth: Bilder der Organisation, Schaefer-Poeschel: Stuttgart 2018 [ursprgl. in deutscher Erstausgabe erschienen bei Klett-Cotta: Stuttgart 1997]

Türk, Klaus/Lemke, Thomas/Bruch, Michael: Organisation in der modernen Gesellschaft. Eine historische Einführung, 2. Aufl., Springer: Wiesbaden 2006 [ursprgl. erschienen: 2002]

Walter-Busch, Emil: Organisationstheorien von Weber bis Weick, Fakultas: Amsterdam 1996