Hans Mommsen, Memorabile zwei

von arminnolzen

Bisweilen, wenn ich öffentliche, tagesaktuell motivierte Stellungnahmen von Kolleginnen und Kollegen über den Nationalsozialismus höre oder lese, überfällt mich das seltsame Gefühl einer Abwesenheit, einer Leere. Dies hat weder mit dem Inhalt dessen zu tun, was geäußert wird, noch mit der Art und Weise, in der es geschieht, sondern resultiert einzig und allein aus der Tatsache, dass dann eine imaginäre Person vor meinem geistigen Auge auftaucht, nämlich Hans Mommsen, der am 5. November 2015 im Alter von 85 Jahren verstorben ist. Oft ertappe ich mich bei dem Gedanken, was er wohl zu dem in Rede stehenden Sachverhalt gesagt hätte, was er geschrieben hätte, wie er aufgetreten wäre. Mich beschleicht dann regelmäßig der Verdacht, dass er für mich geradezu die Verkörperung eines public intellectual war (nein, immer noch ist), an dem ich alle anderen messe. Woran liegt das? Hat dies etwas mit seiner besonderen Aura zu tun? Sicherlich auch. Ich glaube allerdings, dass hier mehr zu sagen ist, dass sich hier eine Tiefenschicht meiner Erfahrungen mit ihm und mit seinen Texten auftut, die gar nicht so einfach zu beschreiben ist. Ich will dies dennoch versuchen, indem ich etwas über seine Herangehensweise an die Interpretation des Nationalsozialismus (der aber natürlich nicht das einzige seiner Themen war) reflektiere.

Worin bestand eigentlich Hans Mommsens Methode? Wie lehrte er Geschichte? Was verstand er unter Geschichtswissenschaft? Einer Beantwortung dieser Fragen kann man sich auf doppelte Art und Weise nähern: erstens durch eine Reflexion über die eigenen Erfahrungen mit ihm innerhalb wie außerhalb des Seminars, zweitens durch eine Analyse seiner wenigen theoretisch gehaltenen Schriften. Der Ort, der für meine eigenen Erfahrungen paradigmatisch ist, war Hans Mommsens Oberseminar, regelmäßig abgehalten am Montag von 18-20 Uhr im Landesbanksaal des „Hauses der Freunde“ an der Ruhr-Universität Bochum, das mittlerweile abgerissen worden und dem neu errichteten Gesundheitscampus gewichen ist. In der Zeit, in der ich bei ihm studierte und später dann, nach erfolgreicher Absolvierung meines Magisterexamens, während meiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, bestand dieses Oberseminar ausschließlich in der Lektüre von Quellentexten zur Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Meine Aufgabe bestand darin, dieses Seminar zu begleiten und Hans Mommsen vorab Vorschläge zu den zu erörternden Quellentexten zu unterbreiten. In der Regel griff ich dazu auf eine große, am Lehrstuhl vorhandene Sammlung archivalischer Dokumente zurück, die er zusammen mit Susanne Willems (1988) für das Buch „Herrschaftsalltag im Dritten Reich“ zusammengetragen hatte. Auch Dokumente, über die im Hauptseminar gesprochen worden war und die eine gewisse Bedeutung für die dortigen Interpretationen hatte, standen regelmäßig zur Auswahl.

Wenn sich Hans Mommsen dann für ein Dokument entschieden hatte, wurde es kopiert und in einer notwendigen Anzahl im Seminarapparat am Eingang der Historischen Bibliothek ausgelegt. Er selbst bereitete sich dann am Montagnachmittag zu Hause auf die Oberseminarsitzung vor, und mindestens die Hälfte der etwa fünfzehn bis zwanzig Seminarteilnehmer brüteten zur gleichen Zeit in der Historischen Bibliothek darüber; stets auf der Suche nach Lexika zur Begriffsklärung oder nach erläuternden Texten. Gegen 17.45 Uhr setzte man sich dann gemeinsam zu Fuß zum Landesbanksaal in Bewegung (die Strecke dauerte eine Viertelstunde), obwohl alle wussten, dass Hans Mommsen erst gegen 18.15 Uhr mit seinem VW anrauschen würde. Meistens aber hatte die „diensthabende“ Hilfskraft den Schlüssel (und dies war in den meisten Fällen ich selbst), so dass man gegen 18 Uhr auf offene Türen hoffen durfte. Über die Sitzung selbst ist nicht viel Aufhebens zu machen: Hans Mommsen ging den Text Zeile für Zeile durch, stellte gezielte Fragen, rief auf, wen er wollte, ob er sich nun gemeldet hatte oder nicht und erzählte nebenher Einiges aus seinem Forscherleben, von Konferenzen, persönlichen Gesprächen, bei denen diese oder jene Frage erörtert worden war. Ich weiß nicht, welchen Lerneffekt dies auf die Anwesenden hatte, von denen einige doch mit einer gehörigen Portion Respekt, wenn nicht gar einer gewissen Angst, aufgerufen zu werden, gezeichnet waren. Wichtig war mir nur die Kommunikationssituation selbst: hier hatte man einmal im Studium die seltene Möglichkeit, an der kommunikativen Erarbeitung einer Quelleninterpretation selbst mitzuwirken, und dann noch in Gegenwart eines großen Gelehrten. Das Ganze war zudem relativ unverbindlich, denn einen Schein bekam man nur für Anwesenheit und mündliche Beteiligung (für das Studium war dieser Schein auch gar nicht verpflichtend). Wer an diesem Oberseminar teilnahm, wollte etwas lernen.

Hans Mommsen lehrte keine Methode, aber er hatte eine, die er in einem programmatischen Artikel in einem von seinem damaligen Freund Waldemar Besson herausgegebenen Sammelband formulierte. Der Artikel hieß „Historische Methode“ und begann gleich mit einem Paukenschlag: „Der Begriff der historischen Methode“, so lauten die ersten Sätze, „bezieht sich nicht einfach auf die technische Arbeitsweise des Historikers und ist nicht eine Sammelbezeichnung für die differenzierten Untersuchungs- und Darstellungsformen, die bei der kritischen Analyse und objektivierenden Beschreibung geschichtlicher Ereignisse und Abläufe zur Anwendung kommen. Er richtet sich vielmehr auf die Bestimmung der Eigenart des historischen Erkennens und des Wissenschaftscharakters der Geschichte. Das betrifft die Abgrenzung der geschichtlichen Wissenschaften von den Erfahrungswissenschaften – insbesondere den Naturwissenschaften und der empirischen Soziologie – und den benachbarten Disziplinen der Politischen Wissenschaften, der Nationalökonomie und der Jurisprudenz wie die Erhellung des Verhältnisses von geschichtlicher Bemühung und Selbstverständnis der Gegenwart“ (Mommsen 1961: 78 f.).

In dieser Einleitung drückt sich aus, was den Historiker Hans Mommsen Zeit seines Lebens kennzeichnete: ein Insistieren auf dem Wissenschaftscharakter der Geschichtsschreibung und eine Verteidigung der innerdisziplinären Erkenntnisoperationen gegen alle Übergriffe von Seiten anderer Wissenschaften. Dies ließ ihn alle Forderungen nach Inter- oder gar Transdisziplinarität mit Argwohn betrachten. Von Hans Mommsen habe ich gelernt, dass die Geschichtswissenschaft ihre eigene Disziplin, ihre eigenen Erkenntnisweisen und Operationen so stark wie möglich machen muss, um im Gespräch mit anderen Disziplinen (das er übrigens, zumindest in den späteren Jahren seines Wirkens, nie scheute; siehe etwa Mommsen 1996) bestehen zu können. Wie geht der Artikel „historische Methode“ weiter?

Scharfe Entgegensetzung von idiographischer Methode der Geschichtswissenschaften und nomothetischer Methode der Naturwissenschaften gilt für die Gegenwart nicht mehr [79]; Naturwissenschaften haben begrenzten Anwendungsbereich der klassischen Physik erkannt und heben bloßen Abbildcharakter ihrer Ergebnisse hervor; diese gelten nur bezüglich der Fragestellung und innerhalb strenger definitorischer Grenzen; Wechselverhältnis zwischen induktiver Experimentalforschung und theoretischer Forschung (= Entwicklung systemkohärenter Arbeitshypothesen) ist mit Doppelseitigkeit der historischen Methode vergleichbar; diese leitet aus dem Quellenbefund allgemeine Zusammenhänge ab, konfrontiert sie in der Form von Fragestellungen (historische Heuristik) wieder mit dem Quellenmaterial und prüft sie auf ihre Richtigkeit [80]; auch die Geschichtswissenschaft ist bestrebt, vom individuellen Faktum zu allgemeinen deutenden Aussagen aufzusteigen; bedient sich zu diesem Zweck typologisierender Begriffsbildung, deren Verbindlichkeit durch die jeweilige Fragestellung begrenzt ist; bewegt sich im Rahmen der Heuristik, d.h. „die von ihr gebildeten Begriffe und Theorien bedürfen der Bestätigung an jedem einzelnen Gegenstand, werden somit beständig in Frage gestellt und sind nicht die Erklärung der historischen Vorgänge selbst, sondern nur Mittel dazu“; darin liegt Abgrenzung der Geschichtswissenschaft von der Soziologie, der Nationalökonomie und den systematischen Zweigen der Politischen Wissenschaft; diese streben die Herausarbeitung der typischen und gesetzmäßigen Erscheinungen an.

Zwei Aspekte sind hier bemerkenswert: Die Vorstellung von Geschichtsschreibung als einem niemals abzuschließenden Prozess der Interpretation: genauer: der Verallgemeinerung von Einzeltatsachen, und die bloß heuristische Verwendung von Theorien und Begriffen. Zum einen dürfen sich Historikerinnen und Historiker nicht auf eine bloße Nachzeichnung des Tatsächlichen (was immer das sein soll) beschränken, sondern müssen verallgemeinern. Zum anderen sind Theorien und Begriffe lediglich Hilfsmittel und erklären niemals das Konkrete. Was aber ist dieses Konkrete, der Gegenstand der Geschichtswissenschaft nach Hans Mommsen?

Der Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist nicht als ein unabhängig vom Betrachter existierendes Gegenüber gegeben, sondern unterliegt der Verwandlung, indem er der analytischen Forschung und Interpretation unterzogen wird; folgt doppelter Bewegung = a) Prozeßhaftigkeit allen vergangenen Lebens und b) Veränderungen des die Geschichte betrachtenden Menschen, der selbst dem geschichtlichen Werden unterworfen ist; Gegenstand der Geschichtswissenschaft = Wissen von der Vergangenheit (formale Definition); kann in verschiedenen Formen lebendig sein, d.h. schriftliche und mündliche Überlieferung [80 f.]; Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es zunächst, dieses bruchstückhafte Wissen zum Rang eines nachprüfbaren und kontrollierten Wissens zu erheben = Systematik [81]; Quellenkritik = Zusammengehöriges und Nichtzusammengehöriges unterscheiden; Geschichtswissenschaft kann das Leben einer vergangenen Epoche nicht in seiner ganzen Breite reproduzieren; vermittelt nur einen Ausschnitt aus der Fülle vergangener Wirklichkeiten; bewahrt nur das, was wissenswert ist; Interesse an der Vergangenheit umfaßt nur das, was unsere Gegenwart bedingt.

Und wieder eine bemerkenswerte Formulierung: der Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist kein fester, sondern variiert je nach Betrachter. Sie wird verkompliziert durch das Eingeständnis, dass sich auch der Betrachter wandelt. Also ein doppelter historischer Wandel auf Seiten des Gegenstandes (durch permanente, sich verändernde Überlieferung) und auf Seiten der Betrachter (durch fortschreitende Erfahrung). Der Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist nicht etwa eine Schlacht, eine Naturkatastrophe, eine Handlung eines Verwaltungsmitarbeiters, sondern das überlieferte Wissen darüber, man könnte auch sagen: die überlieferte Information. Die historische Referentialität liegt also zugleich auf der Seite des Objekts und auf der Seite des Subjekts. Diese Position erinnert an Vorstellungen des Konstruktivismus, die in den Geschichtswissenschaften erst frühestens Ende der 1980er Jahre aufkamen (Goertz 2001: 95-102). Sicherlich konnte sich Hans Mommsen auf einige frühkonstruktivistische Auffassungen aus Johann Gustav Droysens „Historik“ berufen; seine generelle kritische Auseinandersetzung mit der Epoche des Historismus ließ ihn jedoch weiter gehen als viele andere Historiker seiner Zeit.

„Die Geschichtswissenschaft hat es ja vorwiegend mit hochkomplizierten Sach- und Wirkungszusammenhängen zu tun, die nur vermittels einer hochgradigen begrifflichen Abstraktion erfaßt werden können“ [82]; es ist daher eine methodische Grundforderung, das auf Geschichte angewandte Begriffssystem, das fast durchweg Wertakzente setzt, kritisch zu prüfen; historische Begriffsbildung kann nie zur definitorischen Exaktheit der Naturwissenschaften vordringen; hat mit Besonderheit der geschichtlichen Welt zu tun, die sich einer genetisch-kausalen Erklärung entzieht [82 f.]; Isolierbarkeit des Gegenstands ist nicht möglich [83]; jede Beschränkung auf räumlich begrenzte Ereignisfolge zerschneidet vielfältige Kausalitätsbezüge; Kritik an Auffassungen des historischen Materialismus; „Die unendliche Verarmung des historischen Wissens, das auf wiederkehrende und auswechselbare Ablaufstypen zusammengedrängt wird, zeigt eindrücklich, daß der Versuch einer kausalistisch-positivistischen Geschichtserklärung sich den Zugang zur Vielfalt der geschichtlichen Welt verschließt“ [83 f.]; Frage der Determiniertheit historischer Abläufe vom Gegenstand der Geschichtswissenschaft her nicht zu beantworten [84].

Als nächstes also zwei Bekenntnisse: das Bekenntnis zum Begriff (also zur Abstraktion) und das Bekenntnis zum Indeterminismus (zum diesem in der Geschichtswissenschaft nicht gängigen Begriff Müller 2015). Wer Hans Mommsen kannte, wird vom ersten Aspekt nicht verwundert sein, hat er doch immer mit Begriffen gearbeitet, die er entweder selbst geprägt oder aus anderen Arbeitszusammenhängen übernommen hat (Mommsen 1976). Das zweite Bekenntnis ist jedoch erklärungsbedürftig, forcierte er im Oberseminar in der Regel Interpretationen, in deren Zentrum spezifische Kausalitätsannahmen standen. Dieses Problem ist nicht ohne Berücksichtigung von Hans Mommsens generellem Geschichtsverständnis zu klären; einstweilen ist nur zu betonen, dass er Geschichte grundlegend als einen Prozess versteht, als Geschehen, das zwischen zwei Zeitpunkten gerichtet abläuft. Und das Wort „gerichtet“ ist hier zentral, denn es geht ihm um eine Art Pfadgebundenheit, und die Kausalität ergibt sich in aller Regel durch die spezifische Konditionierung des Prozesses (ist insofern nicht unbedingt Handlungskausalität). Die zentrale Stoßrichtung von Hans Mommsens historischer Methode ist dann aber anti-historistisch.

Historismus = Einmaligkeit/Besonderheit aller geschichtlichen Erscheinungen als bestimmende Kategorie des historischen Erkennens (Individualitätsthese); diese Absolutsetzung negiert Vergleichbarkeiten und entgeht dem Werterelativismus nicht (Ernst Troeltsch); Begriff „Verstehen“ (Wilhelm Dilthey) hängt eng mit der idealistischen Identitätsphilosophie zusammen; Droysen = Aufgabe des Historikers sei es, „forschend zu verstehen“; Verstehens-Begriff ruht auf metaphysisch begründeter doppelter Identität von Subjekt und Objekt auf; Identität von Individuellem und Allgemeinem gilt auch für das Verhältnis des Menschen zur Geschichte [85]; er ist Subjekt und Objekt des geschichtlichen Erkennens zugleich; dem Historiker ist „sein Objekt Fleisch von seinem Fleische; es ist ihm homogen“ (Friedrich Meinecke); Erkenntnisakt des Historikers demzufolge nicht bloß Produkt einer Verstandestätigkeit, sondern „umfaßt die intuitiven und sinnlichen Kräfte, die gemüthaften, ästhetischen und sittlichen Empfindungen sowohl wie Phantasie und Anschauungsvermögen“; Individualitätsidee ist es, die diese Form unmittelbaren Verstehens erst ermöglicht [85 f.]; Postulat der Totalität der geschichtlichen Welt und das Individualitätsaxiom finden ihre Entsprechung in einem Entwicklungsbegriff, der den geschichtlichen Prozeß als „wachstümliche, organische Entwicklung“ begreift [86]; historistischer Verstehens-Begriff trägt zwei elementaren Erfahrungen nicht genügend Rechnung = a) Gewahrwerden der Entfremdung von der Vergangenheit und b) Dimension der Zeit.

Sehr viel Raum seines Artikels verwendet Hans Mommsen also darauf, die Individualitätsthese (oder -annahme) und den damit zusammenhängenden „Verstehens“-Begriff des Historismus zu reflektieren (generell Jaeger/Rüsen 1992; Rüsen 1993). Seine Kritik ist deutlich: durch die wachsende zeitliche Entfernung des Historikers von seinem Gegenstand kann man nicht mehr vom „Nacherleben“ sprechen, das für den Verstehens-Begriff des Historismus so zentral war. Das Leben der Historiker heute ist ein völlig anderes als das der Menschen beispielsweise im Mittelalter, die nicht mehr so umstandslos „verstanden“ werden können (anderes gilt für die Zeitgeschichte). Und die Individualitätsidee schließt apriori alle Vergleiche aus, was sie in einen unendlichen Relativismus einmünden lässt. Was schlägt Hans Mommsen dagegen vor?

Historische Methodologie = Doppelseitigkeit, d.h. individualisierendes und generalisierendes Verfahren [87]; hermeneutisches Verfahren = begriffliche Kriterien der Interpretation werden dem Gegenstand selbst abgewonnen; Gefahr des hermeneutischen Zirkels (= Gegenstand wird aus seinen geschichtlichen Dimensionen gelöst); Singularitätsaxiom widerlegt sich bei seiner methodischen Verabsolutierung selbst, da Gleichförmigkeiten, Regeln und Muster in der Geschichte schlechterdings nicht bestritten werden können [88]; deshalb ist die Typenbildung ein wesentlicher Bestandteil historischer Forschung; Begriff „Stadt“ (Max Weber) als Idealtypus; typologisierendes Verfahren hat in Geschichtswissenschaft die Funktion übernommen, die das Individualitätspostulat ein Jahrhundert zuvor besaß; Typusbegriff unterliegt nicht der Kritik des empirisch Richtigen, sondern seine Anwendbarkeit liegt im Bereich der Heuristik [89]; Kritik an „Kryptotypen“ (Theodor Schieder) wie „Staat“; Problem „Synopsis“ (generalisierende Methode); Gesamtansicht kann sich nicht nur in der bloßen Anhäufung historischen Wissens erschöpfen; stattdessen „gegenwartsbezogene [n] Ausschnitthaftigkeit“; erfordert hohes Maß an komprimierender Abstraktion, die durch Verlust an Anschaulichkeit erkauft wird.

Hans Mommsens Argument ist also ein zweiseitiges: Individualisierende Methodologien müssen durch generalisierende Ansätze flankiert werden, und unter beiden Herangehensweisen gibt es jeweils besser und schlechter geeignete. Bei der individualisierenden Methode steht er der Hermeneutik eher skeptisch gegenüber und bevorzugt stattdessen Max Webers Konzept der Idealtypen (Gerhardt 2001), die zu einer geschichtswissenschaftlichen Typenlehre ausgebaut werden können (hierbei ist Hans Mommsen glasklar, dass die Idealtypen keine Realtypen sind, sondern dass sich ein historisches Phänomen immer nur im Abstand zum Idealtypus erklären lässt. Historische Aussagen müssten demzufolge die Form annehmen „Die Organisation X zum Zeitpunkt t unterschiedet sich vom Idealtypus Z in diesen und jenen Aspekten). Bei der generalisierenden Methode sieht Hans Mommsen insbesondere die Notwendigkeit, der in der Spezialforschung grassierenden Gefahr der Zersplitterung vorzubeugen und Lösungen für das „Synopsis-Problem“ zu finden. Und eine Gesamtschau darf keine Anhäufung bloßen Wissens, sondern muss im Hinblick auf Erkenntnisinteressen der Gegenwart ausschnitthaft sein.

Die generalisierende Darstellung bedarf „größerer geschichtlicher Felder eines einheitlichen, deduktiv überprüften Begriffs-Systems, welches sich nicht einfach der Typenbildung bedienen kann, vielmehr diese in einem vergleichenden Verfahren in bezug auf ihre Gleichförmigkeit und Gesetzhaftigkeit betrachtet“ [90]; Vergleich, Analogie und Hypothese bei Generalisierungen von konstitutiver Bedeutung; generalisierende Methode verfährt theoretisch; Geschichtsschreibung bedient sich bei ihrem Bemühen um Gesamtdarstellungen seit langem historischer Theorien, ohne sich jedoch zum Begriff zu bekennen; Beispiele Periodisierung und Verfassungsgeschichte; neuere Geschichte entlehnt viele Ordnungskategorien der Soziologie, ohne sie jedoch in ihrer geschichtlichen Dimension begrifflich zu bestimmen; Begriffe „Imperialismus“ und „Faschismus“ sind zwar zeitgenössischen Quellen entnommen, aber mit theoretischem Gehalt aufgefüllt worden; individualisierende Methode ist mit den Ansätzen einer historischen Theoriebildung nicht preisgegeben [91]; Modelle der Sozialgeschichte.

Und hier kommen wir nachgerade zum Kern von Hans Mommsens Geschichtsverständnis: die Synopsis benötigt Theorie und ein deduktiv überprüftes System von Begriffen. Seine Beispiele der Periodisierung (Zäsurensetzung) und der Verfassungsgeschichte aus Mittelalter und Früher Neuzeit gipfeln in der Kritik an einer bloßen Übernahme solcher Theorien aus der Soziologie, die keine historische Dimension beinhalteten. Genau das meint Hans Mommsen jedoch offenbar mit historischen Theorien: einen Komplex aus synchron oder diachron miteinander verglichenen (bereits vorhandenen) Typenbegriffen, sowie die Bildung neuer Typenbegriffe (er erwähnt das Beispiel seines im gleichen Band erschienenen Artikels „Partei“), die durchaus aus der Zeit der Akteure stammen dürften. Historische Theorien haben also ein geringeres Abstraktionsniveau als soziologische Universaltheorien, Sie sind „Theorien mittlerer Reichweite“, wie ein Ausdruck des Soziologen Robert K. Merton (1995) lautete, den Hans Mommsen immer beherzigte. Sein Selbstverständnis als Historiker, der um die Zeitbedingtheit allen Geschehens wusste, ließ ihn vor Universaltheorien stets zurückschrecken.

Welche Gesichtspunkte kennzeichnen also Hans Mommsens Geschichtsverständnis? Erstens ein Insistieren auf den Wissenschaftscharakter der Historiografie und auf deren Eigenständigkeit gegenüber verwandten Disziplinen, zweitens die Vorstellung von der Unabgeschlossenheit historischer Interpretationen, deren Wahrheit immer nur eine temporäre sein kann, weil sich sowohl Gegenstände der Geschichtswissenschaft als auch ihre Beobachter wandeln, drittens die Idee der Geschichte als (indeterminierter, nicht kausaler) Prozess, viertens die (vorsichtige) Abkehr von verstehenden Absätzen (Hermeneutik) und die Hinwendung zu analytischen Verfahren (Typen), fünftens die Verbindung von Individualisierung und Generalisierung durch Relationierung von Einzelforschung und Gesamtdarstellungen und sechstens der Königsweg der Synopsis, bei der es historischer Theorien und eines deduktiven Begriffs-Systems bedarf. Es wäre nun ein etwas mühseliges Unterfangen, diese sechs Aspekte im Hinblick auf Hans Mommsens Interpretation des Nationalsozialismus zu untersuchen. Festzuhalten bleibt einstweilen nur, dass der zweite Aspekt, die Temporalität historischer Wahrheit, aufgrund seines Selbstverständnisses als public intellectual notgedrungen immer weiter verlorenging. Hans Mommsen bewegte sich in den 1980er und 1990er Jahren zusehends im Raum einer Öffentlichkeit, die keiner Ambivalenzen und Differenzierungen bedurfte, sondern eindeutiger geschichtswissenschaftlicher Expertise mit unabänderlich erscheinendem Wissen. Seine persönliche Tragik war es, dass er diese Nachfrage, sei es im Historikerstreit, sei es in der Goldhagen-Debatte, stets bediente, obwohl er wusste, wie unfruchtbar dies vom geschichtswissenschaftlichen Standpunkt aus ist.

Referenzen

Gerhardt, Uta: Idealtypus. Zur methodischen Begründung der modernen Soziologie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2001

Goertz, Hans-Jürgen: Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität, Reclam: Stuttgart 2003

Jaeger, Friedrich/Rüsen, Jörn: Geschichte des Historismus. Eine Einführung, C.H. Beck: München 1992

Merton, Robert K.: Soziologische Theorie und soziale Struktur, hg. u. eingel. v. Volker Meja u. Nico Stehr, de Gruyter: Berlin/New York 1995 [im amerikanischen Original in erw. Version erschienen: 1957]

Mommsen, Hans: Historische Methode, in: Das Fischer Lexikon Geschichte, hg. v. Waldemar Besson, Fischer: Frankfurt am Main 1961, S. 78-91

ders.: Der Nationalsozialismus. Kumulative Radikalisierung und Selbstzerstörung des Regimes, in: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 16, Mannheim/Wien/Zürich 1976, S. 785-790

ders./Willems, Susanne (Hg.): Herrschaftsalltag im Dritten Reich. Studien und Texte, Schwann: Düsseldorf 1988

ders.: Modernität und Barbarei. Anmerkungen aus zeithistorischer Sicht, in: Modernität und Barbarei. Soziologische Zeitdiagnose am Ende des 20. Jahrhunderts, hg. v. Max Miller und Hans-Georg Soeffner, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1996, S. 137-155

Müller, Julian: Bestimmte Unbestimmtheiten. Skizze einer indeterministischen Soziologie, Wilhelm Fink: München 2015

Rüsen, Jörn: Konfigurationen des Historismus. Studien zur deutschen Wissenschaftskultur, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1993