Hans Mommsen, Memorabile drei

von arminnolzen

Hans Mommsens Methode bezog sich nicht nur auf die genuin geschichtswissenschaftlichen Operationen (Heuristik, Kritik und Interpretation) im engeren Sinne, sondern auch auf einen Bereich, den Johann Gustav Droysen (1974: 359-366) seinerzeit als Topik bezeichnet hatte. Es ging Hans Mommsen also auch um die Form der Darlegung, die man heute als „Schreibweise“ oder „Stil“ (oder beides) bezeichnen würde, und um eine spezifische Sprache. Der Ort, an dem ich diese Facette von ihm lernte, war das Doktorandenkolloquium, das im Semester in der Regel alle zwei Wochen mittwochs bei Hans Mommsen zu Hause stattfand, um 20 Uhr begann und in ein offenes Ende mit Gesprächen und Getränken überging. In meiner Zeit am Lehrstuhl war ich immer auch direkt in die konzeptionelle Planung des Kolloquiums involviert. Hans Mommsen sprach mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern regelmäßig darüber, wen man einladen könnte, wer gerade an interessanten empirischen Arbeiten über den Nationalsozialismus saß. Das Prius hatten natürlich seine eigenen Doktoranden, die regelmäßig zum Rapport gebeten wurden (auch die Mitarbeiter des VW-Projekts; siehe Mommsen/Grieger 1996), dann auch andere Lehrstuhlinhaber und -assistenten, die an der Ruhr-Universität Bochum beziehungsweise den geisteswissenschaftlichen Fakultäten tätig waren. Viele der Gastreferenten schlug Hans Mommsen selbst vor, sei es, dass er sie kannte, sei es, dass sie gerade für ein Semester in Deutschland weilten oder aber aus seinem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis stammten.

Wenn Hans Mommsen dann eine Auswahl an Referentinnen und Referenten getroffen hatte, oblagen die technisch-administrativen Details (Terminplanung, Einladung, Hotelbuchung, Abholung am Bahnhof etc.) dann dem Lehrstuhlassistenten; in der Zeit, als ich diesen vertrat, also im Wesentlichen mir und meiner Kollegin. Hans Mommsen ließ es sich aber (vor allen Dingen bei internationalen Gästen) nicht nehmen, den Nachmittag und frühen Abend persönlich für Spaziergänge, Essen etc. zur Verfügung zu stehen. Abrechnung der Reisekosten und alles, was im Nachgang eines solchen Vortrages anlag, übernahmen wieder wir. Mindestens genauso wichtig wie die inhaltlichen Aspekte des Doktorandenkolloquiums waren die persönlichen. Hier lernte man wichtige NS-Forscherinnen und Forscher kennen, konnte sich in ungezwungener Atmosphäre mit ihnen austauschen und stieß mit Hans Mommsen auf einen liebevollen Gastgeber, der allen Teilnehmer die Wünsche von den Augen ablas. In der Sache freilich argumentierte er mitunter auch gegenüber seinen Gästen sehr hart, wenn nicht gar schroff. Wenn ihn irgendetwas störte, wenn er irgendetwas anders sah, dann ging es immer ums Ganze. Ich erinnere mich vor allen Dingen an methodische Fragen, etwa zu den in den 1990er Jahren gerade erst im Aufschwung befindlichen Kulturgeschichte, deren Verfechter Hans Mommsen regelrecht grillte, weil er von ihren Ansätzen wenig bis gar nichts hielt. Seine Frage war dann immer (natürlich rhetorisch gemeint): „Was bringt uns das?“ oder „Worin liegt der Mehrwert dieses Ansatzes?“. Auch ich hatte einmal das Vergnügen, seiner Kritik ausgesetzt zu sein. Im Doktorandenkolloquium vom 13. Dezember 1995 gab ich folgenden Arbeitsbericht zu meiner Dissertationsplanung:

Arbeitsbericht im Doktorandenkolloquium von Prof. Dr. Hans Mommsen

am 13.12.1995 (Armin Nolzen)

Thema: Rudolf Heß, Martin Bormann und die Reform der NSDAP, 1933-1945

I. FRAGESTELLUNG UND FORSCHUNGSSTAND

Allgemeine Frage: Struktur- und Funktionswandel der NSDAP in der Systemphase

Konkret: Zielvorstellungen der Dienststelle des Stellvertreters des Führers [StdF], später Partei-Kanzlei [PK], also vor allem Heß’ und Bormanns, was a) Zusammenspiel der einzelnen Parteibehörden untereinander und b) Verhältnis der regionalen Parteiorganisation zur deutschen Bevölkerung angeht

Ziellinie: Grad der Durchsetzung ihrer jeweiligen politischen Positionen (inner- und außerparteilich) soll im chronologischen Geschichtsverlauf bestimmt werden 

Mit NSDAP meine ich:

1) Reichsleitungs-Dienststellen;

2) territoriale Parteiorganisation (bis 1935/36 Politische Organisation [P.O.]) = Gaue, Kreise, Ortsgruppen, Zellen und Blocks;

3) Gliederungen = z.B. SS, SA, HJ, BdM, NSFK, NSKK (ohne eigene Rechtspersönlichkeit; Finanzierungs- und Revisionsrecht durch RSchM);

4) Angeschlossene Verbände [AV] = z.B. NSV, DAF, NSF, NSLB, RDB (mit eigener Rechtspersönlichkeit; teilweise aber Revisionsrecht des Reichsschatzmeisters auf Wunsch der AV = DAF, NSV);

Quellengrundlage: IfZ-Edition der Akten der Partei-Kanzlei, in der alle Heß und Bormann betreffenden Provenienzen zentraler staatlicher Behörden rekonstruiert sind (ca. 200.000 Blatt); die im Bundesarchiv und seinen Außenstellen lagernden Akten von Parteibehörden aller Art; regionale und lokale Akten (mit Schwerpunkt Nordrhein-Westfalen und Ruhrgebietsstädte), Akten der NSDAP in den besetzten Gebieten (Wien = „Ostmark“; Litomerice = Sudetengau, Prag = Reichsprotektorat; Amsterdam = Arbeitsbereich Niederlande; Danzig, Warschau, Posen und Oppeln = NSDAP in Polen); Berichtssammlungen wie Heinz Boberachs „Meldungen aus dem Reich“; Tagebücher und Memoiren bzw. Briefsammlungen;

Literaturgrundlage: Orlow, History of the Nazi Party; 2 Bde. 1969-1973; Longerich 1992; Rebentisch, Führerstaat; Grill (Baden); Botz (Wien und Anschluß); Karner (Steiermark); Hanisch (Salzburg); Walzl (Kärnten); Broszat u.a. (Bayern-Projekt); DÖW-Projekt zu Widerstand und Verfolgung in den verschiedenen österreichischen Ländern; Mallmann/Paul (Saarland); Kater 1983 (Sozialstruktur); Kratzsch (Gauwirtschaftsberater); Ruppert a.a.O. (Kreisleiter in Lippe); Unger (Vergleich mit der stalinistischen UdSSR); Literatur zu Gliederungen und AV; sonstige relevante Darstellungen;

Bemerkungen zur Forschungslage: NSDAP an der Spitze gut untersucht, jedoch starre Entgegensetzung Partei-Staat (Teppe/Rebentisch = Verwaltung contra Menschenführung); Tendenz zur isolierten organisationsgeschichtlichen Betrachtung einzelner Parteibehörden (Felten = NSLB); Betonung der Kompetenzkonflikte, stark personalistischer Zugriff auf einzelne Reichs-, Gau- und Kreisleiter; Parteiherrschaft in den Regionen und Kommunen bislang nicht einmal ansatzweise untersucht; generell: Verengung auf die Durchsetzung ideologischer und propagandistischer Zielvorstellungen (Martin Broszat schreibt „Selektion der negativen Weltanschauungselemente“ primär NSDAP zu); 

eigenes Programm: Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen alltäglicher bürokratischer Routine und Ideologie anhand der Dienststelle StdF/PK (wo werden selbstgeschaffene, vermutete oder reale Sachzwänge handlungsleitend, wo Weltanschauung?); Parteigeschichte als offener Prozeß darzustellen, der durch unterschiedliche interne und externe Faktoren gelenkt und verändert wird; Anteil der NSDAP an der „kumulativen Radikalisierung“ (Hans Mommsen) des Regimes bestimmen.

II. EINSTIEGSHYPOTHESEN

ursprüngliche Funktion der NSDAP = Wahlwerbeorganisation.

1. Zäsur: 1933/34 = Wandel der NSDAP zum Instrument der totalen Erfassung der Gesellschaft;

2. Zäsur: 1938/39 = Eintritt der NSDAP in die Volkstumspolitik (gemeint ist vor allem die Durchführung der Germanisierung im Sudetenland, in Danzig-Westpreußen, im Warthegau, in Elsass, in Lothringen und in Luxemburg durch die Kreis- und Ortsgruppenstäbe);

3. Zäsur: 1942/43 = Eintritt der NSDAP in die Kommunalpolitik (gemeint ist vor allem die sukzessive Heranziehung der Partei zur Soforthilfe im Bombenkrieg);

4. Zäsur: 1944/45 = Eintritt der NSDAP in die Militärpolitik (gemeint sind vor allem die Fanatisierung der Wehrmacht durch „Schulung“ und Indoktrination z. B. durch Nationalsozialistische Führungsoffiziere [NSFO] sowie faktische Übernahme der Reichsverteidigung durch die vollziehende Gewalt der Gauleiter als Reichsverteidigungskommissare [RVK] im Operationsgebiet und den Deutschen Volkssturm.

ursprüngliche Struktur der NSDAP = zentrale Parteiführung durch Reichsorganisationsleitung [ROL] Gregor Straßers, getrennt davon existierten Reichsschatzmeister, -propagandaleitung und -geschäftsführung sowie Untersuchungs- und Schlichtungsausschuß, SA, SS und HJ (in Straßers Kompetenzbereich fiel die Auswahl der Gauleiter und Reichstagskandidaten, die Kontrolle der Gauleiter durch Reichs- und Landesinspektionen und die Leitung aller späteren Gliederungen und AV mittels der Hauptabteilungen).

1. Zäsur: 1933/34 = Aufbau des Ortsgruppen-, Zellen- und Blocksystems von NSDAP, DAF, NSF und NSV; Zerfall der NSDAP in P.O., Gliederungen und AV; Aufblähung der Reichsleitung;

2. Zäsur: 1938/39 = Dienststelle des Stellvertreters des Führers wird zum alleinigen politischen Lenkungsorgan in der NSDAP;

3. Zäsur: 1942/43 = sukzessive Einbindung der Gau- und Kreisstäbe in die staatlichen Tätigkeitsgebiete ihrer Hoheitsträger;

4. Zäsur: 1944/45 = Koordinierung der Arbeit der Gliederungen und AV durch die Stäbe der Hoheitsträger.

Fragestellung = Wie kam es zu diesen Veränderungen in der Systemphase und welchen Anteil hatten Heß und Bormann daran?

III. EMPIRISCHER TEIL

Ad Zäsur 1) Bormann: „Denkschrift betreffend Einrichtung und Stellung von Reichsluftsportkorps und Staatsjugend“ (22.4.1936) = BAB NS 10/53: „So umstritten die praktische Mitarbeit der Partei vonseiten vieler Beamter des Staates nun aber auch sein mag, so unbestritten sollte der Partei wenigstens ein Recht bezw. eine Aufgabe sein: Nämlich die politische Erziehung und die laufende politische Führung des deutschen Volkes. Es sollte klar sein, dass diese Aufgabe durch den Staat, d. h. durch die Beamtenschaft des Staates garnicht übernommen werden kann, sondern tatsächlich nur von der NSDAP., von der nationalsozialistischen Bewegung. Denn das, was diesen Menschen eingeimpft werden soll, muss der Staat selbst erst von der NSDAP. her erhalten; seine Impulse, seine motorische Kraft, die grundlegenden Ideen für alle Gesetze und Verordnungen des Staates gehen von der NSDAP. aus oder richten sich wenigstens nach deren Anschauungen“.

Aufbau des Ortsgruppen-, Zellen- und Blocksystems durch Hauptorganisationsamt der ROL (Fritz Mehnert) sowie DAF, NSV und NSF koordiniert; Besetzung mit „Märzgefallenen“; oftmalige weltanschauliche Revision und Schulung; Funktionärsfluktuation auf den unteren Ebenen 1933/34 über 50 Prozent; Dienststelle StdF im Aufbau begriffen; nahm dem Hauptpersonalamt personalpolitische Zuständigkeit für Politische Leiter [PL] der Gau- und Kreisstäbe ab; von NSDAP-Dienststellen alleiniges Beteiligungsrecht an staatlicher Gesetzgebung; Entwicklung innerparteilicher Laufbahnkriterien für Funktionäre vom untersten PL bis zum Gauleiter; Überwachung der Parteiorganisation durch ausgeklügeltes Berichts- und Informationswesen; Beauftragte der Parteileitung als parteiinternes Konfliktaustragungsinstrument.

Ad Zäsur 2) Heß an Lammers (25.10.1939), in: BAB R 43 II/646a, Bl. 59: „Der Absatz 2 des § 3 des Erlasses des Führers vom 8. Oktober 1939 über die Gliederung und Verwaltung der Ostgebiete ist allerdings auf meinen Vorschlag aufgenommen worden. Mir war bekannt, dass der Führer für die erste Zeit eine besonders scharfe Zusammenfassung der Verwaltung in den neuen Reichsgauen wünschte. Der Reichsinnenminister ist meiner Auffassung beigetreten […]. Ebenso können die bevölkerungspolitischen Zuständigkeiten, die die Finanzämter im Altreich haben, Ehestandsdarlehen, Kinderbeihilfen, Erziehungsbeihilfen und ähnliche Dinge in den Ostgebieten nicht den Finanzämtern überlassen bleiben. Die wichtigste Aufgabe der Siedlung und mit ihr zusammenhängend die Bevölkerungspolitik kann in den Ostgebieten nur von einer Stelle und nur einheitlich gemacht werden“. 

Der Parteiaufbau in den besetzten Gebieten geschah von oben (Gauleitung oder ähnliches) nach unten; Ortsgruppen wurden teils gar nicht, teils mit mangelhafter Besetzung und Ausstattung gegründet; Personalunionen als Mittel der politischen Einflussnahme für NSDAP unbrauchbar, weil die Amtsinhaber sich nur der staatlichen Verwaltungszweige bedienten; Heranziehung von „Volksdeutschen“ zur Mitarbeit in der NSDAP (entweder Direktaufnahme in Gliederungen und AV oder Umweg über „Volksdeutsche Bewegung“ als Kollaborationspartei zur NSDAP); Tätigkeit der NSDAP erstreckte sich größtenteils auf „Schulung“ und Erziehung der „Volksdeutschen“; Sonderfall Österreich = zentralisierter Parteiaufbau durch Personalunion der fachlichen Sachbearbeiter der P.O. und der Gliederungen und AV (beispielsweise waren Mitarbeiter des Kreisamtsleiters für die DAF für die Führung der gesamten DAF-Organisation im Kreis zuständig); Dienststelle StdF erreichte zentrale personalpolitische Kompetenz bei Besetzung der PL-Posten in den besetzten Gebieten (Gau- und Kreisleiter, Kommandierungen); Steuerung des Parteiaufbaus nur in der „Ostmark“ versucht; Engagement bei der Einführung von Reichsrecht in den Reichsgauen („scharfe Zusammenfassung“ in der Mittelinstanz von Heß und Bormann im Zusammenspiel mit Reichsministerium des Innern gegen Ressortwiderstände bei Hitler durchgepaukt; Verschärfung der Kirchen- und Schulpolitik), keine innerparteilichen Interventionen der Dienststelle StdF/PK in die materielle Besatzungspolitik der NSDAP (Dezentralisierung); Bormann versuchte seit 1941/42, eine Funktionsteilung zwischen NSDAP und SS zu erreichen (Himmler als Beauftragter der NSDAP für Volkstumsfragen). 

Ad Zäsur 3) Bormann: „Aktenvermerk für Pg. Friedrichs und Pg. Dr. Klopfer“ (14.4.1942), in: BAB NS 6/ 318, Bl. 141: „Seit geraumer Zeit beobachte ich mit wirklich größter Sorge eine Entwicklung, die der Partei unbedingt zum Verhängnis werden muss, wenn ihre Gefährlichkeit nicht rechtzeitig allgemein erkannt wird: die Übernahme immer weiterer Aufgaben durch Parteistellen bzw. Männer der Partei […]. Es wird aber immer deutlicher, dass – wie der Führer schon vor Jahren betonte – automatisch bei Übernahme zu vieler und ungeeigneter Aufgaben die ganze Dynamik der Partei flöten geht und flöten gehen muss! Die Männer der Partei werden schon jetzt vielfach geradezu erdrückt von Tagesaufgaben, von Büroarbeit, von Dingen die mit Politik und Menschenführung nicht entfernt, geschweige denn unmittelbar etwas zu tun haben […]. Vereinigung von Partei- und Staatsämtern bedeutet das Ende der Partei! Die Partei verschwindet, die Führung des Staates liegt wieder bei der Beamtenschaft […]. Spätestens nach dem Kriege müssen Aufgaben, die nicht tatsächlich zum Aufgabenbereich der Partei gehören, wieder abgestossen werden“.

Gauleiter wurden RVK, Vertreter des Reichskommissars für den sozialen Wohnungsbau und Vertreter des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz; Gau- und Kreiswirtschaftsberater sowie Gau- und Kreisamtsleiter der DAF, nicht zuletzt nach Hitlers Erlass vom 13. Januar 1943, wurden in die „Auskämmung“ der Betriebe eingebunden und für Arbeitseinsatz und Behelfswohnungsbau zuständig; Gau- und Kreisamtsleiter von NSV und NSF für materielle Soforthilfe, Kinderland- und Heilverschickungen verantwortlich; Bildung gemischter Gremien (Partei und Staat) zur Brand- und Schadensbekämpfung nach Bombenangriffen (Stellvertretende Gauleiter und Gau- bzw. Kreisstabsamtsleiter als Koordinatoren); PK betreibt Umbau der Gau- und Kreisstäbe, wodurch die Kompetenzen der Reichsleitungs-Dienststellen verringert werden (administrative und personalpolitische Dezentralisierung, Einsetzung hauptamtlicher Parteifunktionäre) und politische Aktivierung der Ortsgruppen, die mehr und mehr als Kirche agieren (Parteibegräbnisse, Kondolenzbesuche und Hinterbliebenenfürsorge) und in die Propaganda eingespannt werden (Sprech- und Familienabende, General-Mitgliederappelle und Propagandamärsche), Ziel war Verhinderung einer Wiederkehr des „Dolchstoßes vom 9. November 1918“ (Italienkrise vom Juni 1943 als radikalisierendes Element); die „Kampfzeit“ wurde in der Propaganda zum Erfolgsmodell stilisiert. 

Ad Zäsur 4) Bormann: R 123/44 (geheime Reichssache) betreffend den Einsatz der NSDAP im Invasionsfall (31.5.1944), in: BAB NS 6/350: „Die Anglo-Amerikaner sind sich darüber im klaren, daß die angekündigte Invasion nur beim Einsatz stärkster Kräfte und bei Anwendung aller Mittel durchgeführt werden kann. Mit der Absetzung von Luftlandetruppen und Sabotage-Kommandos, mit Aufständen fremdländischer Arbeiter, intensiver Propaganda und mit einer Verstärkung des Luft- und Nervenkrieges auch innerhalb des Reiches muß gerechnet werden. Selbst die bisher vom Luftkrieg unberührten Gaue werden sich daher auf den Invasionsfall einstellen müssen. Das ganze deutsche Volk – insbesondere aber die Partei – muß auf diese Belastungsprobe ideell und materiell vorbereitet sein und im gegebenen Augenblick durch Konzentration aller Kräfte mithelfen, die Pläne des Gegners zu zerschlagen. In dem reibungslosen Zusammenspiel aller deutschen Abwehrkräfte, in der Beseitigung aller Zuständigkeitskonflikte liegt die Gewähr für schnelles, wirkungsvolles Handeln und damit für den Erfolg“. 

Fanatisierung der deutschen Wehrmacht durch NSFO; radikalisierende Funktion des Attentats vom 20. Juli 1944; Notdienstverpflichtung der Bevölkerung zu Heimatflak, Stellungsbau und Luftschutzwache; erzwungener Wechsel von vorsorglichen Evakuierungen zu Totalräumungen; Überprüfung der uk-Stellungen in Wirtschaft und Rüstung durch Gau- und Kreiskommissionen; administrative Dezentralisierung jetzt auch auf Reichsebene (Orts- und Kreisdreiecke, Stärkung der „germanischen Selbstverwaltung“ durch Himmler als Reichsminister des Innern; PK: Konzentration der Schulung der Wehrmacht und der Koordinierung des Deutschen Volkssturms in Abteilungen II W und II F (Beteiligung aller mit diesem Aufgabengebiet betrauten Reichsleitungs-Dienststellen, Gliederungen und AV unter dem Dach der PK), Erlass Hitlers über RVK im Operationsgebiet wurde durch PK abgeändert und die GL erhielten vollziehende Gewalt, SA, NSKK und Reichsluftschutzbund an politische Weisungen der „Hoheitsträger“ gebunden, plebiszitäre Scheinpartizipation durch totalen Kriegseinsatz (Bevölkerung machte Vereinfachungsvorschläge gegenüber Parteibehörden); Totalmobilisierung der Bevölkerung durch Deutschen Volkssturm (Bormann setzte auf militärische Wirksamkeit der levée en masse); Entwicklung der Durchhaltekonzeption nach dem 30. Januar 1945 (vor „Fall Greiser“ Option Bormanns für kleinschrittige Evakuierungen); Krisenmanagement durch PK-Mitarbeiter („Sondereinsatz der Partei-Kanzlei“); Primat organisatorischer Vereinfachungen innerhalb der NSDAP (Heinrich Walkenhorsts Reichsleiter-Nachfolgeliste); Bormanns Tod in Berlin (kein Weiterleben der Partei in Regierung Dönitz geplant).

IV. SCHLUSSHYPOTHESEN

zwei Tendenzen = wachsende inner- und außerparteiliche Durchschlagskraft der Dienststelle StdF/PK; Expansion inhaltlich-materieller Steuerungsversuche;

1) durch Dienststelle StdF/PK – nach usurpatorischer Kompetenzanmaßung der Partei in der Phase der Machtergreifung – zusammen mit Ministerialbürokratie, Organisationen der Wirtschaft und Wehrmacht funktionsteiliger Einbau der NSDAP in deren Kompetenzbereiche;

2) durch Dienststelle StdF/PK administrative und personalpolitische Steuerung der NSDAP;

3) durch Dienststelle StdF/PK bewußt forcierter innerparteilicher Konzentrationsprozess nach dem Prinzip der „Einheit der Verwaltung“ als Vorgriff auf eine „Reichsgauverfassung“ nach dem Kriege;

4) durch Dienststelle StdF/PK und NSDAP erfolgreiche Ruhigstellung der deutschen Bevölkerung durch Organisierung und Indienstnahme. 

Natürlich wäre es nach fast einem Vierteljahrhundert vermessen, die anschließende Diskussion über meine Thesen aus dem Gedächtnis rekonstruieren zu können; ich erinnere mich an rein gar nichts mehr, weder daran, wer anwesend war, noch an Details, über die geredet wurde. Woran ich mich aber erinnere, ist Hans Mommsens Haupteinwand (ich stelle mir vor, dass er ihn bereits an diesem Abend in seinem Kolloquium vorbrachte), der sich direkt gegen meine Herangehensweise an das Thema „NSDAP“ richtete. „Halten sie sich von allen nachträglichen Rationalisierungen fern! Sie haben eine Tendenz, zu viel Sinn in die Sache hineinzulegen“. Ich habe lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass darin eine epistemologische Grundforderung lag, die Hans Mommsen an die Analyse des Nationalsozialismus herantrug, In einem Interview mit Sabine Moller von 1998 formulierte er diese Position wie folgt: „Eine weitere historiographische Tendenz, die sich vornehmlich bei Historikern der jüngeren Generation findet, besteht in dem Bestreben, zu einer begrenzten historischen Sinnstiftung zurückzukehren. Übertragen auf die Geschichte des NS-Systems bezieht sich das darauf, die Funktion der Ideologie wieder in den Mittelpunkt zu rücken. So betont Ulrich Herbert in seiner Biographie von Werner Best, die zu den grundlegenden neueren Publikationen in diesem Bereich zu rechnen ist, daß die SS-Führungsgruppe einheitliche politische Zielvorstellungen ausgebildet habe, die, wenn nicht eine in sich geschlossene Ideologie, so doch eine tragende Mentalität ausgebildet habe“ (Mommsen 1999: 79).

Hans Mommsens Kritik bezog sich also hier auf etwas, das man als „Rationalisierung durch Ideologie“ oder „Rationalisierung durch Unterstellung eines direkten Konnexes zwischen ideologischem Denken und praktischem Handeln“ nennen kann. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er sie anhand von Ulrich Herberts (1996) Biografie über Werner Best vorbrachte, zu der er selbst ein überlanges und kritisches Habilitationsgutachten verfasst hatte, das ich seinerzeit an einem Nachmittag, der nicht mehr zu meiner Arbeitszeit gehörte, Korrektur lesen musste (was mir aber nichtsdestotrotz eine Freude war). Hans Mommsen wollte solchen Rationalisierungen (Sinnstiftungen) eine Kombination aus narrativen und analytischen Elementen entgegensetzen. Er wollte einen Prozess analysieren, den er als systemisch-politischen verstand, als Interaktion zwischen politischen Machtträgern, deren Mittelpunkt ein spezifisches Entscheidungshandeln bildete. Beziehungen politischer Machtträger innerhalb eines spezifischen Entscheidungsprozesses, das war sein Erkenntnisinteresse. Nun schließt das nicht aus, auch nach der Funktion der Ideologie zu fragen, und exakt das war ja auch Herberts Programm in seiner Best-Biografie. Ich habe seinerzeit daher auch erst gar nicht verstanden, worüber sich Hans Mommsen hier echauffierte, worauf sich seine Kritik eigentlich bezog.

Heute, fast 25 Jahre später, ist mir das um Einiges klarer geworden. Hans Mommsen wandte sich hier gegen Analysen ad personam, gegen Biografien (oder auch gegen Kollektivbiografien), weil er sie als grundlegend defizitär im Hinblick auf eine Erklärung des Nationalsozialismus verstand. Dem setzte er Prozesse entgegen, sich wandelnde Strukturen und die Interaktionen zwischen den Handelnden an der Spitze des NS-Regimes. Es ging sozusagen um eine Überschreitung des Horizontes zeitgenössischer Handelnder und um eine sprachlich-semantische Distanzierung von deren eigener empathischer Binnenlogik. Und dies geschah bei ihm in einem stark moralisch aufgeladenen, negativ konnotierten Sprachregister. Einige Beispiel aus einem einzigen Aufsatz (Mommsen 1996): „eher reaktiv, durch flexible Anpassung und Imitation dominanter Tendenzen bestimmt“, „frühzeitig einsetzende Realitätsverweigerung“, „entzogen sich zugleich jeder koordinierenden Kontrolle“, „selbstherrliches Vorgehen seiner Satrapen“, „System ungeregelter Willkür“, „schwächliche Ansätze“, „mutwillige, zunächst ausschließlich propagandistisch motivierte Beschwörung von Ausgrenzungs- und Vernichtungsparolen“, „primär visionärer Charakter“, „Verlust an Realitätswahrnehmung und Selbstkritik“, „pseudomoralische Rechtfertigung“, „Schaffung von Unausweichlichkeiten“, „die auf durchaus irrationalen Prämissen aufbaute“, „Übergang zu sinnloser Massenvernichtung“, „hypertrophe Ziele“, „atavistische Elemente“, „zynische Menschenverachtung und Geringschätzung“, „Gewöhnung an moralische Indifferenz“, „klägliche Selbstausschaltung“, „Zerfall der Gesellschaft und des politischen Systems“, „diese Nicht-Struktur, diese tumorhafte Veränderung bestehender politischer Gebilde“, „Nihilismus des reinen Mordens“, „sklavisch-selbstläuferische Vollstreckungsmaschinerie“, „destruktiv“, „parasitenhaft“ und so weiter.

Diese Sprache ist suggestiv-apodiktisch und metaphorisch, alles andere als kalt, sie ist in einem eigenartigen Sinne poetisch. Der dominante Gebrauch von Negationen und Adjektive, die Verwendung von Ellipsen, ein weit verbreiteter Nominal- und Verbalstil, Wiederholungen, Aufzählungen, Signal- und Schlüsselwörter, Nebeneinanderstellung nicht zusammengehöriger Ausrücke, Lautmalereien und vieles andere dienen offenbar nur einem Zweck: der bewussten Zerschreibung einer erzählenden Prosa, die in den Geschichtswissenschaften ja zwangsläufig immer nah an der Sprache der jeweiligen Zeitgenossen ist, die man untersucht. Heute glaube ich zu wissen, was Hans Mommsen mir mit der Kritik an Sinnstiftung und Rationalisierung auf den Weg geben wollte: Gestalte deine Sprache so, dass sie diejenige der Quellen zu unterlaufen in der Lage ist! Finde eine sprachliche Form, die größtmögliche Distanz zum historischen Phänomen „Nationalsozialismus“ schafft!

Es ging ihm um eine Revolution der geschichtswissenschaftlichen Sprache.

Referenzen

Droysen, Johann Gustav: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, hg. v. Rudolf Hübner, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1974 (ursprgl. Oldenbourg: München 1937)

Herbert, Ulrich: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989, 3. Aufl., Dietz: Bonn 1996

Mommsen, Hans/Grieger, Manfred: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich, Econ: Düsseldorf 1996

Mommsen, Hans: Modernität und Barbarei. Anmerkungen aus zeithistorischer Sicht, in: Modernität und Barbarei. Soziologische Zeitdiagnose am Ende des 20. Jahrhunderts, hg. v. Max Miller und Hans-Georg Soeffner, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1996, S. 137-155

ders.: „Es geht mir darum, einen Prozeß zu erklären und nicht in moralischer Empörung steckenzubleiben“. Interview mit Hans Mommsen. Geführt von Sabine Moller, in: Welzer, Harald (Hg.): Auf den Trümmern der Geschichte. Gespräche mit Raul Hilberg, Hans Mommsen und Zygmunt Bauman, edition diskord: Tübingen 1999, S. 49-90