scholé, geschichtswissenschaftliche Meditationen, A

von arminnolzen

In der an Universitäten und Forschungseinrichtungen institutionalisierten Geschichtswissenschaft herrscht Knappheit. Nicht an Stellen, Ideen, Konzepten, und schon gar nicht an Geschriebenem. Knapp ist ihr die Zeit. Mails harren der Antwort; Aufsätze der Begutachtung und Überarbeitung durch Herausgeber (die männliche Form, die in dieser Eintragung durchweg steht, ist übrigens in jedem der genannten Fälle angebracht!), die jahrelang nichts von sich hören lassen und dann aus heiterem Himmel (meist in der Urlaubszeit) eine Korrekturfahne eines mittlerweile hoffnungslos veralteten Manuskripts schicken, die binnen weniger Tage bearbeitet und mit einem englischen abstract versehen werden muss; Konferenzbände sind mehrere Jahre in Verzug, weil Autoren ihre vereinbarten Beiträge einfach nicht liefern (und sich bei Nachfragen telefonisch dann auch noch verleugnen lassen); Kollegen sagen Aufsätze zu, ohne dass danach man je wieder von ihnen gehört hätte (was sie unter Umständen nicht daran hindert, den Band, in dem ihr Elaborat hätte erscheinen sollen, später in einer Rezension zu verreißen). Wer je einen Sammelband, eine Zeitschrift oder einen Rezensionsteil betreut hat, weiß, wovon ich rede (die obigen Beispiele gehen samt und sonders auf eigene Erfahrungen zurück). Die Überforderung der akademischen Geschichtswissenschaft scheint mir nicht zuletzt ein Resultat der so zeitfressenden öffentlichen Performanz (dazu die Beiträge in Etzemüller 2019) institutionalisierter Historiker, ob anlässlich von Konferenzen, Vorträgen, Gremiensitzungen oder Treffen mit politischen Entscheidern oder Protagonisten der Massenmedien, bei denen es darum geht, irgendein Thema, für das man sich zuständig fühlt, in einer Kommission oder einer Fernsehdokumentation aufzuarbeiten.

Geschichtsschreibung benötigt Zeit, und zwar Zeit zum Lesen, zum Denken und zum Schreiben, also jene Produktionsbedingungen, die in der platonischen und aristotelischen Philosophie unter den schönen Begriff der „scholé“ (Muße, freie Zeit, Zeit zum ernsthaften Spielen) gefasst wurden und nachgerade als Voraussetzung von Erkenntnis galten (Kalimtzis 2017). Diese Einsicht gilt es in der Serie von Eintragungen, die ich unter „scholé, geschichtswissenschaftliche Mediationen“ in den kommenden Monaten zu verfassen beabsichtige, zu beherzigen; jedoch nicht, ohne darin auch jene Kritik einfließen zu lassen, die Pierre Bourdieu, einer der berühmtesten französischen Soziologen, an der „scholé“ und ihrem daraus resultierenden „scholastischen Epistemozentrimus“ geäußert hat (Bourdieu 2001: 18-63; Hark 2009). Mir geht es unter dem Begriff „scholé“ darum, über Dinge zu reflektieren, für die im geschichtswissenschaftlichen Tagesgeschäft zu wenig oder gar keine Zeit ist. Etwa das Denken. Welchen Stellenwert hat es für die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und welchen für Historiker, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus befassen? Und: welchen Stellenwert hat es für mich selbst?

Ich beginne mit einem Zitat von Simone Weil (1909-1943), der im Pariser Großbürgertum aufgewachsenen Tochter eines Internisten, Jüdin, Philosophin, Schwester eines berühmten Mathematikers der Gruppe Nicolas Bourbaki, Marxistin, im Spanischen Bürgerkrieg kurze Zeit Milizionärin in der Kolonne Durutti, Anarchistin, Pazifistin, im britischen Exil Angehörige der gaullistischen Résistance gegen die NS-Okkupation Frankreichs, (vermutliche) Konvertitin zum katholischen Glauben (Wimmer 2005, 2007 u. 2009; Pétrement 2007): „Die Gemeinschaft ist in allen Bereichen mächtiger als das Individuum, außer in einem: denken […]: das »Recht« des Individuums gegenüber der Gesellschaft, das ist genauso lächerlich wie das »Recht« des Gramms gegenüber der Tonne. Das Individuum hat nur eine Stärke: das Denken. Doch nicht wie es die platten Idealisten verstehen – Bewußtsein, Meinung etc. Das Denken stellt eine Kraft dar und begründet also nur insofern ein Recht, als es ins materielle Leben eingreift“ (Weil 1991: 63).

Das Denken, so ist Weil zu verstehen, ist die Stärke des Individuums. Nur im Denken ist dieses stärker als das Kollektiv. Und das Individuum kann, wenn es sich seiner Stärke besinnt, einen Hort der Autonomie im Hinblick auf das ausbilden, was sie einmal „Gemeinschaft“, ein anderes Mal „Gesellschaft“ nennt. Das Denken als Kraft scheint aber nur dann wirksam zu sein, wenn es ins Leben eingreift. Wie kann das jedoch vonstatten gehen? Gibt es nicht einen unentrinnbaren Hiatus zwischen Denken und Tun, zwischen Prozessen, die sich im individuellen Bewusstsein abspielen, und solchen, die gesellschaftlich relevant werden können? Dies ist sicherlich ein Problem, aber für den Historiker ist es weniger relevant. Seine Praxis ist das Schreiben, und damit sich sein Denken überhaupt in irgendeiner Form materialisieren kann, muss er zunächst einmal geschrieben haben. Was danach mit seinem Text passiert, hat er schon nicht mehr in der Hand. Aber durch das Geschriebene, das er ins Wissenschaftssystem einspeist, verändert sich dieses bereits. Genauer könnte man sagen: die Welt (nicht nur jene der Wissenschaft) verändert sich mit jedem veröffentlichten Text!

Wie eigentlich denken Historikerinnen und Historiker, die sich heute mit der Geschichte des Nationalsozialismus befassen? Mit welchen Unterscheidungen fangen sie an, von welchen Präsuppositionen lassen sie sich leiten und wie fließen diese in ihre Produkte ein? Natürlich kann diese Frage immer bloß oberflächlich beantwortet werden, indem man das Geschriebene selbst analysiert und dann auf individuelle Denkprozesse rückschließt (und dies geht überdies nur am Einzelbeispiel). Zudem fehlt es, bis auf eine rühmliche Ausnahme aus der vorhergehenden Generation (Hilberg 2008 u. 2009; dazu Schlott 2019), an entsprechenden Selbstreflexionen. Es mehren sich aber die Anzeichen dafür, dass dies nicht so bleiben muss, angestoßen durch jene Entwicklung in der NS-Forschung, bei der Historiker, eigentlich Einzelkämpfer par excellence, immer mehr an gemeinsamen Projekten arbeiten. Es ist die so genannte Auftragsforschung, etwa zur Vor- und Frühgeschichte der Bundesministerien und der Länderparlamente (als Überblick Mentel/Weise 2016), die auch erste Pflänzchen der Selbstkritik hervorbringt, wie ich anlässlich einiger Projektreffen, an denen ich teilnehmen durfte, und vielen eher informellen Unterredungen mit beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst erfahren habe.

Kürzlich ist mit dem Beitrag von Christian Mentel (2020) erstmals eine Selbstreflexion erschienen, die gleich in doppelter Hinsicht bemerkenswert ist. Zum einen ist der Autor selbst an einem entsprechenden Projekt beteiligt (https://www.geschichte.hu-berlin.de/de/bereiche-und-lehrstuehle/zeitgeschichte/neueste-und-zeitgeschichte/personen/christian-mentel), zum anderen scheint sich dieses „ist“ mittlerweile in ein „war“ verwandelt zu haben: „Zum Zeitpunkt der Publikation dieses Essays werde ich die prekären, zur Selbstausbeutung verleitenden Beschäftigungsverhältnisse in der Wissenschaft gegen eine unbefristete und mit Perspektiven ausgestattete Position eingetauscht haben. Eine Stelle in einer Behörde, für die das Thema Behördenforschung keine Rolle spielt“ (ebd.: 161). Es handelt sich also um eine Selbstreflexion aus dem Inneren eines Projektverbundes, die zugleich eine Fremdbeobachtung zu sein scheint; inwiefern Mentel das Projekt noch zu beenden gedenkt, teilt er dem Leser nämlich nicht mit.

Mentels Text beginnt mit einem kurzen Rückblick auf die Entwicklung der Behördenforschung seit 2005, die er in die drei Felder Auftragsforschung (Behörden berufen Kommissionen oder einzelne Historiker ohne vorherige Ausschreibung), Zuwendungsforschung (sie setzen dabei auf transparente, kompetitive Vergabeverfahren) und Ressortforschung (sie lassen die Geschichte ihrer Dienststelle durch hausinterne Personen oder Wissenschaftler schreiben) einteilt. Danach trägt er „anhand der vier Aspekte Projektentwicklung, Arbeitsstrukturen, Forschungspraxis und Umgang mit der Öffentlichkeit Beispiele wissenschaftsseitiger Strukturen und Praktiken im Feld der Behördenforschung zusammen, die man als diskussionsbedürftig, unzureichend, zweifelhaft, kontraproduktiv oder auch als unzulässig bezeichnen kann“ (ebd.: 142). Weiter meint Mentel: „Über solche kritikwürdigen Verhaltensweisen von Historiker/innen feindet im Fach zu wenig offener Austausch statt. Indem Unzulänglichkeiten und Fehlleistungen entweder vollständig ausgeblendet, wechselseitig toleriert oder als disqualifizierende Argumente verwendet werden, versagt sich die Zunft der Chance, Verfahren zu entwickeln, den in der Behördenforschung in besonderer Weise zu Tage tretenden Problemen besser als bislang zu begegnen“.

Unter „Projektentwicklung“ gibt Mentel einige Beispiele für Nepotismus im Vergabeverfahren bei der Auftragsforschung sowie für Rollenkonflikte innerhalb der Ressortforschung, unter „Arbeitsstrukturen“ geht es im Wesentlichen um Probleme der Arbeitsteiligkeit und Eingriffe in einzelne Projekt-Manuskripte, unter „Forschungspraxis“ um privilegierten Quellenzugang und unter „Umgang mit der Öffentlichkeit“ um die Präsentation von Zwischen- und Endergebnissen der jeweiligen Projekte. Ein zentrales Thema spricht Mentel jedoch gar nicht an: die eigentliche geschichtswissenschaftliche Arbeit, und zwar das Sammeln und Interpretieren von Informationen (Quellen), die Lektüre von Sekundärliteratur und die langsame Verfertigung der Thesen im langwierigen Prozess der inhaltlichen Arbeit im Hinblick auf den Forschungszusammenhang, in dem sie steht. Dieser ist ein doppelter: das Feld der Geschichtswissenschaft und das Projekt. Man kann sich darüber streiten, ob man diesen doppelten Forschungszusammenhang mit Theorien von „Organisationen“ oder von „Netzwerken“ in den Griff bekommen könnte. Wichtig ist hier nur, dass es um einen kollektiven Forschungszusammenhang geht.

Kollektives anstatt individuelles Denken, das ist der Unterschied, den die Auftragsforschung macht, und dieser Unterschied ist einer ums Ganze. Die geschichtswissenschaftliche Wahrheit ist eine andere, wenn öffentliche Behörden, die nicht zum Feld der Geschichtswissenschaft gehören, den Rahmen der Forschung setzen und eine Gruppe konstituieren, die sich über einen begrenzten Zeitraum gemeinsam mit einer Frage beschäftigt. Das Denken im Forschungskollektiv, in einem Projekt der Auftragsforschung, ist konditioniert, es steht also unter Bedingungen, die zum einen durch die Auftraggeber, zum anderen durch die Interaktion mit anderen am Projekt beteiligten Wissenschaftlern geschaffen werden. Und diese Bedingungen basieren meist auf hierarchischen Abhängigkeitsverhältnissen (Forschungsgruppenleiter und Kommissionsmitglieder, in der Regel Vollzeitprofessoren, stoßen auf Habilitanden und Promovenden, in der Regel in der Phase der Qualifikation und von der Bewertung ersterer unmittelbar abhängig). Wenn jedoch das Denken des Individuums wirklich stärker ist als das Denken des Kollektivs, wie Weil insinuiert, dann nicht zuletzt, weil es weniger konditioniert ist. Individuelles Denken ist labyrinthisch. Und der labyrinthische Historiker sucht nicht etwa eine definitive Wahrheit, sondern seine Ariadne (frei nach Barthes 1989: 83).

Intertexte

Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1989 (Taschenbuchausgabe) [im frz. Original erschienen: 1980]

Bourdieu, Pierre: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2001 (Taschenbuchausgabe)

Etzemüller, Thomas (Hg.): Der Auftritt. Performanz in der Wissenschaft, transcript: Bielefeld 2019

Hark, Sabine: Scholé (skholé) und scholastische Sicht, in: Fröhlich, Gerhard/Rehbein, Boike (Hg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Metzler: Stuttgart/Weimar 2009, S. 216-219

Hilberg, Raul: Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2008

ders.: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2009

Kalimtzis, Kostas: An Inquiry into the Philosophical Concept of Scholê. Leisure as a Political End, Bloomsbury: London/New York 2017

Mentel, Christian: Der kritische Blick auf sich selbst. Zur Verantwortung der historischen Zunft in der Behördenforschung, in: Böick, Marcus/Schmeer, Marcel (Hg.), Im Kreuzfeuer der Kritik. Umstrittene Organisationen im 20. Jahrhundert, Campus: Frankfurt am Main/New York 2020, S. 139-161

ders./Weise, Nils: Die zentralen deutschen Behörden und der Nationalsozialismus. Stand und Perspektiven der Forschung, Eigenverlag: München/Potsdam 2016 [zum Download unter: https://www.ifz-muenchen.de/fileadmin/user_upload/Neuigkeiten 2016/2016_02_13_ZZF_IfZ_PM_BKM-Studie_FINAL_Neu.pdf].

Petrément, Simone: Simone Weil. Ein Leben, Universitätsverlag: Leipzig 2007

Schlott, René (Hg.): Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie, Wallstein: Göttingen 2019

Weil, Simone: Cahiers/Aufzeichnungen. Erster Band, hg. u. übers. v. Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, Carl Hanser: München/Wien 1991

Wimmer, Reiner: Vier jüdische Philosophinnen. Rosa Luxemburg, Simone Weil, Edith Stein und Hannah Arendt, Reclam: Stuttgart 2005

ders.: Simone Weil. Interkulturell gelesen, Traugott Bautz: Nordhausen 2007

ders.: Simone Weil. Person und Werk, Herder: Freiburg 2009