dritte Zwischenbetrachtung

von arminnolzen

Ich habe eine Krankheit – ich sehe den Nationalsozialismus. Ich sehe ihn, wie Friedrich Engels in jeder Sekunde seines Lebens die Revolution; ich sehe ihn wie Paul Valéry die Sprache, wenn er ein Sonett las; ich sehe ihn, wie Ludwig Boltzmann den Tanz der Moleküle, wenn ein Glas Wasser vor ihm stand; ich sehe ihn wie Aby Warburg die Antike in der florentinischen Kultur des 15. Jahrhunderts, und ich sehe ihn wie Edith Stein die Wahrheit in der Mystik der Teresa von Ávila und des Johannes vom Kreuz. Ich sehe den vergangenen Nationalsozialismus, und zwar in Wort, Bild und Ton (kann man Töne sehen?), und ich sehe den Nationalsozialismus als integralen Bestandteil der aktuellen Kultur

►in der allenthalben grassierenden Aktivitätssucht (und der Geringschätzung alles Kontemplativen);

►im weit verbreiteten Sehnen nach Einheit und Übersichtlichkeit (und der Ablehnung von Differenz und Komplexität);

►in der ständigen Suche nach Identität und Authentizität (und der Verächtlichmachung alles Schwankenden und Künstlichen);

►im ubiquitären Selbstdarstellungstrieb und notorischen Bekenntniszwang (bei gleichzeitiger Tabuisierung von Schüchternheit und Demut);

►im permanenten Bekämpfen des Faschismus der anderen (bei gleichzeitiger Indifferenz gegenüber dem eigenen Faschismus);

►in der Fundamentalpolitisierung der Gesellschaft (bei gleichzeitiger Stigmatisierung des Privaten);

►in der emotionalen Verausgabung (und der fehlenden Selbstkontrolle);

►in der Realitätsverdoppelung grassierender Verschwörungsnarrationen (bei gleichzeitiger Abwendung von allem genuin Religiösen);

►in der Hinwendung zum Konkreten (und der Austreibung von Abstraktionen).

Es besteht allerdings ein Unterschied zwischen meinem Sehen des Nationalsozialismus als Vergangenheit und als Bestandteil heutiger Kultur: den vergangenen Nationalsozialismus sehe ich in Schwarz-Weiß, den aktuellen in Farbe. Ich versuche daher eine Art Überblendung. Wie wäre es eigentlich, auch den vergangenen Nationalsozialismus in Farbe zu sehen? Könnte man ihn geschichtswissenschaftlich in Farbe interpretieren? „Farbe“ ist in diesem Zusammenhang zunächst einmal eine Metapher für eine andere Art der Wahrnehmung und eine andere Art der Beschreibung. Ich will den Nationalsozialismus anders sehen lernen, und ich will ihn anders beschreiben. Den vergangenen Nationalsozialismus in Farbe darzustellen heißt, sich von bisherigen Gepflogenheiten zu verabschieden: von der Mimesis der schriftlichen Dokumente, mit der man sich ihm gemeinhin nähert und die größtenteils alle von ihm selbst produziert sind. Und man muss sich von der Mimesis seiner Bilder distanzieren, deren Kosmos die Nachgeborenen bis heute prägt. Was wir vom Nationalsozialismus wissen, wissen wir aus nationalsozialistischen Medien; lediglich die Erforschung der Geschichte seiner Opfer (gibt es eigentlich schon eine historische Viktimologie?) bildet eine Ausnahme.

Wie also den Nationalsozialismus in Farbe sehen und beschreiben lernen? Natürlich durch eine besondere Schreibweise, eine spezifische skripturale Praxis, seit Johann Gustav Droysen in der Geschichtstheorie unter dem Begriff der „Topik“ diskutiert. Es geht darum, die traditionellen Schreibweisen zu verändern, Restriktionen aufzuheben und das gesamte Register der Sprache(n), in denen man schreiben kann, auszuschöpfen. Dabei gibt es drei Problembereiche: Objekt-, Meta- und Beobachtersprache. Erstens das Problem Objektsprache: Die Texte der Geschichtsschreibung stehen meist in der dritten Person und sind an der Objektsprache orientiert. Quellenfetischismus, naiver Realismus und Rückzug der Schreibenden aus der Verantwortung für ihren Text stellen die wesentlichen Kennzeichen des historiografischen Diskurses dar. Deshalb ist der Wechsel von der Er- zur Ich-Perspektive vonnöten. Es schreibt ein „Ich“, das von einer ersten Differenz ausgeht; der Differenz Ich/Andere. Die Anderen, das können historische Akteure sein, aber auch andere Historikerinnen und Historiker (die Unterscheidung Ich/Andere ist eine, die auf der Seite des „Ich“ wiedereintrittsfähig ist).

Zweitens das Problem Metasprache: In den Geschichtswissenschaften gibt es keine Metasprache, sondern das jeweilige Thema wird in einer Art Mischung aus Objektsprache (der Sprache der Zeitgenossen) und Beobachtersprache (der Sprache der Historikerin/des Historikers) behandelt. Warum nicht durchgängig eine Metasprache verwenden? Kandidaten dafür sind: Systemtheorie, Praxeologie, Poststrukturalismus, Cultural Studies, Semiotik, Psychoanalyse, ANT, Postcolonial Studies. Metasprachen können die Objektsprache überlagern, sie sozusagen annullieren, und sie können die Beobachtersprache erweitern. Sie gehen in der Regel mit Theorieverwendung einher (erschöpfen sich aber nicht darin). Reflexionen über Metasprachen sind zu unterlassen (weil alle vom erkenntnistheoretischen Aspekt untereinander gleichrangig sind).

Drittens das Problem Beobachtersprache: Sie muss literarisiert, revolutioniert werden. Metaphern und Bilder; suggestive Adjektive; Appositionen und Klammersetzungen und -zusätze (die dem eigentlichen Inhalt zuwiderlaufen); Dialogisierung (kann man den Nationalsozialismus in einem geschichtswissenschaftlichen Text in Dialogform bringen?); Wechsel zwischen Präsens, Präteritum und Futur II; Ellipsen; Schlüsselwörter; abrupte Brüche; Aufzählungen; Verwendung verschiedener Spracheebenen (Umgangssprache etc.); Wiederholungen; Nebeneinanderstellung sich widersprechender, nicht zusammengehöriger Ausdrücke; Rhythmuswechsel; Leerstellen; Nominal- und Verbalstil; Parataxen; veränderte Interpunktion …

Aber welche Sprache wählen? Vielleicht Virginia Woolf, Die Wellen; Uwe Johnson, Jahrestage; Elsa Morante, La Storia; Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel; Ingeborg Bachmann, Malina; Julio Cortázar, Rayuela; Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands; William H. Gass, Der Tunnel; Roberto Bolaño, 2666; Olga Tokarczuk, Die Jakobsbücher; möglicherweise auch Némirovsky; Kafka; Brecht; Döblin; Musil; Broch; dos Passos; de Beauvoir; Borges; Seghers; Camus; Grossmann; Bernhard; Plath; Nadas; Cǎtǎrescu. Oder lieber doch Erich Hackl?

„Anything Goes“, wie Paul Feyerabend zu sagen pflegte.